Alland 1938

Ereignis, das auf einer wahren Gegebenheit beruht.

 

 

 

 

Diese Ereignisse sollen in der Ichform dargestellt werden. Dies geht schneller und ist leichter verständlich.

Ich kam nach Alland weil man in meiner Lunge beim Röntgen beginnende Kavernen festgestellt hatte. Man entschloss sich einen Phneumothorax anzulegen. Dabei wird sterile Luft in den Raum zwischen Lunge und Rippenfell eingepresst. Die Lunge schrumpft und bei genügend Druck bewegt sie sich nicht und die Kavernen verkalken. Das Rippenfell wurde dadurch empfindlicher und schmerzte etwas. Man verabreichte Biomalz mit Kalk undVitamin D als Zugabe.

 

 

Viel in frischer Luft liegen, gut in Decken eingehüllt, wenn möglich dabei schlafen. Keine übermäßige Kraftanstrengung, schwimmen oder Wassertherapie wurde empfohlen. Diejenigen deren Zustand es erlaubte, sollten dabei so weit als möglich auf das Berufsleben vorbereitet werden um den Unterschied nach dem Nachhausekommen so gering wie möglich zu halten. Ich entschied mich fürs Kino. Filme umspulen, in die Trommeln stecken und nach jeder Vorführung für den Postversand herrichten. 

Im Februar sollte eigentlich nach Untergang der Sonne eine merkliche Dämmerung einsetzen. Das Gegenteil war der Fall. Je finsterer es wurde umso heller und röter wurde der Horizont. Daraufhin gab es aufgeregte Telefonate: Brennt’s bei euch? Na, also wo dann?“ Dann wurden die Farben gelb, um schließlich blau und grün zu werde. Dazu bewegten sich die Himmelsvorhänge mit einem lautlosen Hin-und Hergewoge. „Aha, ein Nordlicht!“ In unseren Breiten ein Phänomen das nur zu allen unheiligen Zeiten zu sehen ist. Die Überängstlichen orakelten dass, ein schwerer Krieg oder gar die Pest meistens die Folge seien. 

Tatsächlich marschierten am 12. März die deutschen Truppen bei Braunau am Inn über die Grenze. Diese wurden durch niemanden darin gehindert. Im Gegenteil die Zollwache hat gemeinsam mit den deutschen Soldaten die Grenzbalken geöffnet und drinnen waren sie. „Aha, wird sind befreit!“ Dazu kommt noch, dass wie bei allen anderen Diktatoren auch das Wetter mitspielte. Wir gingen zu dieser Zeit bereits in Lederhosen und kurzen Stuzzerln spazieren. „Also, das nennt man dann Vorsehung.“ Das Nordlicht spielte auf einmal die Rolle eines gigantischen Herolds. 

Die Lungenheilanstalt Alland lag in einem sehr großen Park. Um ihn zu durchwandern benötigte man gute 20 Minuten. Die Zeitungen waren auf einmal gratis, der Stürmer und der Völkische Beobachter. Am 9. April kam es zur Volksabstimmung. „Dem Führer dein JA!“

Ein feierlicher Zug der Wahlberechtigten zog nach Groisbach da das Wirtshaus dort als Wahllokal diente. Davor gab mir die Meute ein Hakenkreuzabzeichen und grölte: „Bua, du gehst als Fahnenträger voran.“ Beim Gasthaus angelangt wurde mir fad. Ich ging über die Straße und kaufte im dortigen Geschäft eine paar Deutschmeisterzuckerln. Nach über 2 Stunden ging’s mit mir als Fahnenträger wieder zurück.

Da noch Zeit war wollte ich mich anschließend in meinen Liegestuhl legen. Siehe da, da flatterte plötzlich etwas über dem Bett. Darauf stand: „Dieses CHRISTENSCHWEIN, kauft beim Juden ein.“ Das Plakat war mit einem Riss herunten. Da löste sich eine torkelnde Gestalt hinter einer Stütze und befahl barsch: „Des Plakat bleibt do.“ Ich darauf: „Häng’s hin bei an Christenschwein und net bei mir.“ Naiv fragte ich noch wer das Schwein wäre. „Na DUUUUU.“ Zum Niedersetzen hatte jeder eine Art Melkschamerl. Meins war fast zerbrochen. Ich schleuderte es zu Boden und dann hatte ich zwei Stuhlbeine in den Händen und trommelte in blinder Wut auf seinen Schädel ein. Er hatte blutende Platzwunden und schrie um Hilfe. Daraufhin kamen noch drei Torkler.

Bevor sie sich auf mich stürzen konnten brüllte mein Nachbar, ein Möbelpacker, der aussah wie Bud Spencer (Benedik aus der Stromstraße 20): „Lasst’s den Buam in Ruah!“ Er machte zwei Wischer mit den Armen und 3 Leute lagen am Boden. Das waren Argumente, denen man sich schon entziehen konnte. Allerdings konnte ich es nicht lassen hinter der schützenden Deckung hervorzukeifen. Jetzt kam es aber knüppeldick. Ich hatte schon ein gerütteltes Maß an juristischem Rüstzeug. Mein Onkel studierte Jus und bat mich vor Prüfungen immer: „Frag mich durcheinander aus den Scripten was.“ Ich hatte nun Oberwasser. Hinter der Deckung von Herrn Benedik fragte ich: „Wo im bürgerlichen Gesetzbuch steht, dass man bei Juden nicht einkaufen darf und im Gefolge dann ein Christenschwein sei. Oder anders formuliert, soferne das dein Mäusegehirn noch fasst: Als du vor 4 Wochen einen Blutsturz hattest und sich deine Frau aus Sorge ein Quartier nahm um im Ernstfall in deiner Nähe zu sein logierte sie eben bei diesem Juden bei dem das Einkaufen den Titel eines Christenschweins nach sich zieht. Was bin dann ich und was ist dann deine Frau?“

Die protestierende Meute wurde immer kleiner und ich fuhr weiter fort: „Bevor ich es noch vergesse, die Heilanstalt Alland ist eine Stiftung der jüdischen Kaufmannschaft in Wien. Der Primarius der Heilanstalt Dr. Kraus ist Jude, Frau Oberarzt Dr. Heller ist Jüdin, Herr Oberarzt Dr. Heller ist Jude (namensverwandt). So gesehen, packt eure Koffer und dreihundertzwanzig Christenschweine machen eben einen Exodus!“ Stiller hätte es daraufhin nicht sein können. Da kam aus einer Nische Primarius Dr. Kraus heraus und donnerte mich an : „Pokorny, wenn sie noch einmal politisieren dann werden sie fristlos entlassen.“ Nun hielt ich mein Maul und versprach: „Jawohl Herr Primarius, ich werde es nicht mehr machen.“  Ich irre mich bestimmt nicht, aber seine Augen schimmerten feucht.  

Anzumerken ist noch: Primarius Dr. Kraus sagte meiner Mutter bevor ich aufgenommen wurde: „Wissen sie Frau Pokorny, der lungenkranke Patient ist krankheitsbedingt sehr erotisch und das wäre für den Jungen nicht gut. Er bekommt von mir ein Einzelzimmer. Die Bezahlung ist teuer. Aber die Zusatzkosten können sie vorläufig jedoch sparen. Kaufen sie dem Sohn warme Unterwäsche, denn der Winter ist in Alland sehr rau und verkühlen darf er sich auf keinen Fall.“ Dann kontrollierte Primarius Dr. Kraus wie immer den Wäschekasten und stellte fest, dass wieder mehr Wäsche als sonst drinnen war. Da drehte er sich auf dem Absatz um und sagte leise: „Sag deiner Mutter, sie braucht überhaupt nichts mehr zu bezahlen, du hast die beste Mutter der Welt.“

 

Diesmal sollten wir es umgekehrt machen:

 

In memoriam Alland 1938.

Stiftung der jüdischen Kaufmannschaft in Wien 

Herr Primarius Dr. Kraus     

Herr Oberarzt Dr. Heller

Frau Oberarzt Dr. Heller

 

 

Copyright:  Ing. Alfred Pokorny, Wien
F
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