Luft und Liebe.

 ORF, Ö1, „Spielräume“ vom 18. Jänner 2009. 17:30 - 17:56 (© Andreas Weigel).

„Spielräume”-Kennung (0:17)

Bei „Spielräumen“ zum Thema „Luft und Liebe“ begrüßt Sie heute Andreas Weigel.

Roxy Music haben 1973 eine Person porträtiert, die einer Sexpuppe verfallen ist. Bryan Ferrys außergewöhnliches Liebeslied hat zu der Frage geführt, ob es mehr interessante Popsongs über aufblasbare Gummipuppen gibt? - Die Antwort lautet: ja.

Vor drei Jahren hat etwa der australische Musikkabarettist Tim Minchin ein unverschämt humorvolles Liebeslied an eine Sexpuppe geschrieben, das unverblümt deren Vorteile aufzählt. Sein „Inflatable You“ ist daher zwar nicht jugendfrei, was aber trotz vorabendlicher Sendezeit nichts macht, weil es Englisch gesungen wird.

Tim Minchin: „Inflatable You“ („Dark Side“, 5:49)

Tim Minchin mit seiner Kabarettnummer „Inflatable You“. - Die meisten Gummipuppen-Lieder stammen von Männern. Musikerinnen greifen das Thema so gut wie kaum auf oder an. Eine der wenigen Ausnahmen ist die amerikanische Independent-Folk-Musikerin Maggie. Sie fühlt sich von ihrem Freund wie eine aufblasbare Gummipuppe behandelt. Gegen diese unfreiwillige Gleichsetzung mit dem leblosen Gebrauchsgegenstand wehrt sie sich in bester Protestsong-Tradition musikalisch: durch das anklagende Lied „Blow-up Doll“.

Maggie: „Blow Up Doll“ („Acoustic As Usual“) - 3:05

Maggie mit ihrem Protest-Song „Blow-up Doll“. - Dass selbst Gummipuppen respektvoll behandelt, gleichsam vergöttert, werden, belegt das Lied „Inflatable Woman“ der New Yorker Einmann-Band Cudie Taa. Der eigenwillige Bandname ist der französische Ausdruck für Staatsstreich, „coup d’etat“, so er amerikanisch und fehlerhaft ausgesprochen wird.

In Cudie Taas satirischem Lied „Inflatable Woman“ beteuert ein kauziges Original, dass er seine Gummipuppe vor allem wegen ihrer geistigen Qualitäten liebe. Denn jene Gedanken, Theorien, Aufsätze und Fernseh-Interviews, die er ihr andichtet, entzücken ihn so, dass er seine Sexpuppe zu einem intellektuellen Genie erklärt.

Das sprachlich ausgereifte Lied ist auch musikalisch liebevoll gedrechselt, wenn etwa die minimalistische Computerkomposition durch Luftströmungsgeräusche dezent, aber stimmig abgerundet wird.

Cudie Taa: „Inflatable Woman“ („Twisted Pear“) - 3:20

Cudie Taa mit „Inflatable Woman“, das sich laut seinem Autor bewusst gegen wissenschaftlichen Feminismus wendet.

Ganz im Gegensatz dazu betont das kanadische Pukka Orchestra, dass seine 1981 veröffentlichte Single „Rubber Girl“ beileibe nicht frauenfeindlich gedacht ist: „Unser Lied ‚Rubber Girl’ wurde ab und zu von Frauengruppen missverstanden, dabei beschreibt es einen einsamen Mann: keinen Frauenfeind.” Dieser befürwortet in dem reizvollen Lied, bei dem erneut Aufblasgeräusche zu hören sind, pragmatisch den Tausch von Luft gegen Liebe.

Pukka Orchestra: „Rubber Girl“ („Pukka Orchestra“) - 4:36

Das „Pukka Orchestra“ mit „Rubber Girl“. - Sie hören „Spielräume“ über Gummipuppen in der Popmusik. Das heutige Thema wurde durch Roxy Musics grandiose Herz-Schmerz-Hymne „In Every Dream Home a Heartache“ angeregt. Denn dieses gespenstische Wohlstands-Märchen beschreibt einen, der zwar nahezu alles besitzt, aber von seinem Leben dennoch nichts hat, weil er am Zwischenmenschlichen scheitert. Das rätselhafte Lied, ein beschwörendes Selbstgespräch mit einer Sexpuppe, schildert leidenschaftlich dramatisch, dass der Penthouse-Segen schief hängt.

Es ist faszinierend, wie suggestiv und eindringlich Roxy Music die Szene gestalten. Auf einem lavastromartig zäh vorwärts drängenden Klangteppich preist Ferrys gequält lethargischer Sprechgesang eine unbeseelte Luxus-Leere, die an das öde Anwesen von „Citizen Kane“ erinnert.

Der vordergründig eher monoton wirkende, aber durch unzählige Klangtupfer akzentuierte Melodienstrom erzeugt einen mitreißenden Sog. - Als der Held erwähnt, wie er seiner auserwählten Plastik-Dame durch seinen Odem gleichsam Gott gleich Leben einhaucht, gerät er völlig außer Rand und Band: Leid und Wahn brechen sich in einem alles überwältigenden Gefühlsausbruch Bahn.

Roxy Music: „In Every Dream Home A Heartache“ („For Your Pleasure“) - 5:25, Ausblenden bei 4:00

Roxy Music mit „In Every Dream Home A Heartache“. Im Jahr 2002 hat Ferry dazu übrigens eine Fortsetzung geschrieben, die den verwaisten Schauplatz des Geschehens beleuchtet: jenes monströse Märchenschloss, das Vorbild für Orson Welles’ „Xanadu“ in „Citizen Kane“ war.

Am Ende dieser „Spielräume“ folgt ein Beispiel dafür, dass nicht jede Plastik-Geliebte nahe liegender Weise eine Sexpuppe ist. Schließlich führt der Titel von Jefferson Airplanes „Plastic Fantastic Lover“ das Publikum in die Irre: Ihr zeitloser Hit aus dem Jahr 1966 besingt ein Fernsehgerät.

Jefferson Airplane „Plastic Fantastic Lover“ („Surrealistic Pillow“) - 2:35

Jefferson Airplanes „Plastic Fantastic Lover“ - Die „Spielräume“ waren heute der musikalischen Betrachtung von Gummipuppen in der Popmusik gewidmet. Als Gestalter verabschiedet sich Andreas Weigel. - Auf Wiederhören

MUSIKLISTE

Komponist: Tim Minchin

Titel: „Inflatable You“

Ausführende: Tim Minchin

Label: Eigenverlag (ohne jegliche Angabe / Nummer)

Länge: 5:49

Komponistin: Margaret P. Hilliard

Titel: „Blow Up Doll“

Ausführende: Maggie (aka Margaret P. Hilliard)

Label: Eigenverlag (© 2006 Margaret P. Hilliard, Nr. 634479773396)

Länge: 3:05

Komponist: Larry Kostecke

Titel: „Inflatable Woman“

Ausführende: Cudie Taa (aka Larry Kostecke)

Label: Eigenverlag (© 2005 Larry Kostecke, Nr. 634479183355)

Länge: 3:17

Komponist: Graeme Williamson

Titel: „Rubber Girl“

Ausführende: Pukka Orchestra

Label: Solid Gold 79788-2

Länge: 4:35

Komponist: Bryan Ferry

Titel: „In Every Dream Home A Heartache“

Ausführende: Roxy Music

Label: EGCD8

Länge: 4:10

Komponist: Marty Balin

Titel: Plastic Fantastic Lover

Ausführende: Jefferson Airplane

Label: RCA/BMG Heritage 8276 50351 2

Länge: 2:35

„SPIELRÄUME“-TRAILER

Komponist: Bryan Ferry

Titel: „In Every Dream Home A Heartache“

Ausführende: Roxy Music

Label: EGCD8

Länge: 0:30

Andreas Weigels digitales Leseeckchen (© Impressum. Stand vom: 1. April 2013.)