GLÄNZEND RUNDE SACHE: LITERATURLEXIKA AUF CD-ROM
Andreas Weigel, Wien. Alle Rechte vorbehalten)

Erfreuliches gibt es für literarisch Interessierte zu berichten, sind doch mit Walther Killys »Literaturlexikon«, »Kindlers Neuem Literaturlexikon«, dem »Kritischen Lexikon der Gegenwartsliteratur«, Gero von Wilperts »Lexikon der Weltliteratur« und Viktor Zmegacs »Geschichte der deutschen Literatur« wichtige deutschsprachige Nachschlagewerke auf CD-ROM erschienen, die gedruckt rund 50 Bände umfassen.

»Kritisches Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur« (KLG)

Das zehnbändige »Kritische Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur« (KLG) informiert detailliert über rund 600 Schriftsteller, deren wesentliches Werk nach 1945 entstanden ist oder hauptsächlich gewirkt hat. Aufgrund dieser Vorgabe nimmt das KLG bewußt eine Sonderstellung ein, weshalb es etwa ausführliche Artikel zu Robert Schneider und Werner Schwab bietet, die in den konkurrierenden Lexika fehlen.

Der Vorteil des KLG-Konzeptes, welches durch die offene Form der Loseblattordner jederzeit Artikelergänzungen und -aktualisierungen gestattet, verursacht bei der gedruckten Ausgabe das provisorische Erscheinungsbild, welches im Gegensatz zu den fundierten Artikeln steht, die mit gründlichen Bibliografien versehen, die ausgewählten Autoren kritisch beleuchten.

Es ist daher eine Freude zu sehen, wie gelungen das KLG auf CD-ROM adaptiert wurde. Die Programmierer haben die gängigen EDV-Standards beherzigt und den bekannt guten Inhalt in digitale (Hoch-)Form gebracht. Die übersichtlich gestaltete Oberfläche rückt die Artikel in den Mittelpunkt. Bei den Fenstern und Menüs werden die bewährten Windowskonventionen eingehalten, weshalb einem die Programmoberfläche sofort vertraut ist.

Auch das digitale KLG ist ein Fortsetzungswerk und das Abonnement ist zu empfehlen, da mit der Nachlieferung jene Schwächen (Ungereimtheiten bei der Installation, Programmcodes im Text, uneinheitliche Namensbuchungen …) behoben werden, die von der Eile herrühren, daß die Neuerscheinung unbedingt auf der Frankfurter Buchmesse präsentiert werden sollte.

Killy, Wilpert und Zmegac in der »Digitalen Bibliothek«

Ähnlich wie das digitale KLG zeichnet sich auch die »Digitale Bibliothek«, die namhafte Nachschlagewerke und wichtige Dokumenten-Sammlungen digital aufbereitet, durch eine hochprofessionelle, kunden- und leistungsorientierte Benutzeroberfläche aus.

Die verdienstvolle Reihe umfaßt rund 30 Bände, von denen hier drei thematisch passende (Killy, Wilpert, Zmegac) berücksichtigt werden, deren identische Oberfläche durch Gestaltung und Funktionalität überzeugt, deren inhaltliche Qualität stark divergiert.

Die anfangs irritierende Zweiteilung des Bildschirms in Funktionsregister und Lesefläche erweist sich als durchdacht, bietet sie doch die optimale Plattform, um nebeneinander zu recherchieren und zu lesen: So werden links im Funktionsregister die Suchkriterien definiert, rechts im Textfenster die Treffer einzeln zur Lektüre angezeigt, wobei man wiederum auf der linken Seite Notizen machen kann.

Die Suche selbst verläuft sekundenschnell, ihr Ergebnis wird je nach Wunsch einzeln, Treffer für Treffer, oder als Fundstellenliste angezeigt. Für letztere werden alle Fundstellen in eine Tabelle geschrieben, aus der die gewünschten Artikel durch Mausklick aufgerufen werden.

Wer wissen möchte, wie sich die meist isoliert präsentierten deutschsprachigen Autoren vor dem Hintergrund der Literaturgeschichte ausnehmen, wird Viktor Zmegacs 1984 erschienene, 3-bändige »Geschichte der deutschen Literatur« schätzen, welche nun für die »Digitale Bibliothek« adaptiert wurde. Bei Stichproben machte dieses Standardwerk, das vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart reicht, einen soliden Eindruck.

Der Vergleich zwischen Killy und Wilpert zeigt, wie deutlich sich die Bände der »Digitalen Bibliothek« inhaltlich unterscheiden. Killys »Literaturlexikon« zeichnet sich durch ausführliche, informative Artikel aus, die nur hie und da an der üblichen Lexikonschwäche leiden, im Detail irrig zu sein.

Von der 1993 abgeschlossenen, 15-bändigen gedruckten Ausgabe, welche rund 10 000 Artikel zu deutschsprachigen Autoren, Werken und Sachbegriffen umfaßt, wurde das 12-bändige Autorenlexikon und das zweibändige Sachlexikon übernommen, auf Bild- und Registerband wurde verzichtet.

Als umfassende Bestandsaufnahme der gesamten deutschsprachigen Literatur behandelt Killys »Literaturlexikon« anders als die anderen hier besprochenen Lexika etwa auch Ulrike Meinhof, Wilhelm Reich, Max Riccabona, Konstantin Wecker und Fritz Wittels mit eigenen Artikeln und erreicht damit nahezu die angestrebte Vollständigkeit. Nahezu, weil aus unerfindlichen Gründen zwar Artikel zu Konrad Adenauer, aber nicht Bruno Kreisky, zu Joe Berger, aber nicht Axel Corti, zu Joseph Goebbels, aber nicht Adolf Hitler, zu Edwin Hartl, aber nicht Reinhard Mey, zu Alma Mahler, aber nicht Wim Wenders vorhanden sind.

Einen nachhaltigen Eindruck, wie gelungen der Killy ist, vermittelt Wilperts »Lexikon der Weltliteratur«, dessen zweibändiges „Autoren-" (1988) und Werklexikon (1993) aufgrund der inhaltlichen Oberflächlichkeit unter aller Kritik ist.

Eindeutig verfehlt wird der Anspruch, „dem Benutzer ein wirklich umfassendes, materialreiches und zuverlässiges Nachschlagewerk an die Hand zu geben, das durch äußerste Konzentration der Darstellung eine sonst nirgends erreichte Fülle von Namen und Fakten bietet und nach Möglichkeit auch beim Aufsuchen entlegener Schriftsteller nicht enttäuscht."

Die problematische Kürze der Artikel führt zu Pauschalierungen, Ungenauigkeiten und einer Beliebigkeit, die es schwer ermöglicht, anhand der Charakteristik den jeweiligen Autor zu erkennen. Durch die widersinnige Kürze werden die Artikel, welche im Detail oft geschwätzig sind, wenn sie etwa bei deutschsprachigen Autoren willkürlich den Beruf des Vaters anführen, nichtssagend allgemein, beliebig austauschbar.

Zudem befremden die unüberlegten Auswahlkriterien, wenn Robert Wilson, aber nicht Sigmund Freud, wenn René Goscinny, aber weder Jacques Brel, Bob Dylan oder Woody Guthrie in eigenen Artikeln behandelt werden.

Der bleibende Eindruck ist ein schaler Geschmack, weshalb das am Klappentext zitierte Lob allenfalls in der Negation stimmt: ungründlich, lückenhaft, unzuverlässig und unintelligent. Was kann ein Nachschlagewerk noch falsch machen?

Alle erwähnten Werke unterstützen nicht nur die Volltextsuche mit Platzhaltern und Operatoren, sondern mittels Filtern und deren Verknüpfung die differenzierte Suche in allen oder frei zu definierenden Bereichen der Lexika. Sie erlauben Funktionen, wie Anmerkungen, Lesezeichen, Markierungen, Notizen, sowie das Drucken, Kopieren und Exportieren beliebiger Artikel, Abschnitte oder Suchergebnisse.

Kindlers »Lexikon der Weltliteratur«

Bei der CD-ROM-Version von Kindlers 21-bändigem »Lexikon der Weltliteratur« läßt nicht der erstklassige Inhalt, sondern die Umsetzung zu wünschen übrig. Statt einer klaren, effizienten Oberfläche wurde eine unpraktische programmiert, die mit klobigen Fenstern, Masken und Schnickschnack kleckert, aber Standards wie „Suche im aktiven Fenster" entbehrt.

Von der grafischen Geschmacksverwirrung abgesehen ist die Oberfläche abenteuerlich unpraktisch, weil es etwa keine Maximierbuttons gibt, obwohl die vorgegebenen Fenster so klein definiert wurden, daß man per Maus an allen Fensterecken und -enden anzieht, damit der Lesebereich eine akzeptable Größe erhält.

Die Mißachtung bewährter Standards hat die Chance vereitelt, den Kindler werkgerecht für Recherche und Lektüre aufzubereiten, was schade ist, weil sich über die inhaltliche Qualität dieser Literaturenzyklopädie, sowie ihre umfassende und ausgewogene Auswahl fast nur Gutes sagen läßt.

Basis für die Suche ist das Recherche-Menü. Alternativ dazu lassen sich über das Hauptmenü „Autoren", „Werke" und „Essays" aufrufen. Dies dauert allerdings, weil die alphabetische Reihung der 8 000 Autoreneinträge bzw. 18 000 Werkartikel stets erneut zusammengestellt wird.

Den Kindler unterscheidet von anderen Literaturlexika, daß er ein alphabetisch nach Autoren gegliedertes Werklexikon ist, weshalb Werke im Mittelpunkt der Artikel stehen. Es erstaunt daher, daß in den Artikeln keine Werktitel, sondern nur Autorennamen verlinkt wurden: Bei Boris Vians »Die Reichsgründer oder das Schmürz« führt zwar ein Link zu Alfred Jarry, aber kein direkter Weg zum erwähnten Roman »Docteur Faustroll, pataphysicien«, weshalb man bei Interesse den Autoren-Hyperlink anklicken muß, worauf ein Textfenster mit biografischen und bibliografischen Notizen zu Jarry angezeigt wird, welches einen Werke-Button aufweist, der es erlaubt, aus der Liste der besprochenen Werke Jarrys den gesuchten Roman aufzurufen.

Hürden sind auch bei der Recherche zu bewältigen, welche nur zu dem Ergebnis führt, daß in einem bestimmten Artikel ein Treffer enthalten ist. Anders als bei der »Digitalen Bibliothek« wird nicht automatisch die entsprechende Passage, sondern nur der Artikel angezeigt, der das Gesuchte enthält.

Das Resümee, daß der digitale Kindler den Wunsch weckt, die gedruckte Ausgabe in die Hand zu nehmen, nötigt zur Klarstellung, daß Killy und Zmegac auch, das KLG vor allem als digitale Edition überzeugen.

Aufgrund des Mißverhältnisses zwischen Preis und Leistung bedarf die elektronische Ausgabe des Kindler unbedingt einer Generalüberholung, so sie sich nicht als Ladenhüter etablieren und im Ramsch landen will.

Andreas Weigels digitales Leseeckchen (© Impressum. Stand vom: 1. April 2013.)