James Joyce in Salzburg

von Prof. Adolph Johannes Fischer
(Salzburger Volksblatt vom 25. August 1928)

Seit einigen Wochen ist er in der Festspielstadt: schlanke, große Figur, funkelnde Brille, blondes Kinnbärtchen. Gesicht eines Menschen, der hinter jede Maske schaut. Stimme, die voll der Güte ist, die sein Wesen ausfüllt. Alles verstehen heißt alles verzeihen. Dieser sanfte, reiche, milde Mensch hat Länder zweier Weltteile in Aufregung gebracht. Bernhard Shaw preist seine Kunst als von „klassischer Qualität“, die englische Presse nennt Joyce „ein Genie von höchster Rangordnung, nur noch mit Goethe und Dostojewski vergleichbar,“ die französische stellt ihn neben Einstein.

Und zugleich beschlagnahmt England sein Standardwerk der internationalen Literatur „Ulysses“ und verbrennt Amerika die gesamte zweite und kurz darauf auch die dritte Auflage desselben. Folge davon: die letzten noch erhältlichen Exemplare der ersten Auflage werden mit 700 Dollar pro Buch bezahlt.

Eine deutsche Übersetzung des „Ulysses“ durch Dr. Georg Goyert, der auch Joyces vorangehendes Romanwerk „Jugendbildnis“ verdeutscht hat, erschien zu Jahresbeginn im Rheinverlag und war trotz des beträchtlichen Preises (120 Mark) sogleich vergriffen. Professor Ernst Curtius nennt den „Ulysses“ die „göttliche Komödie unserer Zeit“.

Gegenwärtig übersetzen Auguste Morel und Stuart Gilbert den Roman ins Französische, revidiert von Valéry Larbaud. (Les éditions de „la maison des amis du livre“, 7 rue de l’odéon, Paris)

„Ulysses“ ist ein Buch mit 730 engbedruckten Seiten, in denen gleichwohl nicht mehr berichtet wird, als die Erlebnisse, die ein Alltagsmensch unter den gewöhnlichen, ihn umgebenden Umständen in siebzehn Stunden eines Alltags hat. Damit wäre nun kein Anlaß zur Opposition, zur Kritik, zur Vernichtung des Werkes durch Staatsbehörden und andererseits zur Bewunderung, zum Enthusiasmus gegeben. (Der Sohn des Königs von Cambodge, dem Nachbarreich Siams, ließ gesetzlich seinen Namen in Renée Ulysses umschreiben, aus Begeisterung für Joyce). Ein anspruchsloser, mäßig intelligenter Annoncenakquisiteur verbringt diese siebzehn Stunden, während deren seine Frau, ganz Weib, treulos einen Freund genießt und ein junger, grübelnder Mann, der allen Daseinserscheinungen auf den Grund zu gehen sucht, in dem Annoncenagenten seinen Vater zu finden vermeint.

Aber dieses Geschehen eines Tages ist in eine Form gebracht, welche die Literaturhistorie der neuesten Zeit für eine Revolution des Romans erklärt.

Es ist Darstellung durch eine Zeitlupe, mit neuen, unerhörten Ausdrucksmitteln der Sprache, der Schrift, Gedanken, Bilder, die einander jagen, sind plastisch wiedergegeben durch eine nie zuvor gebrauchte Technik: etwa ein ganzes Kapitel, in dem die Frau an der Seite ihres schlafenden Mannes der Stunde mit ihrem Freunde nachträumt, interpunktionslos, nur in kleinen Buchstaben, oft in abgerissenen, halben Worten, Gestammel, Lauten. Auch dieses erscheint, daß die Darstellung vor nichts, was tatsächlich getan wird, was Gesetz und Vorschrift der Natur ist, halt macht.

Hier setzte der anglikanische Puritanismus die Hebel der Zensur in Bewegung, blind für die Größe des Kunstwerkes, für seine Weisheit und tiefe Menschlichkeit, die es über jedes Maß benommenen Muckertums gebirgehoch emporhebt. In den Figuren des Romans ist das Wesen der ganzen Menschheit inkarniert. Ein immenses Wissen, das Studium ungeheurer Komplexe verschiedenster Disziplinen, der Historie, der Philosophie, von der Scholastik bis zur Anthroposophie, der antiken Sprachen, der Kunstwissenschaft und endlich das angeborene Mysterium des intuitiven Psychoanalytikers erfüllen dieses Prosawerk.

Indes erscheint bereits in der Revue „Transition“ (Paris) das „Work in Progress“ (der vorläufige Titel), eine neue Schöpfung Joyces, an der er seit 1922 arbeitet, und die in den ersten Teilen schon eine noch vehementere Opposition der Kritik hervorruft. Der Inhalt derselben ist, entsprechend den Ideen des Philosophen Vico (1668-1744, die Geschichte der Menschheit nach den Anlagen und Fähigkeiten der Menschnatur zu durchforschen) eine Weltgeschichte. Auch hier formt wieder Joyce in seiner Art die Ausdrucksmittel. Er schiebt zwei Worte ineinander, wie Teile eines Teleskops und bildet aus ihnen vier neue, um neue Bedeutungen zu schaffen. Er spricht in nicht weniger als zwanzig Sprachen. Und wieder ist der Inhalt eine Philosophie von höchstem objektiven Werte. Joyce ist einer der Unsterblichen.

Andreas Weigels digitales Leseeckchen (© Impressum. Stand vom: 1. April 2013.)