Das vorschriftswidrige Lächeln des Singer-Songwriters John Prine.

ORF, Ö1, „Spielräume“ vom 10. Jänner 2010. 17:30 - 17:56 (© Andreas Weigel).

„Spielräume”-Kennung (0:17)

Bei „Spielräumen“ zu John Prines Debütalbum begrüßt Sie Andreas Weigel.

Anfang der 70er Jahre hat John Prine bei einem Talenteabend eigene Lieder so überzeugend vorgetragen, dass er vom Fleck weg als Clubmusiker engagiert wurde. Ein paar Monate später waren Kris Kristofferson und Paul Anka von Prines Liedern so beeindruckt, dass sie dem knapp 25-Jährigen binnen Tagen zu einem Plattenvertrag verhalfen.

Prines damaliges Repertoire, das den Grundstock seines 1971 in Nashville aufgenommenen Debütalbums bildet, bestand aus Liedern, die mit eingängigen Melodien und Refrains Themen behandeln, die für Folk- und Countrymusik eher ungewohnt waren.

Vor seinem Engagement als Musiker war Prine Briefträger. Dabei hat er als Überbringer guter, schlechter und ausbleibender Nachrichten die alltäglichen Sorgen und Nöte seiner Landsleute kennen gelernt. Aus dieser Erfahrung ist ein bewegendes Lied über die Vereinsamung im Alter entstanden: „Hello in There“ beschreibt ein Pensionistenehepaar, das sich immer tiefer in sein Schneckenhaus zurückzieht: Sie sprechen miteinander nur noch das Notwendigste, weil es kaum Neues zu sagen gibt. Sie schaut meist bei der Hintertüre ins Freie hinaus und er zögert, einen früheren Arbeitskollegen anzurufen, da er doch nichts zu berichten weiß, was ihm der Rede wert scheint.

Hello In There (4:29)

Ungewöhnlicher als das Thema von „Hello in There“ ist das nun folgende „Illegal Smile“, in dem die Protagonisten ihren trostlosen Alltag durch ein illegales Lächeln vertreiben. Das Lied wurde meist als Kiffer-Hymne mißverstanden. Dabei empfiehlt es keine Drogen, sondern Fantasie: Denn wer seine Arbeits- bzw. Lebensbedingungen nicht ändern kann, vermag mit Tagträumen zumindest die Freizeit erträglicher zu gestalten: „Zum Glück kann ich der Wirklichkeit entfliehen. Abends wirst Du mich mit einem verbotenen Lächeln sehen. Es kostet nicht viel, hält aber lange an. Sag denen, dass ich niemand etwas zu Leide getan habe, nur auch etwas Spaß haben möchte.“

Illegal Smile (3:10)

Der in „Illegal Smile“ gegebene Rat, in die Fantasie zu flüchten, ist weder naiv noch zynisch gedacht. Denn welche Alternativen hat jemand, der etwa zum Kriegsdienst einberufen wird?

Von diesem Dilemma handelt „Spanisch Pipedream“, dessen Titel einen Wunschtraum andeutet. Es ist das Gedankenspiel eines US-Soldaten, der sich nach Kanada absetzen möchte. Er fantasiert, wie er seiner Einberufung entkommt und dabei sogar eine attraktive Verbündete findet: Sie ist eine besonnene Bar-Tänzerin, die mit der Rolle, die ihr das Leben zugeteilt hat, gleichfalls unglücklich ist. Beide haben so wenig zu verlieren, dass sie alles hinter sich lassen und gemeinsam ein neues, selbstbestimmtes Leben beginnen. Der Refrain dieser Aussteiger-Hymne gipfelt in der Empfehlung, Fernseher und Zeitungen wegzuwerfen, aufs Land zu ziehen, dort ein Haus zu bauen, einen Garten anzulegen und den Sinn des Lebens selbst zu finden.

Spanish Pipedream (2:37)

Sie hören „Spielräume“ mit ausgewählten Liedern von John Prines Debütalbum. Das nun folgende „Sam Stone“ thematisiert den sozialen Abstieg und körperlichen Verfall eines Vietnamkriegsveteranen, der seine physischen und psychischen Verwundungen nur durch exzessiven Drogenmißbrauch besänftigen kann. Prine schildert welche körperlichen und geistigen Wracks der Krieg aus Menschen macht, die ihm ausgeliefert sind. Zudem beleuchtet er, wie die Greuel des Krieges auf die Familien der Heimkehrer durchschlagen. Im ergreifenden Refrain beklagen Sam Stones Kinder die verheerende Drogensucht ihres kaputt gemachten Vaters: „Papas Arm hat ein Loch, wo all unser Geld verschwindet.“

Sam Stone (4:14)

Mitte der 60er Jahre wurde auch Prine für den Vietnamkriegseinsatz ausgebildet. Er hatte aber das große Glück, in Deutschland stationiert zu werden. Die erlebte Vergeudung wertvoller Lebenszeit durch den Militärdienst speist sein satirisches Antikriegslied „Your Flag Decal Won’t Get You into Heaven Anymore“.

Als Briefträger trug Prine 1969 unter anderem die Februar-Ausgabe von „Reader’s Digest“ aus. Sie enthielt vom US-Verteidigungsministerium finanzierte, zigarettenschachtelgroße Abziehbilder der US-Flagge. Die Aufforderung, diese als Zeichen des Patriotismus auf Windschutzscheiben zu kleben, wird dem Helden des folgenden Liedes zum Verhängnis. Im patriotischen Übereifer pflastert er die gesamte Windschutzscheibe mit Flaggen zu, was ihm beim Autofahren die Sicht nimmt und tödlich endet. Nicht genug damit wird ihm an der Himmelstüre der Einlaß verwehrt, weil der Himmel schon mit Kriegstoten überfüllt ist und Flaggen keine gültigen Eintrittskarten sind.

Your Flag Decal Won’t Get You … (2:51)

Sie hörten “Your Flag Decal Won’t Get You into Heaven Anymore“, in dem Prine mit schwarzem Humor jenen bornierten Patriotismus verspottet, der mitverschuldet hat, dass Amerikas Jugend im Vietnamkrieg rücksichtslos verheizt wurde.

Im nun folgenden Lied „Angel from Montgomery“ schlüpft Prine in die Rolle einer Frau mittleren Alters. Sie fühlt sich lebendig begraben, da sie in einer unglücklichen Ehe gefangen ist, der sie nicht entkommen kann. Verzweifelt hofft sie auf ein irgendein Wunder, das sie aus ihrer überlebten Beziehung erlöst. Mit ausdruckstarken Bildern beschreibt Prine die Trostlosigkeit einer Ehe, die keine Zukunft hat und nur andauert, weil die Frau keinen Ausweg aus ihrem Unglück findet.

Angel from Montgomery (3:43)

„Angel from Montgomery“ wurde vor allem von Musikerinnen, etwa Bonnie Raitt, Carly Simon, Tanya Tucker und Susan Tedeschi gecovert. Die meisten Lieder von Prines Debütalbum wurden bald Folkstandards. Die Platte fand bei Kritikern und Künstlerkollegen hohe Wertschätzung, wurde aber kommerziell nicht so erfolgreich, wie die Plattenfirma erhofft hat. Erst seit Prine 1980 sein eigenes Label gegründet hat, heimst er auch Grammy-Nominierungen und Grammys ein – zuletzt 2006 für sein Album „Fair & Square“.

Die „Spielräume“ erinnerten an John Prines Debütalbum, dessen Lieder eher durch Coverversionen bekannt sind. - Als Gestalter verabschiedet sich Andreas Weigel.

MUSIKLISTE

Autor/Komponist: John Prine

Titel: Hello in There

Ausführende: John Prine

Label: Atlantic 19156-2

Länge: 4:29

 

Autor/Komponist: John Prine

Titel: Illegal Smile

Ausführende: John Prine

Label: Atlantic 19156-2

Länge: 3:10

 

Autor/Komponist: John Prine

Titel: Spanish Pipedream

Ausführende: John Prine

Label: Atlantic 19156-2

Länge: 2:37

 

Autor/Komponist: John Prine

Titel: Sam Stone

Ausführende: John Prine

Label: Atlantic 19156-2

Länge: 4:14

 

Autor/Komponist: John Prine

Titel: Your Flag Decal Won’t Get You into Heaven Anymore

Ausführende: John Prine

Label: Atlantic 19156-2

Länge: 2:51

 

Autor/Komponist: John Prine

Titel: Angel From Montgomery

Ausführende: John Prine

Label: Atlantic 19156-2

Länge: 3:43

Andreas Weigels digitales Leseeckchen (© Impressum. Stand vom: 1. April 2013.)