Forschungsfeindliche Ausleihbegrenzung der „Österreichischen Nationalbibliothek“
Seit einigen Monaten verärgert die „Österreichische Nationalbibliothek“ Forschende durch gravierende Service- und Angebotsverschlechterungen (Presseinformation von Andreas Weigel, 10. Februar 2011).

Seit zwei, drei Monaten dürfen Forschende an der „Österreichischen Nationalbibliothek“ täglich nur noch fünf Werke zur gleichzeitigen Benützung online bestellen. Nach der elektronischen Bestellung von fünf Büchern können sie weitere Bestellungen nur noch mit konventionellem Papierbestellschein durchführen, selbst wenn sie bereits alle am selben Tag online bestellten Bücher zurückgegeben haben.

Zudem wird die Ausgabe all jener online bestellten Werke, die über dieses umstrittene Fünfer-Kontingent hinausgehen, für mindestens drei Tage gesperrt: Wer etwa sechs Werke online bestellt hat, kann das sechste, dessen Ausgabe verweigert wird, erst „frühestens“ nach „3 Werktagen“ erneut bestellen - siehe den Stempelvermerk auf dem nachfolgend abgelichteten Bestellschein:

Diese benutzerfeindliche und forschungsfremde Halbierung des bisherigen Bestellkontingentes ist eine willkürliche Einschränkung, die all jene Forschenden massiv behindert, die auf die Bestände der „Österreichischen Nationalbibliothek“ angewiesen sind.

Bestellschikanen statt Bestellservice

Der Zwang zum Ausfüllung von Papierbestellscheinen, auf denen mehrmals händisch Benutzername, Benutzeradresse, Buchautor, Buchtitel, Signatur und Datum angeben werden müssen, ist eine Schikane, die umso unverständlicher ist, als in den vergangenen Jahren mit hohen Kosten die EDV-Bestellvariante geschaffen wurde, die nun den eifrig Forschenden, d.h. allen, die mehr als 5 Werke pro Tag online bestellen wollen, vorenthalten wird.

Diese jüngste Service- und Angebotsverschlechterung der „Österreichischen Nationalbibliothek“ bedingt einen deutlich höheren Bestellaufwand, da die Forschenden wegen der Halbierung des Bestellkontingentes ihre Online-Bestellungen auf mehrere Tage verteilen müssen, wofür sie nun öfters eigens die „Österreichische Nationalbibliothek“ aufzusuchen haben, deren Benützung zunehmend auch durch fehlende freie Garderobekästchen erschwert wird.

Mangelware: freie Garderobekästchen und Leseplätze

Denn immer öfter werden Forschende, die die österreichische Nationalbibliothek als „zentrale wissenschaftliche Bibliothek der Republik Österreich“ nutzen wollen, als die sie sich in ihrem Leitbild definiert, vom Bibliotheks- und Lesebereich ausgesperrt, weil tagsüber nicht ausreichend freie Garderobekästchen und Leseplätze vorhanden sind, was aber nur zu einem geringen Teil davon herrührt, dass an der Nationalbibliothek so viel und eifrig geforscht wird.

Vielmehr wird die „Österreichische Nationalbibliothek“, die sich in ihrem Leitbild stolz als „dienstleistungsorientiertes Informations- und Forschungszentrum, als herausragende Gedächtnisinstitution des Landes“ anpreist, von BesucherInnen, die nachweislich nicht die Bestände der Nationalbibliothek nutzen und somit auch keinen Bestellaufwand verursachen, vorwiegend als Gratis-Internetcafé zweckentfremdet, obwohl die Leseplätze der „Österreichischen Nationalbibliothek“, einer Präsenzbibliothek, zum Studium der bibliothekseigenen Medien, nicht für die ausschließliche Lektüre mitgebrachter Unterlagen bzw. als Internetcaféstammtische gedacht sind.

Zweckentfremdung wegen Gratisinternetzugangs

Zum Bedauern vieler Forschender wird die wissenschaftliche Nutzung der „Österreichischen Nationalbibliothek“ und ihrer Bestände seit längerem durch BesucherInnen erschwert bzw. behindert, die die Lesesäle allein deshalb frequentieren, weil sie dort stundenlang kostenfrei im Internet surfen, chatten und ihre E-Mail-Korrespondenzen erledigen können. Das alles könnte diese Klientel, die der Generaldirektorin der „Österreichischen Nationalbibliothek“ besonders zusagt, weil sie die Lesesäle füllen und die Besucherstatistik erhöhen, aber keinen eigenen Bestellaufwand verursachen, auch überall sonst erledigen, ohne dafür die zahlenmäßig und zeitlich beschränkten Leseplätze einer wichtigen Präsenzbibliothek in Beschlag zu nehmen.

Die von Forschenden heftig beklagte Überzahl von BibliotheksbesucherInnen, die nachweislich nicht am Medienangebot der „Österreichischen Nationalbibliothek“, sondern bloß an deren kostenlosen Internetzugang interessiert sind, wäre kein Problem, wenn sie nicht zu Lasten jener Forschenden erfolgte, die auf die raren Leseplätze angewiesen sind, weil sie das Medienangebot der „Österreichischen Nationalbibliothek“ eben nur vor Ort nutzen können.

Privatisierung von Spindschlüsseln

Der Mangel an frei verfügbaren Garderoben rührt auch daher, dass viele BesucherInnen der „Österreichischen Nationalbibliothek“ die Garderobenschlüssel außer Haus mitnehmen, wenn sie die Nationalbibliothek mehrere Viertelstunden verlassen. Damit stellen sie auf Kosten anderer sicher, dass sie selbst bei ihrer Rückkehr sofort einen freien Garderobenschrank zur Verfügung haben. Durch diese Rücksichtslosigkeit ist zwar der jeweilige Garderobenschrank mehrere Viertelstunden leer, aber dennoch besetzt, was anderen BesucherInnen den Zugang zur Nutzung der „Österreichischen Nationalbibliothek“ deutlich erschwert.

Behinderung der Forschung

Tagtäglich sind viele Forschende verärgert, die eigens in die „Österreichische Nationalbibliothek“ fahren, um deren Medien zu nutzen, dort aber keinen freien Garderobenschrank erhalten, worauf sie weder den Bibliotheksbereich betreten, geschweige denn die eigens bestellten Medien nützen oder kopieren können.

Immer öfter müssen Forschende trotz nennenswerten Zeitverlustes (wiederholte An- und Abfahrt, Wartezeiten auf freie Spinde) unverrichteter Dinge abziehen, weil der Großteil der Spinde und Leseplätze von Personen besetzt wird, die gar nicht am Medienangebot der „Österreichischen Nationalbibliothek“, einer Präsenzbibliothek, sondern bloß an einem zentral gelegenen, gemütlichen Sitzplatz mit Internetanschluß interessiert sind.

Rasche Problemlösung erforderlich

Die von den massiven Angebots-, Nutzungs- und Serviceverschlechterungen betroffenem Forschenden hoffen, dass die angesprochenen Probleme die Medien, die Öffentlichkeit, die ressortzuständigen Bildungs- und Wissenschaftsministerinnen sowie die Bildungs- und WissenschaftssprecherInnen der im Parlament vertretenen Parteien so interessiert, dass in der Folge die „Österreichische Nationalbibliothek“ wieder forschungsfreundlicher wird.

Update: 16. Februar 2011

Nachdem ich am 10. Februar 2011 außer der Chefredakteurin des „Standard“, Dr. Alexandra Föderl-Schmid, ausgewählte WissenschaftsjournalistInnen sowie den Vorstand des „Klubs der Wissenschaftsjournalisten“, die Bildungs- und Wissenschaftsministerinnen sowie die Bildungs- und WissenschaftssprecherInnen von SPÖ, ÖVP und Grünen informiert hatte, hat sich die Generaldirektion der „Österreichischen Nationalbibliothek“ erfreulicherweise wieder eines Besseren besonnen:

Dabei hatte ich noch am 3. Dezember 2010 die folgende offizielle Antwort der Generaldirektion der „Österreichischen Nationalbibliothek“ erhalten, die mit einer anders lautenden - nachfolgend kursiv markierten - Begründung auf der umstrittenen Beschränkung beharrt hat:

Die Österreichische Nationalbibliothek hat in den letzten Jahren in den Benützungsbereichen am Heldenplatz ihre Dienstleistungen wesentlich ausgebaut. Diese Erweiterung der Services wurde von den Benützerinnen und Benützern sehr gut angenommen und führte zu einem kontinuierlichen Anstieg von Leserinnen und Lesern.

Mit einer deutlichen Erweiterung der Öffnungszeiten (ganzjährig Montag – Samstag von 9.00 – 21.00 Uhr) ab Juli 2009 und zuletzt 2010 mit der Eröffnung eines neuen Lesesaals wurde diesen jüngsten Entwicklungen Rechnung getragen.

Gleichzeitig mit der wachsenden Zahl der BenützerInnen stieg auch die tägliche Anzahl von Buchbestellungen.

Wir ersuchen für die Entscheidung, die Anzahl der Bände von zehn auf nunmehr fünf – analog zur Benützung in den Sammlungslesesälen – zu reduzieren, um Ihr Verständnis. Die Reduktion der Bandanzahl ist nicht als forschungsfeindliche Einschränkung zu interpretieren sondern vielmehr als das Bestreben der Österreichischen Nationalbibliothek, trotz laufend steigender BenutzerInnenzahlen weiterhin die gleichmäßige Bedienung aller LeserInnen zu gewährleisten. Ergänzend darf ich darauf hinweisen, dass die Erhöhung der Anzahl der Medienbestellung von ursprünglich fünf auf zehn erst 2005 als Pilotversuch eingeführt wurde.

Auch die Möglichkeit, nach ausgeschöpften elektronischen Bestellungen weitere Bände konventionell zu bestellen, ist als Service zur Überbrückung der Literaturversorgung zu verstehen und liegt darin begründet, dass die Österreichische Nationalbibliothek als Präsenzbibliothek keine Lesesaalverbuchung betreibt.

Umso mehr freut es mich, dass ich im Anschluss an meine obige Aussendung dank der engagiert vermittelnden Chefredakteurin des „Standard“, Dr. Alexandra Föderl-Schmid, am 16. Februar 2011 die folgende Antwort der Generaldirektion der „Österreichischen Nationalbibliothek“ erhalten habe, die sogar mit einer besonders erfreulichen Ankündigung eines eigenen „ForscherInnenlesesaals“ aufwartet:

Die Österreichische Nationalbibliothek versteht sich als offene, serviceorientierte Einrichtung, die den Bedürfnissen aller LeserInnen und BesucherInnen entsprechen möchte. Es ist uns schon rein rechtlich nicht möglich und auch nicht gewollt, StudentInnen, die die Räume der Bibliothek lediglich zum Lernen nutzen, abzuweisen. Mit einer deutlichen Erweiterung der Öffnungszeiten im Juli 2009 (ganzjährig Montag – Samstag von 9.00 – 21.00 Uhr) und zuletzt 2010 mit der Eröffnung eines neuen Lesesaals (Austriaca-Lesesaal) wurde diesen Entwicklungen Rechnung getragen.

Wir dürfen Sie auch informieren, dass in Zeiten hoher BesucherInnenfrequenz der Lesesaal permanent vom Sicherheitsdienst überwacht wird und Leseplätze, die über 30 Min. nicht benutzt werden, geräumt und neu vergeben werden. Die Zeiten besonders starker Auslastung beschränken sich auf lediglich wenige Wochen im Jahr (Oktober, Jänner, Juni), derzeit ist in allen Lesesälen der Modernen Bibliothek problemlos, sofort und zu jeder Tageszeit ein Leseplatz verfügbar.

Die Österreichische Nationalbibliothek verfügt über mehr Garderobekästchen als Leseplätze, die gelegentliche zweckentfremdete Nutzung ist uns bekannt, an einer technischen Lösung zur deren Vermeidung wird derzeit bereits gearbeitet.

Die Förderung der Forschung ist unserem Haus ein sehr großes Anliegen, weshalb kürzlich entschieden wurde den steigenden LeserInnenzahlen durch einen zusätzlichen neu zu errichtenden ForscherInnenlesesaal zu begegnen. Es freut uns Ihnen ankündigen zu dürfen, dass dieser 55 technisch bestens ausgestattete Leseplätze umfassende Saal im Jahr 2012 eröffnen wird. Der ForscherInnenlesesaal wird über einen umfangreichen Handapparat verfügen und ausschließlich ForscherInnen, die jährliche Nachweise zu erbringen haben, offen stehen.

Die Limitierung auf fünf täglich zu bestellende Werke wurde als Maßnahme auf Grund der seit Jahren rasant steigenden Medienbestellungen eingeführt um trotz dieses Zuwachses eine gleichmäßige Bedienung aller LeserInnen zu gewährleisten. Die mit der steigenden Anzahl an LeserInnen korrelierenden Bestellungen zeigen übrigens, dass auch StudentInnen Medien aus den Beständen der Bibliothek benutzen. Wir dürfen Sie informieren, dass nach Abschluss der Installation eines neuen Telelifts (Aushebesystem) ab Mo. den 21.2.2011 das Bestelllimit wieder auf 10 Bände angehoben wird.

Wir hoffen mit den genannten Maßnahmen Ihren Anregungen zu entsprechen,

Ja, herzlichen Dank! - Auch an die Chefredakteurin des „Standard“, Dr. Alexandra Föderl-Schmid.

Andreas Weigels digitales Leseeckchen (© Impressum. Stand vom: 1. April 2013.)