TERRA INKOGNITA - DIE WÜSTE SAHARA 2006

 

 

 

 

 

 

„Gestern ging ich ohne Hoffnung,

heute hat dieses Wort seinen Sinn verloren.

Wir gehen, weil wir gehen, wie die Ochsen

im Pflugjoch…“

Pilot Antoine de Saint-Exypery

 

 

 

 

 

Bevor die neuen EU-Bestimmungen und EASA-ZLLV -Novellierungen die klassische Ballonfahrt zur Gänze umbringen und die Hoffnung auf neue Abenteuer erstickt, raffte sich meine Seele zu einer neuen Ballonexpedition zusammen. Der Mief der Sesshaftigkeit widerte mich bereits gehörig an.  Seit meiner letzten (fast in einer Todes-Tragödie endenden) Polar-Ballon-Expedition in der Antarktis, die mir einen warnenden  Dämpfer auf neue Abenteuern verpasst hatte, waren 5 Jahre vergangen. Ein ausgedehntes literarisches Studium über die Gefahren der Wüste sowie ein fernöstliches Training über 7 Tage Durst und 3 Wochen Hunger bereiteten auch Geist und Körper für diese Expedition vor. Dann ließ das Schicksal mir meine bis dato unbekannte Mannschaft zufallen: Martin Friedl (unser Chefnavigator und Leiter der Expedition) mit seinem Mercedes Puch G, Alexa Obsieger mit ihrem roten Toyota  High Lux  und der lebenswichtigen Bordküche, Bernhard Hofstätter – ein erfahrener Automechaniker und Off Road Experte.

 

 

„Mit dem Ballon über die Sahara“ – der Gedanke faszinierte  und war Antriebsmotor für alle mühsamen und kostenintensiven Vorbereitungen: Expeditionsautos überholen (beide hatten schon über 250000 km am Buckel), Zusatztanks für Treibstoff und Wasser einbauen, Sandbleche und Sandschaufeln besorgen, Zelte, Schlafsäcke und eine lange Checkliste an Expeditionsausrüstung waren noch anzuschaffen. Als Ballon wurde der Polarballon rekrutiert, da dieser zerlegbar, leicht zu transportieren   und vor allem keinen Anhänger benötigt, was für extreme Dünenfahrten  von  großem  Vorteil ist. Neun Millionen Quadratkilometer Sanddünen bedecken  die Sahara, das sind gerade 20% ihrer Gesamtfläche. Der Rest  sind bis zu 3000 m hohe Berge, sandsteinige Hochplateaus, endlose staubige und steinige Ebenen, die sich von Horizont zu Horizont ausdehnen und in deren Mittelpunkt der Mensch wie  in einer riesigen Scheibe als sinnlos Umherirrender die Stille findet .

 

 

Als  Kampf-Arena für unsere Sandabenteuer wurde die Libysche Wüste gewählt, wo sich  über 2500 km ausgedehnte Sandgebiete mit einigen der höchsten Sanddünen der Sahara befinden. Ein freundlicher Libyer namens Abubaker Aboulkassem besorgte  um € 400.-  die notwendigen Startgenehmigungen (auch für die heiklen grenznahen Gebiete und den sensiblen Abschnitten der Erdölförderung) und den in Libyen als Begleitpflicht vorgeschriebenen „Begleit-Führer“. Schlussendlich wurde diese Expedition  zu einer wirklich abenteuerlichen  Realität.

 

 

 

 

Anfang November starten die 2 Autos voll bepackt von der Enge Wiens nach Genua, wo sie die komfortable Fähre „Cartage“ der CTN-Tunis im Bauch verschlingt. Nach einer erholsamen Nacht empängt uns Tunis mit schönem Wetter. Ein Tag Aklimatisierung, letzte Besorgungen an Frischprodukten und ein Pflichtbesuch des berühmten BARDO-Museum mit  den schönsten phönizisch-griechisch-römischen  Mosaiken der Welt leiten unsere Reise nach Afrika ein. Einen weiteren Tag rollt man bis zur libyschen Grenze. Dann noch ein  Vormittag an Zollformalitäten (kein Funk, kein Alkohol), GPS und Satelliten- Telefon  „Thuraya“  müssen deklariert werden, die Fahrzeuge bekommen libysche Zollkennzeichen), Visas (keine Passvormerke aus Israel!) und dann eine große Überraschung beim Volltanken: um nur 10 Cent/Liter Treibstoff!!! Ein Paradies für Autofahrer. Auch die Füllung meiner 30 kg Gasflasche mit dem üblichen Propan-Butan-Gemisch kostet lediglich 2 €. Dann folgen 600 km Asphalt über eine unendliche Ebene und Hochebene nach Süden. Im Dunklen erreichen wir die zwei salzigen Kraterseen von Mzezem. Die 70 m tiefen steilen Ufer sind durch den Einschlag eines Meteoriten vor viertausend Jahren entstanden. Knapp neben dem Abgrund schlagen wir unser Nachtlager auf. Am nächsten Tag erfahren wir  von Einheimischen, dass 1995 zwei Franzosen in ihrem Geländewagen vom brüchigen Ufer abgerutscht und  im See ertrunken sind…

 

 

 

 

 

Ghadames, die große Wüstenoase am Dreiländereck Tunis, Algerien und Libyen. Ein buntes Kolorit an Trachten , Kulturen und Sprachen. Die Altstadt Ghadames wurde als „World Heritage“ unter UNESCO Schutz gestellt. Die Aura der malerischen Lehmstadt ist ein Labyrinth aus Gängen, ineinander verkeilten Häusern, Gärten und Moscheen.  Wir platzen in einem 3 Tage dauerndes Festival der Tuaregg-Stämme hinein: es wird gesungen, getanzt, Kamel- und Pferderennen veranstaltet und Handwerkskünste präsentiert. Der 130 kg runde Kulturminister aus Tripolis ist angereist und als er von uns erfährt, ersucht er um eine Ballonfahrt über die Altstadt. Beim Anblick des spartanischen Cloudhopper-Gestells zögert er mit seinen Wünschen und sendet als Ersatz den Kameramann vom Libyschen TV.

 

 

 

 

 

 

So eröffnen wir die Ballonexpedition gleich mit 3 gelungenen Ballonfahrten über Ghadames und sind das Tagesgespräch beim Festival. Um mich dem Land anzupassen, besorge ich mir eine Tuaregg-Tracht, die mir später in der staubigen Sandwüste gute Dienste erwiesen hat.

 

 

Nun wird es ernst: am 7. Tag wagen wir uns erstmals ins Wüstengelände. Als Navigationshilfe haben wir sowjetische Generalstabskarten, gepaart mit modernem GPS und Kompass zur Verfügung. Unser Ziel ist von Oase zu Oase Off Road zu reisen (was auch für Einheimische nicht ungefährlich ist), dort Wasser, Gas und Treibstoff zu ergänzen  und die Grenze nach dem Tschad und dem Niger zu erreichen. Dazwischen sollen Ballonfahrten das Gelände weiträumig erkunden. Als Sahara-Neulinge nehmen wir die erste Piste in Angriff in Richtung der Oase Idri. Die holprige Reise führt durch tiefsandige Oueds (ausgetrocknete Flussbetten), steinige Plateaus und Ausläufer der großen  Sandmassive. Die  staubigen „Mehllöcher“, deren mehlfeiner Staub  über die Hecktüre und  feinste Ritzen hindurch kriecht  und  buchstäblich ALLES bedeckt ( er versaut uns sogar die gutgeschützte Fotoausrüstung) sind ein Horror. Ab und zu begegnen wir einem Brunnen – meistens ausgetrocknet oder mit salzigem Brackwasser, welches nur  Kamel und Nomade vertragen.

  

 

 

 

 

Um 18 Uhr bedrängt uns die Dämmerung und wir schlagen unser erstes Lager zwischen Sanddünen auf. Zuerst trampeln wir den Lagerplatz frei von unliebsamen Schlangen- und Skorpion-Besuchen, die sich im Sand vor der Kälte vergraben haben und die wir damit vertreiben. Unser „Führer“ Abu Mama Mohammed (52) verschwindet für 15 Minuten und erscheint mit einem Arm voll  dürrem Holz, mit dem er im Nu ein knisterndes Lagerfeuer entzündet. Dann macht er eine sandige Katzenwäsche und danach seine Gebetsübungen nach Osten. Danach wird Zelt aufgestellt und die Kiste mit Geschirr und Proviant gerichtet. In Kürze hat Abu Mama in dem bisschen Glut  ein Brot gebacken, das Abendessen und den köstlichen Tee gekocht und genießt dieses direkt aus dem Kochtopf schmatzend  und am Boden sitzend unter einen sternfunkelnden Abendhimmel. Wir versuchen mit unserem „Führer“ Schritt zu halten, bauen die Zelte auf, wärmen Konserven mit Hilfe eines Gaskochers  und servieren das Essen in Tellern auf einem mit Tischtuch gedeckten Klapptisch. Als Abschluss ein in medizinischer Menge dosiertes Schlückchen geschmuggeltem Wein oder Whisky – solange der Vorrat halt reicht. Der Ausklang des Tages bilden ausgedehnte Gespräche beim Lagerfeuer und das Zählen der unzähligen Sternschnuppen, die in der wahrhaft schwindelerregenden Tiefe des Sternenhimmels  verschwinden. Irgendwann kommt dann unbemerkt das Sandmännlein und verteilt die augenschließende Müdigkeit.

 

 

 

 

 

 

Abu Mama ist ein alter Wüstenfuchs(ein Fennek),  der auch ohne GPS in der Weite der Sahara zurecht kommt und kennt viele Überlebenstricks wie zum Beispiel man in einer Mineralflasche aus Kunststoff  Tee kochen kann!  Er hat  sogar bei der Trassenlegung der Wüsterallye „Paris-Dakar“ des öfteren  mitzureden. Er spricht  mehrere Stammessprachen der Berber und Tuareggs und sehr gut Französisch. Bei den allabendlichen Lagerfeuern erzählt er andächtig seine respekteinflößenden Wüstengeschichten. Eine davon betraf die Fliegerei.

 

 

Im April 1943 ereignete sich ein tragisches Unglück in der Sahara. Ein amerikanischer Bomber mit 9 Besatzungsmitgliedern, der in Benghasi stationiert war, flog mit starken Rückenwind von einem nächtlichen  Bombeneinsatz über Neapel in Richtung Afrikanische Küste. Diese war von Nebel und Wolken verhüllt und so verloren die Flieger die Orientierung. In Erwartung der Lichter der Küstenlinie flogen sie immer weiter nach Süden, bis der Sprit zu Ende war. Die Besatzung rettete sich mittels Fallschirm. Kapitän John verschwand spurlos, die restlichen 8 sammelten sich unverletzt zusammen und schleppten sich mit den  wenigen Wasserreserven 12 Tage lang in nördlicher Richtung.

 

 

Über Jahrzehnte waren Flieger und Besatzung verschollen. Beim  Erdölsuchen wurde 1958 das Wrack gefunden. 1960 fand ein seismischer Trupp 5 menschliche Skelette von der Bombenbesatzung. Bei der darauf folgenden Großsuchaktion  wurden die Männer von einem Sandsturm überrascht. Zwei davon verirrten sich und wurden erst 7 Tage danach halb tot gefunden. Aus dem Tagebuch eines der 9  Opfer geht hervor, welche Qualen die Mannschaft im Kampf gegen Sonne, Sand und Durst erlitten hatte. Die letzten Seiten bergen Sätze wie „keine Verpflegung mehr… ein Schluck Wasser täglich um die blutig  gesprungenen Lippen zu feuchten… Sonne heiß…Nacht sehr kalt…kein Schlaf, marschieren weiter“, und schlussendlich  „ Augen schlimm…bleiben liegen…überall Schmerzen…alle wollen sterben…sehr kalte Nacht…beten gemeinsam um Rettung…….“

 

 

Im August 1960 wurde von Erdölsuchern  noch ein weiteres Mitglied und das Skelett von John  gefunden. Er hatte noch einen unversehrten Wasserkanister, dessen Inhalt  nach 17 Jahren noch genießbar war. Die Mannschaft schaffte in den 12 Tagen lediglich 80 km...

 

  

 

 

 

 

Verständlich, dass nach solchen Schauergeschichten sich jeder bedenklich in seinem Schlafsack verkroch. Die wolkenlosen Saharanächte sind klirrend kalt. Sie schicken nicht nur Träume und Alpträume, sondern mitunter auch einen kräftigen Schnupfen oder Husten. Ihnen verdankt man auch die Steife, mit der man morgens aus dem Zelt schlüpft.

 

Morgengebet, Turnübungen, Lagerfeuer und ein kräftiges Frühstück leitet den neuen Tag ein. Bald verlassen wir den Lagerplatz so wie wir ihn betreten haben – als  reines sandiges NICHTS…

 

 

 

 

 

 

 

Ohne die geringste Aussicht mehr zu finden als nur Sand, Staub und Steine setzen wir unsere Reise fort durch die schier endlose  Monotonie  der Hamada al Hamra (die Rote Hochebene).  Der Wagen holpert über hart gebranntes steiniges Ödland. Und doch begegnen uns, aufgesplittert zu einem Elendstreck, scheinbar verwilderte Kamele. Doch bald taucht am Horizont  der Brunnen Hassi Ifertas auf – für den uns freundlich begrüßenden Tuaregg der Nabel der Welt! Und er steht lächelnd da, begrüßt uns mit Tee und einer Portion Halib Chamal (Kamelmilch)  und tauscht gerne seinen Dolch (Takuba) und die wenigen Habseligkeiten  mit einem Feuerzeug, ein Schweitzer Messer  und einer Stirnlampe ein. Ziegen und Dromedare sind sein Notkapital, welches bei Dürren länger überlebt und er mit einem Pickup weiträumig überwachen kann.

 

 

 

 

 

 

 

Plötzlich endet das Plateau mit einer 60 m tiefen Abrisskante – soweit das Auge reicht. Was nun?  Abu Mama lacht sich eines, weil er diese Strecke abgeraten hatte. Doch er kennt nicht die Waghalsigkeit der Off Road Fahrer. An einer Stelle entdecken wir eine 45° steile Sandrinne, die als  Sandrutsche dienen könnte.

„Ivan, falls wir uns überschlagen, ist Dein Ballongestell mit Brenner zermörsert“- stellt mich Martin vor eine schwere Entscheidung. „Allah gibt, Allah nimmt“ – gebe ich meine Zustimmung zum riskanten  Abstieg. Abu Mama geht lieber zu Fuß, wir aber auch. Lediglich Martin bringt beide Autos langsam aber sicher über die Abrisskante  hinab zur Grundsohle eines ausgetrockneten Sees. Laut GPS müssen wir diesen überqueren, doch wir versinken bis auf die Achsen im salzigen Dickschlamm. Nach 2 Stunden harter Schufterei haben Auto und Mensch eine unfreiwillige salzige Schlammdusche bekommen, aber wir sind frei. Gegen Abend erreichen wir die Tisan-Höhen, wo im Fels verfallene  Wohnhöhlen der alten Wüstenräuber einen ungewöhnlichen Unterschlupf bieten.

 

 

 

 

 

 

Nach einem  weiteren staubigen Reisetag mit drei Reifenpannen erreichen wir die Oase Idri. Das Wasser auf der Tankstelle ist braun und salzig, das hindert uns nicht, die Wasserreserven damit aufzufüllen und eine Schlauchdusche zu nehmen. Im Fuße der Dünenberge im Süden der Stadt schlagen wir unser Nachtlager auf. Der starke Wind, der uns die letzten Tage begleitet hat, lässt nach. Es ist Vollmond! Eine nächtliche Ballonfahrt über die Dünenlandschaft? Warum nicht? Um 0.30 h lokal beruhigt sich der Bodenwind. Meine Crew, die sonst aus notorische Schlafmützen besteht, wird aufgerüttelt. Der Höhenwind kommt aus Süden. Also fahren wir tief in die Sanddünen hinein und suchen ein geeignetes Startplätzchen. Da wir aus Gewichtsgründen keinen Ventilator haben, wird nach alter Manier durch Auffächern der Hülle aufgerüstet.

 

 

 

 

 

 

Bernhard wird beim Nachtmahl  als Mitfahrer ausgelost. Es ist sein erstes Mal, deshalb zögert er. Der Ballon steigt majestätisch zum leuchtenden Mond empor, unter uns verschwindet das Geländeauto, es krabbelt wie ein kleiner Leuchtkäfer in den Dünenbergen herum. Weit im Norden flackern die paar Lichter der Oase Idri und nach Süden flackert im Mondschein ein Meer an Sandmassiven, die auf uns warten. In 1000 m über Grund erhaschen wir den richtigen Wind. Doch dieser ist sehr flott und wir verpassen unser Nachtlager um etwa 2 km und landen ziemlich hart auf einer Sanddüne – lediglich 20 m von einer schlafenden Kamelherde. Als wären diese „ballonfest“ , rührten sich die Tiere nicht von der Stelle. Sie würdigten uns nur mit einem grollenden Rülpser.

 

 

Etwas verschlafen, starten wir am nächsten Morgen den Angriff auf den Awbari-Erg. Die Strecke zu den Mandara-Seen ist etwa 100 km lang, sie ist durch die Dünenvielfalt eine sehr anspruchsvolle Erg- Durchquerung. Viele erfahrene Sahara-Fahrer haben da schon verzweifelt und entmutigt aufgeben müssen. Schon beim ersten Ansturm wird fleißig geschaufelt und die Sandbleche eingesetzt. Dünen bezwingen ist ein besonderer Reiz mit einem ultimativen Kick, die sandgelbe Praxis des Dünenfahrers ist aber ein nerven- und kräfteraubender  „Eiertanz“. Man nennt es auch Sandsurfing.  Der Reifendruck wird auf 0.8 bar heruntergelassen und gefühlvoll Gas gegeben. Viele Dünenberge lassen sich nur mit einem kraftvollen Schwung meistern, doch sollte dieser wieder rechtzeitig vor dem Dünenkamm abgebremst werden, sonst überschlägt sich das Auto nach der steilen Abbruchkante. Oft bleibt der Wagen am Sand - Giebel  mit der Bodenplatte stecken und alle 4 Reifen hängen in der Luft! Der Wagen ist hilflos und zappelt wie ein Käfer. Da hilft nur wieder endloses Schaufeln und Schieben.

  

 

 

 

Kaum hat man einen Sandrücken überquert, sichtet man mahnend das nächste hohe Sandgebirge und dazwischen ein Tal mit einigen Dattelpalmen, das  mit Querdünen abgeschottet ist. Der Sand trägt nicht überall, es sind viele Stellen, die locker sind und wo das Fahrzeug regelrecht wie in einer Falle versinkt und gefangen ist. Es zahlt sich aus, zu Fuß die Strecke vorher abzugehen und die Festigkeit des Sandes zu prüfen. Diese Aufgabe übernehmen Abu Mama und ich. Wir haben schon eine sichere Strecke markiert und sind  etwa 1 km hoch am Kamm, während sich die Autos noch unten   am Dünenfuß abplagen und unaufhörlich  immer wieder zum Scheitern verurteilte Versuche unternehmen, den Hang zu erklimmen. Ich frage mich, wie diese und die nächsten Dünen zu schaffen sind und wie es überhaupt weitergehen soll, um über unsere Position in Raum und Zeit Klarheit zu verschaffen….

 

 

 

 

Plötzlich ein Sandnebel, düstere Ausläufer eines Sandsturmes. Abu Mama kneift die Augen zusammen, aus hundert Falten werden tausend. Er wittert eine böse Vorahnung und wickelt  seinen Schesch (Turban)  dicht  um das Gesicht.  Bei schlechten Sichtverhältnissen und überladenen Fahrzeugen  sollte man eine Dünenbefahrung bleiben lassen. Doch was, wenn man davon mitten drinnen überrascht wird? Der Wind wird stärker, wir werden von Sandwolken umhüllt .  Leider zu spät, wickele auch ich meinen Turban fest ums Gesicht, doch meine Augen brennen bereits höllisch und  die Zähne knirschen vom feinen Sand. Ribbeln und Spucken hilft nicht mehr! Meine Sturmbrille liegt im Wagen, da ist  sie gut aufgehoben. Jede nackte Haut am Körper wird bedeckt, da die Sandkörner wie kleine Nadeln den Körper „akupunktieren“. Auch der Lack von den Autos leidet stark.

 

 

 Gott sei Dank sind wir nur am Rande des Sandsturmes, der  bald vorbeifegt. Trotzdem müssen wir einen schmerzlichen Zeitverlust hinnehmen, der Sturm lehrt uns die Langsamkeit wieder zu entdecken. Die Nacht fällt inmitten der hohen Dünen herein, unser Ziel erreichen wir heute nicht. Wir sind ausgelaugt. Trotzdem gibt es noch ein wenig  Kraft, um eine Wüstenflaschenpost zu hinterlassen. In einer leeren Flasche des portugiesischen Monte Baixo-Reserva Weines JG 2002, den wir vorher mit Andacht verprosteten, versiegeln wir ein Dokument, welches den Finder ermächtigt, bei mir in Istrien in unserer Pension Kamada (siehe www.ivan.at mit link) eine Woche Sommerurlaub mit einer Ballonfahrt zu genießen.  Die Koordinaten der Flasche sind  :       N 27°01´23.4´´  ; E 13°27´42,1´´ . Mit aufgesprungene Lippen und sandigen Köpfen kriechen wir in die  Schlafsäcke und träumen die ganze Nacht von Sanddünen.

 

 

 

 

 

Ein neuer Tag mit neuer Hoffnung. In der Nacht wütete ein Sandsturm, alles ist voll  Sand- das Zelt, der Schlafsack, sogar in der Unterhose rieselt es. Doch Abu Mama hat es hart getroffen, sein Zelt ist zerfetzt worden.  Der Sand blendet unter der grellen Sonne. Bis zu unserem Ziel sind es nur noch 20 km Dünenberge, doch die verschlingen zusammen mit zwei Reifenpannen fast den ganzen Tag. Um 18.00 h erreichen wir den Wüstensee Um El Ma (Mutter des Wassers) . Dessen Wasser ist salziger als das Tote Meer, und tatsächlich gehen wir nicht unter bei einem dringend ersehnten Bad. Einheimische Tuareggs laden uns zu einer Teezeremonie: In der ersten Runde ist der Tee stark und zuckersüß. Die zweite Runde beinhaltet in den kleinen Schnapsgläsern einen etwas weniger starken und weniger süßen  Tee  und in der dritten Runde gibt es nur einen bitteren Tee. Und das Ganze dauert etwa ½ Stunde, da kann man genug plaudern und wertvolle Informationen austauschen.

 

 

 

 

 

 

Ein göttlicher Morgen schreit  nach Ballonfahrten: fast kein Bodenwind, eine tolle Gegend,  motivierte Tuareggs und Crew, die bereits routiniert den Ballon im Nu am Strand des Sees aufrüstet. Ein majestätischer Start, den die Tuareggs noch nie gesehen haben, danach eine dankbare Berührung der Wasseroberfläche als symbolischer Kuss für diese bizarre Natur und dann   hinauf über 1000 Meter mit Martin als Co-Pilot. Da das Wetter stabil ist, machen wir noch zwei weitere Ballonfahrten, bis das Gas zu Ende geht  und besuchen noch den Mandara-, Mafu- und den Gabron-See –alle  salzig und von Tuareggs bewohnt.

 

 

 

 

 

 

Nach weiteren, schier nicht zu endenscheinenden anstrengenden  Dünenfahrten  erreichen wir die blühenden  Oasen Ubari und  Germa, wo wir Gas, Diesel und köstliches Süßwasser so wie frisches Gemüse besorgen. Weiter geht es in Richtung Murzuk, der Hauptstadt des Fezzan - eine berühmte Drehscheibe des Karawanenhandels zwischen Schwarz-Afrika und den Mittelmeerländern so wie  größter und bedeutendster Sklavenmarkt der Vergangenheit. Über eine katastrophale steinige Piste erreichen wir mit zwei weiteren  Reifenpannen und einem kaputten Radlager das Wadi Mathendous – ein Freilicht-„Louvre“- Museum  der Steinzeit.

 

Ein ausgetrocknetes Flussbett, das im Frühjahr 3 Meter hoch überschwemmt war und Opfer gefordert hat ( in der Sahara ertrinken statistisch durch plötzliche Regengüsse mehr Seelen als zu verdursten), birgt eine Menge an Steinreliefs aus der Neolythischen  Zeit  (etwa 6 JT vor Ch.). Die Darstellungen von Elefanten, Krokodilen, Straußen, Antilopen und anderen Tiere lassen darauf schließen, dass die Sahara einst ein afrikanisches Dschungelparadies war.

 

 

 

 

 

 

Im Prinzip planten wir, das Murzuq Sandmassiv nahe der Grenze zu Tschad und Niger zu umfahren, doch die herrschenden Unruhen halten uns davon ab. So fahren wir eine alte Karawanenpiste am Hochplateau Msak Mallat die Westflanke des Murzug entlang  nach Süden. Das Verlangen, die extrem hohen Königsdünen des Murzug  wenigstens zu beschnuppern, war groß, doch für diese Dünendimension sind  die Geländeautos zu schwer. Beim nächsten Nachtlager am Fuße dieser Dünen mache ich den Vorschlag, die Autos gewichtsmäßig abzuspecken und meiner Crew die Gelegenheit eines Tagesausfluges in Murzug  zu bieten. Ich selbst bleibe im Camp zurück und  mache einen Tagesausflug zu Fuß in der Gegend, wobei ich ein Millionen Jahre altes versteinertes Holz sowie Pfeilspitzen und Scherben  einer steinzeitlichen Zivilisation entdecke. An der Abrisskante des Plateaus, welches über 1000 m Seehöhe hat, eröffnet sich ein grandioser unendlicher Blick über die Sahara und dem Akakus Massiv. Er  veranlasst  mich zu kontemplativen meditativen Betrachtungen.

 

 

Die stolzen Tuareggs, die wahren Könige der Wüste, nennen die Sahara BAR BEL MA – Meer ohne Wasser. Die am Horizont verschwindenden Sanddünen vermitteln ein Gefühl für Ordnung und Harmonie, die wandernden Sandwogen sind ähnlich Wellen ständig in Bewegung. Sahara – Synonym für Zerfall und Tod, Chaos und Hoffnungslosigkeit.

 

 Allah hat hier alles Überflüssige entfernt, damit der Mensch das wahre Wesen der Dinge erkennen soll und das Geheimnis der  Schöpfung begreift.

 

 

 

 

 

Ghat, die Grenzstadt nach Algerien. Ich frage mich, ob diese Stadt wirklich so eine lange Anreise und  einen Aufenthalt rechtfertigt. Da gibt es eine türkische Festung, eine verfallene Altstadt und eine Moschee – hübsch anzusehen, aber macht sie die Stadt damit für Besucher unvergesslich?  Doch Ghat ist der Ausgangspunkt für das Jabal-Akakus-Gebirge, und dieses beeindruckt wirklich fürs Leben. Es ist einer der Höhepunkte einer Libyenreise. Wegen der extrem hohen Dünen kann man dieses Naturwunder nur im entgegen gesetzten Uhrzeigersinn befahren. Nach 108 km Wüstenpiste erreichen wir den berühmten Natursteinbogen FOZZIGIAREN, wo wir übernachten. Wir sind hingerissen von seiner Größe, durch welchen locker ein Ballon durchschweben  kann.

 

 

Hochbeeindruckend auch die Bizarre der mit nichts zu vergleichende Landschaft ,die von Sandstrahlgebläse des Windes modelliert wurde und in der  die Erosion und die Kräfte der Natur als  Märchenarchitekt einen Zaubergarten natürlicher Phantasie geschaffen hat:  mächtige Steine auf  balancierenden Säulen, groteske Zitadellen, Natur-Kathedralen, kühne Brückenbögen, Geisterburgen  und schwungvoll gerundete Höhlen, in denen Zeugnisse einer lebhaften Malerei aus prähistorischen Zeiten auf ihre Entdeckung warten.  Zwei letzte schöne Ballonfahrten hat diese Landschaft bei Gott verdient. In der blauen Djellaba, das Festgewand der Tuareggs,  steigen wir mit den letzten Gasreserven über die steinigen Monumente empor und bedanken uns bei den Schutzgeistern, die uns bis jetzt hilfreich zur Seite standen.

 

 

 

 

 

 

Gebete schaden nie, besonders wenn diese beitragen, aus der knochentrockenen Umklammerung der Wüste unbeschadet heim zu kommen. Unser betagter  Puch G kämpft durchhaltend bis zum Wörtersee, bei Pörtschach bricht er zusammen. Der Toyota High Lux bringt uns heil bis Wien.  HAMDULILAH…

 

 

 

 

 

 

Informationen über  Reisemöglichkeiten nach Libyen  mit und ohne Ballon bei  Dipl.Ing. Ivan Trifonov

Triflug Ballonfahrten, tel./Fax:004316881387, 06765448240, triflug@aon.at