FRIVOLER ETIKETTENSCHWINDEL
Andreas Weigel, Wien. Alle Rechte vorbehalten)

Edward Timms (Hrsg.): Freud und das Kindweib. Die Memoiren von Fritz Wittels (Literatur in der Geschichte - Geschichte in der Literatur, Band 37). Aus dem Englischen übersetzt von Marie-Therese Pitner. Wien: Böhlau 1996. 216 Seiten.

Der an der Universität Sussex in Brighton lehrende britische Germanist Edward Timms beschäftigt sich seit langem mit dem Wien der Jahrhundertwende, zu dessen Bekanntheit er im angelsächsischen Raum publizistisch beigetragen hat. Als 1995 seine Karl-Kraus-Monografie mit rund zehnjähriger Verspätung deutsch erschien, wurde vor allem das Kapitel über Kraus’ Verhältnis zur Psychoanalyse als wichtiger Fortschritt gewertet. Dabei hat Timms im wesentlichen einen Vortrag des Wiener Karl-Kraus-Spezialisten Edwin Hartl aufgefrischt, den er beiläufig erwähnt.

Dieser hat Kraus’ wechselndes Verhältnis zur Psychoanalyse dargelegt und die Behauptung korrigiert, daß Kraus seit jeher Gegner der Psychoanalyse gewesen sei. Hartl hat jedoch das Verhältnis seiner Idole beschönigt, will er doch nicht wahrhaben, daß Kraus nach einer Phase regen Interesses die Psychoanalyse, der er "ja manches glauben wollte, wenn sie nicht mit so viel Betrug verknüpft wäre" (F 906-907, 15; 1935) verworfen hat.

Timms pflegt, Hartl folgend, die Legende, Kraus habe Freud zeitlebens von seiner Kritik ausgenommen, bloß dessen Schüler und deren Praxis angegriffen: "Seine Wertschätzung für Freud blieb jedoch unwiderrufen. In der Fackel läßt sich kein einziger feindseliger oder verächtlicher Verweis auf Freud als Person finden."

Die Ansicht, Kraus’ Ablehnung der Psychoanalyse spare deren Begründer aus, hält weder Logik, noch Fakten stand. Schließlich verhöhnt Kraus auf Freuds Kosten dessen Schüler: "Was fängt man doch mit dieser Jugend an? Sie ist mißgestalt und reagiert nur psychisch. Nichts als Freudknaben." (F 376-377, 22; 1913) oder nimmt ihn namentlich nicht ernst: "Was hat denn diese neue Jugend für einen Lehrmeister der Liebe? Sie lebt hemmungslos. Es scheint, daß sie den Sigi Ernst mit dem Sigi Freud überwunden hat." (F 406-412, 132; 1915)

Auch die Bemerkung, daß die Psychoanalyse "keinen Meister hat und nur fortzeugend Lehrlinge muß gebären" (F 668-675, 149; 1924) signalisiert, seine geringe Wertschätzung für Freud, den er als Art geistige Kinderkrankheit (Fackel 890-905, 46; 1934) einstuft.

Kraus attackiert auch Freuds Praxis, indem er etwa ein in einem Autographenkatalog angebotenes Schreiben Freuds glossiert, das zur Fortsetzung der Behandlung rät: "Patient hatte ganz recht, seine Widerstände nicht mürbe machen zu lassen, sondern sich durch Verkauf der Rezepte schadlos zu halten" (F 847-851, 53; 1931).

Seine entschiedene Abneigung gegen Freuds Lebenswerk hat er in eine polemische Definition gefaßt, die er nie widerrufen, sondern durch zahlreiche Nachträge gesteigert hat: "Psychoanalyse ist jene Geisteskrankheit, für deren Therapie sie sich hält." (F 376-377, 21; 1913)

In diesem Konflikt ist vor allem der 1880 in Wien geborene Mediziner und Schriftsteller Fritz Wittels negativ aufgefallen, wie Timms bestätigt, dessen "erster Eindruck keineswegs ein sehr günstiger war". Ähnlich ging es Kraus als ihm Wittels Ende 1906 mit einem unverschämt selbstbewußten Brief eine Geschichte zum Abdruck angeboten hat. Kraus antwortete, daß das vorlaute Schreiben "kein günstiges Vorurteil für die Arbeit" wecke, die ihm beiliege. Dennoch gefiel ihm diese "- zumal in der Stimmung - recht gut", weshalb er sie veröffentlicht und Wittels zur Fackel-Mitarbeit eingeladen hat.

Schon vor dieser Bekanntschaft hat sich Kraus für Freud interessiert, Vorlesungen besucht, ihn in der Fackel zitiert und gelobt, da er in ihm einen Verbündeten gegen die verlogene Sexualmoral jener Tröpfe gesehen hat, "die sich den Geschlechtsverkehr bloß auf ethischer Grundlage und nicht auf einem Divan vorstellen können" (F 211, 7; 1906).

Durch Wittels wurde Kraus’ intensiver über die Psychoanalyse informiert. Dem Wohlwollen folgte nach einer zwiespältigen Phase, die entschiedene Ablehnung, die Wittels spürt: "Er hatte angefangen, sich in seiner Zeitschrift über die Psychoanalyse lustig zu machen, und dies ärgerte mich. […] Von Anfang an vermutete ich, daß die Schläge gegen die Psychoanalyse eigentlich gegen mich gerichtet waren."

Er verschweigt jedoch jene sexuelle Deutung von Goethes "Zauberlehrling", die er Kraus anonym angeboten hatte. Kraus hat diese einem Geisteskranken zugeschrieben, bis er von Wittels erfuhr, daß es dessen psychoanalytische Interpretation war.

Kraus hat die Psychoanalyse nicht wegen eines privaten Streits mit Wittels, sondern diesen als anerkannten Vertreter der Psychoanalyse bekämpft. Wittels hat insofern zur Kontroverse beigetragen, als seine und ähnlich umstrittene Deutungen von Freud nicht in dem von Kraus gewünschten Wortsinn sanktioniert wurden.

Nachdem Kraus Ende 1908 mit Wittels gebrochen hatte und dies in der Fackel mit Bonmots, wie "Einer sagte, ich hätte versucht, ihn an die Wand zu drücken. Das ist nicht wahr. Es ist mir bloß gelungen." (F 266, S.28; 1908) bekanntgab, rächte sich Wittels 1910 durch seinen "Fackel-Neurose"-Vortrag. Wenig später erschien Wittels’ Schlüssel(loch)roman "Ezechiel der Zugereiste", der mit polemischem Witz und schäbigem Charme Kraus’ Werk und Freundeskreis verhöhnt.

Nach dem Bruch mit Kraus und Freud wurde (es um) Wittels lange ruhig. Über die Zeit zwischen 1910 und 1920 verliert er wenig Worte. Er arbeitet in einem Privatsanatorium, wurde während des Ersten Weltkriegs eingezogen und ließ sich Anfang der Zwanziger Jahre von Freuds Intimfeind Wilhelm Stekel analysieren. Dies motivierte ihn, die erste Freud-Biografie zu schreiben, die 1923 sein Comeback als Schriftsteller begründete. Ende 1928 emigrierte Wittels nach New York, wo er 1947 ein drittes Mal heiratete, seine Memoiren schrieb und 1950 starb.

Bei der Wiedergabe seiner Kindheitseindrücke hält sich Wittels über weite Strecken bedeckt. Außer dem frühen Tod seiner Mutter, ein paar Erinnerungen an Geschwister und Kindermädchen erzählt er statt Persönlichem, Unverfängliches über Nestroy und das Wien der Jahrhundertwende. Später widmen sich die Memoiren seiner medizinischen Ausbildung, den prägenden Beziehungen zu Freud, Kraus, Stekel sowie dem sogenannten "Kindweib".

Während sich Wittels mit Freud versöhnt hat, blieb er von Kraus entzweit. Wittels hat diesen Konflikt nie bewältigt, was ans Licht kommt, wenn er Kraus zur Wiener Lokalgröße stilisiert oder seinen Abriß von Kraus’ Leben mit dem Vorwurf schließt, diesem sei zu Hitler nichts eingefallen. Timms kommentiert die Stelle parteiisch, übergeht seine Anmerkung doch, wie aufmerksam Kraus die Vertreter des Nationalsozialismus’ seit Beginn der Zwanzigerjahre mit dem Spottlight der Fackel verfolgt hat.

Gröblich verletzt Timms seine Verantwortung durch die im Vorwort des Herausgebers freimütig erwähnten Eingriffe: "so hat sich der Herausgeber […] die Freiheit genommen, diese […] Quellen zusammenzufassen und Wittels’ maschinschriftlichen Text zu einer zusammenhängenden Schilderung umzuformen. Um Wiederholungen zu vermeiden, mußten manche Abschnitte weggelassen werden. Dabei wurden aber keinerlei substantielle Kürzungen des Textes vorgenommen. […] An einigen Stellen wurde die Reihenfolge der Episoden geändert, um die Chronologie zusammenhängender zu gestalten; auch die Kapitelüberschriften wurden geändert, um ein deutlicheres Gesamtbild zu vermitteln. Außerdem wurde ein neuer Titel gewählt, der das wesentliche Thema des Buches klarer zum Ausdruck bringen soll."

Anders gesagt: Der Text ist nicht wiederzuerkennen.

Timms glaubt, daß Wittels’ Memoiren bislang nicht veröffentlicht wurden, weil sie "die angeblich wissenschaftlichen Unternehmen der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung in ein unerwartetes, neues Licht" rücken: "Aus den Erinnerungen geht nämlich hervor, daß die Forschungsarbeiten der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts eng mit der Wiener "Halbwelt" verflochten waren, nicht zuletzt mit dem problematischen erotischen Kult rund um das "Kindweib" Irma Karczewska."

Diese Übertreibung weckt den Eindruck, Freud werde als eine Art Dr. Mabuse entlarvt. Doch nicht Fritz Lang, sondern Billy Wilder läßt Timms spekulieren, daß Wilder als Journalist über Kraus’ Verhältnis mit Frau Karczewska getolpert sei und dieser ein Denkmal aus Zelluloid gesetzt habe: "War das vielleicht eine der Originalquellen für seinen gefeierten Film über das Freudenmädchen Irma La Douce mit dem goldenen Herzen?" Damit überschätzt er freilich Frau Karczewskas Wirkung.

Der Buchtitel erweckt den Eindruck, Wittels’ Memoiren befaßten sich mit Freuds Verhältnis zu einem speziellen Frauentyp. Aber außer im Titel hat Freud mit dem Kindweib nichts zu schaffen, in dessen Bann der Herausgeber merklich geraten ist. Er habe, so referierte er bei der Präsentation seiner Kraus-Monographie, eine Studentin kennengelernt, die einer unzugänglichen Fotografie von Frau Karczewska aufs Haar geglichen habe, weshalb er als Ersatz für das Foto ein Porträt der Studentin malen ließ, das in der englischen Ausgabe als "Irma Karczewska: artist’s impression" veröffentlicht, in der deutschen aber durch die Fotografie ersetzt wurde, die keinerlei Ähnlichkeit mit dem gezeichneten Porträt besitzt.

Die Übersetzung hat sich auch auf andere Bildbeilagen ausgewirkt, wenn etwa aus unerfindlichen Gründen der Theaterzettel vom 2. 11. 1888 abgelichtet wird, obwohl in der Vorlage der Theaterzettel von jenem 1. 11. 1888 abgedruckt wurde, an dem Wittels das erste Mal im Burgtheater war.

Zitate der Weltliteratur werden nicht in der gängigen Übertragung, sondern frei übersetzt, weshalb die biblische Morgenröte nicht "anbricht", sondern "aufsteigt" und Polonius’ Diagnose von Hamlets Verhalten kaum zu erkennen ist: "Auch wenn das verrückt ist, hat es doch Methode".

Das lückenhafte, bei der Angabe der Seitenzahlen dutzendfach falsche Register wurde durch die Übersetzung zudem beeinträchtigt. Ein eigenes Kapitel wäre etwa die willkürliche Kommentierung, die in doppeltem Sinn so oder so ausgefallen ist.

Wittels‘ Memoiren sind erfreulich flott geschrieben. Umstritten ist seine Zuverlässigkeit als Quelle, wobei die Edition die Einschätzung seiner Glaubwürdigkeit erschwert, da sie wesentlich zur Trübung beigetragen hat. Alles in allem ist die Beschaffenheit der vorliegenden Ausgabe so zweifelhaft, daß Forschende, die sich ernsthaft mit Wittels beschäftigen wollen, wohl oder übel die Originale in den USA einsehen müssen.

Andreas Weigels digitales Leseeckchen (© Impressum. Stand vom: 1. April 2013.)