STILRICHTUNGEN

... ein kleiner Exkurs in die Zeit des 19.Jahrhunderts,

die Epoche, in der der Wiener-Regulator Uhrmachergeschichte schrieb.



Vienna Regulator Yearrunner

Jahres-Präzisionsuhr
Bodenstanduhr um 1800-reines Empire

Gegen Ende des 18. sowie zu Beginn des 19.Jahrhunderts schufen talentierte Wiener Uhrmachermeister in Zusammenarbeit mit den besten Gehäusetischlern einen völlig neuen Uhrentypus, die Wiener Laterndluhr. Der abnehmbare Kopf dieser Uhr mit seinem klassizistischen Dach gibt der Uhr ein laternenähnliches Aussehen, wovon sich schließlich auch der Name ableitet. 
Uhren dieser Zeit bestechen durch elegante Proportionen, beste handwerkliche Ausführung und höchste Präzision. Die Uhrkästen sind schmal, geradlinig, tailliert, von geringer Tiefe und aus sehr feinem, kostbaren Holz gebaut. Holz war in jener Zeit auf Grund der zahlreichen Kriege in Europa Mangelware, sodass meist exotisches Holz über die Niederlande importiert werden musste. Meist verwendete man zur Herstellung des filigranen Gehäuses, das mit zarten Ahornadern konturiert wurde, feinstes Mahagoni- und Nussfurnier, später Kirsch.
Flachglas aus Baden, das damals wesentlich billiger war als importiertes Mahagoniholz, wurde für die Verglasung der Uhrkästen herangezogen. Dies war einerseits als Sparmaßnahme gedacht, andererseits konnte das Uhrwerk geschützt werden, aber auch Einblicke in die Mechanik waren möglich. Diese zarte Durchsichtigkeit des Möbelstücks, vor allem auch an den Seitenwänden, galt für die damalige Zeit als phänomenal. 
Die Uhrwerke der Laterndluhren sind von bester Handwerksqualität und so genial und präzise konstruiert, dass sie in ihrer Ganggenauigkeit oft nur eine Abweichung von ca. 1 Minute pro Monat aufweisen. Zahnräder, Zeiger und jedes Detail wurden in reinster Handarbeit von den besten Meistern der Stadt angefertigt.
Die Zifferblattreifen sind prächtig guillochiert und feuervergoldet.

Eine Abart der Wiener Laterndluhren sind die
Bodenstanduhren aus dieser Zeit. Sie verfügen meist über hohe Ganggenauigkeit und verschiedene Indikationen wie z.Bsp. die Äquation. Dies war um die damalige Zeit von Bedeutung, da das Richten der genauen Zeit immer nach der Sonnenuhr erfolgte. Äquationsuhren zeigen die mittlere Sonnenzeit und die wahre Zeit an. Sie konnten nur von Uhrmachermeistern mit hohem handwerklichem Können hergestellt werden! Der Besitz einer kunstvollen und genau gehenden Bodenstanduhr galt bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts einerseits als Attribut eines wohlmontierten Hauses, andererseits gehörte sie zum selbstverständlichen Inventar jedes Uhrmachergewölbes. Sie war meist das Meisterstück des betreffenden Geschäftsinhabers und diente zugleich auch als Regulator zum Einstellen reparierter Uhren. Ebenso wurden diese hochwertigen ganggenauen Wiener Uhren, die auch als WIENER REGULATOREN in der Uhrenliteratur zu finden sind, an Sternwarten, Instituten und Fakultäten eingesetzt.


Vienna Regulator DachluhrVienna Biedermeier Regulator

 

Vienna Biedermeier Regulator Vienna Regulator with round

BIEDERMEIER - ca. 1815 - 1848

 

 

Etwa um 1810/1815 bis Ende des Biedermeier entstanden die Wiener Dachluhren mit ihren eleganten, geradlinigen Holzkästen und dem vorspringenden Spitzgiebel, welcher in Österreich umgangssprachlich als "Dachl" bezeichnet wird.

Die Einführung der Gewerbefreiheit brachte es mit sich, dass das Handwerkertum aufblühte. Besonders in Wien konnten sich kreative Kräfte  in allen  künstlerischen Bereichen entfalten, und so stammen aus dieser Epoche auch die schönsten und wertvollsten Wiener Regulatoren, sowohl was das handgefertigte Uhrwerk, aber auch die fachmännische Holzarbeit betrifft.

Fotos:  
links: Dachluhr um 1820 
rechts: Dachluhr um 1840

 

Mit Ende der Biedermeierperiode um ca. 1850 werden die zarten Uhrkästen miit Aufsätzen und beschnitzten Holzapplikationen im Bereich des Aufsatzes, am Sockel und an der Tür versehen. Helle, lineare  Ahorntarsien  rund um das Glas und anderen Teilen des Korpus geben der Uhr eine feine Note.
Die Pendellinse ist beidseitig aus Messing. Zifferblätter aus Messing oder Email sind anfangs aus einem Stück, später zweigeteilt. Die Messingumrandung des Zifferblattes ist in frühen Jahren meist zart guillochiert, in späterer Folge ornamental gegossen. Die handgefertigten Zeiger sind von feinster Qualität
und sind ebenso ein Qualitätsmerkmal für wertvolle Wiener Uhren.

 

Fotos:
links: Spätbiedermeier-Regulator um 1850
rechts: Biedermeier Rund-Dachluhr um 1840


Vienna Regulator transitionalVienna Regulator Serpentine

   Fotos: 
  
links: Transitional-Regulator um 1860
  
rechts:
Serpentine-Regulator um 1865

Mit Ende des Biedermeier um 1848 beeinflusste die zunehmende  Industrialisierung immer mehr das Handwerk. Es wurden kaum mehr eigene Ideen verwirklicht, vielmehr wurden alte Stilrichtungen kopiert. So entstanden Stilrichtungen, die wir unter den Begriffen Neogotik-, 2.Rokoko- oder  2. Barockstil  kennen. 

ÜBERGANGSZEIT  ca. 1860 - 1875

Als Übergangszeit (engl.: TRANSITIONAL) bezeichnen wir die Epoche zwischen Wiener Biedermeier und Historismus.
Die Uhrkästen sind meist aus Nuss, Eiche, Kirsche oder anderen Obstgehölzen hergestellt. Die Zifferblätter aus Email sind zweigeteilt, den Uhrkästen fehlen noch die typischen korynthischen Pilaster, wie wir sie später bei den altdeutschen Uhren vorfinden. 

SERPENTINE - ca. 1855 - 1875

Die Serpentine-Uhren, unter österreichischen Uhrensammlern auch Biskotten- oder Geigenkastenuhren genannt, unterscheiden sich schon deutlich von den Biedermeier-Uhren. Geschwungene Linienführung ist ein tyipsches Charakteristikum dieser Uhr. Zur Herstellung der Uhrkästen wurde sehr oft nur billiges Holz verwendet, das mit einer Beize, beziehungsweise meist dunklen Politur ["ebonisiert"]versehen, die Holzart auf den ersten Blick nicht erkennen lässt. Die Pendellinse wurde vorderseitig aus Messing, die Rückseite aus Zink hergestellt.
Das emaillierte Zifferblatt ist zweigeteilt, die Zeiger sind zart, beinhalten aber bereits Elemente des altdeutschen Stils und als Zifferblattumrandung wird üblicherweise ein glatter Messingring verwendet.


Vienna Regulator Altdeutsch (Historism)

Altdeutsche Wanduhr um 1870


ALTDEUTSCH - ca. 1870 - 1895

In der Zeit des HISTORISMUS,  in der u.a. die prächtigen Wiener Ringstraßenbauten nach dem Vorbild alter Architektur entstehen - man spricht von "neo-gotisch", "Neo-Renaissance", "Neo-Barock",... - wo Decken und  Wände mit zahlreichen Ornamenten und Fresken geschmückt und überladen werden, entwickelt sich im Möbelbau der altdeutsche Stil, ein Mischstil aus Elementen der Gotik, Renaissance und Barock, üppig und überladen.

Kennzeichen des altdeutschen Wiener Regulators - ein eigentlich falsch verwendeter Begriff, denn echte "Wiener Regulatoren" sind hochwertige, in reinster Handarbeit hergestellte ganggenaue Wiener Uhren -  sind die stark verzierten, oft aufwändig verarbeiteten Uhrkästen mit korinthischen Pilastern an der Kastentür, sowie herrlich überladenen Aufsätzen oder Sockeln.
Die Email- oder Metallzifferblätter sind immer zweigeteilt und die Minuten- und Stundenzeiger mit großen Ornamenten versehen. Die Pendellinse ist vorderseitig aus Messing, die Rückseite aus Zink angefertigt.


Sehr gefragt sind heute dreigewichtige altdeutsche Uhren mit dem grande sonnerie, dem Viertelstundenschlagwerk.


Vienna Regulator second baroque

Pfeiferlbarock-Wanduhr um 1890

2.BAROCKSTIL - ca. 1875 - 1895

Als Wiener Pfeiferlbarockstil oder 2.Barockstil wird die Übergangszeit vom altdeutschen Stil zum Jugendstil bezeichnet. 

Kennzeichnend ist der geradlinig gehaltene Kasten mit seinem wundervoll geschnitzten, asymmetrischen Aufsatz, dem pfeifenähnlichen Ornament während der Sockel sehr oft mit einer  "Bischofsmütze" abschließt. Die Uhrkästen sind meist aus Nuss, Eiche, Mahagoni oder Kirschhölzern hergestellt.

Die Zifferblätter sind sowohl Metall, entweder ein- oder zweifärbig, aber auch aus Email. Die Uhrzeiger sind entweder noch geschnörkelt oder aber auch bereits einfach geradlinig gehalten.

Schöne Pfeiferlbarockuhren sind sehr selten und deswegen am internationalen Markt auch sehr gesucht.


Vienna Regulator Jugendstil

 

JUGENDSTIL - ca. 1890 - 1920

Mit Beginn des 20. Jahrhunderts ändert sich die Einfallslosigkeit in der Architektur gewaltig. Eine richtige Gegenbewegung setzt ein:  die nicht notwendige Dekoration der Uhr verschwindet gänzlich, das Funktionale steht im Vordergrund. Ein "erster Designerstil" entsteht und wird von Künstlern und Architekten, wie Josef Hoffmann, Gustav Klimt, Kolomann Moser u.a. geprägt.

Die Uhrkästen dieser Zeist sind meist geradlinige, einfache Kästen aus Eiche, Nuss oder Obstghölzern mit eleganten, geschliffenen Gläsern. Der innere Kreis der Zifferblätter, die Gewichte und Pendel sind meist mit floralen Jugendstilmotiven versehen.


 
Jugendstil-Wanduhr um 1900

 

LITERATUR: KALTENBÖCK  - "DIE WIENER UHR"; HELLICH - "ALT WIENER UHREN"; "UHRENMUSEUM WIEN"; BASSERMANN-JORDAN/BERTELE - "UHREN"; "WIENER UHREN II - DIE SAMMLUNG DR. FRANZ SOBEK, PÖTZLEINSDORF - DR. HANS BERTELE; KLAUS MAURICE - "DIE DEUTSCHE RÄDERUHR"; HAUSS - "FASZINATION DER WIENER UHRMACHERKUNST"; LUNARDI - "WIENER REGULATOREN"; HELLICH - "ZUR GESCHICHTE DER WIENER UHRMACHER"; ORTENBURGER - "VIENNA REGULATORS AND FACTORY CLOCKS"; CLATERBOS - "VIENNESE CLOCKMAKERS AND WHAT THEY LEFT US"; KOCHAVER - BEAUTIFUL VIENNA REGULATORS OF THE 19th CENTURY"; NAWCC BULLETIN - P. RASCH: "THE EVOLUTION OF THE VIENNA REGULATOR"; ABELER - "MEISTER DER UHRMACHERKUNST"; STOLBERG - "DIE STEIRISCHEN UHRMACHER"; MÜHE/VOGEL - "ALTE UHREN"; ERBRICH - "PRÄZISIONSPENDELUHREN"; RIEFLER - "PRÄZISIONS-PENDELUHREN VON 1890-1965"

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