SCHÄTZE AN DIE OBERFLÄCHE

Auch CD-ROMs kommen in die Jahre. Oder zu verbesserten Neuauflagen, wie zum Beispiel zwei Populärkulturlexika.

Andreas Weigel, Wien. Alle Rechte vorbehalten)

Jüngst sind die brandneuen Versionen des bewährten Filmlexikons Cinemania sowie des empfehlenswerten Musiklexikons Music Central mit der Kennzahl 97 erschienen. Bei diesen englischsprachigen Fachlexika handelt es sich um zwei Schwesterprodukte, die identisch programmiert und gestaltet sind. Der Unterschied besteht einzig im exzellenten Inhalt, der sich hier der populären Musik, dort der Welt des Films widmet.

Die aktuellen Updates unterscheiden sich von den Vorgängern durch neue Beiträge, einen neu gestalteten Hauptbildschirm sowie eine alternative Auswahl von Film- und Musikclips: War auf Cinemania 96 der Anfang von „Blue Velvet" zu sehen", wurde diesmal ein anderer „Blue Velvet"-Ausschnitt, wegen seiner Nähe zu „Un Chien Andalou" ausgewählt. Spielte Jimi Hendrix in „Music Central 96" ungemein gelöst „Hey Joe", so zeigt nun eines von 250 Videos, wie souverän er seine Version der amerikanischen Nationalhymne zelebriert.

Cinemania enthält über 20.000 Film-Einträge, 20 Filmausschnitte, 4.000 detaillierte Schauspieler-Biografien, 1.200 Film-Shots, 2.500 Porträt-Aufnahmen, 120 Soundtracks sowie Artikel über einschlägige Fachbegriffe und vieles mehr.

Durch die 80.000 Platteneinträge (mit Songliste und Credits), seine 8.000 fundierten Biografien, abertausend Rezensionen und detaillierten Diskografien deckt Music Central das breite Spektrum von Country, Folk, Gospel, Jazz, Pop, Reggae, Rhythm & Blues, Rock bis hin zu Weltmusik ab und berücksichtigt die zahllosen Untergruppen und Kombinationen ebenso, wie jene Künstler, die alle gängigen Stilrichtungen und Rahmen sprengen.

Mit der ausgetüftelten Suchfunktion läßt sich über die Suchbegriffe „Vienna" bzw. „Austria" feststellen, daß etwa Falco, Anton Karas, Franz Koglmann, Michael Mantler, Peter Wolf und Joe Zawinul, nicht aber André Heller, Erika, Pluhar oder Wolfgang Ambros vertreten sind.

Da man als Benutzer angesichts dieser riesigen Auswahl an Information, anfangs wie gelähmt ist, haben sich die Autoren überlegt, wie man auch die verborgenen Schätze der Lexika an die Oberfläche bringen kann. Schließlich sollen sich die digitalen Lexika nicht nur zum gezielten Nachschlagen, sondern auch für das neugierige Flanieren eignen. Ergebnis ist die neu gestaltete Titelseite, die je einen Bereich für das „Rätsel von heute", die „Biografie des Tages", das „heutige Lieblingswerk der Redaktion" sowie spezielle Thementouren reserviert.

Bei Music Central widmet sich etwa eine von Little Richard gestaltete Filmtour den Anfängen des Rock'n'Roll, beleuchtet Richard Thompson die Entwicklung der Folkmusik und singt der Ex-Nirvana-Bassist Krist Novoselic ein Loblied auf legendäre Rock'n'Roll-Rebellen, wie Iggy Pop oder Patti Smith. Bei Cinemania gestalten prominente Filmemacher, Schauspieler oder Kritiker Filmtouren, die sich der Ästhetik des Schwarz-Weiß-Films, der Faszination der großen Leinwand, gefeierten Filmdivas oder Alfred Hitchcock widmen.

Diese rund zehn Minuten dauernden Beiträge sind bestes Multimedia und so gediegen, daß einem schmerzlich bewußt wird, daß man ähnliche Qualitätsbeiträge, in heimischen Kultursendungen vergeblich zu sehen hofft. Eine liebevolle Neuerung sind Verknüpfungen zu ausgewählten Homepages, die sich Filmen, Regisseuren, Schauspielern oder Musikern widmen.

Die Filmauswahl sollte verstärkt europäische Werke berücksichtigen, da es etliche sehenswerte deutschsprachige Filme und Regisseure gibt, die nicht verzeichnet sind. Es steht einem Filmlexikon dieses Ranges schlecht an, daß es etwa den Schweizer Markus Imhoof übersieht. Ansonsten kann man die aktuelle Ausgabe von Cinemania nur loben.

Die stetigen Verbesserungen haben Qualität und Umfang von Jahr zu Jahr erhöht. So gibt es seit dem Vorjahr die Möglichkeit das Programm monatlich über das Internet auf neuesten Stand zu bringen, wodurch der bewährte Vorteil von Lose-Blatt-Sammlungen ins Digitale übernommen wurde. Beide Fachlexika machen die Recherche im Reich des Film und der Musik zu einem wahren Vergnügen. Alles in allem geben diese vorbildlichen Multimedia-Standards durch ihre hohe Qualität und den (extrem) niedrigen Preis das Niveau vor, auf dem sich heute Multimediaanwendungen bewegen sollten.

Cinemania 97 und Music Central 97. Microsoft 1996, je öS 490,–

Andreas Weigels Fortsetzung folgt nicht (© Impressum. Stand vom: 31. März 2013.)