Walter Schübler: Des Präsidenten neue Kleider. Über Werner Welzigs „Wörterbücher der ,Fackel‘“
(Erschienen in: "Wespennest", Nr. 117 vom 10.12.1999)

Denn während es gegenüber dem Phänomen der Gewalt keine Polemik geben kann und vor dem des Irrsinns keine Satire, bleiben ihm [dem Polemiker] die Frechheit und namentlich die Dummheit (die weit stärker als Hunger und Liebe die Welt betreibt) als Objekte erhalten, und die alte Schwierigkeit, satiram non scribere, trete wieder in ihre Rechte (Fackel 890,167)

„Die erfindende Satire“, heißt es in Fackel 366,32, „hat hienieden nichts mehr zu suchen. Es gibt nichts zu erfinden. Was noch nicht da ist, kommt morgen. Abwarten!“ Was nun da ist,  ist dem bombastischen Schwulst, mit dem es seit Jahren angekündigt wird, angemessen – eine Haupt- und Staatsaktion von Buch, die an Aufgeblasenheit schwerlich ihresgleichen haben dürfte: 1055 Seiten im Format 29,7 mal 22 Zentimeter, dreieinhalb Kilo schwer.

Der Reihe nach: 1994 stellt Werner Welzig, Wiener Germanistik-Ordinarius, seit 1991 Präsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und prominenter Zwischenrufer, unter dem Titel Wörterbücher der „Fackel“ – Vor-Sätze eines Literarhistorikers ein seit 1992 im Rahmen der Kommission für literarische Gebrauchsformen – deren Obmann er ist – laufendes Projekt vor: „die Konzeption und Ausarbeitung von drei selektiven Textwörterbüchern, einem Wörterbuch der Redensarten, einem Schimpf- und Schmähwörterbuch und einem (...) Ideologischen Wörterbuch“. Laufzeit des Projekts: 15 Jahre. Die elektronische Erfassung des gesamten Texts der Fackel (22.586 Seiten) sei im wesentlichen abgeschlossen, das erste der drei Wörterbücher, das der Redensarten, solle im April 1999, zum 100. Jahrestag der Gründung der Fackel, vorliegen.

Anspruch der Textwörterbücher sei es, die in einem Zeitraum von 37 Jahren erschienenen 922 Nummern der Fackel als „Textverbund“ zu erschließen, die „Einzelelemente dieser Zeitschrift“, die „bedachtsam in einen Zusammenhang gestellt sind und von diesem Zusammenhang her ihre ,Bedeutung‘ erhalten“, in ihrer „Kohärenz“ lexikographisch zu erfassen und darzustellen.

Da jede Stelle der Fackel „im Zusammenhang auch weit entfernter Stellen zu lesen“ sei, müsse „Wörterbuch-Arbeit an der ,Fackel‘“ „imstande sein, Phänomene der Resonanz abzubilden“. „Ein Wörterbuch, dem es gelingt, über Worte und Wendungen nicht nur zu räsonieren, sondern in den Abbildungen ihres Gebrauches Resonanz erkennbar zu machen, ein Wörterbuch, das Worte und Wendungen nicht behandelt wie Scherben, die man ausgegraben hat, um sie nach Größe, Material und Fundort geordnet in Vitrinen einem vorbeiziehenden Publikum zu präsentieren, ein Wörterbuch, das die hermeneutische Grundtatsache zu berücksichtigen imstande ist, daß jeder Teil einer gegebenen Rede der Kenntnis des Zusammenhangs bedarf, ein solches Wörterbuch könnte sich Textwörterbuch nennen. Es wäre ein nicht nur dem Namen nach neuartiges Produkt der Lexikographie. Es wäre ein ungeschwätziges Instrument der Literaturgeschichte und Literaturwissenschaft.“

Der breiten Öffentlichkeit hatte Welzig im Oktober 1993 im „Manifest“ Uns geht die Sprache verloren die hehren Motive seiner Parallelaktion geoffenbart: Keines der großen Wörterbücher der deutschen Sprache, keine der heute benutzten Grammatiken der deutschen Sprache sei von Österreichern begründet oder erarbeitet worden, an der Neuauflage des „Deutschen Wörterbuchs“ seien Österreicher nicht beteiligt. Ein Mißstand, dem abzuhelfen sei; es gelte, Verantwortung für die deutsche Sprache zu übernehmen. „Ob wir und wie wir zur Auseinandersetzung mit dieser Sprache einzuladen fähig sind, ist – im Bewußtsein der Funktion von Wirtschafts- und Sicherheitspolitik sei es behauptet – eine Überlebens-Aufgabe für dieses Land.“

„Unvergleichliche Möglichkeiten der Präsentation von Sprache und Geschichte“ böte ein Wörterbuch der Fackel, das „den vielfältigen Produkten des Duden oder dem seit mehreren Jahren in Arbeit befindlichen ,Goethe-Wörterbuch‘, dem wichtigsten Unternehmen deutscher Autoren-Lexikographie, nicht nur hinsichtlich des Anspruches ebenbürtig, sondern ein in seiner Weise neuartiges Vorhaben“ wäre. „Es wäre etwas, das, falls uns ,Geld und Geist‘ gegeben sind, die Aufmerksamkeit aller gewinnen müßte, die sich für das Leben der deutschen Sprache interessieren.“

Ob der Größe der Aufgabe und eingedenk des nationalen sprachlichen Notstands ruft Welzig gleich die Nation an: „Was ist innerhalb der Geschichte dieser Republik 'erreichbar'?“ – Wenn man über Position und Chuzpe verfügt, allerhand, wie sich anhand des Projekts „Fackellex“ zeigen läßt. Denn an Geld hat’s wahrlich nicht gemangelt, an Geist hingegen eklatant.

Wer sich mit dem Welzigschen Fackel-Wörterbuch-Unternehmen beschäftigt, braucht nichts zu erfinden – er findet: Einer, der sich gern sonntagsrednerisch für eine „konzeptive nationale Forschungspolitik“ stark macht, die „ein wichtiger Teil unserer Selbstdarstellung oder Positionierung in jenem Europa“ sei, „das unsere Reden füllt“; einer, der sonntagsrednerisch Subventionen an die konsensuelle Einsicht geknüpft wissen will, „daß von den geeigneten Leuten und der geeigneten Institution mit geeigneten Mitteln ein Ziel angestrebt wird, das zu fördern gerechtfertigt ist“; einer, der sonntagsrednerisch fordert, daß Forschungspolitik mehr sein muß als „die Pflege von sorgfältig eingezäunten kleinen Teichen, deren Inhaber darauf achten, daß die Zuflüsse nicht versiegen“ – der sichert sich eine jährliche Subvention von 1,2 Millionen Schilling aus dem Literaturtopf  (!) der Stadt Wien (MA 7) und die Zusage einer jährlichen Apanage von 1,2 Millionen Schilling seitens des Wissenschaftsministeriums auf 15 Jahre, letztere in dieser Höhe seit 1995 über den „Verein zur Förderung der Ausarbeitung eines Wörterbuchs der Fackel“ („Fackellex“) (Obmann dieses Vereins ist – da staunt man – Werner Welzig, Schriftführer der EDV-Betreuer, Kassierin die Managerin des Fackel-Wörterbuch-Unternehmens) – für ein Projekt, dessen institutioneller Träger die – zum größten Teil vom Wissenschaftsministerium dotierte – Akademie der Wissenschaften ist. Einer, der fordert, daß die Zuteilung öffentlicher Mittel „nicht letztlich Akte politischer oder kollegialer Willkür sein sollen“, hamstert kraft seiner prominenten Position im hiesigen Wissenschaftsbetrieb, zum Teil großkoalitionär abgesegnet, seit 1991 vorsichtig geschätzte 30 Millionen Schilling öffentlicher Gelder (neben den genannten Subventionen gab’s seit 1993 noch Millionen Steuergelder vom Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung; „geschätzt“ deswegen, weil in die jährliche Dotierung des Projekts aus Akademie-Geldern nicht Einsicht genommen werden konnte), auf daß das innerhalb seiner Palisaden vor sich hin kümmernde Pflänzchen unter diesem pekuniären Dauerregen gedeihe.

Einer, der für sich offenbar in Anspruch nimmt, daß sein Arbeitsvorhaben seinen „Kollegen und Mitbürgern, um es bildhaft zu sagen, einleuchte“, und den daher „das Geld“ nicht zu „bekümmern“ brauche, stellt seinen Mitarbeitern, „einer kleinen Gruppe mit einigen durchaus gebrauchten Tischen und wenig Kapital“ – tatsächlich: phasenweise sechs angestellte Vollzeit- und fünf angestellte Halbtagsbeschäftigte sowie ein Mitarbeiter auf der Basis eines Werkvertrags im Ausmaß und in der Dotierung einer Vollzeitanstellung und eine Reihe freier Mitarbeiter in neu adaptierten und großzügig ausgestatteten Büros in der Wiener Sonnenfelsgasse –, eine EDV-Ausstattung bereit, deren Üppigkeit aufs erste befremdet.

Mit einem gigantischen Personal- und Sachaufwand „erarbeitet“ Welzig mit dem Wörterbuch der Redensarten ziemlich genau das, was er im Mai 1995 noch – zu Recht – als „keiner Wortmeldung würdig“ erachtete, als er das „statistische Faktum“ des 103maligen Vorkommens der Redensart „Schulter an Schulter“ in der Fackel als solches qualifizierte: 144 „Redensarten“ – von A bis Z, von „j’accuse“, „das Brett vor dem Kopf“ und „Butter auf dem Kopf“ über „die kleinen Diebe hängt man, die großen läßt man laufen“, „mir san mir“ und „etwas schreit zum Himmel“ bis hin zu „sich’s richten“, „stagelgrün aufliegen“ und „jemand kann zusperren“ – werden nach einem gleichbleibenden Schema aus der Fackel exzerpiert. Ein „Orientierungsteil“ mit der „Funktion eines Artikelkopfes“ enthält die „Basisform“ der Redensart, den sogenannten „Motivationsbeleg“, einen „Belegtext“ mit einer „markanten Verwendung dieser Redensart“, und „Transformationen“, das sind „auffällige Abweichungen der Redensart vom standardsprachlichen Gebrauch“ als „zusätzlichen Leseanreiz“. Ein „Referenzteil“ bietet die Bedeutungserläuterung(en) der Redensart und Buchungen derselben in Wörterbüchern wie Duden, Grimm und Röhrich. Die „Beleglage“ informiert über die Anzahl der erfaßten Belege und listet alle zur Basisform eruierten Textstellen chronologisch und sehr knapp geschnitten auf. Im „Beleggruppenteil“ werden „alle Belege einer Redensart“ „nach der Gesamtsichtung des Materials und der jeweiligen Gegebenheit der Redensart – inhaltlichen, funktionalen, stilistischen, formalen und anderen Gesichtspunkten folgend – sortiert und den daraus sich ergebenden interpretativ bestimmten Beleggruppen zugeordnet“, das heißt, es wird versucht, Textausschnitte mit anderen „in einen interpretativ hergestellten Sinnzusammenhang“ zu bringen, der „als Ergebnis einer Interpretation naturgemäß nicht stabil“ ist – wie in der sogenannten „Konstruktion“ (!), in der der „Artikel-Aufbau“ erläutert wird, verblasen zu lesen steht –, soll heißen: völlig willkürlich und beliebig. Im „Kommentarteil“, dem sogenannten „Gschichterl“ – der Diminutiv entspricht der diskursiven Dürftigkeit dieses Teils – wird das „Spektrum des Gebrauchs einer Redensart in der ,Fackel‘“ beschrieben. Eine „zweite Form der Kommentierung“ sollen die „Gruppenüberschriften“ darstellen, die „die maßgeblichen Gesichtspunkte für die Bildung der jeweiligen Gruppe festhalten“ und „das Verständnis der folgenden Belege erleichtern und deren – interpretativ hergestellten – Zusammenhang in einer Gruppe beschreiben“ sollen. Damit soll die Gesamtheit der Belege einer Redensart einer „partiellen Rekontextualisierung zugeführt“ werden, die – siehe oben – naturgemäß nicht „stabil“ ist. Sprachlich und gedanklich peinigend wird versucht, herbeizuschreiben, was zwar gerade das Novum dieses Textwörterbuchs ausmachen sollte, was es aber schuldig bleibt: Belege nicht bloß anthologisch aufzulisten, sondern sich „auf Redensarten in ihrem Kontext einzulassen“. Keine Spur von der von Welzig vielbeschworenen textlexikographischen Herstellung von „Kohärenz“, von „Kontext“ und „Resonanz“, geboten wird schlicht eine Sammlung von „Scherben, die man ausgegraben hat, um sie nach Größe, Material und Fundort geordnet in Vitrinen einem vorbeiziehenden Publikum zu präsentieren“.

Die Vitrinen sind exquisit: Neben der breiten Mittelspalte mit den „Scherben“, sprich den Belegtexten aus der Fackel, laufen zwei schmale Kolumnen; die „dokumentarische“ linke listet „Fundorte“ (Buchungsangaben in Wörterbüchern und Stellenangaben der Fackel-Exzerpte) und „beleginterne Redensarten“ auf – „mit Sicherheit ein Novum dieses Textwörterbuches“, gebärdet sich der positivistische Sammelfleiß kreativ, daß „die für den jeweiligen Beleg interessanten und belegspezifisch relevanten Redensarten“ ausgewählt und „in einer für den jeweiligen Kontext belegspezifisch relevanten Form in der linken Kolumne des Wörterbuchs ausgewiesen“ werden. Die rechte Spalte „contains the texts that perform interpretive actions upon the Fackel Excerpts“ („Gschichterl“ und Beleggruppenüberschriften), wie die Graphic Designerin Anne Burdick ihr Konzept erläutert – und ist über weiteste Strecken gähnend leer.

Es wird zwar unablässig versucht, den „interpretativ hergestellten Sinnzusammenhang“, die „Rekontextualisierung“ herbeizureden, doch werden weder die Eigennamen, Realien oder Anspielungen der sieben- bis über siebzigzeiligen Fackel-Zitate im einzelnen erläutert, noch wird auch nur ein Wort über den Kontext des Entstehens der jeweiligen Fackel-Texte als Ganzes verloren. Das befremdet in einem Werk, das sich nicht primär als Nachschlagewerk versteht, sondern als „Lesebuch“, doch einigermaßen. Vom vielversprechenden ursprünglichen Konzept, mit einem Textwörterbuch linguistisch-lexikographische und literaturwissenschaftliche Fragestellungen zu verknüpfen, ist man alles schuldig geblieben. Und wenn ein „Textwörterbuch“, wie es in der „Konstruktion“ heißt, „von der Analyse und Interpretation der Texte im und aus dem Korpus“ lebt, dann ist das Wörterbuch der Redensarten eine Totgeburt.

Das „passiert“ einem, der in seinen Vor-Sätzen programmatisch-pathetisch Grillparzer zitierte: „Ich zitterte vor Begierde nach dem Zusammenhange.“ Die interpretatorische „Leistung“ eines „Literarhistorikers“, „der sich eines späten Tages der Wörterbucharbeit zuwendet, einer Aufgabe, wovon die einen sagen, daß er dafür nicht qualifiziert sei, und die anderen, daß sie mit Literaturgeschichte nichts zu tun habe“, wie Welzig in seinen Vor-Sätzen leichtfertig bemerkte, und der „zitterte vor Begierde nach dem Zusammenhange“, beschränkt auf Beleggruppen-Überschriften und ein „Gschichterl“. Stellen wir den Zusammenhang her: Die Captatio benevolentiae „wovon die einen sagen, daß er dafür nicht qualifiziert sei“ ist eben keine rhetorische Floskel.

An Versuchen, die schwachbrüstigen „Gschichterln“ per Auffettung noch zu retten, hat’s nicht gemangelt: Der Satz „Charakteristisch für die Verwendung dieser Redensart sind die Beschreibungen von personifizierten Lügen“ im „Gschichterl“ zum Artikel „Lügen haben kurze Beine“ wurde etwa in einer vorläufigen Endversion aufgebläht zu „Charakteristisch für den Gebrauch dieser Redensart ist die maximale Ausnutzung der ihr inhärenten Personifikation des bezeichneten Sachverhalts“. Nachdem man ihm die heiße Luft wieder rausgelassen hat, lautet er nun: „Charakteristisch für den Gebrauch ist die Betonung der Realvorstellung, die der Wendung zu Grunde liegt.“ Nun ist zwar niemand an einem vorläufigen Arbeitsergebnis zu messen, das Werden des „Lügen haben kurze Beine“-„Gschichterls“ vermittelt aber einen Endruck davon, womit man in der Sonnenfelsgasse die Tage zubrachte.

Von der nicht und nicht gelingen wollenden intellektuellen Auffettung versucht man mit einem hochgerüsteten Graphic Design abzulenken, das so verschmockt ist – es geriert sich prozessual-typosophisch und bekümmert sich nicht um Hurenkinder und Schusterbuben – wie funktional: Zwängt man die dürftigen deskriptiven Kommentare in die schmale rechte Kolumne und streckt man etwa jenen zu „Lügen haben kurze Beine“ mit einem Tucholsky-Zitat samt fünfzeiligem Zitatnachweis, dann kommt man glatt auf 36 „Gschichterl“-Zeilen – deren Dürftigkeit dennoch nicht abgeholfen werden kann: „Die Taxierung der Beinlänge verbunden mit der Vorstellung der Frau als lügenhaftes Wesen hat eine lange männliche Tradition (vgl. F 198,2). (...) Da sich die Lügen im Krieg und in der Kriegsberichterstattung überschlagen, ist es möglich, ,daß sie als Wahrheiten ankommen‘ [F 462,10]. Die ebenso groteske wie realistische Vision des Kampfes der Lügen gegeneinander zeigt der letzte der Belege [F 890,232].“

„Alles muß mehr scheinen, als es ist“, wie Welzig im „Manifest“ einen 1844 erschienenen Aufsatz Adalbert Stifters resümiert, in dem dieser beschreibt, wie Menschen, die „Umgebung“ brauchen, mit ihren „Wohnungen und Geräthstücken“ umgehen. „Die Dinge in ihren Wohnungen sind dazu da, um auf fremde Betrachter Eindruck zu machen. So wie ein Student, um ein ,schnödes Stipendium‘ zu bekommen, ein ,Armuthszeugniß‘ braucht, werden sie als ,Reichthumszeugnisse‘ gebraucht, müssen ,Reichthumszeugnisse sein, wenn auch kein Reichthum da ist‘“. „Möbel aus billigen Hölzern werden mit edlen und teuren Hölzern verkleidet. Als Exempel führt Stifter den Tisch an. Er hat billige ,Fichtenfüße‘, trägt aber eine ,nußbaumene oder Mahagoni-Hose‘.“ Die „Mahagoni-Hose“ des Graphic Design weist nur umso deutlicher auf die Armseligkeit dessen hin, was daruntersteckt. Und auch das Feigenblatt des 15seitigen Begleittexts zum als epochemachend und maßstabsetzend angekündigten österreichischen Beitrag zur deutschsprachigen Lexikographie, dieser nationalen intellektuellen Kraftanstrengung, vermag die Blöße nicht zu bedecken.

Die Hoffnung, die Welzig erfüllt und die er in der einleitenden „Hinführung zum Gegenstand dieses Wörterbuches“ ausspricht: daß man in diesem „höchst amüsiert und mitunter hellauf lachend“ lesen werde, wird sich erfüllen. Belustigt wird man etwa zur Kenntnis nehmen, daß „Akademie der Wissenschaften“, „eines Abends“ oder „Sauce tartare“ als Redensarten verbucht werden. Höchst amüsiert wird man die Beleggruppenüberschriften, die „die maßgeblichen Gesichtspunkte für die Bildung der jeweiligen Gruppe festhalten“ und „das Verständnis der folgenden Belege erleichtern und deren – interpretativ hergestellten – Zusammenhang einer Gruppe beschreiben“ sollen, lesen. Jene zur Redensart „es graust der Sau“ lauten etwa: „Humorverstärker und Fantasieverlust“ und „Rationierung der Lebensmittel“; jene zu „da lachen ja die Hühner“: „Maximilian Harden gackert“, „Hühnerkeule“ und „Metropolen-Geflügel“; und jene zu „schon faul“: „Von Anfang an daneben“ und „Fauler Zauber der Szene“.

Hellauf lachend werden jene, die in den letzten Jahren zahlreich aus der Sonnenfelsgasse geflohen sind, etwa die Behauptung registrieren, daß „die elektronischen Suchmöglichkeiten nur als Hilfs- und Kontrollfunktion bei der Auswahl der Belege eingesetzt werden konnten“. Der eingescannte und einwandfrei maschinenlesbare Text der gesamten Fackel war und ist das Um und Auf des über anthologiehaftes Exzerpieren nicht hinauskommenden Unternehmens „Fackellex“. Als 1996 im Rahmen einer parlamentarischen Anfrage an den damaligen Wissenschaftsminister Scholten angeregt wurde, „allen österreichischen Germanistik-Instituten, allen österreichischen Literaturhäusern sowie dem Wiener Karl-Kraus-Archiv“ eine Kopie der mit öffentlichen Förderungsgeldern erstellten digitalen Fackel zur Verfügung zu stellen, wurde das Monopol der Sonnenfelsgasse mit Zähnen und Klauen verteidigt. Dem Wissenschaftsministerium gegenüber, das in der Anfragebeantwortung den Standpunkt vertrat, „daß auch wissenschaftliche Teilergebnisse, die durch den Einsatz öffentlicher Mittel ermöglicht wurden – wie es etwa die vollständige EDV-Texterfassung der ,Fackel‘ wäre –, nach Möglichkeit der Scientific Community zur Verfügung gestellt werden müssen, sofern nicht rechtliche Hindernisse im Weg stehen“, wurde von seiten des „Fackellex“ mit urheberrechtlichen Problemen argumentiert; die Rechteinhaber hingegen, unter anderem den Suhrkamp Verlag, ließ man wissen, die digitale Fackel sei in einem völlig unbrauchbaren Zustand – eine glatte Unwahrheit. Aber man konnte sich eben des einzigen sicheren Trumpfes, den die positivistische Materialhuberei noch für sich verbuchen kann, nicht begeben: dem der vollständigen Belegerfassung. Wird die digitale Fackel öffentlich zugänglich und nutzbar, ist das hypertrophe Projekt, dessen Verdienst sich darin erschöpft, aus dem Fackel-Korpus Material zu kompilieren, endgültig so überflüssig wie ein Kropf.

Das Lachen vergeht einem ohnehin, wenn man sich vor Augen hält, was in den gut sechs Jahren, die das Projekt nun läuft, mit dem Aufwand an Personal und Sachmitteln geleistet wurde: Zu 144 Redensarten wurde in der Fackel Material gesammelt – digital, per Volltextsuche. Wozu? Um nachzuweisen, was Kraus’ Zeitgenossen  längst schon aufgefallen war und seit Jahrzehnten ein Gemeinplatz der Kraus-Philologie ist: daß Karl Kraus in „Redensarten“ „hineingreift“, daß er sie „abbiegt“, „von hinten anschaut“, sie „aus allen Schlupfwinkeln“ treibt (Leopold Liegler, 1882 bis 1949; zitiert nach Welzig).

„Sonnenfelsgasse“ wird in der Kraus-Forschung stehen, wofür „Fichtegasse“ (die Redaktionsadresse der „Neuen Freien Presse“, der privilegierten Zielscheibe von Kraus’ Satire) in der Fackel steht. Und wenn man Welzig im Rahmen der Kommission für literarische Gebrauchsformen, wie geplant, weiterhin Dutzende Millionen Schilling in den Sand setzen läßt, kann man „Akademie der Wissenschaften“ getrost wenn schon nicht als Redensart, so doch im geplanten nächsten Band der „Textwörterbücher zur ,Fackel‘“ buchen: im Schimpf- und Schmähwörterbuch.

 Werner Welzig (Hg.): Wörterbuch der Redensarten zu der von Karl Kraus 1899 bis 1936 herausgegebenen Zeitschrift „Die Fackel“. Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1999.

 Die nicht im einzelnen mit Nachweis versehenen Welzig-Zitate stammen aus folgenden Publikationen:

  • Werner Welzig: Uns geht die Sprache verloren („Manifest“). In: Die Presse, Spectrum, 23./24. Oktober 1993.

  • Werner Welzig: Wörterbücher der „Fackel“. Vor-Sätze eines Literarhistorikers. In: Lexicographika 10/1994, S. 90–99.

  • Werner Welzig: Schulter an Schulter: „Nanu?“ „Nu na!“. In: Die Presse, Spectrum, 6./7. Mai 1995.

  • Werner Welzig: Doch was ist das: ein Programm?. In: Die Presse, Spectrum, 20./21. Mai 1995.

  • Werner Welzig: Die Gegenwart des Diurnisten. Zum 50. Todestag von Leopold Liegler, dem Autor der ersten Karl-Kraus-Monographie. In: Die Presse, Spectrum, 25./26. September 1999.

Walter Schübler, geboren 1963 in Lindach / OÖ, lebt als Lektor, Literaturkritiker und Autor in Wien. Er war von September 1996 bis Oktober 1997 an der Kommission für literarische Gebrauchsformen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (halbtags) angestellt. Er verließ das Projekt „Wörterbücher der Fackel“ aus freien Stücken und teilte sowohl Werner Welzig wie auch den Projekt-Mitarbeitern im November 1997 brieflich seine Bedenken gegen das „Wörterbuch der Redensarten“ mit.

Schriftliche parlamentarische Anfragen und Anfragebeantwortungen zur "Digitalen Fackel" und zu Werner Welzigs umstrittenem "Fackel"-Wörterbuch

  1. Schriftliche Anfrage der Abgeordneten Mag. Dr. Schmidt Heide und Genossen an den Bundesminister für Wissenschaft, Forschung und Kunst betreffend das Forschungsprojekt "Wörterbuch der FACKEL" (mehr)

  2. Anfragebeantwortung durch den Bundesminister für Wissenschaft, Forschung und Kunst Dr. Rudolf Scholten zu der schriftlichen Anfrage (40/J) der Abgeordneten Mag. Dr. Heide Schmidt und Genossen an den Bundesminister für Wissenschaft, Forschung und Kunst betreffend des Forschungsprojektes Wörterbuch der FACKEL (mehr)

  3. Schriftliche Anfrage der Abgeordneten Dr. Kurt Grünewald, Kolleginnen und Kollegen an die Bundesministerin für Bildung, Wissenschaft und Kultur betreffend "Fackel"-Wörterbuch (gewährte Förderungen für das "Wörterbuch der Redensarten zu der von Karl Kraus 1899 bis 1936 herausgegebenen Zeitschrift Die Fackel" (mehr)

  4. Anfragebeantwortung durch die Bundesministerin für Bildung, Wissenschaft und Kultur Elisabeth Gehrer zu der schriftlichen Anfrage (2644/J) der Abgeordneten Dr. Kurt Grünewald, Kolleginnen und Kollegen an die Bundesministerin für Bildung, Wissenschaft und Kultur betreffend Fackel-Wörterbuch) 2581/AB - Fackel-Wörterbuch (mehr)

  5. Schriftliche Anfrage der Abgeordneten Dr. Kurt Grünewald, Kolleginnen und Kollegen an die Bundesministerin für Bildung, Wissenschaft und Kultur betreffend Anfragebeantwortung (2581/AB zu 2644/J) Fackel-Wörterbuch (gewährte Förderungen für das "Wörterbuch der Redensarten zu der von Karl Kraus 1899-1936 herausgegebenen Zeitschrift 'Die Fackel'")) 2893/J (mehr)

  6. Anfragebeantwortung durch die Bundesministerin für Bildung, Wissenschaft und Kultur Elisabeth Gehrer zu der schriftlichen Anfrage (2893/J) der Abgeordneten Dr. Kurt Grünewald, Kolleginnen und Kollegen an die Bundesministerin für Bildung, Wissenschaft und Kultur betreffend Anfragebeantwortung Fackel-Wörterbuch (mehr)

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