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Zum 'ATLAS DER VISUALISIERUNGEN - nature and science'
Melanie Ohnemus, 2006

Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts ist die Definition von wissenschaftlicher Bild-Objektivität von zwei zentralen Charakteristika bezeichnet: von dem Vertrauen in technologische Aufzeichnungsmethoden und dem Misstrauen gegenüber künstlerischem und wissenschaftlichen Urteilsvermögen. Doch: Objektivität und Subjektivität hängen zusammen wie Wachs und Siegel. So teilen sich bei Visualisierungen von Ereignissen, Modellen und Daten aus den Naturwissenschaften immer noch einerseits die Fotografie und andererseits das gezeichnete Diagramm das Terrain. In Atlanten ist dieses Phänomen besonders schön zu beobachten - zumal die Abbildungen in diesem Genre die wichtigste und einprägsamste Rolle übernehmen. Genießt die Fotografie in der Naturwissenschaft seit ihrer Erfindung zwar den größeren Objektivitätsanspruch, so bestehen ihre Grenzen jedoch darin, zeitliche Verläufe, stoffliche Veränderungen, für das Auge unsichtbare oder anderweitig komplexe Zusammenhänge anschaulich darzustellen. So ist etwa das "Leben und Sterben eines Sterns" auf einer Fotografie nicht wirklich darstellbar - im "Herzsprung-Russell-Diagramm"(einem astronomischen Diagramm) jedoch vergegenwärtigt sich diese Bewegung in einer einzigen Darstellung: Fläche (Raster), Raum und Zeit (die gleichzeitige Anwesenheit von Sternen in verschiedenen Stadien) und Plastizität (der Stern als Objekt in unterschiedlichen Farbabstufungen koloriert) sind zugleich vereint.
Um 1914 fasst der Jenaer Physiker Felix Auerbach die Vorteile der diagrammatischen Verdichtung für Natur- und Geisteswissenschaft folgendermaßen zusammen: Die graphische Darstellung ist zwar "(e)ine äußerlich anspruchslose Kunst, denn sie führt dem Auge nichts vor als Linien, zuweilen auch Flächen und äußersten Falles räumliche, modellartige Figuren. Aber für den, der diese Sprache zu lesen versteht, ist sie auf ihre Weise beredter und reicher als alle anderen; auf knappen Raume erzählt sie unglaublich viel; denn man kann diese Schrift sozusagen von vorn und hinten, von oben und unten, analytisch und synthetisch lesen; und jedes Mal erhält man dieselbe Erkenntnis in einer neuen Form, einem neuen Zusammenhange, einer neuen Genese, und das ist ja schließlich immer wieder eine neue Erkenntnis".

Die Geschichte der Atlanten zeigt, dass sich im Geiste und Sinne der Objektivierung zur wissenschaftlichen Darstellung von Phänomenen eine spezifische diagrammatische Bildsprache kultiviert hat. Da der Atlas darauf abzielt, die Natur zu einem sicheren Gegenstand zu machen und die rohe Erfahrung durch gefilterte Erfahrung zu ersetzen, haben sich in der naturwissenschaftlichen Diagrammatik Merkmale der Typologisierung herausgebildet, um der wissenschaftlichen Sorge gegenüber der Subjektivität in grafischen Darstellungen Vorschub zu leisten. Möglichst "interpretationslose", ikonografisch im jeweiligen wissenschaftlichen Genre wieder zu verortende und erkennbare Bildsprachen haben sich in einer nunmehr über hundertjährigen Kultivierung, vor allen Dingen auch durch die massive Popularisierung von Atlanten jeglicher Ausrichtung seit den 1950er Jahren, in unsere Sehgewohnheiten eingebrannt.


Wir betrachten eine bestimmte Form der grafischen Darstellung als wissenschaftlich und objektiv. Doch ist sie das auch? Beziehungsweise steht hier möglicherweise nicht so sehr die Infragestellung von Objektivität der Darstellung eines einzelnen (wissenschaftlichen) Phänomens im Vordergrund, als die viel interessantere Frage, wie sich diese Bilder verhalten und anschauen lassen, wenn man sie erstens ihrem Kontext enthebt und neu anordnet und sie dann noch mit Hilfe eines anderen Mediums in diesen neuen Zusammenhang überträgt. Agnes Fuchs hat in dieser Edition, im Format eines Atlanten, gemalte und gezeichnete Übertragungen solcher physikalischer und astronomischer Diagrammatiken zusammengeführt. Im Akt der Übertragung geht es primär zuerst einmal darum nicht etwa aus dem Nichts neue Formen zu schaffen, sondern Objekte und Abstrakta präexistenter Bilder auf eine andere bzw. weitere Ebene zu übertragen. Was ein Ganzes zu sein schien, wird so Teil eines anderen Kontexts. Wie für jede Übertragungsebene, so gilt auch hier, dass das Selbe sein Spiel mit dem Selben treibt, indem es, ganz und gar dasselbe bleibend, ein Anderes wird. Deshalb sind solche Diagramme ein interessantes Hinterfragungsobjekt: sie suggerieren ein geschlossenes System, wenn man will eine Erklärung der Welt im Kleinformat; im Akt der Übertragung wird ihre eigentliche abstrakte bzw. "konkrete" Fragmentiertheit, noch sichtbarer.

Auf jede Metapher und jeglichen Lyrismus verzichtend, wird die Faktizität des Realen von diesem paradoxerweise tautologischen und erforschenden Blick gleichermaßen herausgefordert und einberufen. So wird der Akt des Übertragens begleitet von einer Verselbständigung des "Malerischen". Zugleich wertet die manuelle Übertragung die bloß indexikalisch gemeinte Vorlage auf, indem sie auf einer erweiterten Ebene virtuelle Ähnlichkeiten erzeugt, die den Raum zu einem "out there" wirklich öffnet. Das Bild oszilliert dann zwischen einem kosmischen Streuungsraum, hinter dem sich das Nichts verbirgt und jener Wirklichkeit der technischen Reproduzierbarkeit der Kunstwerke.


Melanie Ohnemus

 

 

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Klappentex/ Atlas der Visualisierungen
Agnes Fuchs /Edition-Künstlerbuch