„Leopold Bloom & der Pop. James Joyces Leben und Werk in der Pop-Musik”.

 ORF, Ö1, „Spielräume“ vom 15. Juni 2008. 17:30 - 17:56 (© Andreas Weigel).

„Spielräume”-Kennung (0:17)

Nahezu weltweit wird der 16. Juni als „Bloomsday“ gefeiert. An diesem Tag irrt Leopold Bloom, der Protagonist aus James Joyces Roman „Ulysses“, von 8 Uhr Morgen bis 2 Uhr Früh durch Dublins Alltag, Nachtleben und die Einschlafgedanken seiner Frau Marion, Molly Bloom.

Bei „Spielräumen“ zum morgigen „Bloomsday“ begrüßt Sie heute Andreas Weigel. Im Mittelpunkt stehen Lieder, die von Joyces Leben und Werk angeregt wurden. Unsere Hör-Odyssee startet in Wien. Hier hat Gerald Raunig 1995 „Bloom’s Days“, seinen „Liederzyklus für Saxofonquartett und Stimme“, veröffentlicht. Jedes der 18 Lieder bezieht sich auf ein Kapitel des „Ulysses“. „Imperfect Art“ zitiert und reflektiert das neunte Kapitel „Skylla und Charybdis“.

Bloom’s Days: „Imperfect Art“ (3:24)

Unsere nächste Station ist Dublins Martello-Turm, wo die Handlung des „Ulysses“ beginnt. An diesem Schauplatz startet auch der irische Singer-Songwriter Andy White sein Lied „Looking For James Joyce’s Grave“. Whites musikalische Spurensuche beginnt mit Joyces freiwilliger Emigration nach Zürich, Pola, Triest und Paris. Sie streift seine literarische Bedeutung und führt schließlich nach Zürich, wo Joyce am 13. Jänner 1941 58-jährig gestorben ist.

White besingt die Schwierigkeiten, Joyces Grab in Zürich zu finden, und schildert, was er auf dem Weg zum Friedhof wahrgenommen hat. Er beschließt sein Lied mit der Beschreibung von Joyces Grab und vier Zeilen aus Joyces Gedicht-Band „Chamber Music“.

Andy White: „Looking For James Joyce’s Grave” (5:35)

Wir bleiben in Zürich, an der Schwelle zur Unterwelt, wo schon der nächste musizierende Pilger die letzte Ruhestätte seines berühmten Landsmannes heimsucht. Denn Joyces Grab dient im folgenden Lied der New Yorker Celtic-Band „Black 47“ als Liebeslager.

„Ich hatte Sex auf James Joyces Grab” triumphiert der Protagonist von „I Got Laid On James Joyce’s Grave“. Er ist aber kein gewöhnlicher Perverser, sondern einer, der sich zur Inspiration auf dem Altar der Kunst opfert. Bei seinem Vorhaben unterstützt ihn eine Zürcherin, die ihn per Rad zu Joyces Grab chauffiert, wo sie ihr Vorhaben mit Schnaps begießen. - Doch das Schicksal ist unserem Helden nicht länger hold: Mitten im Akt wird das Pärchen vom Friedhofswärter mit Fuß-Tritten aufgescheucht. Anschließend zeigen weder die Zürcher Polizei noch die öffentliche Meinung Verständnis für das hehre Motiv des Künstlers: Er bezahlt sein Treiben mit blauen Flecken und drei Wochen Haft.

„Black 47“: „I Got Laid On James Joyce’s Grave“ (3:33)

Sie hören „Spielräume“ zum morgigen Bloomsday.

Ein Zufall, wie ihn Joyce selbst schätzte, inspirierte das Lied „The Fruit Smelling Shop“ von Sonny Condells irischer Folkband „Scullion“. - Ein Exemplar des „Ulysses“ fiel just in dem Moment zu Boden, als Sonny Condell eine neue Akkord-Folge ausprobierte. Durch den Aufprall wurde willkürlich jene Romanpassage aufgeschlagen, in der Blooms Rivale Blazes Boylan in einem noblen Obst- und Blumenladen einen Geschenkkorb für Molly Bloom bestellt und dabei mit der Verkäuferin flirtet.

Diesen Kurzdialog unterlegt Condell mit der von ihm gespielten Akkord-Folge, was zu der folgenden Vertonung geführt hat.

Scullion: „The Fruit Smelling Shop“ (3:09)

Blooms Nebenbuhler Blazes Boylan wird auch in Grace Slicks „rejoyce“ genannt, wo sein Vor- und Zuname einem unverblümten Wortspiel dient, das sein Verhältnis zu Molly Bloom thematisiert. Denn Joyces „Ulysses“ inspirierte Grace Slick zu dem ambitioniert kunstvollen Bewusstseinsstrom-Lied „rejoyce“, für das sie einige Personenkonstellationen und Sätze aus dem Jahrhundertroman übernahm. Sie war überzeugt, dass die Vertreter ihrer Generation den schwarzen Humor ihres bizarren Liedes verstehen - und akzeptieren, dass man das musikalisch auffallend raffinierte Lied weder mitsingen noch zu seinen komplexen Rhythmen tanzen kann. Schließlich zeichnet sich das stilistisch vielfältige Lied durch Grace Slicks markante Stimme, einen dominanten E‑Bass, laufende Tempo-Wechsel und teils jazzige, teils orientalische Klänge aus. Aber hören Sie selbst „Jefferson Airplane“ 1967 mit „rejoyce“.

Jefferson Airplane: „rejoyce“ (4:00)

Ein Meister psychedelischer Liedkunst war auch Syd Barrett. Er hat Joyces Gedicht „Golden Hair“ zwar schon bei frühen Pink Floyd-Auftritten gespielt, aber erst für sein Solo-Debüt-Album „The Madcap Laughs“ aufgenommen. Bislang wurden vier von elf Studioaufnahmen veröffentlicht. Die nachfolgend von Barrett sehr schlicht, aber mit viel Atmosphäre vorgetragene Version wurde von ihm und David Gilmour produziert und sehr sparsam mit Gitarre, Becken, Vibraphon und Orgel eingespielt. Dies verleiht dem Lied kammermusikalischen Charakter.

Syd Barrett: „Golden Hair” (2:00)

Barretts Joyce-Vertonung wurde von mehreren Bands gecovert, was die Wirkung seiner Komposition belegt. Die jüngste Cover-Version ist auf dem brandneuen „James Joyce“-Tribute-Album „Chamber Music“ zu hören.

Als Gestalter der heutigen „Spielräume“ zum morgigen „Bloomsday“ verabschiedet sich Andreas Weigel.

MUSIKLISTE

Komponist: Gerald Raunig
Titel: Imperfect Art
Ausführende: Bloom’s Days
Label: WUK Musik, WM 16 06 04.
Länge: 3:24

Komponist: Andy White
Titel:
Looking For James Joyce’s Grave
Ausführender: Andy White
Label: Cooking Vinyl. Cook CD 160.
Länge: 5:32 (auf 4:00 gekürzt)

Komponist: Larry Kirwan
Titel: I Got Laid On James Joyce’s Grave
Ausführende:
Black 47
Label: Shanachie 5741.
Länge: 3:33

Komponist: Sonny Condell
Titel: The Fruit Smelling Shop
Ausführende:
Scullion
Label: hummingbird records HBCD0023.
Länge: 3:09

Komponistin: Grace Slick
Titel: Rejoyce
Ausführende:
Jefferson Airplane
Label: RCA/BMG Heritage 82876 53225 2.
Länge: 4:00

Komponist: : Syd Barrett
Titel: Golden Hair
Ausführender:
Syd Barrett
Label: EMI, Harvest 7243 5 32320 2 3
Länge: 2:00

Siehe auch: Spuren von James Joyces Leben und Werk in der Folk-, Jazz-, Pop- und Rockmusik

Andreas Weigels digitales Leseeckchen (© Impressum. Stand vom: 1. April 2013.)