Durchblick
Botschaft zum Welttheatertag
ANIMA 2009
Theater Delphin
Mitgliedsgruppen stellen sich vor
-online 32; Mai 2009

 
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Botschaft zum Welttheatertag
 

am 27. März von Augusto Boal

Alle menschlichen Gesellschaften sind in ihrem Alltagsleben spektakulär und verfertigen zu gewissen Anlässen Spektakel. Sie sind spektakulär als gesellschaftliche Organisationsform und sie verfertigen Spektakel wie jenes, das Sie sich gerade ansehen wollen.

Auch wenn wir uns dessen nicht bewusst werden, sind die Beziehungen der Menschen theatralisch strukturiert, im Gebrauch des Raums, der Körpersprache, der Wortwahl, der Modulierung der Stimme, im Aufeinandertreffen von Gedanken und Emotionen. Alles, was wir auf der Bühne tun, tun wir auch im Leben: wir bestehen aus Theater.

Hochzeiten und Beerdigungen sind Spektakel, aber auch die Alltagsrituale, die uns so vertraut sind, dass wir sie nicht mehr bewusst wahrnehmen. Große Pomp- und Prunkveranstaltungen, aber auch der Morgenkaffee, der gegenseitige Gruß, die schüchternen Bezeugungen der Liebe, der Kampf der Leidenschaften, eine Sitzung des Senats, ein Diplomatentreffen - alles ist Theater.

Eine der Hauptfunktionen unserer Kunst besteht in der Bewusstmachung dieser Alltagsspektakel, in denen die Akteure zugleich Zuschauer sind, in denen die Bühne zum Zuschauerraum und der Zuschauerraum zur Bühne wird. Wir alle sind Künstler: indem wir Theater machen, lernen wir das zu sehen, was zwar ins Auge springt, was wir jedoch nicht wahrzunehmen vermögen, weil wir seine Betrachtung so wenig gewohnt sind. Was uns vertraut ist, ist unsichtbar für uns: Theater machen heißt Licht auf die Bühne unseres Alltagslebens zu werfen.

Im September des vergangenen Jahres wurden wir durch eine theatralische Enthüllung überrascht: wir, die wir dachten in einer sicheren Welt zu leben, trotz Krieg und Völkermord, trotz des Massensterbens und der Folter, die es zwar gibt, jedoch nur in fernen, wilden Ländern; wir, die wir in Sicherheit lebten und unser Geld in die Hände respektabler Banken oder ehrbarer Börsenmakler legten, wurden eines Besseren belehrt: dieses Geld existierte gar nicht, es war virtuell, die hässliche Fiktion einiger Volkswirtschaftler, die ihrerseits weder fiktiv, noch sicher, noch respektabel sind.

Dies alles war schlechtes Theater mit trister Handlung, bei dem einige viel verdienten und viele alles verloren. Die Politiker der reichen Länder hielten Geheimsitzungen ab und kamen mit magischen Lösungen hervor. Wir, die Opfer ihrer Entscheidungen, sitzen immer noch als Zuschauer in den hintersten Rängen des Zuschauerraums.

Vor zwanzig Jahren inszenierte ich in Rio de Janeiro „Phaedra“ von Jean Racine. Das Bühnenbild war arm: Kuhhäute auf dem Boden und ringsherum Bambus. Vor jeder Vorstellung sagte ich zu meinen Schauspielern: „Die Fiktion, die wir Tag für Tag schaffen, endet, wenn ihr durch die Umzäunung aus Bambus geht, dann hat niemand mehr von euch ein Recht auf Lüge. Theater ist verborgene Wahrheit.“

Wenn wir hinter den Schein schauen, sehen wir Unterdrücker und Unterdrückte, in jeder Gesellschaft, in jedem Volk, jeder Klasse und Kaste; wir sehen eine ungerechte, grausame Welt. Wir müssen eine andere erfinden, denn wir wissen, eine andere Welt ist möglich. An uns liegt es, eine solche Welt mit eigenen Händen zu bauen und auf die Bühne zu gehen: auf die Bühne des Theaters wie auf die Bühne des Lebens.

Seht es euch an, das Spektakel, das jetzt beginnt, und wenn ihr nach Hause kommt, dann spielt mit euren Freunden eure eigenen Stücke. Seht, was ihr noch nie sehen konntet: was ins Auge springt. Theater ist nicht nur Ereignis, es ist eine Lebensform!
Akteure sind wir alle. Ein Bürger ist nicht, wer bloß in der Gesellschaft lebt. Ein Bürger ist, wer sie ändert!

14.02.2009 Augusto Boal
Fotoquelle: Wikipedia