Vertonte Tätowierungen.

ORF, Ö1, „Spielräume“ vom 22. November 2009. 17:30 - 17:56 (© Andreas Weigel).

„Spielräume”-Kennung (0:17)

Bei „Spielräumen“ mit vertonten Tätowierungen begrüßt Sie Andreas Weigel.

Tätowierungen polarisieren: Neben entschiedenen Gegnern haben sie eine überzeugte Schar an Fans. Es überrascht daher nicht, daß auch die populäre Musik diesem Thema Aufmerksamkeit widmet. Am bekanntesten sind vermutlich jene Tätowierungen, die eine große Liebe vor der Verflüchtigung bewahren sollen. Diese Art Tätowierung steht auch im Mittelpunkt von Tennessee Williams‘ Stück „Die tätowierte Rose“. Das 1950 für Anna Magnani geschriebene und 1955 mit ihr verfilmte Schauspiel handelt von Serafina delle Rose. Sie ist ihrem Mann Rosario verfallen, der auf seiner Brust eine tätowierte Rose trägt. Als Rosario tödlich verunglückt, verehrt ihn Serafina so lange abgöttisch weiter, bis sie von seinem Ehebruch erfährt. Von Rosario enttäuscht tröstet sie sich mit einem Liebhaber, der Rosario ähnelt und sich ihretwegen eine Rose auf die Brust tätowieren ließ.

Zur Vermarktung des Filmes „The Rose Tattoo“ wurde von Perry Como eigens ein gleichnamiges Lied aufgenommen.

Perry Como: „The Rose Tattoo“ (2:52)

Sie hörten Perry Como mit „The Rose Tattoo“.

Tätowierungen, wie die besungene, beschwören lebenslange Verbundenheit mit einer Person. Damit sind sie der Versuch, einer Beziehung symbolisch Dauer zu verleihen. Meist vergeblich: schließlich halten viele Beziehungen nicht annähernd so lange, wie die tätowierten Liebesschwüre. Für Lebensabschnittspartnerschaften eignen sich die von „One Happy Island“ fröhlich besungenen temporären Tattoos wesentlich besser. Schließlich haben sie gleichsam ein Ablaufdatum, das sie früher oder später verblassen lassen soll. „Temporary Tattoo“ handelt von einem frisch verliebten Pärchen, dessen gegenseitige Zuneigung so jung ist, wie jene temporären Tattoos, die diesen neuen Bund verbürgen sollen.

One Happy Island: „Temporary Tattoo“ (3:09)

Sie hörten „Temporary Tattoo“ von der amerikanischen Indiepop-Band „One Happy Island“.

Im nun folgenden Lied der britischen Band „The Who“ verkörpern Tätowierungen Männlichkeit und Protest. „The Who“ thematisieren den Generationenkonflikt der 1960er Jahre nicht nur durch ihre Kulthymne „My Generation“, sondern auch durch ihr weniger bekanntes Lied „Tattoo“. Ein Vater kritisiert das Äußere seiner Söhne, weil seines Wissens nur Frauen lange Haare tragen. Seine beiden Buben beginnen daher zu grübeln, was einen Mann ausmacht: Köpfchen oder Muskeln? Wenig später borgen sie sich von ihrer Mutter Geld und eilen an Frisör und Turnhalle vorbei: zum Tätowierer. Der eine läßt sich seinen Arm mit dem Schriftzug „Mutter“, der andere mit einer Nackten verzieren. Daheim setzt es Hiebe, weil der Schriftzug, „Mutter“ dem Vater und die Nackte der Mutter mißfällt. Trotzdem schwören die Knaben ihren Tätowierungen lebenslange Treue.

Das Ende vom Lied? Viel später ist der eine Sohn nahezu vollständig tätowiert - seine Frau übrigens auch. Dieser ironische Dreh gibt zu verstehen, dass nicht Tätowierungen einen Mann zum Manne machen. - „The Who“ mit „Tattoo“.

The Who: „Tattoo“ (2:42)

In den „Spielräumen“ über vertonte Tätowierungen hörten Sie zuletzt „The Who“ mit „Tattoo“.

Auch im nächsten Lied ist die Ehefrau tätowiert und zwar mit kleinen grünen Knöpfen, die zwischen Hals und Unterleib eine Aufsehen erregende Reihe bilden. Völlig bewußt: denn im Lauf von zehn Jahren ist ihr Eheleben so lieblos geworden, dass der allabendlich fernsehende Ehemann seine Gemahlin nicht mehr betrachtet. Aus Verzweiflung läßt sie ihren Leib mit kleinen grünen Knöpfen tätowieren. Ihr Mann nimmt diese Änderung zwar erst Tage später wahr, doch zeigt er sich so begeistert davon, dass er seine Frau nun wieder dem Fernsehen vorzieht: jeden Abend widmet er sich aufs Neue ihren tätowierten kleinen grünen Knöpfen.

Mit kauzigem Charme schildert das von Shel Silverstein und Fred Koller geschriebene Lied, wie eine raffinierte Tätowierung frischen Schwung in einen tristen Ehe-Alltag bringt.

Fred Koller: „Little Green Buttons“ (2:56)

Sie hörten den amerikanischen Singer-Songwriter Fred Koller mit „Little Green Buttons“.

Rory Gallaghers „Tattoo‘d Lady“ ist vermutlich die bekannteste tätowierte Dame der Popmusik. Dabei wird sie in dem gleichnamigen Lied gemeinsam mit dem bärtigen Baby, dem Feuerschlucker und der Zirkusband nur nebenbei mit anderen Jahrmarktsattraktionen aufgezählt, die für den Sänger Familie und Zufluchtsort bilden.

Im Unterschied dazu wird „Lydia, the Tattooed Lady“ von Groucho Marx eingehend besungen. Sein vergnügliches Lied lobt den volksbildnerischen Effekt, den die Tätowierungen dieses gerne betrachteten Fraukörpers ausüben. Lydias mit historischen Ereignissen, berühmten Personen und Orten illustrierter Leib erweist sich als leibhaftige Enzyklopädie. Ihr tätowierter Bilderbogen beinhaltet die Gefängnisinsel Alcatraz, Buffalo Bill, Lady Godiva, die Niagarafälle, die Stadt Paris, das Wrack der Hesperus, die Schlacht von Waterloo und General Washington beim Durchqueren des Delaware.

Das eigens für den „Marx Brothers“-Film „At the Circus“ verfasste Lied stammt übrigens von Harold Arlen und Edgar Harburg, die auch die Klassiker „Over the Rainbow“ und „Buddy, Can You Spare Me a Dime“ geschrieben haben.

Groucho Marx: „Lydia, the Tattooed Lady“ (2:50)

Groucho Marx mit „Lydia, the Tattooed Lady“, dem zweiten Filmhit der heutigen „Spielräume“.

Auch die in Janis Ians Lied „Tattoo“ besungene Frau ist tätowiert: aber gegen ihren Willen. Ians tragisches Lied widmet sich einer jungen Frau, die zwar die nationalsozialistischen Vernichtungslager überlebt hat, aber an diesem Trauma zugrunde geht. Denn die verbliebene KZ-Tätowierung ist eine psychische Dauerbelastung, an der sie zerbricht, weil diese sie unablässig an die einstigen Greuel erinnert. Ian hatte Angst, dieses Lied über die Vernichtungslager zu schreiben, weil die Gestaltung dieses Themas leicht mißlingen kann. Aber Jane Yolens Kinderbuch „The Devil’s Arithmetic“ bestärkte sie in ihrer Überzeugung, daß man aus humanitären Gründen weiter an die Shoah erinnern muß.

Janis Ian: „Tattoo“ (4:20)

Sie hörten „Tattoo“ von der amerikanischen Singer-Songwriterin Janis Ian, deren Lieder „At Seventeen“ und „Jesse“ etwa von Joan Baez, Roberta Flack und Dusty Springfield bekannt gemacht wurden.

Die heutigen „Spielräume“ widmeten sich vertonten Tätowierungen. Als Gestalter verabschiedet sich Andreas Weigel. Auf Wiederhören.

MUSIKLISTE

Autor/Komponist: Jack Brooks, Harry Warren

Titel: The Rose Tattoo

Ausführende: Perry Como (with Mitchell Ayres & his Orchestra. Arr.: Joe Reisman)

Label: RCA Victor 47-6294 (F2PW-4902)

Länge: 2:52

 

Autor/Komponist: One Happy Island

Titel: Temporary Tattoo

Ausführende: One Happy Island

Label: weePOP! pop!018

Länge: 3:12

 

Autor/Komponist: Pete Townshend

Titel: Tattoo

Ausführende: The Who

Label: Polydor 5315336

Länge: 2:42

 

Autor/Komponist: Fred Koller und Shel Silverstein

Titel: Little Green Buttons

Ausführende: Fred Koller

Label: Gadfly 274

Länge: 2:55

 

Autor/Komponist: Harold Arlen & Edgar Yipsel Harburg

Titel: Lydia, the Tattooed Lady

Ausführende: Groucho Marx

Label: PGN CD 906

Länge: 2:50

 

Autor/Komponist: Janis Ian

Titel: Tattoo

Ausführende: Janis Ian

Label: Morgan Creek 2959-20023-2

Länge: 4:20

 

Youtube-Programm

Bei Youtube hat jemand die Liedauswahl dieser Radiosendung nachgestellt : Ö1 Spielzimmer am 22. November 2009.

Andreas Weigels digitales Leseeckchen (© Impressum. Stand vom: 1. April 2013.)