Max Riccabonas James-Joyce-Münchhausiaden.
Berichtigung seiner zweifelhaften Augen- und Zeitzeugenschaft

(© Andreas Weigel, Wien. Alle Rechte vorbehalten)

Max Riccabona bei seinem zustandsgebundenen Treffen mit James und Nora Joyce 1932 in Fakekirch (Ulrike Längle gewidmet).Während jener drei Wochen, die James Joyce im Sommer 1932 in Feldkirch verbrachte, war der damals 17-jährige Max Riccabona nachweislich in der „Deutschen Heilstätte“ in Davos in stationärer ärztlicher Behandlung, weshalb die ihn angeblich nachhaltig prägende Begegnung mit Joyce als Münchhausiade zu Grabe getragen werden kann.

Mitte der 1970er Jahre hat Hans Wollschlägers hochgelobte Neuübersetzung von James Joyces Roman „Ulysses“ für Aufsehen gesorgt und im deutschsprachigen Raum eine Joyce-Renaissance ausgelöst. Vor diesem Hintergrund hat Max Riccabona in der Zeitschrift „Protokolle“ unter dem Titel „Epiphanien in der Löwenschwemme“ persönliche Erinnerungen an „James Joyce in Vorarlberg“ veröffentlicht, die über weite Strecken nur nacherzählen und zitieren, was in Richard Ellmanns umfassender James-Joyce-Biografie über Joyces Feldkirch-Aufenthalte zu lesen ist.

In seinem angeblichen Augen- und Zeitzeugenbericht beschreibt Riccabona, wie er 1932 als 17‑jähriger Gymnasiast Joyce in Feldkirch persönlich kennengelernt haben will. Seine unbewiesene Behauptung wurde nicht nur von der breiten Öffentlichkeit, sondern auch von seinen Biografen, Historikern, Literaturwissenschaftlern und den Medien als Tatsache übernommen und Jahrzehnte lang ungeprüft weiter verbreitet.

„Riccabonas persönliche Bekanntschaft mit Größen der europäischen Literatur des 20. Jahrhunderts“[1], die erfundene Begegnung mit James Joyce (1932), die eineinhalb Monate dauernde Bekanntschaft mit Joseph Roth (1939)[2] und ein Treffen mit Ezra Pound (1959) wurden oft und gerne bemüht, um Riccabonas literarischen Stellenwert zu definieren: „Die Bekanntschaft mit Joyce, Roth und Ezra Pound ließ ihn als lebendes Monument der Literaturgeschichte erscheinen, überdies sind Joyce und Pound Autoren einer dezidierten Moderne, was Riccabona zusätzlich profilierte.“[3]

Die Tatsache, dass Riccabona ein Vorarlberger Münchhausen war, ist ein Faktum, das große Teile seiner eingeschworenen Fan- und Lesergemeinde nicht wahrnehmen, geschweige denn wahrhaben wollen. Nur vereinzelt wurden Skepsis und Zweifel laut: So hat etwa Kurt Bracharz schon 1989 in seiner Besprechung der Riccabona-Ausstellung des Vorarlberger Landesmuseums zu Recht problematisiert, dass die Riccabona-Forschung biografische, editorische und literarhistorische Mindeststandards missachtet, wenn sie Riccabonas autobiografische Äußerungen ungeprüft als verbürgte Tatsachen übernimmt und überliefert: „zwei Beiträge geben bis in die Diktion hinein offensichtlich nur das wieder, was Riccabona selbst den Schreibern mitgeteilt hat – bei solcher Kritiklosigkeit wäre es wohl besser, ihn gleich selbst berichten zu lassen“.[4]

18 Jahre später hat Bracharz das Andauern dieses Forschungsmissstandes beklagt und in der Besprechung des Max-Riccabona-Bandes „Bohemien – Schriftsteller – Zeitzeuge“ die Fragwürdigkeit von Riccabonas „beeindruckenden Begegnungen“ betont: „Sie sind allerdings meines Wissens nirgendwo belegt oder durch eine andere Person beglaubigt, jedenfalls nicht für die von Riccabona stets behauptete, insbesondere in der Beziehung zu Joseph Roth weitgehende freundschaftliche Intimität. In dem Essay-Band werden Riccabonas diesbezügliche Berichte offenbar von den meisten Autorinnen und Autoren mehr oder minder fraglos akzeptiert. Natürlich kann man nicht mehr nachprüfen, ob Riccabona Joyce in Feldkirch tatsächlich begegnet ist, aber zumindest bei Roth sollten sich ja noch Quellen finden lassen, die eine Nähe von Riccabona und ihm bestätigen“.[5]

Zweifel an Riccabonas behaupteter Bekanntschaft mit Joyce weckte bei mir seit jeher die Tatsache, dass seine vorgebliche Erinnerung im Wesentlichen von Ellmanns Joyce-Biografie gespeist wird und das wenige, das er selbst beisteuert, so fehlerhaft, unstimmig und widersprüchlich ist, dass es den Wahrheitsgehalt seiner Ausführungen fraglich erscheinen ließ.

So beschreibt der mit Joyce befreundete Verleger Eugene Jolas das Feldkircher Lokal, das er nach dem allabendlichen Bahnhofsritual 1932 gemeinsam mit Joyce besucht hat, als gewöhnliche Eisenbahnerkneipe: „It was the dusk of Feldkirch he evoked, and the river Ill became the Liffey and the railroadmenʼs tavern he and I frequented at twilight became metamorphosed into the Chapelizod pub, where H.C.E., standing behind the bar talked his desesperanto with the drunken customers.“[6]

Anna Schmidt alias Rosa Debela alias Die dicke Rosl aus München (1897-1931)In Riccabonas Lokalbeschreibung kommt statt der Eisenbahner die „dicke Rosl aus München“ vor: „Um sich das damalige Milieu der Löwenschwemme zu vergegenwärtigen, dürfen wir sie uns nicht als ein gutbürgerliches Restaurant vorstellen, das sie heute ist. Sie war damals eine Kneipe, deren Kunden sich aus dem denkbar buntestem Volk gruppierten; aus Marktfahrern, Wilderern vor und nach Strafantritt im Gefängnis bzw. nach Verlassen desselben (zum Beispiel erinnere ich mich sehr gut daran, dass damals eine Kuriositätenschau in Feldkirch gastierte mit ‚der dicken Rosl aus München‘, zweihundert Kilo schwer, auf deren Schenkel man gegen Gebühr einen Stempel drücken durfte)“.[7]

Riccabonas Behauptung, dass er sich sehr gut daran erinnere, dass damals die dicke Rosl in Feldkirch gastiert habe, spricht Bände gegen seine Zeitzeugenschaft, da am 15. Jänner 1931 in der „Illustrierten Kronen-Zeitung“ zu lesen war, dass „die dicke Rosl“ am 13. Jänner 1931 in München gestorben sei. Davon abweichend nennt die „Illustrierte Kronen-Zeitung“ am 16. Jänner 1931 in einem Nachruf den 12. Jänner 1931 als Sterbetag, was aber nichts daran ändert, dass Rosa Debelas Karriere Ende 1930 zu Ende war und die genannten Zeitungsartikel in wissenschaftlichen Publikationen über Schausteller und Kuriositätenschauen als die wesentlichen Quellen zitiert werden: „Rosa, die mit ihrem Familiennamen Debela hieß, war im Vorjahr in Griechenland, in der Türkei und einige Zeit auch in Wien, wo sie im Prateretablissement Feigls auftrat. Die Dreiundzwanzigjährige, deren Gewicht mit 270 kg angegeben wurde, hielt sich zuletzt in Prag auf. Dort erkrankte sie an Angina. Als sich ihr Zustand immer mehr verschlechterte, mietete Feigl ein Auto, in dem er die dicke Rosl in siebenstündiger Fahrt nach Ober-Kotzau bei Hof in Bayern – dem Heimatort des Mädchens – brachte. Rosa Debela, die seit Jahren ein ruheloses Wanderleben führte, starb im Frieden des Elternhauses.“[8]

Dennoch erinnert sich Riccabona sehr gut daran, dass damals Rosa Debela in Feldkirch gastiert habe. Alles deutet darauf hin, dass er auch James, Nora, Lucia und Giorgio Joyce in Feldkirch nicht aus eigener Anschauung, sondern nur vom Hörensagen wahrgenommen hat: „Ich war, während Joyce in Feldkirch weilte, Gymnasiast der siebenten Klasse am humanistischen Bundesgymnasium in Feldkirch, ein mittelmäßiger Schüler und (in Anpassung an die damalige Mode unter Studenten) ein nicht unbetriebsamer ‚von Wirtshaus zu Wirtshaus-Säufer‘. […] Dies alles ist mehr als vierzig Jahre her und doch deutlich erscheint er [Joyce] vor meinem geistigen Auge: In einer Ecke unter dem aufgehängten Maiskolben halb versteckt an einem Tisch sitzend, mit seiner scharfen Brille, ein kleines Notizbuch vor sich, in welches er hineinkritzelte.“[9]

Im Zusammenhang mit Riccabonas vorgeblichen Joyce-Erinnerungen fällt auf, dass er seine den damaligen Sommer prägende Lungenerkrankung, die ihn rund vier Monate nach Davos geführt hat, mit keinem Wort erwähnt. Auch 1981 nicht, als er die Beschreibung seiner erfundenen Joyce-Begegnung leicht variiert, indem er etwa den „aufgehängten Maiskolben“ durch ein Kruzifix ersetzt: „Ich hatte im Sommer 1932 Gelegenheit, Joyce in Feldkirch kennenzulernen. Als trinkfreudiger Studiosus am humanistischen Gymnasium in Feldkirch traf ich öfters mit ihm in der Löwenschwemme in der Neustadt zusammen. Wenngleich ich damals noch keine Zeile von ihm gelesen hatte, empfing ich unauslöschliche Eindrücke, wovon ich, soweit mich nach so langer Zeit das Gedächtnis nicht im Stich lässt, einige schildern möchte. Ich sehe den Dichter noch ganz deutlich vor mir in einer Ecke der damaligen Löwenschwemme unter dem mit Trockenblumen verzierten Kreuz, Weißwein vor sich. Er war damals schon fast blind und kritzelte in ein kleines Notizbuch“.[10]

Riccabona, der trotz der unauslöschlichen Eindrücke, welche die Begegnung mit Joyce 1932 bei ihm hinterlassen haben soll, bis 1936/37 „kein Wort von J.J. gelesen hatte“,[11] glaubt sich erinnern zu können, dass er durch einen Tiroler Verwandten sowie ein in Feldkirch lebendes britisches Original mit Joyce ins Gespräch gekommen sei: „Mein Vetter Hermann v. V. war damals Maturant und ich glaube mich daran erinnern zu können, dass er mich mit Joyce in der Löwenschwemme bekannt machte. Gleichzeitig weilte nämlich damals in Feldkirch ein Original aus Schottland, ein versoffener Oberst in Pension, der wunderbar schottische Balladen wie Maxwells Love oder so ähnlich mit eigener Klavierbegleitung zu singen wusste. Ich kann mir nun, nachdem mir das Werk James Joyces ziemlich bekannt ist, sehr gut vorstellen, dass mein Vetter Hermann und der Schotte, welche beide sich als sozusagen zwar nicht spirituelles aber ‚spirituoses‘ Zwillingspaar durch alle Schenken Feldkirchs regelmäßig hindurchsoffen, die Sympathie des großen Dichters gefunden haben. Mein erwähnter Vetter war nämlich auch in seiner Art ein Genie. Ein aus einem tirolischen Kloster hinausgeworfener Novize, der unheimlich saufen konnte und mehr als zweihundert Verse der Ilias und der Odyssee im Urtext aufzusagen verstand.“[12]

Riccabonas Bericht bietet keine überzeugende Erklärung, wieso sich der 50-jährige Joyce in Feldkirch ausgerechnet für zwei Schulbuben interessiert haben sollte, die keines seiner Werke kannten, womit ein wesentliches Gesprächsmotiv gefehlt hat. Zudem hat Harald Stockhammer darauf hingewiesen, dass der aus Imst stammende und als „Hermann v. V.“ verschlüsselte Hermann Vilas 1932 die Sommerferien wahrscheinlich bei der Mutter in Tirol verbracht hat. Der Halbwaise Vilas war während seiner Feldkircher Schulzeit Kosttagstudent[13] bei Riccabonas Familie, die aber während Joyces Feldkirchbesuch in Südtirol auf Urlaub war.

Riccabona macht Vilas etwas reifer, als es der 20-Jährige im Sommer 1932 war, indem er ihn zum Maturanten erklärt, obgleich Vilas die achte Klasse noch nicht absolviert hatte, sondern erst Anfang Mai 1933 schriftlich und Ende Juni 1933 mündlich maturiert hat.

Die beiden waren Schul-, aber keine Jahrgangskollegen, da der um drei Jahre ältere Vilas eine Schulstufe vorausging. Beide einte die Mitgliedschaft in der Feldkircher Gymnasialverbindung „Clunia“, der Vilas seit 15. September 1929 und Riccabona seit 21. April 1932 angehörte.[14]

Bei Wilhelm Meusburger ist Riccabonas „Vetter Hermann, ehemaliger Augustinerchorherr in Wilten“,[15] worunter sich das lesende Publikum zweifellos etwas bzw. jemand anderen vorstellt als einen Pennäler, der so offen für das braune Gesindel schwärmt, dass er am 4. April 1933 „wegen Sympathie mit dem Nationalsozialismus“[16] vorläufig und am 31. Mai 1933 definitiv aus der christlichsozialen „Clunia“ ausgeschlossen wurde. Alles in allem ist auch Vilas, der nach der Matura Jus studieren wollte und 1943 als Soldat in Norwegen ums Leben kam, ein unwahrscheinlicher Gesprächspartner für Joyce gewesen.

Ein weitaus plausiblerer, weil interessanterer Gesprächspartner als die beiden Schulbuben wäre der nahezu mit Joyce gleichaltrige Vater Riccabonas, Gottfried, gewesen, der eine Vergangenheit als Schriftsteller hatte, an einem „Bloomsday“ (16. Juni 1879) geboren wurde und mit einer Jüdin namens Anna (geb. Perlhefter) verheiratet war. Alles Aspekte und Themen, die Joyce anregende Gespräche ermöglicht hätten.

Gottfried Riccabonas Schwager Max Perlhefter hat sich übrigens zwei Tage nach dem mit Joyce befreundeten Verleger-Ehepaar Jolas gemeinsam mit dem Feldkircher Rechtsanwalt Josef Peer auf der ersten Seite des Gästebuches des Götzner Textilkaufmanns Hans Ender eingetragen, was belegt, dass sich Max Riccabonas Onkel, der um diese Zeit auch seinen kranken Neffen in Davos besucht hat, im Vorarlberger Jolas- bzw. Joyce-Umfeld bewegt hat.[17]

Im Zusammenhang mit Joyces Freunden Maria und Eugene Jolas schreibt Riccabona, dass die 1895 in Louisville (Kentucky, USA) geborene und später in New York (1910-12) und Berlin (1913-1914) Musik studierende Maria Jolas (geb. McDonald) „seinerzeit in einem Mädchenlyzeum in der französischen Schweiz mit den beiden Fräulein Birnbaumer, Töchter des ehemaligen Stadtarztes Dr. R. Birnbaumer […] Freundschaft geschlossen“ hätte.[18] Allerdings bietet Maria Jolasʼ Lebensweg (Louisville – New York – Berlin – New York – Paris) keine lokalen bzw. zeitlichen Anknüpfungspunkte dafür, dass sie mit Hilde und/oder Wilhelmine Birnbaumer[19] in einem Schweizer Lyzeum Freundschaft geschlossen haben könnte.

Die Geschwister Birnbaumer werden weder in Maria noch in Eugene Jolasʼ Memoiren genannt. Es überrascht somit nicht, dass auch Riccabonas Behauptung, dass die Familie Jolas nach Feldkirch gekommen sei, weil Maria Jolas mit den Geschwistern Birnbaumer befreundet gewesen wäre, aus der Luft gegriffen ist.

Maria und Eugene Jolasʼ Tochter Betsy hat bestätigt, dass ihre Eltern 1932 mit den Birnbaumers nicht befreundet waren, sondern deren Haus allein aus dem Grund gemietet haben, weil es für ihre Familie geeignet schien, die ein Quartier für sechs Personen (Maria, Eugene, Betsy und Tina Jolas sowie Maria Jolasʼ Mutter und die Gouvernante der Kinder) benötigt hat.[20]

Im Unterschied zur Familie Jolas trafen die Joyces in Feldkirch gestaffelt ein: Anfang Juli kam die knapp 25-jährige Lucia Joyce gemeinsam mit der eigens für sie engagierten Pflegerin und der Familie Jolas aus Paris an. Anfang August 1932 folgten Nora und Mitte August schließlich ihr Mann James aus Zürich kommend. Alle drei Joyces wohnten bis 8. September 1932 im „Hotel Löwen“.

Nicht in Feldkirch war Joyces damals 27-jähriger Sohn Giorgio, obwohl Riccabona mit einer doppeldeutigen Einschränkung beteuert, dass dieser in Feldkirch in seinem Beisein zur Laute gesungen habe: „Nicht uninteressant ist vielleicht zu erwähnen, dass sich die Familie fast immer auf Italienisch unterhielt und ich selbst von ihm zum ersten Mal von Claudio Monteverdi hörte und wenn ich mich richtig glaube erinnern zu können, sang der Sohn Giorgio etwas aus dem ‚Orfeo‘ zur Laute.“[21]

Allerdings war Giorgio während des in Frage kommenden Zeitraums mit Ehefrau, Sohn und Stiefsohn in Saint-Jean-Cap-Ferrat an der Côte dʼAzur. Riccabonas frei erfundenes Detail ist somit eine weitere Warnung, dass seine „Epiphanien“ keinesfalls als Zeit- und Augenzeugenschaft betrachtet werden können und dürfen.

Ein anderes von Riccabona genanntes Detail legt wiederum nahe, dass er sich nie mit Joyce unterhalten haben kann: Joyce „sprach übrigens, wie ich selbst sz. wahrnahm, ein ziemlich Triestinisch gefärbtes Deutsch, wenn er dies sprach.“[22] Die Frage, wie ein 17-jähriger Vorarlberger Schüler, der selbst Alemannisch gesprochen hat, 1932 über so spezielle Dialektkenntnisse verfüge, dass er „Triestinisch gefärbtes Deutsch“ als solches erkannt haben will, erklärt Riccabona mit dem Hinweis, dass einige seiner Vettern, die als Marineoffiziere der seinerzeitigen k.u.k. Flotte in Triest stationiert gewesen wären, so gesprochen hätten.[23]

Bekannt ist, dass einerseits Joyces Familie in Triest Italienisch („Triestino“) gesprochen hat und diese Sprache im Verkehr mit ihrem vorwiegend italienischen Freundes- und Bekanntenkreis gepflegt hat, andererseits während Joyces Sprachunterricht an der Triester Berlitz-Schule Englisch Pflicht war, weshalb es unwahrscheinlich ist, dass Joyce in Feldkirch „Triestinisch gefärbtes Deutsch“ bzw. „Austriacans“ gesprochen habe, das in Triest die Sprache der österreichischen Minderheit und Oberschicht war, der Joyce nicht angehört hat.

Allerdings hat Joyce von Mitte 1915 bis Ende 1919 im deutschsprachigen Zürich gelebt, wo er mit Deutschen, Österreichern und Schweizern befreundet war, weshalb er dort nicht nur ständig Deutsch gehört, sondern neben Englisch und Italienisch auch Deutsch gesprochen hat. Zudem hat Joyce nicht nur im Sommer 1928 fünf Tage in Innsbruck sowie anschließend fünf Wochen in Salzburg verbracht, sondern zwischen 1928 und 1932 immer wieder einige Tage in Zürich gewohnt, weshalb jenes Deutsch, das er 1932 in Feldkirch gesprochen hat, von seiner Zürcher Zeit geprägt gewesen sein wird. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit hat Joyce daher nicht „ziemlich Triestinisch gefärbtes Deutsch“, sondern Deutsch mit mehr oder weniger Zürcher Einschlag gesprochen, was Riccabona gehört hätte, falls er tatsächlich mit Joyce zusammengetroffen wäre.

Eine weitere Joyce-Legende, deren Wahrheitsgehalt fraglich ist, wurde von Wilhelm Meusburger überliefert: „Über eine Empfehlung von Nora Joyce, der Witwe von James Joyce, lernte Riccabona auf der ‚Brunnenburg‘ (Dorf Tirol, Südtirol) Ezra Pound kennen“.[24] Barbara Hoiß hat mich informiert, dass dieses Treffen am 18. Oktober 1959 stattgefunden habe, da Riccabonas Exemplar von Pounds 1959 veröffentlichtem Sammelband „Über Zeitgenossen“ folgende handschriftliche Widmung enthält: „Dr. Max von Riccabona. Ezra Pound. 18. Oct. 59“.[25]

Die Wahrscheinlichkeit, dass die am 10. April 1951 in Zürich verstorbene Joyce-Witwe dem ihr unbekannten Riccabona für dessen erst 1959 erfolgte Begegnung eine mündliche bzw. gar schriftliche Empfehlung mitgegeben habe, ist aus mehreren Gründen äußerst gering.

Schließlich musste Joyce immer wieder entschuldigen, dass Nora keine große Briefschreiberin war. Nachfolgend erklärt er etwa dem befreundeten Schriftsteller Valery Larbaud, wieso dessen Lebensgefährtin noch ein Weilchen auf Noras Antwort zu warten habe: „Meine Frau sagt ungefähr dreimal die Woche, ich muss morgen früh auf diesen Brief antworten. Was wird sie [= Larbauds Lebensgefährtin] bloß von mir denken! etc. Sie schreibt im Jahr etwa vier Briefe, denen jeweils 3 Monate der guten Vorsätze vorausgehen. So ist das nun mal!“[26]

Auch war zu Nora Joyces Lebzeiten nicht absehbar, dass Pound, der nach dem Krieg wegen seiner antiamerikanischen Propagandatätigkeit für Hitler und Mussolini in Amerika wegen Landesverrat angeklagt und in eine Nervenheilanstalt gesperrt wurde, aus dieser 1958 entlassen nach Italien zurückkehren würde.

Davon abgesehen hätte Riccabonas Briefwechsel bzw. Treffen mit der in Zürich lebenden Joyce-Witwe zwischen Mai 1945 und April 1951 erfolgen müssen, wofür es keine Belege gibt, was den Verdacht verstärkt, dass auch dieser Joyce-Bezug frei erfunden wurde.

Missverständlich ist der Titel von Riccabonas Erinnerung, da Joyce 1932 in Feldkirch keine „Epiphanien“ schrieb, sondern nach einer mehrmonatigen Schreibblockade ein „Finnegans Wake“-Kapitel vervollständigte, das er um 1930 begonnen hatte.

Ähnlich „sachkundig“ klingt es, wenn Riccabona die Löwenschwemme als ein Milieu definiert, „aus welchem James Joyce, als ‚intellektueller Vampir‘, wie er sich zu bezeichnen beliebte, das Blut für seine Romanfiguren saugen konnte.“[27] Joyces angebliche Selbstdefinition stammt schließlich nicht von Joyce, sondern von Riccabona, der sie ihm posthum angedichtet hat.

Weniger Fantasie beweist Riccabona im Zusammenhang mit der während des Ersten Weltkriegs in Feldkirch erfolgten „Ulysses“-Entscheidung. So erwähnt er zwar, dass laut Joyce das Schicksal des „Ulysses“ am Bahnhof Feldkirch entschieden wurde, kann aber nicht verbergen, dass er von der damit verbundenen Bedrohung, dass Joyce, seine Frau und ihre beiden Kinder als feindliche Ausländer verhaftet und auf Weltkriegsdauer getrennt inhaftiert werden könnten, keine Ahnung hat: „Einmal sagte er: ‚Dort auf den Schienen wurde 1915 das Schicksal des Ulysses entschieden …‘ Er hatte nämlich damals, anlässlich einer Reise in die Schweiz, zu Feldkirch einen längeren Aufenthalt.“[28]

Dieses mangelnde Wissen über den schicksalhaften Ernst des Feldkircher Grenzübertritts mag ein Grund dafür gewesen sein, dass weder Riccabona noch Hans Ender, die beide oft und gerne auf ihre Joyce-Bekanntschaft hinwiesen, zeitlebens angeregt haben, dass die Stadt Feldkirch durch entsprechende Gedenktafeln und/oder Straßenbenennungen auf Joyces Feldkirch-Aufenthalte (1915, 1932) hinweise.[29]

Die zahlreichen Unstimmigkeiten in Riccabonas Joyce-Berichten waren für mich Indizien, dass die von ihm behauptete persönliche Bekanntschaft mit Joyce unwahrscheinlich und fragwürdig ist. Mangels verbriefter biografischer Details über Riccabona konnte ich meinen berechtigten Verdacht noch nicht belegen, weshalb ich nicht umhin kam, Riccabona auch in meinen Publikationen im Zusammenhang mit Joyces Feldkirch-Aufenthalt zu erwähnen.[30]

Erst dank meiner biografischen Nachforschungen ist die Beweislage eindeutig und erwiesen, dass er den – zwischen 15. August und 8. September 1932 – in Feldkirch lebenden Joyce weder in der Löwenschwemme gesehen, geschweige denn persönlich kennengelernt haben kann, da Riccabona wegen seiner Lungenerkrankung zwischen 9. Juli und 29. Oktober 1932 in Davos in stationärer ärztlicher Behandlung war.

Bei Riccabona und seinen Biografen schwankt die Dauer dieses rund vier monatigen Aufenthaltes zwischen acht Monaten und einem Jahr. Am 21. Dezember 1966 notiert Riccabona anlässlich eines Besuches in Davos: „vor 34 jahren war ich etwa 8 monate wegen einer mittelschweren tbc dort, besser gesagt hier“.[31]

Zwölf Jahre später erhöht er in seinem „Ich wurde“ betitelten Selbstporträt den Davos-Aufenthalt auf rund ein Jahr: „Etwa während des Absolvierens der sechsten Klasse musste ich wegen einer Tbc-Infektion das Studium aussetzen und verbrachte im luxuriösen Ambiente eines Davoser Firstclass-Sanatoriums etwa ein Jahr. Ich würde diese Zeitspanne hier gar nicht erwähnen, wenn nicht während derselben meine Defloration durch die, so erzählte sie mir, in Scheidung befindliche algerische Gattin eines Kapitäns der französischen Fremdenlegion erfolgt wäre.“[32]

Bei dieser Gelegenheit frischt er nach einer umständlichen Abschweifung, die meines Erachtens nur von der sonst zu offensichtlichen Gleichzeitigkeit seines Davos-Aufenthaltes mit Joyces Feldkirch-Aufenthalt ablenken soll, sein Joyce-Märchen erneut auf: „Zu erwähnen wäre noch aus jener Zeit, […] aus meiner Gymnasialepoche, dass ich 1932 in einer obskuren Schenke meiner Vaterstadt James Joyce kennenlernte, ohne damals ein Wort von ihm gelesen zu haben. Ich holte dies dann später nach.“[33]

Das Problem der widersprüchlichen Angaben über Datierung und Dauer des Davos-Aufenthaltes wird 1995 von Ulrike Längle auf ihre Art gelöst: Als Herausgeberin des damals veröffentlichten Bandes „Auf dem Nebengeleise“ veranschlagt sie in ihrem Nachwort den Davos-Aufenthalt mit einem dreiviertel Jahr[34] und davon abweichend in der Literaturzeitschrift „Allmende“ mit einem ganzen Jahr: „humanistisches Gymnasium in Feldkirch, unterbrochen durch einen einjährigen Aufenthalt in einem Davoser Lungensanatorium, 1932 Bekanntschaft mit James Joyce in Feldkirch, von dem er damals noch nichts gelesen hatte“.[35]

Sie bleibt diesen ungeprüften Behauptungen auch im Rahmen ihres 1997 in der „Neuen Zürcher Zeitung“ veröffentlichten Nachrufes treu: Riccabona „verbrachte in Zauberbergmanier ein Jahr in einem Schweizer Lungensanatorium, trank als Gymnasiast in der Schwemme des Hotels Löwen mit James Joyce Bier“.[36]

Dabei hätte sich die Vieles entscheidende Frage, wie lange Riccabonas Behandlung in Davos gedauert hat, schon längst durch seine Davoser Korrespondenz, die Aufzeichnungen des Bundesgymnasiums Feldkirch sowie die Akten der „Deutschen Heilstätte“ beantworten lassen.

Diese drei lange vernachlässigten Quellen ermöglichen die Beurteilung von drei wesentlichen Sachverhalten: 1.) die verbindliche Datierung von Riccabonas Davos-Aufenthalt, 2.) die Klärung der damit verbundenen Frage, ob er den damals in Feldkirch lebenden Joyce überhaupt kennengelernt haben kann, sowie 3.) Riccabonas in Zweifel geratene Glaubwürdigkeit als Zeit- und Augenzeuge.

Das Ergebnis ist eindeutig: 1.) Der Davos-Aufenthalt dauerte entgegen seinen eigenen Angaben nicht acht Monate oder ein Jahr, sondern von 9. Juli bis 29. Oktober 1932. 2.) Die von ihm beschriebenen Begegnungen mit Joyce waren aus gesundheitlichen und räumlichen Gründen unmöglich. Beides beweist, 3.), dass Riccabonas als Zeit- und Augenzeuge unglaubwürdig ist.

Dank seiner Davoser Korrespondenz, Postkarten und Briefe, die er am 11.7.1932, 13.7.1932, 20.7.1932, 27.7.1932, 23.8.1932, 27.8.1932, 31.8.1932 und 7.9.1932 seiner Mutter geschrieben hat, konnte ich zuerst nachweisen, dass er zumindest von Anfang Juli bis Mitte September in Davos in stationärer ärztlicher Behandlung war.

Eine etwas genauere Datierung des Davos-Aufenthaltes erlaubten anschließend die Aufzeichnungen des Bundesgymnasiums Feldkirch, in dessen Katalogen Siegfried Bertsch auf meine Bitte hin eigens nachgesehen hat, ob Riccabonas Schulabwesenheiten vermerkt sind. Die Nachschau hat sowohl für das Sommersemester 1932 als auch für das Wintersemester 1932/33 hohe Fehlstundenzahlen ergeben, die durch Riccabonas Krankheit bedingt waren: Im zweiten Semester des Schuljahres 1931/32, das am 9. Juli 1932 schloss, hatte er als Schüler der sechsten Klasse 190 Fehlstunden. Im ersten Semester 1932/33, das für jene Schüler, die nicht zu Wiederholungs- und Nachtragsprüfungen antreten mussten, am 21. September 1932 begann, hatte er als Schüler der siebten Klasse weitere 191 Fehlstunden, was bei rund 33 Wochenschulstunden jeweils knapp sechs Wochen Abwesenheit vom Unterricht ausmacht.

Diese Fehlzeiten sind somit einerseits vom 9. Juli 1932 zurück- und andererseits zum 21. September 1932 hinzuzurechnen, was bedeutet, dass Riccabona ungefähr von Anfang Juni bis Anfang November krankheitsbedingt in der Schule gefehlt hat. Die Aufzeichnungen des Feldkircher Gymnasiums belegen somit, dass sein Davoser Aufenthalt höchstens bis Ende Oktober 1932 gedauert hat, was mit Riccabonas Davoser Korrespondenz übereinstimmt, in der er befürchtet, dass seine ursprünglich mit Anfang Oktober befristete Behandlung verlängert werden könnte, was auch der Fall war, wie die Aufzeichnungen der „Deutschen Heilstätte“ bestätigen. Sie dokumentieren, dass er von 9. Juli bis 29. Oktober 1932 ohne Unterbrechung in Davos in stationärer Behandlung war: „Schaut man die Summe der Verpflegungstage an, muss davon ausgegangen werden, dass Herr Max Riccabona die Klinik in der genannten Zeit nicht verlassen hat.“[37] Diese Formulierung bedeutet selbstverständlich nicht, dass Riccabona rund um die Uhr in der Klinik war. Sie hält aber fest, dass der 17-jährige Schüler im genannten Zeitraum sämtliche Nächte in der Klinik verbracht hat.

Diese tagesgenaue Datierung stützt meine Annahme, dass Riccabona wegen seiner Lungenerkrankung und seines rund vier Monate dauernden Davos-Aufenthaltes im Sommer 1932 weder die von ihm berichteten Sauftouren noch die damit verbundene persönliche Bekanntschaft mit Joyce machen konnte.

Während jener drei Wochen, die Joyce in Feldkirch verbrachte, war Riccabona in stationärer ärztlicher Behandlung in Davos, weshalb er die von ihm erwähnten Feldkircher Sauftouren nur unternehmen hätte können, wenn es seine Gesundheit, die behandelnden Ärzte und seine Eltern, die damals mit seiner Schwester in Südtirol urlaubten, erlaubt hätten. Drei Voraussetzungen, die damals nicht gegeben waren.

Zwar schreibt Riccabona schon zwei Tage nach seiner stationären Aufnahme in der „Deutschen Heilstätte“, er hoffe, dass es seinen Eltern auch so gut gehe, wie ihm selbst, doch war sein Gesundheitszustand – von dieser am 11. Juli 1932 verfassten Selbsteinschätzung abweichend – noch im Hoch- und Spätsommer so, dass seine Eltern und Ärzte entschieden haben, ihn trotz Schulbeginns (21. September 1932) bis Ende Oktober 1932 in stationärer ärztlicher Behandlung in Davos zu lassen.

Die Davoser Korrespondenz, in der übrigens weder Vilas noch der schottische Oberst, geschweige denn die angebliche Begegnung mit Joyce erwähnt werden, obwohl Riccabona von letzterer unauslöschliche Eindrücke empfangen haben will, lässt meines Erachtens keinen Zweifel, dass ihm einerseits seine Eltern nicht erlaubt hätten, allein nach Feldkirch zu fahren und dort zu bleiben, und er andererseits auch gesundheitlich nicht in der Verfassung war, in Feldkirch Zechtouren zu unternehmen.

Dokumente, Fakten und Indizien sprechen eindeutig dagegen, dass Riccabona Joyce in Feldkirch gesehen, geschweige denn persönlich kennengelernt haben kann. Für mich besteht somit kein Zweifel mehr, dass er die von ihm oft und gerne ins Treffen geführte Feldkircher Begegnung mit Joyce frei erfunden hat, weshalb sie getrost als Münchhausiade betrachtet werden kann.

Umso mehr, als nach der Veröffentlichung meines „Miromente“-Beitrages[38] ein Mitglied aus Riccabonas engstem Familienkreis in der „Miromente“-Redaktion angerufen und den Wunsch geäußert hat, sich mir gegenüber zu meinem Artikel zu äußern. Im Rahmen meines Rückrufes habe ich erfahren, dass Riccabonas Onkel Perlhefter die Joyce-Erfindung seines Neffen „immer mit einer Mischung aus Ärger und Amüsement aufgenommen“ habe: Perlhefters Erwähnung, dass er Joyce 1932 im Feldkircher „Gasthaus Dörler“ gesehen habe, animierte Riccabona, selbst in die Rolle des Beobachters zu schlüpfen, die Begegnung aufzubauschen und das „Gasthaus Dörler“ durch die Löwenschwemme zu ersetzen.[39]

Dank dieser von unerwarteter Seite kommenden Bestätigung meines Forschungsergebnisses ist gesichert, dass Riccabona zuerst durch seinen Onkel von Joyces Feldkirch-Aufenthalt erfahren hat. Anschließend hat er seine biografischen Erfindungen angehängt, um sich interessanter zu machen und als vermeintlicher Augen- und Zeitzeuge jene Aufmerksamkeit und Bedeutung zu erlangen, die ihm ohne diese Münchhausiaden verwehrt geblieben wären: „Wie Sie (aus den „Protokollen“) wissen, hatte ich das Glück 1932 als Gymnasiast Joyce kennenzulernen. Als ich dies nun eines Tages etwa vielleicht einen Monat vor seinem Ableben Roth erzählte, sagte er zu mir: ‚Lieber Herr v. R. Sie werden sicher ein sehr kunstsinniger und ausgezeichneter Kanzler oder Minister, aber nie in ihrem Leben ein Dichter, genau so wenig wie James Joyce ein großer Poet ist‘.“[40]

Riccabonas strategische Behauptung, dass er schon Roth von seiner persönlichen Bekanntschaft mit Joyce erzählt habe, provoziert die naheliegende Frage, wieso er während des zwei Monate dauernden[41] Paris-Aufenthaltes Joyce nicht einmal nach Roths Tod besucht hat?

Die angebliche Begegnung mit Joyce ist übrigens kein Einzelfall: In einem weiteren erfundenen Augenzeugenbericht lanciert Riccabona ein Treffen zwischen Stefan Zweig und Joseph Roth, das laut seinen Angaben im April bzw. Mai 1939 in Paris stattgefunden haben müsste, das es aber gleichfalls nicht gegeben hat: „Ich erinnere mich an einen kurzen Besuch Stefan Zweigs, welcher sagte: ‚Ja, wenn ich so gut schreiben könnte wie Du.‘ Er gab die dichterische Überlegenheit Roths vor allen am Tisch Anwesenden offen zu.“[42]

Der damals im Londoner Exil lebende Zweig, schrieb am 7. Mai 1939 an Hermann Broch, dass eben „der neue Joyce erschienen“[43] ist. – Just zu der Zeit, als Joyce wegen der Veröffentlichung seines Romans „Finnegans Wake“ weltweit in den Medien war, verbrachte Riccabona zwei Monate in Paris, ohne den angeblich mit ihm bekannten und von ihm verehrten Joyce zu besuchen.

Alles in allem bestätigt Riccabonas vorgeblicher Augen- und Zeitzeugenbericht eindrücklich die Sinnhaftigkeit jenes warnenden Rates, den Hugh Kenner der biografischen Joyce-Forschung nach Ellmann erteilt hat: „besonders heikel ist, Zeugen lang vergangener Ereignisse wissen nun, dank Ellmann, an was sie sich zu erinnern haben.“[44]

Postskriptum: „Handkes Onkel“, ein Kuckucksei

Mitte März 2012 ist Ulrike Längles Polemik „‘Handkes Onkel‘. Warum Max Riccabona James Joyce vielleicht doch getroffen hat“[45] erschienen, mit der sie den Eindruck erwecken möchte, es ginge ihr nur darum, bescheiden anzumerken, dass zwar die Wahrscheinlichkeit für die Richtigkeit meines obigen Forschungsergebnisses spreche, aber doch ein kleiner Restzweifel bleibe, den sie allerdings so unverhältnismäßig aufbauscht, dass oberflächliche Leser mitunter die Richtigkeit meines Forschungsergebnisses aus den Augen verlieren, dass Riccabonas Behauptung nicht Faktum, sondern Fiktion ist.

"Im Nachlass habe ich keine weiteren Hinweise gefunden. Ihre Frage habe ich aber an Herrn Handke, den Neffen Max Riccabonas weitergeleitet. Er kennt sich sehr gut aus, was Verwandtschaftsbeziehungen seiner Familie angeht. Sobald ich Antwort von ihm bekomme, melde ich mich wieder bei Ihnen."Mit „Handkes Onkel“, den Längle zwar im Titel erwähnt, aber erst in ihrem Postskriptum erklärt, spielt sie auf eine E-Mail[46] des „Brenner Archives“ an, die den Familiennamen von Riccabonas Neffen Gottfried Hanke als Handke angibt. Schadenfroh schlachtet Längle das Hanke/Handke-Versehen im Titel und Postskriptum ihrer Erwiderung in der Absicht aus, mich damit öffentlich bloßzustellen, obgleich der Tippfehler nachweislich nicht von mir stammt und er für die Klärung der wesentlichen Frage, ob Riccabona Joyce in Feldkirch getroffen haben kann, belanglos ist.

Obwohl sämtliche Fakten gegen Riccabonas Treffen mit Joyce sprechen und inzwischen sogar Mitglieder aus Riccabonas engstem Verwandtenkreis mein Forschungsergebnis bestätigt haben, dass er diese Begegnung frei erfunden hat, spekuliert Längle weiterhin, dass vielleicht doch eine einzige Kurzbegegnung im Rahmen eines Tagesausfluges erfolgt sein könnte, wobei sie aber nicht erklären kann, wie diese zustande gekommen sein sollte: „Falls dieser Ausflug stattgefunden und nach Feldkirch geführt hat, hätte Max Riccabona Joyce treffen können, wenn auch das Treffen nicht sehr lange gedauert haben kann. Zumindest denkbar ist, dass Riccabona in der Löwenschwemme eingekehrt ist und dabei Joyce gesehen hat. Man fragt sich natürlich, woher er überhaupt wusste, wie Joyce aussah. Vielleicht hat ihn jemand anders auf den Dichter aufmerksam gemacht, aber das sind Spekulationen.“[47]

Das Lesepublikum erwartet allerdings keine Spekulationen, sondern Argumente „Warum Max Riccabona James Joyce vielleicht doch getroffen hat“. „Vielleicht“ ist eine zu schwache Basis für eine Erwiderung, die so polemisch formuliert ist wie die Längles.

Von persönlichen Untergriffen, mutwilligen Missverständnissen und unterstellten Widersprüchen abgesehen basiert ihre Erwiderung vor allem auf Riccabonas Zeit- und Augenzeugenschaft, die allerdings fraglich ist, da erwiesen ist, dass er selbst autobiografische Fakten frei gehandhabt und nach Belieben ausgeschmückt, erfunden, übertrieben oder verschwiegen hat.

Berichten zufolge war Riccabona ein liebenswürdiger Aufschneider, der als origineller Gesprächspartner mit hohem Unterhaltungswert geschätzt wurde. Er war zweifellos beredt, belesen und interessant. Diese Qualitäten ändern aber nichts daran, dass er seit Mai 1967 teilentmündigt war und seine vermeintlich autobiografischen Berichte oft frei aus der Luft gegriffen sind.

Es ist daher ratsam, sämtliche autobiografischen Details, die er von sich gegeben hat, erst einmal auf ihre Plausibilität, Stringenz und Tragfähigkeit zu prüfen: Sei es etwa seine Behauptung, dass er Joseph Roth kurz vor dessen Tod die Nottaufe gespendet habe[48] oder „mit knapp vierundzwanzig Jahren als Vizeaußenminister einer der vielen geplanten österreichischen Exilregierungen vorgeschlagen“ wurde.[49]

Petra Nachbaur hat 2001 klargestellt, dass Riccabona „weder ‚von‘ noch Graf“[50] war, als welcher er sich 1939 Joseph Roth und dessen Pariser Freundes- und Bekanntenkreis vorgestellt hat.[51] Sie erwähnt, dass Riccabonas Behauptung, dass er „Offizier bei der deutschen Abwehr“[52] gewesen wäre, erfunden ist: „‘Offizier war Riccabona nie“[53] und hinterfragt auch seine legendäre Geheimdiensttätigkeit: „Riccabona spricht im Nachhinein von seinem Frankreichaufenthalt als gezieltem Einsatz ‚als geheimer Kurier für eine tyrolisch monarchistische Widerstandsbewegung‘, diese Gruppe ist allerdings in den einschlägigen Archiven und Publikationen nicht dokumentiert.“[54]

Zudem hat Nachbaur dargelegt, dass Riccabona den Zeitraum seiner kurzen Bekanntschaft mit Joseph Roth im Lauf der Zeit verdoppelt und verdreifacht hat: „Max Riccabona ist am 11. April [1939] in Paris angekommen. Am 27. Mai ist Joseph Roth gestorben, die Bekanntschaft beschränkt sich also auf eineinhalb Monate. In Briefen an [David] Bronsen und Ingeborg Sültemeyer versuchte Riccabona, diese Zeitspanne als länger darzustellen, wohl um sich mehr Glaubwürdigkeit zu verleihen. Anfang März, heißt es bei ihm, gelegentlich sogar Anfang Februar sei er schon nach Paris gekommen. Soma Morgensterns Erinnerungen hingegen, der schreibt, dass Riccabona erst seit ein paar Wochen in der Stadt war, treffen wohl zu. Riccabona äußert in Briefen aus den sechziger Jahren sogar, gemeinsam mit Friederike Zweig als Nachlassverwalter von Joseph Roth vorgesehen gewesen zu sein.“[55]

Joyces angebliche Löwenschwemme-Nennung in „Finnegans Wake“

Unter Berufung auf Barbara Lamans Notiz „Noch mehr Feldkirch Anspielungen in James Joyces Finnegans Wake“[56] behauptet Längle, dass Joyce selbst bestätige, „dass er in der Löwenschwemme verkehrte“:[57] „And daunt you logh if his vineshanky’s schwemmy!” (Finnegans Wake 229,4), wobei laut Lamans Interpretation schon drei Zeilen früher durch den Satz „Wild primates not stop him frem at rearing a writing in handy antics“ (Finnegans Wake 229,1-2) ersichtlich würde, dass Joyce „auch in der Löwenschwemme in sein Notizbuch und auf seine Zettel gekritzelt“[58] habe.

Lamans Verbindung zwischen Löwenschwemme und „vineshanky’s schwemmy“ ist fraglich, weil die vermeintliche Anspielung auf Joyces Löwenschwemme-Mitschrift in der im Februar 1933 in „transition“ veröffentlichten Version des „Mime“-Kapitels noch gar nicht zu lesen ist. Dort endet der erwähnte Satz schon nach dem Wort „him“: „Wild primates not stop him. Nom de plume. Gout strap Fenlanns!“[59] Die spätere Fortsetzung („frem at rearing a writing in handy antics“), welche für die hypothetische Löwenschwemme-Bezugnahme herangezogen wird, ist in „transition“ (Nr.22) noch gar nicht enthalten.

In ihrer Notiz hat Laman Riccabonas Artikel „Epiphanien in der Löwenschwemme“ nicht eigens erwähnt, obwohl ihre Interpretation deutlich davon beeinflusst wurde. Laman, die in Feldkirch aufgewachsen ist und ihren Ph.D in Miami gemacht hat, hat mir 2004 geschrieben, dass sie „vor Jahren einmal mit Riccabona über Joyce gesprochen“[60] habe, weshalb ich vermute, dass sie die in Riccabonas Brief an Fritz Senn erwähnte „U.S. Universitäts-Assistentin“[61] ist.

Laman führt vier Zitate aus dem „Mime“-Kapitel an, die jedoch als Feldkirch-Anspielungen teils beliebig, teils wenig plausibel, teils verfehlt sind, da sie die Entstehungsgeschichte des Kapitels missachtet, indem sie den Feldkirch-Spuren nicht in der im Februar 1933 in „transition“ (Nr.22) veröffentlichten Kapitelversion oder in der im Juni 1934 erfolgten Separat-Veröffentlichung des „The Mime of Mick, Nick and the Maggies“ genannten Kapitels nachspürt, sondern für Ihre Deutung die 1939 in „Finnegans Wake“ veröffentlichte Kapitelversion heranzieht.

In Unkenntnis der Entstehungsgeschichte dieses „Finnegans Wake“-Kapitels führt Laman vermeintliche Feldkirch-Anspielungen an, die Joyce teils lange vor seinem Feldkirch-Aufenthalt geschrieben hat: So ist „Seek hells“ (Finnegans Wake 228,6) beispielsweise seit 1931 im „Mime“-Kapitel zu lesen gewesen.[62]

Mit ihrer „Gout strap Fenlanns!“‑ und „Seek hells“-Zuschreibung ignoriert auch Laman, dass Joyce von Mitte 1915 bis Ende 1919 im deutschsprachigen Zürich gelebt hat und dort zwischen 1928 und 1932 immer wieder auf Besuch war, weshalb viel dafür spricht, dass er sich die Mehrzahl der in „Finnegans Wake“ vorkommenden Deutsch anmutenden Wörter in Zürich angeeignet, aber nur einige wenige aus Feldkirch mitgebracht hat.

Davon abgesehen enthält „The Mime of Mick, Nick and the Maggies“ vermutlich allein aus dem Grund wenig Feldkirch-Anspielungen, da Joyce die dort geschriebene Kapitelfassung im November 1932 in einem Pariser Taxi vergessen hat, weshalb er dieses Kapitel anhand seiner Notizen sowie aus dem Gedächtnis neu formulieren musste, bevor es im Februar 1933 in Jolasʼ Zeitschrift „transition“ erschienen ist.

„James Joyce in Vorarlberg“ (1972), eine frühere Fassung der „Epiphanien“ (1977)

Längles Einwand, dass die Urfassung der 1977 in den „Protokollen“ veröffentlichten „Epiphanien“ aus dem Jahr 1972 stammt, ändert nichts an der Richtigkeit meiner Feststellung, dass Riccabona Text zeitlich mit der deutschsprachigen Joyce-Renaissance verbunden ist, die durch die „Frankfurter Ausgabe“ (1969ff.) ausgelöst wurde, von der 1972 schon mehrere Bände vorlagen. Die damals veröffentlichten Briefbände veranlassten etwa den Salzburger Germanisten Adolf Haslinger zu seinem Beitrag „James Joyce und Salzburg“[63], der Joyces Aufenthalte in Feldkirch, Innsbruck und Salzburg erstmals gemeinsam thematisiert hat.

Veröffentlicht wurde die überarbeitete Version von Riccabonas Text jedenfalls erst 1977, nachdem Hans Wollschlägers im Rahmen der Frankfurter Ausgabe erfolgte Neuübersetzung des „Ulysses“ das mediale, öffentliche und wissenschaftliche Interesse an Joyces Leben und Werk massiv gesteigert hatte.

Riccabona beteuert in seiner frühen Artikelfassung, die einige Informationen enthält, die in der späteren fehlen, dass es möglicherweise Hermann Vilas war, der ihn mit Joyce bekannt gemacht habe. Im Unterschied zur späteren Version wird Vilas noch ohne jenen schottischen Oberst erwähnt, der laut Riccabona in Feldkirch als versoffenes Original bekannt gewesen sein soll. Zusätzlich erwähnt er, dass Vilas im Zweiten Weltkrieg in Norwegen betrunken in einem Fjord ertrunken wäre, was stimmen kann, aber nicht stimmen muss, weshalb man sich in Kenntnis von Riccabonas zweifelhafter Glaubwürdigkeit so lange vor der Übernahme seiner fragwürdigen Überlieferungen und Wertungen hüten muss, als ihre Bestätigung fehlt.

Im Zusammenhang mit Rosa Debela, der „dicken Rosl aus München“, behauptet er in der Urfassung, dass damals gerade eine Abnormitätenschau in Feldkirch war, wobei die Formulierung deutlicher als in der späteren Fassung nahelegt, dass er damit gerade den Zeitraum meint, als Joyce in Feldkirch war.[64]

Vor dem Hintergrund, dass Riccabona die dicke Rosl im zeitlichen Zusammenhang mit Joyces Besuch in der Löwenschwemme erwähnt,[65] ist es meines Erachtens auch bei der Interpretation der 1977er Textfassung legitim, sein „damalig“ und „damals“ als Sommer 1932 aufzulösen. Längle macht es sich zu leicht, wenn sie ihre angebliche Widerlegung bloß mit der Erklärung begründet, dass „damals“ nicht 1932 bedeute, sondern „auch mit 'in den frühen dreißiger Jahren'“[66] umschrieben werden könne. Damit erspart sie sich zwar die Mühe, das genaue Jahr eines allfälligen Feldkirchaufenthaltes von Rosa Debela durch Dokumente (etwa ihre Feldkircher Meldebestätigung) zu belegen, überzeugend wirkt ihre Vorgangsweise aber nicht.

Auch die von Längle angegebenen „frühen dreißiger Jahre“[66] bieten wenig Spielraum, dass Riccabona Rosa Debela in Feldkirch gesehen habe(n könnte), da sie 1930 in Griechenland, in der Türkei und in Wien aufgetreten ist, aber schon im Dezember 1930 in Prag tödlich erkrankt und Mitte Jänner 1931 in Bayern verstorben ist.[67]

Meine Recherche nach Anna Schmidts allfälligen Aufenthalten in Vorarlberg brachte ans Licht, dass sie Ende 1928 in Bregenz war: Der Vorarlberger Maler Rudolf Wacker, der als einer „der bedeutendsten österreichischen Vertreter der Neuen Sachlichkeit und des Expressionismus“ gilt, berichtet in seinem Tagebuch, dass die Dicke Rosl aus München damals in Bregenz aufgetreten und ihm eigens Modell gestanden ist: „Eine 'Dicke' war da. Die 540 Pfund schwere 'Rosl aus München'. - Ich habe immer noch das alte Interesse. Eine fiebernde Lust solch Weib zu zeichnen.“

In einer Anmerkung ergänzt Rudolf Sagmeister als Herausgeber von Wackers Tagebüchern folgende Zusatzinformationen: „In Wackers 'Sex'-Mappe findet sich eine Photographie: 'Die dicke Rosl 540 Pfund'. Auf der Rückseite von Wacker beschriftet: 'Bregenz, 30. Nov[em]b[er] [19]28. Plakat: Die dicke Rosl aus München, 540 Pfund schwer, das muß man sehn auf 2 Sesseln sitzt sie in 2 Betten schläft sie der Liebling aller Damen, Herren und Kinder!'“

Wacker, dessen Werke von Riccabonas Onkel Max Perlhefter gesammelt wurden, war in den 1920er und 1930er Jahren nachweislich auch öfters bei Max Riccabonas Eltern in Feldkirch zu Besuch.

Dank der tagesgenauen Datierung von Riccabonas Aufenthalt in Davos ist es für die Beantwortung der Frage, ob er Joyce in Feldkirch getroffen habe(n kann), inzwischen nachrangig geworden, ob die dicke Rosl „in den frühen dreißiger Jahren“[66] in der Löwenschwemme gewesen sei. Allerdings war es unter anderem Riccabonas Erwähnung der dicken Rosl die begründete Zweifel an der Glaubwürdigkeit seiner Augenzeugenschaft und damit meine biografischen Nachforschungen angeregt hat, die seine biografischen Erfindungen offen gelegt haben.

Längles haltlose Erwiderung ändert nichts an der Tatsache, dass deutlich mehr und bessere Argumente gegen ihre titelgebende Spekulation, dass „Riccabona James Joyce vielleicht doch getroffen hat“, sprechen als dafür. Was sie über den beabsichtigten Autoausflug mit dem hypothetischen Ziel Feldkirch schreibt, der ihr zufolge eine kurze Begegnung zwischen Riccabona und Joyce in der Löwenschwemme ermöglicht haben könnte, wird weder durch Dokumente, Fakten oder Zeitzeugen belegt.

Vielmehr sprechen Riccabonas Beschreibungen, wie sein Treffen mit Joyce zustande gekommen und abgelaufen sei, gegen Längles Annahme, dass er Joyce anlässlich eines kurzen Autoausfluges nach Feldkirch getroffen habe. Schließlich stimmen die damit verbundenen Rahmenbedingungen (Riccabonas Löwenschwemme-Begleitung wäre ein Arzt und mehrere Davoser Patienten) nicht mit jenen überein, die er in den zahlreichen Berichten über seine Treffen mit Joyce angibt: Dort vermutet er, dass ihn der Tiroler Hermann Vilas mit Joyce bekannt gemacht habe.

Längle verschweigt zudem, dass Riccabona immer wieder erwähnt hat, dass er Joyce mehrmals getroffen hätte: „Als trinkfreudiger Studiosus am humanistischen Gymnasium in Feldkirch traf ich öfters mit ihm in der Löwenschwemme in der Neustadt zusammen“[68] und zudem beteuert hat, dass ihn Joyce auf sein Hotelzimmer mitgenommen hätte, wo ihm dieser auf einem Koffergrammophon Claudio Monteverdis „L‘incoronazione di Poppea“ vorgespielt hätte.[69]

Längle begnügt sich in ihrer Erwiderung mit der bloßen Spekulation, dass Riccabona Joyce vielleicht doch getroffen haben könnte, falls der geplante Autoausflug stattgefunden hätte, dieser nach Feldkirch geführt hätte, Riccabona in der Löwenschwemme eingekehrt und dabei mit Joyce ins Gespräch gekommen wäre, den und dessen Werk er weder kannte noch in der Davoser Korrespondenz erwähnt.

Ich vermute, dass der geplante Autoausflug, der laut Riccabonas Brief vom 31. August 1932 (Mittwoch), irgendwann zwischen 1. (Donnerstag) und 4. September (Sonntag) stattfinden hätte sollen, abgesagt wurde – trotz Riccabonas flehentlicher Bitte, die Längle ausgiebig zitiert: „Wegen der Autofahrt hat Onkel gesagt er schickt diese Woche Engelbert herauf und er schreibt mir auf einen Zettel, wie wir fahren sollen – Übrigens kannst Du Vater zur Beruhigung sagen, dass ein Lungenarzt mitfährt, der Oberarzt einer grossen Heilstätte im Harz ist, also kann man denken, dass er weiss, was sich gehört. Also kannst Du auch in dieser Beziehung beruhigt sein. Und schreibe bitte, bitte Onkel nicht ab, da ich mich jetzt danach schon eingerichtet habe und die Herren, denen ichs gesagt habe, mit Recht beleidigt wären. Übrigens brauche ich für die Verpflegung des Chauffeurs keinen Knopf zu zahlen und wahrscheinlich für Mittagessen ebenfalls nicht. Nun bist Du also auch über diese Sache im Bilde.“[70]

In seiner nächsten Postkarte vom 7. September 1932 (Mittwoch) erwähnt Riccabona zwar den gemeinsamen Besuch von Onkel Perlhefter und dessen Braut in Davos, verliert aber kein einziges Wort über den eine Woche zuvor thematisierten Autoausflug. Auch aus diesem Grund nehme ich an, dass Längles Spekulation, eines Feldkirch-Ausfluges, der Riccabona ein äußerst flüchtiges Treffen mit Joyce ermöglicht hätte, haltlos ist.

Die Sorgfalt, mit der ich das Für und Wider des allfälligen Tagesausfluges einzig aus dem Grund abgewogen habe, weil in Riccabonas Davoser Korrespondenz erwähnt wird, dass der Chauffeur der Perlhefters wegen eines geplanten, nicht näher benannten Autoausfluges nach Davos komme, wurde mir von Längle als Widerspruch angekreidet,[71] obwohl bzw. weil meine Abwägung zu dem eindeutigen Schluss geführt hat, dass selbst die hypothetische Autoausfahrt nach Feldkirch so unwahrscheinlich ist, dass sie keine ausreichende Stütze für ein flüchtiges Treffen mit Joyce ist.

Zudem hat Joyce damals nur abends Alkohol getrunken, weshalb er erst nach seinem Feldkircher Bahnhofsritual das erste Glas Wein konsumiert hat, was gegen 20 Uhr erfolgt ist, wie auch Riccabona unter Berufung auf Jolas‘ „My friend James Joyce“ mitteilt.[72] Wohl spätestens um diese Tageszeit hätte der 17-jährige stationäre Patient Riccabona die rund zwei Stunden dauernde Rückfahrt nach Davos antreten müssen, weshalb das Zustandekommen des Treffens auch aus diesem Grund unwahrscheinlich ist.

Als Alternative zu dem hypothetischen Autoausflug, der laut Längle „möglicherweise sogar nach Feldkirch geführt“[73] habe, regt sie abschließend an, Riccabonas Begegnung mit Joyce nicht als Tatsache, sondern als literarische Erfindung zu sehen: „Interessanter als Weigels Aufspüren von falschen oder vermeintlich falschen Aussagen wäre es, Riccabonas Beschäftigung mit James Joyce im Rahmen einer Rezeptionsgeschichte von Joyce in Österreich oder im deutschen Sprachraum zu untersuchen. Dann erschiene die Schilderung einer solchen Begegnung, und sei sie auch erfunden, als produktives und sogar geistreiches Element der Einschreibung in eine literarische Tradition und nicht als plumpe ‚Geschichtsfälschung‘.“[74]

Mit ihrem überraschendem Schluss, dass Riccabonas Begegnung mit Joyce nicht als Tatsache, sondern als literarische Fantasie gedeutet werden möge, bestätigt sie zu guter Letzt doch noch mein Forschungsergebnis. Folglich sollten seine biografischen Erfindungen ab sofort nicht mehr als Fakten überliefert werden, da es ein gravierender Unterschied ist, ob seine Münchhausiaden in seinen literarischen Texten oder in Biographien, Literaturlexika sowie historischen und literarhistorischen Studien als Tatsachen genannt werden, die sie nicht sind.

Erstmals amtlich verbürgte biografische Details zu Rosa Debela

Der Umstand, dass ich trotz intensivster Recherchen keine amtlichen Dokumente zur „dicken Rosl aus München“ finden konnte, führte zu dem Schluss, dass „Rosa Debela“ entgegen dem bisherigen Forschungsstand kein bürgerlicher Name, sondern ein Künstlername ist.
Nachdem ihr Name und Sterbealter fraglich, aber ihr Sterbetag verbürgt war, habe ich in den bayerischen Pfarrämtern nachgefragt, ob dort Mitte Jänner 1931 jemand verstorben ist bzw. begraben wurde, der mit der im Zeitungsnachruf beschriebenen „dicken Rosl“ identisch sein könnte. Freundlicherweise hat Frau Doris Rödel vom Evangelisch-Lutherischen Pfarramt Oberkotzau eigens in ihrem Freundes- und Bekanntenkreis nachgefragt und mir anschließend mitgeteilt, dass Rosa Debela amtlich Anna Schmidt hieß und vor Ort als ‚Riesendame‘ bekannt war: „Als sie in Oberkotzau verstarb, musste ihr Leichnam durch das Fenster nach draußen gebracht werden“, weshalb auch das Sterbebuch eigens vermerkt: „war über 400 Pfund schwer und bereiste als Schauobjekt ganz Europa.“

Dank dieser Informationen konnte ich schließlich auch noch das fehlende Geburtsdatum und den Geburtsort eruieren, womit meine Recherchen den bürgerlichen Namen, die Lebensdaten und das tatsächliche Sterbealter von Rosa Debela ans Licht gebracht haben: Sie hieß Anna Schmidt und wurde am 5. Mai 1897 in Oberkotzau geboren, wo sie am 13. Jänner 1931 im Alter von 33 Jahren verstorben ist. - Auf den Tag genau zehn Jahre vor James Joyce, dem sie das wissenschaftliche Interesse an ihrer Identität und ihren Lebensdaten verdankt.

Danksagung

Für Hinweise, Informationen und Dokumente danke ich: Siegfried Bertsch (Bundesgymnasium Feldkirch), Kurt Bracharz (Bregenz), Barbara Dobson (Sekretariat Geschäftsführung, Hochgebirgsklinik Davos), Paulus Ebner (Wien), Dagmar Ehspanner (Einwohnermeldeamt Oberkotzau, Bayern), Gottfried Hanke (Feldkirch), Helmuth Schönauer (Innsbruck), Barbara Hoiß (Forschungsinstitut Brenner-Archiv, Innsbruck), Betsy Jolas, Gerda Koller (Österreichische Nationalbibliothek), Heinz Lunzer (Wien), Britta Meierfrankenfeld (Stadtarchiv München), Wilhelm Meusburger (Vorarlberger Landesbibliothek), Ulrich Nachbaur (Vorarlberger Landesarchiv), Timothy Nelson (Dokumentationsbibliothek, Gemeinde Davos), Verena Perlhefter (Wien), Birgitt Pillmann (Städtische Bestattung, München), Beate Puchta (Stadtarchiv Hof, Bayern), Doris Rödel (Evangelisch-lutherisches Pfarramt Oberkotzau), Ulrich Sandholzer (Bundesgymnasium Feldkirch), Walter Schübler (Wien), Harald Stockhammer (Innsbruck), Helmut Swozilek (Vorarlberger Landesmuseum), Christoph Volaucnik (Stadtarchiv Feldkirch), Sandra Weiland (Städtische Friedhofsverwaltung, München) und Susanne Wernli (Rathausarchiv, Gemeinde Davos) herzlich.

Zur Person: Andreas Weigel

Geboren 1961 in Bludenz, aufgewachsen in Feldkirch, maturierte an der Höheren Bundeslehr- und Versuchsanstalt für chemische Industrie in Wien, studierte anschließend Germanistik und Theaterwissenschaft an der Universität Wien (Mag. phil, Dr. phil.), ist Autor einer zweibändigen Monografie über Hans Wollschlägers Roman „Herzgewächse oder Der Fall Adams“. Zwischen 1991 und 2008 Kultur-, Medien- und Pressereferent. Seit 2008 freier Literaturwissenschaftler mit dem Forschungsschwerpunkt „James Joyce: Austria(n) matters in his life, letters and works“. Autor zahlreicher Beiträge für den ORF-Hörfunk, Zeitungen, Zeitschriften und Literaturjahrbücher. Stipendiat der „Freunde der Zürcher James Joyce Stiftung“ (Mai 2010).

Anmerkungen

... Bei jedem lebenden Auftritt erzählt Riccabona mindestens viermal, dass er einmal James Joyce getroffen habe. Auch in der Biographie des Ungetüms ist neben der Geburt die Begegnung mit Joyce das wichtigste Ereignis.[0]

[0] Helmuth Schönauer: Nackte Normalsauen. Max Riccabonas Poetatastrophen für UFO-Leser. In: Gegenwart. Nr 20. 1994. Seite 48-49.

[1] Ulrike Längle: Max Riccabona – ein erratischer Block in der Literaturlandschaft Vorarlberg. In: Johann Holzner und Barbara Hoiß (Hrsg.): Max Riccabona. Bohemien – Schriftsteller – Zeitzeuge. Innsbruck 2006 (= Edition Brenner-Forum, Band 4). S.51-83. S.63.

[2] Petra Nachbaur: Tischgespräch übern Atlantik? Soma Morgenstern und Max Riccabona – zwei Briefe. In: Exil. Forschung. Erkenntnisse. Ergebnisse. Nr.2 (2001). S.74-81. S.77.

[3] Ulrike Längle: Max Riccabona – ein erratischer Block (wie Anmerkung 1). S.63.

[4] Kurt Bracharz: metasuperMAXimal. In: Kultur. Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft. Nr.7 (1989). S.7.

[5] Kurt Bracharz: „… in seinem Kern nicht so gewaltig.“ In: Miromente. Nr.7 (2007). S.15-17. S.16.

[6] Eugene Jolas: James Joyce. In: Marc Dachy (Ed.): James Joyce. The complete recordings. Sub Rosa (Aural Documents SR 60). p.25-113. p.55.

[7] Max Riccabona: Epiphanien in der Löwenschwemme. James Joyce in Vorarlberg. In: Protokolle. Wiener Halbjahresschrift für Literatur, bildende Kunst und Musik (1977). Heft 1. S.133-141. S.138f.

[8] Der Tod der „dicken Rosl“. In: „Illustrierte Kronen-Zeitung“ vom 16. Jänner 1931. S.5.

[9] Max Riccabona: Epiphanien in der Löwenschwemme (wie Anmerkung 7). S.138f.

[10] Max Riccabona: Interview mit Günter Salzmann. In: Vorarlberger Nachrichten. 16. Juni 1981. S.22.

[11] Max Riccabona: Brief vom 30. Juni 1987 an Fritz Senn. Max Riccabona. Zwei Briefe an Fritz Senn. In: Montfort. Vierteljahreszeitschrift für Geschichte und Gegenwart Vorarlbergs. Heft 3/4 (1989). S.311-312. S.311.

[12] Max Riccabona: Epiphanien in der Löwenschwemme (wie Anmerkung 7). S.138.

[13] Barbara Hoiß: Auskunft von Max Riccabonas Neffen Gottfried Hanke. E-Mail. 5. Juli 2011.

[14] Ulrich Nachbaur (Vorarlberger Landesarchiv). E-Mail-Auskunft. 8. Juli 2011.

[15] Wilhelm Meusburger: Das Spinnennetz oder biographische Versuche zu Max Riccabona. In: Vorarlberger Landesmuseum: Max Riccabona. Vorarlberger Landesmuseum. Bregenz 21.6.-3.9.1989. S.23-25. S.23.

[16] Vorarlberger Landesarchiv: Clunia Feldkirch. Consenioratsbuch. Burschenconvent. 31.5.1933. S.39. E-Mail-Auskunft vom 8. Juli 2011 von Ulrich Nachbaur.

[17] Wilhelm Meusburger und Helmut Swozilek: Katalog. In: Vorarlberger Landesmuseum: Max Riccabona. Vorarlberger Landesmuseum. Bregenz 21.6.-3.9.1989. S.91-125. S.101.

[18] Max Riccabona: Epiphanien in der Löwenschwemme (wie Anmerkung 7). S.133.

[19] Christoph Volaucnik: E-Mail-Auskunft. 29. Juni 2011.

[20] Betsy Jolas: E-Mail-Auskunft. 5. August 2011.

[21] Max Riccabona: Epiphanien in der Löwenschwemme (wie Anmerkung 7). S.139.

[22] Max Riccabona: Brief vom 30. Juni 1987 an Fritz Senn (wie Anmerkung 11). S.312.

[23] Ebd.

[24] Wilhelm Meusburger: Das Spinnennetz (wie Anmerkung 15). S.25.

[25] Barbara Hoiß: E-Mail-Auskunft. 23. August 2011.

[26] James Joyce: Brief vom 26. Juni 1928 an Valery Larbaud. James Joyce: Frankfurter Ausgabe. Werke 6. Redaktion Klaus Reichert unter Mitwirkung von Fritz Senn. Briefe II. Herausgegeben von Richard Ellmann. Übersetzt von Kurt Heinrich Hansen. Suhrkamp 1970. S.1152f.

[27] Max Riccabona: Epiphanien in der Löwenschwemme (wie Anmerkung ). S.139.

[28] Ebd. S.134.

[29] Die Feldkircher Joyce-Würdigungen wurden im Herbst 1992 von mir initiiert, nachdem ich dank Ellmanns Joyce-Biografie von Joyces doppelter Feldkirch-Verbindung („‘Ulysses‘-Entscheidung“ im Jahr 1915, Sommeraufenthalt im Jahr 1932) erfahren hatte. Damals habe ich den Vorarlberger Landesfinanz- und Kulturreferenten Guntram Lins sowie den „Grünen Klub“ im Vorarlberger Landtag angeregt, dass Feldkirch durch Gedenktafeln und eine Straßenbenennung auf die besondere Verbindung mit Joyces Leben und Werk hinweise. In der Folge hat der „Kulturkreis Feldkirch“ 1994 in der Bahnhofshalle und beim Hotel Löwen Gedenktafeln montiert sowie dank der großzügigen finanziellen Unterstützung des Landeskulturreferates gemeinsam mit der „Zürcher James Joyce Stiftung“ ein Joyce-Symposion veranstaltet. Zehn Jahre später wurde anlässlich des 100. Bloomsdays die „Löwen-Passage“ in „James Joyce Passage“ umbenannt, wodurch die literarhistorische Sonderstellung der Montfort-Stadt nun auch im Stadtbild verankert ist.

[30] Andreas Weigel: Finnegans Weg zum Bahnhof. James Joyce in Feldkirch. In: „Kultur“. Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft. 9. Jahrgang. Nummer 5. Juni 1994. S.4f.

Andreas Weigel: Das Schicksal des „Ulysses“. James Joyce und Feldkirch, Vorarlberg. In: „Montfort. Vierteljahreszeitschrift für Geschichte und Gegenwart Vorarlbergs. 52. Jahrgang. Heft 3 (2000). S.289-301.

Andreas Weigel: Es war einmal vor langer Zeit in Vorarlberg. James Joyce und Feldkirch. In: Marieke Krajenbrink und Joachim Lerchenmüller (Hrsg.). Yearbook of the Centre for Irish-German Studies 2000/01. Trier: Wissenschaftlicher Verlag 2001. S.159-177.

Andreas Weigel: James Joyces Österreich-Aufenthalte. Innsbruck (1928), Salzburg (1928) und Feldkirch (1915, 1932). In: Michael Ritter (Hrsg.): praesent 2006. Das österreichische Literaturjahrbuch. Das literarische Geschehen in Österreich von Juli 2004 bis Juni 2005. S.93-105. Wien: präsens 2005.

[31] Max Riccabona: Auf dem Nebengeleise. Erinnerungen und Ausflüchte. Herausgegeben von Ulrike Längle. Haymon 1995. S.80.

[32] Max Riccabona: Ich wurde. Gehversuche zu mir selber. In: Protokolle. Wiener Halbjahresschrift für Literatur, bildende Kunst und Musik (1978). Heft 2. S.141-146. S.144f.

[33] Ebd. S.145.

[34] Riccabona „besuchte das Gymnasium in Feldkirch, wo er 1932 als Schüler die Bekanntschaft von James Joyce machte. Im Sommer desselben Jahres ging er für ein dreiviertel Jahr in das Sanatorium ‚Deutsche Heilstätte‘ in Davos, um eine Tbc auszukurieren“. – Ulrike Längle: Nachwort. In: Max Riccabona: Auf dem Nebengeleise (wie Anmerkung 31). S.107-111. S.107f.

[35] Ulrike Längle: „Ich bin ein Selbstbeobachter, der sich sozusagen unter dem Mikroskop analysiert“. Über den Schriftsteller Max Riccabona. In: Allmende. Nr.46/47 (1995). S.23-34. S.24.

[36] Ulrike Längle. Ritter ohne Furcht vor Tadel. Zum Tod des Dichters Max Riccabona. In: Neue Zürcher Zeitung. 8. Oktober 1997. S.47.

[37] Tagebuch über die Belegung der Deutschen Heilstätte Davos von 1932 bis 1937. E-Mail von Barbara Dobson (Hochgebirgsklinik Davos) an Ulrike Längle. 7. Februar 2012.

[38] Andreas Weigel: Max Riccabonas erfundene Begegnung mit James Joyce. Erforderliche Korrektur einer zweifelhaften Zeitzeugenschaft. In: „miromente“. Nr.25. September 2011. S.34-44.

[39] Auf die Frage, ob ich die Quelle namentlich nennen dürfe, wurde ich gebeten, diese als „engster Familienkreis“ zu umschreiben, obwohl die Aussage bei Bedarf selbstredend auch offiziell wiederholt werde.

[40] Max Riccabona: Kurzes Briefzitat für „Rückschau: 2 Jahre Freibord“. In: Freibord. Nr.9 (April 1978). S.3.

[41] Laut Petra Nachbaur ist Riccabona am 11. April 1939 in Paris angekommen. Seine Rückfahrkarte ist mit 12. Juni 1939 datiert: „am 23. Juni [1939] ist er, nach Aufenthalt bei seiner Familie, bereits wieder in Wien“. Petra Nachbaur: Tischgespräch übern Atlantik? (wie Anmerkung 2) S.77.

[42] Max Riccabona: „Alphonse, un Pernod sʼil vous plaît .“. Aus den letzten Tagen von Josef [sic!] Roth. In: St. Galler Tagblatt. Sonntag, 10. August 1969. Feuilleton. Sonntagsbeilage. Nr.370. S.7.

[43] Stefan Zweigs Brief vom 7. Mai 1939 an Hermann Broch. In: Stefan Zweig: Briefe an Freunde. Herausgegeben von Richard Friedenthal. Fischer 1984. S.294-297. S.296.

[44] Hugh Kenner: Ulysses. Aus dem Englischen von Claus Melchior und Harald Beck. Suhrkamp 1982. S.242.

[45] Ulrike Längle: „‘Handkes Onkel‘. Warum Max Riccabona James Joyce vielleicht doch getroffen hat. Eine Erwiderung auf Andreas Weigel“. In: miromente. Nr.27, März 2012, S.15-25.

[46] Barbara Hoiß: Max Riccabona: Nachname von Riccabonas Vetter Hermann v. V. E-Mail. 30. Juni 2011.

[47] Ulrike Längle: „‘Handkes Onkel‘“ (wie Anmerkung 45). S.20.

[48] Ulrike Längle: „Ich bin ein Selbstbeobachter …“ (wie Anmerkung 35). S.25.

[49] Ebd. S.25.

[50] Petra Nachbaur: Tischgespräch übern Atlantik? (wie Anmerkung) S.77.

[51] Soma Morgenstern: Brief vom 30. Dezember 1963 an Max Riccabona. Zitiert bei Petra Nachbaur: Tischgespräch übern Atlantik? (wie Anmerkung) S.74.

[52] Max Riccabona: Brief vom 21. November 1963 an Soma Morgenstern. Zitiert bei Petra Nachbaur. Tischgespräch übern Atlantik? (wie Anmerkung) S.74.

[53] Petra Nachbaur: Tischgespräch übern Atlantik? (wie Anmerkung) S.76.

[54] Ebd. S.76.

[55] Ebd. S.77.

[56] Barbara Laman: Noch mehr Feldkirch Anspielungen in Finnegans Wake. In: Montfort. Vierteljahresschrift für Geschichte und Kultur Vorarlbergs. 43 (1991). S.141.

[57] Ulrike Längle: „‘Handkes Onkel‘“ (wie Anmerkung 45). S.23.

[58] Barbara Laman: Noch mehr Feldkirch Anspielungen in Finnegans Wake (wie Anmerkung 56). S.141.

[59] James Joyce: Continuation of a Work in Progress. In: transition. An International Workshop for Orphic Creation. Edited by Eugene Jolas. No.22. February 1933. P.50-76. P.57.

[60] Barbara Laman: Joyce und Feldkirch. E-Mail. 6. Mai 2004.

[61] Max Riccabona: Brief von Ende September 1989 an Fritz Senn (wie Anmerkung 11). S.312.

[62] John Gordon: Joyce‘s Hitler. In: Michael Patrick Gillespie (Ed.): Joyce through the Ages. A Nonlinear View. University Press of Florida. 1999. P.179-198. P.189.

[63] Adolf Haslinger: James Joyce und Salzburg. In: Das Salzburger Jahr 1970-71. Eine Kulturchronik. S.34f.

[64] Max Riccabona: James Joyce in Vorarlberg. Typoskript. 5 Seiten. Kassette 10. Signatur 10.1.6. Nachlass Max Riccabona. Brenner-Archiv Innsbruck. S.4.

[65] Max Riccabona: Epiphanien in der Löwenschwemme (wie Anmerkung 7). S.138f.

[66] Ulrike Längle: „‘Handkes Onkel‘“ (wie Anmerkung 45). S.17.

[67] Der Tod der „dicken Rosl“ (wie Anmerkung 8). S.5.

[68] Max Riccabona: Interview mit Günter Salzmann (wie Anmerkung 10). S.22.

[69] Max Riccabona: Interview in: Rafaela Rudigier: „Zweifelhafte Zeitzeugenschaft“ - der Vorarlberger Autor Max Riccabona hat den berühmten Schriftsteller James Joyce nie getroffen. „Kultur nach 6“. ORF Vorarlberg. 3. November 2011. 18:03-19 Uhr. Beitrag: 18:39-18:47 Uhr.

[70] Max Riccabona: Brief vom 31. August 1932 an seine Mutter Anna Riccabona. Zitiert nach Ulrike Längle: „‘Handkes Onkel‘“ (wie Anmerkung 45). S.20.

[71] Ulrike Längle: „‘Handkes Onkel‘“ (wie Anmerkung 45). S.19.

[72] Max Riccabona: James Joyce in Vorarlberg (wie Anmerkung 64). S.4.

[73] Ulrike Längle: „‘Handkes Onkel‘“ (wie Anmerkung 45). S.20.

[74] Ebd. S.25.

Pressespiegel zu meinen Beiträgen über Max Riccabonas zustandsgebundene Begegnung mit James Joyce

  1. Max Riccabonas erfundene Begegnung mit James Joyce. Erforderliche Korrektur einer zweifelhaften Zeitzeugenschaft. In: "miromente". Nr.25. September 2011. S.34-44.

  2. Max Riccabonas "James Joyce"-Münchhausiaden. Berichtigung seiner zweifelhaften Zeitzeugenschaft. In: Rheticus. Schriftenreihe der Rheticus-Gesellschaft. Nr. 55 (2012). S.92-107.

  1. m.m.: Imaginäre Begegnung mit James Joyce: "Forscher Andreas Weigel zeigt, dass der Autor Max Riccabona den irischen Literaten nicht persönlich gekannt haben kann. Es gelang ihm nach akribischer Recherche die Behauptung als 'Münchhausiade' zu entlarven. ..." ("Die Presse.com" vom 15. September 2011 sowie "Die Presse" vom 16. September 2011. Feuilleton. S.34.)

  2. Sean Latham: An Encounter?: "... Mr. Weigel has discovered, however, that Riccabona was actually in Davos seeking medical treatment for a lung condition during the three weeks that Joyce was in Feldkirch. No word on whether the Joyce he allegedly met could 'shoot two eggs off two bottles at fifty yards over this shoulder.'" (James Joyce Quarterly: Raising the wind. September 15, 2011.)

  3. N.N.: Peter Wawerzinek liest im Literaturhaus: "... Peter Wawerzinek nimmt bei seinen Lesungen gerne regionale Bezüge auf, so begann er im Literaturhaus mit einer aktuellen Pressemeldung, die biografische Details des Feldkircher Schriftstellers Max Riccabona zum Thema machte, dessen Behauptung, er habe als Jugendlicher die Bekanntschaft des sich auf der Durchreise befindenden James Joyce gemacht, nun von Joyce- Forscher Andreas Weigel widerlegt wurde. ..." ("Vorarlberg online"-Meldung vom 18. September 2011.)

  4. Arnulf Häfele: Max, du altes Schlitzohr: "... Nachdem Riccabonas bedeutende Begegnungen in vielen Werken beschrieben wurden, konnte er beruhigt ins Grab steigen. Aber die Ruhe war trügerisch. In der neuesten Nummer der Kulturzeitschrift 'miromente' ist ein entlarvender Beitrag des Joyce-Kenners Andreas Weigel erschienen. Er weist unwiderlegbar nach, dass Max Riccabona den großen Dichter James Joyce nie getroffen hat. Die angebliche Begegnung mit Joyce sei eine haltlose Erfindung gewesen. Während jener drei Wochen, die James Joyce in Feldkirch gelebt hat, ist unser 17-jähriger Max Riccabona in einem Davoser Sanatorium wegen einer Lungenerkrankung stationär behandelt worden. Das ist durch Briefe und Postkarten, die Max damals an seine Mutter geschrieben hat, verbürgt. ..." ("Vorarlberger Nachrichten" vom 3. Oktober 2011. A6.)

  5. Guntram Pfluger / Rafaela Rudigier: Zweifelhafte Zeitzeugenschaft, der Vorarlberger Autor Max Riccabona hat den berühmten Schriftsteller James Joyce nie getroffen: ... Der Vorarlberger Germanist Andreas Weigel entlarvt nun zumindest Teile von Max Riccabonas berühmten Bekanntschaften als frei erfundene Lügengeschichten: das viel zitierte Treffen mit James Joyce habe gar nie stattgefunden. ... Manchen Zeitgenossen mag der Schriftsteller Max Riccabona mit seinen seltsamen Geschichten schon etwas dubios vorgekommen sein. Öffentlich jedoch wurde er weithin geschätzt und seine Erzählungen und Geschichten wurden nie angezweifelt und wohl kaum nachgeprüft. Andreas Weigels neue Erkenntnisse verändern das Bild des Vorarlberger Autors. ... Riccabona galt als ungewöhnlicher Schriftsteller und origineller Erzähler, der vor allem auch sein Umfeld durch seinen großen Reichtum an Geschichte und Geschichten nachhaltig prägte. Seine Glaubwürdigkeit diesbezüglich muss nun wohl genauer unter die Lupe genommen werden." ("Kultur nach 6". ORF Vorarlberg. 3. November 2011. 18:03-19 Uhr. Beitrag: 18:39-18:47 Uhr).

  6. Wilhelm Füger: Intellectual vampirism, or a "fakesimilar in the foreign" (FW 484.34) unmasked. Postscript to my article "Joyce in Vorarlberg. Some supplementary biographical data", Arbeiten aus Anglistik und Amerikanistik 20/1 (1995), 223-227. "... Nevertheless, I did not see then - like many other readers and biographers of Riccabona - any cogent reason to doubt his basic affirmation that at any rate he had actually met Joyce at Feldkirch. This rash assumption, however, has meanwhile turned out to be untenable. Conclusive evidence for this insight was lately proffered by Andreas Weigel, a well-known expert in Joyceana Austriaca, whose growing misgivings about the reliability of Riccabona's report eventually found expression in two recent contributions to the debate over this issue. A revised version of his article "Max Riccabonas erfundene Begegnung mit James Joyce", published in September 2011 in the Vorarlberg periodical Miromente 25 (p. 34-44), will appear in 2012 in the Schriftenreihe der Rheticus-Gesellschaft under the title "Max Riccabonas ‚James Joyce'-Münchhauseniaden. Berichtigung einer zweifelhaften Augen- und Zeitzeugenschaft". The result of Weigel's detailed and convincing expositions can briefly be summarized thus: By now we cannot help regarding Riccabona as a charlatan, all the more so because he used similar procedures of confabulating non-events in connection with his wrong or at least strangely distorted statements about his meetings with Stefan Zweig, Joseph Roth, and Ezra Pound. ..."

  7. Ulrike Längle: "'Handkes Onkel'. Warum Max Riccabona James Joyce vielleicht doch getroffen hat. Eine Erwiderung auf Andreas Weigel". "... Interessanter als Weigels Aufspüren von falschen oder vermeintlich falschen Aussagen wäre es, Riccabonas Beschäftigung mit James Joyce im Rahmen einer Rezeptionsgeschichte von Joyce in Österreich oder im deutschen Sprachraum zu untersuchen. Dann erschiene die Schilderung einer solchen Begegnung, und sei sie auch erfunden, als produktives und sogar geistreiches Element der Einschreibung in eine literarische Tradition und nicht als plumpe 'Geschichtsfälschung' ...". In: miromente. Zeitschrift für Gut und Bös, Nr. 27, März 2012, S.15-25.

  8. Kurt Bracharz: Worüber Max stets schwieg. "... Der Wiener Germanist Andreas Weigel hat nun neulich eine Studie vorgelegt, die belegt, dass es höchst unwahrscheinlich ist, dass Riccabona Joyce tatsächlich getroffen hat. Weigel formuliert, er habe 'es eindeutig widerlegt', aber da man im Unterschied zu einem Ereignis ein Nicht-Ereignis wie dieses Nicht-Zusammentreffen nicht im juristischen oder im logischen Sinne 'beweisen' kann, ziehe ich die schwächere Formel 'höchst unwahrscheinlich' vor. Der damals 17-jährige Riccabona war zur Zeit von Joyces Feldkirch-Aufenthalt in der 'Deutschen Heilstätte' in Davos in stationärer Behandlung und man kann an Hand der von Weigel untersuchten Krankenaufzeichnungen, Briefen, Postkarten usw. getrost annehmen, dass Riccabona die Begegnung in der 'Löwenschwemme' imaginiert hat. Ein Onkel Riccabonas ist tatsächlich mit Joyce zusammengetroffen, und seine Nachkommen sagen heute aus, dass dieser Onkel sich sehr darüber geärgert habe, dass Max Riccabona später immer von einer eigenen Begegnung mit dem Iren erzählte. ... " In: Saiten. Nr.212. Mai 2012. S.34.

  9. Kurt Bracharz: Von Nestausnehmern, Hüslebauern und Kryptoschützern. "... Fast schon bizarr erscheint mir eine beiläufige Bemerkung Mährs auf Seite 220, wo er erwähnt, dass der Gymnasiast Max Riccabona in Feldkirch James Joyce kennen gelernt habe, und fortfährt: „Riccabona und Joyce haben in der Umgebung Wanderungen unternommen. Wohin – ja genau: auch an den Illspitz! Was das jetzt mit Naturschutz zu tun hat? Keine Ahnung! Nix wahrscheinlich.“ Dass es im Frühjahr 2012 eine recht heftige Kontroverse zwischen Ulrike Längle vom Felderarchiv und dem Wiener Anglisten Andreas Weigel über die Frage gegeben hat, ob Riccabona Joyce überhaupt jemals persönlich getroffen hat oder nicht (Weigel sagt: sicher nicht), muss der Naturwissenschaftler Mähr ja nicht wissen; aber dass Joyce und Riccabona zusammen Wanderungen unternommen hätten, ist meines Wissens vorher noch nie irgendwo behauptet worden, nicht einmal von Riccabona selbst. Ein Scherz von Christian Mähr?" In: Kultur. Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft. Nr.6. Juli/August 2012. S.72-73.

  10. Lisbeth Kaupenjohann: "Riesendame" aus Oberkotzau: "... Das Geheimnis über die wahre Herkunft der 'Rosa Debela' hat erst kürzlich der Wiener Germanist Dr. Andreas Weigel gelüftet. Eigentlich forschte er über den Vorarlberger Schriftsteller Max Riccabona. Riccabona hatte in seinen Erinnerungen an 'James Joyce in Vorarlberg' geschrieben, dass er im Sommer 1932 den berühmten Schriftsteller in der Feldkircher 'Löwenschwemme' traf. Weigel wollte nachweisen, dass das nicht sein kann. Riccabona hatte auch geschrieben, dass dort damals eine Kuriositätenschau mit der 'dicken Rosl' gastiert habe. Weigel forschte nach und fand so die wahre Identität der 'Rosa Debela' heraus: 'Sie starb am 13. Jänner 1931 im Alter von 33 Jahren - auf den Tag genau zehn Jahre vor James Joyce, dem sie das wissenschaftliche Interesse an ihrer Identität und ihren Lebensdaten verdankt'". In: Frankenpost. 31. Juli 2012.

  11. Ulrike Längle: "Weltliteratur und Region: Max Riccabona und James Joyce". "... Eine tatsächlich als solche zu bezeichnende Riccabona-Forschung gibt es im Grunde bis heute nur in Ansätzen. Der Sammelband von 2006 mit biographischen und literaturwissenschaftlichen Beiträgen versucht hier eine erste Annäherung. Seither ist es um Riccabona ziemlich still geworden. [...] Im September 2011 hat der in Feldkirch aufgewachsene und in Wien lebende Literaturwissenschaftler und Experte für James Joyce in Österreich, Andreas Weigel, die Ruhe um Max Riccabona gründlich gestört. [...] Selbst wenn es stimmt, dass Riccabona die Begegnung mit Joyce erfunden hat, so ist sie doch so glaubwürdig erfunden, dass sie bis 2011 als Faktum akzeptiert wurde. Auch Wirkungsgeschichte ist Geschichte. ...". In: Marjan Cescutti (Hrsg.): Raum. Region. Kultur. Literaturgeschichtsschreibung im Kontext aktueller Diskurse. Schlern-Schriften, Band 360. 2013. S.227-239.

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