Echte Tiefe und Klarheit


Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren

Sind Schlüssel aller Kreaturen

Wenn die, so singen oder küssen,

mehr als die Tiefgelehrten wissen,
Wenn sich die Welt ins freie Leben

Und in die Welt wird zurückgegeben,

Wenn dann sich wieder Licht und Schatten

Zu echter Klarheit werden gatten

Und man in Märchen und Gedichten

Erkennt die wahren Weltgeschichten,

Dann fliegt von einem geheimen Wort

Das ganze verkehrte Wesen fort.

                                                  Novalis




In seinem Roman: „Der alte Mann und Mr. Smith" , wo der alte Mann niemand geringerer als Gott und Mr. Smith der Teufel ist, lässt Peter Ustinov Gott auf Seite 302/303 Folgendes sagen: „ In den diversen heiligen Schriften wird das Beten zu falschen Göttern, zu Götzen mit tönernen Füßen, so häufig verdammt, diese ganz innere Propaganda, Reklame für den eigenen Glauben auf Kosten all der anderen. Dies scheint mir völlig verkehrt, da ja der Glaube an sich wichtig ist, nicht die Objekte des Glaubens. Glaube bringt eine Lektion in Demut mit sich. Für die Seele eines Menschen ist es gut, wenn er an etwas Größeres als sich selbst glaubt, nicht weil er seinen Gott vergrößert, sondern weil er selbst auf sein Normalmaß schrumpft. Also, wenn das so ist, hat ein Primitiver, der einen Baum, die Sonne oder einen Vulkan verehrt, den Nutzen von diesem Akt moralischer Unterwerfung, wie ein zivilisierter Mensch, der den Gott seiner Tradition anbetet, und die Auswirkungen auf den Anbetenden sind identisch. Der Akt der Verehrung ist wichtig, in keinem Fall das Objekt dieser Verehrung."

......."...Ich bin nicht in Stimmung, alte Geschichten von Auseinandersetzungen wieder aufzuwärmen, in denen Überzeugungen die Schlachten gegen Zweifler gewonnen haben. Vergiss nicht, ihre Zweifel einen die Menschheit, ihre Überzeugungen entzweien sie. Es ist doch logisch, dass Zweifel für das Überleben der Gattung Mensch viel wichtiger sind als bloße Überzeugungen."


(Fortsetzung auf Seite 20)




Über die Vergänglichkeit der Vergangenheit


Die Vergangenheit steht nicht fest.

Was sie für uns bedeutet,
hängt davon ab,
wie wir mit den Bewertungen vergangenen Verhaltens umgehen.



Matthias Varga von Kibed


Zustimmung

Zum Satz von Jakob Schneider: „Wenn etwas geschehen ist, hilft nur noch die Zustimmung."


Wenn schlimme Dinge (z.B. Unglück, Mord, Ausschluss) passiert sind, heißt diese Zustimmung nicht Gutheißen, oder Entschuldigen oder fatalistisches Hinnehmen dieser schlimmen Dinge.

Sondern diese Zustimmung löst -

und löst mich von dem Verhaftet Sein in schlimme Dinge.

Sie respektiert die Grenzen meiner Möglichkeiten.

Sie respektiert die Tatsache, dass die Wirklichkeit gleichermaßen Schönes und Schreckliches gebiert und wieder verschlingt.

Sie öffnet mich für die Möglichkeit, auf beides, das Schöne und das Schreckliche achtungsvoll, liebevoll zu blicken.

Diese Zustimmung öffnet sich mit diesem Blick dem Leiden, dem Schmerz, der Berührtheit, die dem Blick auf das Schöne und das Schreckliche entspringen, ohne daran haften zu bleiben.

Vielleicht kann ich Leiden nur vermindern, wenn ich davon als Ziel auch immer wieder loslasse?

Und damit dem, was geschehen ist, zustimme und mich dem, was geschieht, in mir, mit mir und um mich geschieht, mit Achtung zuwende.

Und mich und die anderen ermutige, so wenig Gewalt wie möglich zu verwenden.




Hans Finder



Glück oder Pech?


Eine alte chinesische Geschichte erzählt von einem alten Bauern, der ein altes Pferd für die Feldarbeit hatte. Eines Tages entfloh das Pferd in die Berge, und als alle Nachbarn des Bauern sein Pech bedauerten, antwortete der Bauer: „Pech? Glück? Wer weiß?"

Eine Woche später kehrte das Pferd mit einer Herde Wildpferde aus den Bergen zurück, und diesmal gratulierten die Nachbarn dem Bauern wegen seines Glücks. Seiner Antwort hieß: „Glück? Pech? Wer weiß?"

Als der Sohn des Bauern versuchte, eines der Wildpferde zu zähmen, fiel er vom Rücken des Pferdes und brach sich ein Bein. Jeder hielt das für ein großes Pech. Nicht jedoch der Bauer, der nur sagte: „Pech? Glück? Wer weiß?"

Ein paar Wochen später marschierte die Armee ins Dorf und zog jeden tauglichen jungen Mann ein, den sie finden konnte. Als sie den Bauernsohn mit seinem gebrochenen Bein sahen, ließen sie ihn zurück. War das nun Glück? Pech? Wer weiß?

Was an der Oberfläche wie etwas Schlechtes, Nachteiliges aussieht, kann sich bald als etwas Gutes herausstellen. Und alles, was an der Oberfläche gut erscheint, kann in Wirklichkeit etwas Böses sein. Wir sind dann weise, wenn wir die gleich - Gültigkeit dessen haben, der sich von der Oberfläche der Phänomene nicht blenden lässt.


Anthony de Mello



Die Lerntreppe


Gedacht ist nicht gesagt

Gesagt ist nicht gehört
Gehört ist nicht verstanden
Verstanden ist nicht einverstanden
Einverstanden ist nicht angewendet

Angewendet ist nicht beibehalten

Konrad Lorenz

Fortsetzung Weisheiten