„rom sehen und – april 05 – gedicht-bericht"
lyrik; skarabaeus verlag, innsbruck/wien/bozen 2006



Paul Jandl
Neue Zürcher Zeitung
Dr. Anna Rottensteiner,
Literaturhaus am Inn / Innsbruck
Helmuth Schönauer,
Tiroler Gegenwartsliteratur 945
Ursula Strohal,
Tiroler Tageszeitung

Wilhelm Pauli,
Kommune
Bernhard Sandbichler,
www.kultur-online.net
Helga Pankratz,
Lambda-Nachrichten

Paul Jandl, Neue Zürcher Zeitung:
„,Rom sehen und’ – nein, nicht sterben, sondern nur eine symptomatische Mattheit verspüren: ,ewig das ewige einer erschöpfung / in dir ging sie mit diese schwäche / die rom nichts abrang aber was / rom dir von sich aus gab nahm’. So steht es im ,Gedicht-Bericht’ der 1963 geborenen österreichischen Schriftstellerin Barbara Hundegger, der von einer Reise nach Rom handelt. In jenem April 2005 erlebt die Heilige Stadt die Kulmination ihrer religiösen Bedeutung. Johannes Paul II. stirbt, und Kardinal Josef Ratzinger wird zum neuen Papst gewählt. Zwischen der allgemeinen Trauer und der Freude, dem ,pilgerstromdelta’ und den ,petersplatzmassen’ behaupten die Gedichte ihre Perspektive einer ungerührten Lakonie: ,der regen also eine / waschung kein regen / mehr der wind also / ein in den menschen / blättern kein wind / mehr der himmel / kein himmel mehr / auge also das / auf rom schaut’. Barbara Hundeggers ironisch-präziser Versuch über das katholische Rom schafft sich Nähe erst durch Distanz. Aus Zeitungen wird das aufgeregte Raunen des Aprils 2005 mit seinen Schlagzeilen zitiert, auf den Plätzen der Stadt herrscht das lustvolle Treiben der römisch-paradoxen Askese: ,heilige kruzifixe sündenwarm / verhangen vom dekolleté der loren’. Barbara Hundeggers Gedichte des Bandes ,rom sehen und’ schildern mit schöner Genauigkeit einen städtischen Kosmos, dem die Satire nicht mehr schaden kann, als ihm das Heilige nützt. Es sind scharf beobachtende Miniaturen, deren Vorzug vor allem ein literarischer ist: mehr bild- als bibelfest zu sein.“

nach oben

Dr. Anna Rottensteiner, Literaturhaus am Inn / Innsbruck:
„,rom sehen und’ – der Titel eine Zeile, die mit ,und’ aufhört, ausspart, was danach kommt, und, wenn man von der Anspielung auf ,Rom sehen und sterben’ ausgehen kann, genau jenes Wort auslässt, von dem im Buch, auch, viel die Rede ist, es aber nicht benennt, benennen will; vielleicht folgt ja auch ein ganz anderes Verb, eine ganz andere Konsequenz aus diesem ,rom sehen’. ,sehen’ –  das Auge spielt in den Gedichten eine große Rolle, das beobachtende Auge, das Kamera-Auge, das subjektive Auge, auch das ,göttliche’ Auge.Im Untertitel ,gedicht-bericht’ sind die 2 Gattungen benannt, die Barbara Hundegger in ,rom sehen und’ miteinander verknüpft – zwei Gattungen, deren Ansprüche unterschiedlicher nicht sein könnten: Der Bericht: sachliche Wiedergabe von Fakten, mit logischer und chronologischer Reihenfolge. Das Gedicht – im Gegensatz dazu: Aufhebung von Chronologie und Logik, mitunter radikale Subjektivität, poetische Durchdringung von und mit Sprache und somit Welt.In der Tat hat ,rom sehen und’ den Aufbau eines Berichts: Der Text zeichnet sich durch eine strenge Chronologie der Ereignisse aus: Abreise aus Innsbruck – Aufenthalt in Rom – Abreise aus Rom. Der zeitliche Rahmen ist klar eingegrenzt, definiert von den Ereignissen rund um Papsttod und Papstwiederwahl im April 2005 (Barbara Hundegger hielt sich in diesem Zeitraum aufgrund eines Stipendiums des Bundes/Kunststaatssekretariat in Rom auf).Formal ist ,rom sehen und’ in einzelne Zyklen unterteilt, und hier beginnt das Spannende.In ihnen eröffnen sich die unterschiedlichsten Universen und Kosmen, zusammengehalten von der großen Klammer ,Rom’, die zu jener Zeit wohl keine ,Città aperta’ war, sondern, so in einem Gedicht, ,geschlossene Stadt’.Die poetische Reibung nun ergibt sich aus der inhaltlich teilweise absoluten Inkompatibilität der Zyklen untereinander. Gegensätzlichstes prallt aufeinander, was sich unter anderem in der poetischen Verfahrensweise des Nebeneinandersetzens von Antonymen widerspiegelt: kam/ging, nahe/fern, gab/nahm. In zahlreichen assoziativen Wortfolgen und Wortketten, rhythmisiert durch Alliterationen und Assonanzen, gehen unterschiedlichste Inhalte und Worte verschiedenster Herkunft die unheiligsten Allianzen ein.Die Zyklen wechseln sich in der Reihenfolge ab, und man könnte sie nach dem Fokus des Blicks, den sie haben, einteilen, nach Totale und Nahaufnahme, nach dem Blick auf außen und auf innen, nach dem Blick von außen und von innen – und: nach ,Zitat’ und Genuinität.Zu Beginn steht ,vor rom’ – eine Art Ouvertüre, in der es um Aufbruch und Abschied geht, um Weggehen und Ankommen.Ein großer Zyklus, der jedes zweite Gedicht ausmacht und sich als Konstante durch den gesamten Gedicht-Bericht zieht, ist ,zeitungsluft’.Barbara Hundegger schöpft hier aus dem schier unermesslichen Fundus der Zeitungssprache, der Boulevardpresse. Zum einen sind in diesem Zyklus die ,Informationen’ enthalten, was die Ereignisse rund um den Tod des alten und die Wahl des neuen Papstes betrifft, andererseits finden sich zahlreiche weitere Aspekte vom ,grande spettacolo’, vom massenmedialen ,Brot und Spiele’. Jedes Gedicht greift auf ein Thema zu, auf Ökonomie, Weltpolitik, Fußball, auf Sexreporte und Orgasmusschulen, auf Themen der Boulevardpresse und vieles andere. Es sind verdichtete Schlagworte, die Barbara Hundegger montiert und zu ihrer ganz eigenen Textur verwebt. Wortungetüme springen uns dabei entgegen, Zeilen mit riesigen Substantivgruppen, ohne Verben – und sie vermitteln in der Akkumulation eine Bewegungslosigkeit, einen Zustand des Stillstands, und dies genau, indem mit dem Wortmaterial jenes Mediums gearbeitet wird, das Aktualität und somit auch Beweglichkeit suggerieren will. Durch die sprachlich extreme Verdichtung arbeitet Barbara Hundegger jedoch genau das Gegenteil heraus, die Inszenierung des alltäglichen Wahnsinns durch die Massenmedien.Es finden sich mitunter auch ironische, wenn es um die ,wichtigste Frau im Leben des neuen Papstes’ geht, oder um die detailgenaue Beschreibung der prächtigen, in allen Farben schillernden Kardinals- und Papstroben.Der nächste Zyklus, der an diesen andockt, ist ,roma papamania’. In ihm begibt sich die Beobachterin mitten hinein in die hysterisch aufgeladene Atmosphäre jener Tage, in denen ganz Rom ein Hochsicherheitstrakt ist, löst sich aber darin nicht auf, sondern setzt Streiflichter, Momentaufnahmen, von Staatshäuptern, anderen Häuptern, Nonnen, Carabinieri, Scharfschützen, Reportern, Kamerahimmeln, und lässt eine bedrohliche, klaustrophobisch anmutende Stimmung entstehen – immer durchsetzt mit Wörtern, Zitaten aus dem katholischen Sprachfundus –, doch darauf soll später näher eingegangen werden.Der Zyklus ,roma centro’ rückt das alltägliche Rom, ,etwas’ abseits vom päpstlichen Rummel, ins Zentrum, Porträts, Geräuschkulissen, Rom im Regen, das Rom der Cousine, model-schöne Priester, Huren, Passantinnen, und zieht so – gemeinsam mit dem Zyklus ,roma millina’, jener Straße, in der sich die Atelierwohnung befindet (eine Anmerkung: auch hier verhallt der päpstliche Hintergrund nicht ganz, war doch die Familie ,Millini’ ein altes römisches Adelsgeschlecht, dem viele Bischöfe und Kardinäle entsprangen) – allmählich die konzentrischen poetischen Kreise näher heran an den Zyklus ,macchiato-denken’, der um die ferne Lebensgefährtin, um die geliebte Frau kreist; Gedichte, in denen innegehalten wird vom Trubel der manisch aufgeladenen Großstadt, beim alltäglichen Macchiato, die in ihrer Kürze auf Vergangenes zurückblicken, von Intensität, Schwermut, Zärtlichkeit und Kraft leben und sich wie Inseln im Gesamten bewegen, Inseln, in denen die teilweise erdrückende papale Präsenz wie weggeschwemmt erscheint, irreal – unwichtig. Der innerste Zirkel. ,rom sehen und’ – auch ein Gedicht-Bericht über die Liebe, diese Liebe, weit über den engen Zeitrahmen von April 2005 hinausreichend.Die atmosphärische Dichte von ,rom sehen und’ ergibt sich nun aus dem Nebeneinander und Hintereinander der unterschiedlichen Welten und Gedanken, die im Kopf der Leserin, und wahrscheinlich auch der Schreibenden, sich zu einem großen, pulsierenden und lebendigen Ganzen verdichten und ineinanderfließen.Während beim Zyklus ,zeitungsluft’ Montage und damit Demontage die wichtigste Verfahrensweise darstellt, durchquert die Schreibende den kirchlich-katholischen Diskurs auf ihre ganz eigene Weise, indem sie assoziativ reich widerhallende Worte wie ,schöpfung’, ,ewig’, ,waschung’, ,engel’ und viele andere in mitunter sehr persönliche, dem Ursprungskontext entgegenlaufende Kontexte setzt. Die Ursprungsassoziationen schwingen zwar unweigerlich mit, doch ist ihnen das Hehre, Heilige entzogen. Damit wird der in diesem Fall ,katholische’ Ausschließlichkeitsanspruch auf bestimmte sprachliche Ausdrucksformen nicht nur radikal in Frage gestellt, sondern schlichtweg nicht akzeptiert und mit Eigenem aufgefüllt. Dies geht, würde ich meinen, viel weiter als ,Kritik’ an der Sprache und der Sprachverwendung innerhalb einzelner sprachlicher Soziotope, es ist vielmehr eine poetische Aneignung, die enorme Sprengkraft besitzt.Und so sind denn auch die letzten Worte nicht dem Fischer, im metaphorischen und nicht-metaphorischen Sinne, sondern der Fischerin gewidmet.“
nach oben

Helmuth Schönauer, Tiroler Gegenwartsliteratur 945:
„,Dschi-pi-two’ und ,Bi-sixteen’, was nach zwei erfolgreichen Bands klingt, sind die poetisch besungenen Abkürzungen der beiden letzten Päpste. Während Johannes Paul der Zweite gerade vor den Augen der Presse mühselig literarisch aufgepäppelt stirbt, macht sich das Lyrische Ich auf nach Rom, um ein Stipendium abzuarbeiten. Als dann Benedikt der Sechzehnte vom Balkon winkt, ist die literarische Mission in Rom abgeschlossen.Barbara Hundegger lässt schon im Titel für den Leser allerhand offen und lädt ihn ein, sich sein poetisches Bild selbst zu Ende zu denken. ,Rom sehen und’ verweist natürlich auf das Sterben, das sich bei diesem Satzanfang wie von selbst auf die Zunge legt. Das freche Und könnte aber auch süffisant entwertend gemeint sein, das lyrische Ich hat also Rom gesehen, na und? Barbara Hundegger nennt ihren Text raffiniert genau ,gedicht-bericht’, mit Augenzwinkern und Geduld bringt sie so scheinbar entgegen gesetzte Begriffe wie den sachlichen Bericht und das schwärmerische Gedicht zusammen. Dazwischen tut sich eine eigene Welt auf, die angesiedelt ist zwischen Fiktion, Religion, Kult, Presse, Übertreibung und irrationaler Herzensergießung.Die beiden Leitschienen dieser Empfindungsfahrbahn verlaufen streng strukturiert durch den Gedichtband. Rechts steht jeweils das lyrische Ich komprimiert zu einem Gedicht der Eigenempfindung, links wird der öffentliche Raum dargestellt als Raunen von Headlines, ausgerissenen Zeitungsausschnitten und Geräuschen öffentlicher Kommentare. Da beide Welten mit der gleichen Technik verfremdet sind, ragen die beiden Gedichtwelten jeweils nahtlos ineinander über. Graphisch kundgetan wird diese Verschränkung durch die Satzspiegelung an der Mittelachse des Buches, die Gedichte greifen deshalb von der Buchmitte aus an die Ränder, wie Christbäume vom Stamm aus in die Feierlichkeit ausgreifen.Das Sterben eines Papstes wird zwischendrin skurril überhöht, von dreifachem Ave Maria wird der Sonnenkönig umkränzt und aufgebahrt, das Jenseits steigt mit kühnen Floskeln auf die Erde nieder und holt den vergöttlichten Erdenbürger heim. Die Betroffenheitsszenarien schaukeln einander von Seite zu Seite auf, bis man sich als Leser in einem nordkoreanischen Kungfu-Kult wähnt.Barbara Hundegger ist mit diesem Gedichtband ein Stück Lyrik gelungen, die sie einmalig und unverwechselbar macht. Kalt und heftig, öffentlich und privat, siedend fiktional und cool dokumentarisch erzählt dieses Buch von jener skurrilen Kluse, die zwischen zwei Päpsten liegt, ehe wieder der weiße Rauch aufsteigt. Rom sehen und die Hölle ist los, möchte man den Satz zu Ende führen, denn es ist wirklich alles los, was gute Lyrik auf die Beine zu stellen vermag.“
nach oben

Ursula Strohal, Tiroler Tageszeitung:
„Buchumschlag und Titelseite verraten viel: Neue Lyrik von Barbara Hundegger, ein ,gedicht-bericht’, der, wie der Bindestrich sagt, Eindrücke vom realen Geschehen mit subjektiver Befindlichkeit in Beziehung setzt. Handlungsschauplatz Rom im April 2005, als Papst Johannes Paul II. unter hybridem Medienaufwand starb und Kardinal Ratzinger zu Benedikt XVI. wurde.Der Titel ,rom sehen und’ suggeriert ,Rom sehen und sterben’, und es geht zunächst ja auch ums Sterben, aber die Autorin hat wohl ein anderes Verb parat ...Lange Jahre wurde eine politische Absenz in der Dichtung beklagt, jetzt scheinen die globalen Wunden der Zeit stark genug zu bluten, um in der Literatur Widerhall zu finden. Mit eingeschlossen die Kritik an Medienberichten, die sich an Events global aufblähen und dabei zum Sprachmissbrauch neigen. Barbara Hundegger verwendet Originalzitate aus der Boulevardpresse als unübertroffen scharfe Waffe und nützt ihre Selbstentblößung. Sie setzt Titelzeilen, Phrasen und Satzteile aneinander, geordnet zur Papstwahl und zu Themen wie Politik, Fußball, Naturwissenschaft, Erotik. Das vermittelt den Eindruck von Information, legt aber durch die Form der lyrischen Montage und die Möglichkeit beliebiger Kombinierbarkeit das Monströse, Absurde, Ausgehöhlte frei.Dem stehen Hundeggers Gedichte gegenüber, zyklisch geteilt der Vielfalt der Eindrücke, der lyrischen Übertragung und Aufarbeitung Herr werdend. Da ist der Leser Zeuge der Reisevorbereitungen, findet sich in ,roma centro’ im römischen Alltag mit Lärm, Regen, Passanten und Priestern wieder, erlebt innig ,roma millina’, kritisch-satirisch die Ausnahmesituation ,roma papamania’ und nimmt respektvoll Abstand vor den sehr persönlichen Reflexionen der Autorin in ,macchiato-denken’, den Pausen zum Denken, Fühlen, Erinnern.,rom sehen und’: Ein dichtes, bilder- und anspielungsreiches Buch, am besten mehrmals zu lesen.“
nach oben

Wilhelm Pauli, Kommune:
„Und der politische Mensch? – Barbara Hundegger (1963) hat hier vor Jahren – debütierend – schon einmal die Hitparade angeführt (1999), was auf eine gewisse Geschmackssicherheit der Verantwortlichen hindeuten soll. ,Wie die Innsbruckerinnen der verschiedenen Viertel zusammenströmen und die Trachtenmanderln aufzuknüpfen in naher Zukunft den Autonomen zurufen: auf euch Autonome können wir nicht mehr warten’, das hat schwer Eindruck gemacht und ein neues Bild von den Schwestern entworfen. Jetzt hat Barbara Hundegger etwas abgerüstet und ist dafür gleich belohnt worden: Während sie packte, um sich nach Rom zu Verwandtenbesuchen aufzumachen, starb just der Schmerzensmann aus Polen.Daraus erwuchs ein gut durchdachter und noch besser komponierter Romreisebericht, bei dem man endlich mal nicht an alten Säulen abschlagen muss. Der Bericht besteht aus den Aufführungen zum Papstbegräbnis und Trauertourismus, aus tiefen Reflexionen beim Milchkaffee, wenigen Romimpressionen. Dazukomponiert ist je auf der linken Buchseite oben ein schmissiger Text, aus den besoffenen Haltlosigkeiten der Zeitungsschlagzeilen des Tages gefügt oder geshaket. Also ein prima Trash links oben und ein von Herzen durchweinter Zirkus rechts unten. Ein wirklich welthaltiges Werk, von sprachlicher Delikatesse sowieso ... Wieder sehr gut, die Barbara Hundegger. Sehr eigen.“
nach oben

Bernhard Sandbichler, www.kultur-online.net:
„Die Tiroler Priessnitz- und Lavant-Preisträgerin Barbara Hundegger war zur Papstwahl in Rom. Zur Erinnerung: im April 2005 hieß es ,Der Papst ist tot. Es lebe/Wir sind (der) Papst.’ Privates und öffentliches Ereignis sind jetzt (lyrisch) nachzulesen.Noch bevor Barbara Hundeggers neuer Gedichtband über Rom zu Zeiten der Papstwahl herausgekommen ist – es ist ihr insgesamt dritter nach ,und in den schwestern schlafen vergessene dinge’ (1998) und ,desto leichter die mädchen und alles andre als das’ (2002) –, hatte sich die Autorin veranlasst gesehen, Benedikt XVI. beim Wort zu nehmen. Es ging um eine Weltpremiere für das deutsche Fernsehen: Der Papst stellte sich in seiner Sommerresidenz Castel Gandolfo den Fragen von fünf deutschen Journalisten. Der Bayerische Rundfunk produzierte. Sendetermin: 13. August 2006. Barbara Hundegger nützte in der Folge den Platz, den ihr die Schwazer Klangspuren in ,spuren. zeitung für zeitgenossen’ (Nr. 5, September 06) einräumte, um das Interview auf knallgelbem Papier-Untergrund sprachanalytisch und durchaus systemkritisch zu betrachten. Daraus wurde kein Skandal, leserbriefliche Schelte blieb aber auch nicht aus, schließlich drucken die Klangspuren ihre Zeitung mit unseren Steuergeldern ... Aber zurück zu ,santo subito jpII’ und ,benedetto, benedetto’ ... Denn das Wichtigste ist, dass, was hier ,angeregt durch jpII, bXVI und das zeitungswesen’ wurde, wie stets zuvor bei dieser Autorin sehr gut gemacht ist. Auch diesmal hat sie einiges zu bieten ...Das Tempo des Buches ist rasant, die Verfahrensweise sozusagen lomografisch: kurze Belichtungszeiten, schräge Perspektiven, Wirklichkeitsausschnitte, je nachdem verwackelt oder mit schärfsten Konturen. Man liest den ,gedicht-bericht’ gerne und womöglich auf einen Sitz, denn hier handelt es sich zwar um tiefsinnig Intertextuelles und auch Formalisierendes, solcher Art freilich, die weniger aus der faden, weil oft aufgekochten Lyriksuppe schöpft, als den unmittelbar hör- und erlebbaren Sprachbrei um uns serviert – und immer mit historischem und poetologischem Witz ... Großes Lob solcher Kunst!“
nach oben

Helga Pankratz, Lambda-Nachrichten:
„Ein Reisetagebuch in Form eines 90 Seiten starken Gedichtzyklus hat Barbara Hundegger von einem Stipendienaufenthalt in Rom in ihrem lyrischen Gepäck mitgebracht. Während der Sedisvakanz 2005, in der vaterherrenpapstlos(en) zwischenatemzeit, war sie zufällig in der Heiligen Stadt. Sauber separierte Sphären sind einerseits die Medieninhalte jener Wochen – unter der Überschrift zeitungsluft notiert – und andererseits die Beobachtungen und Reflexionen mit Titeln wie roma papamania und macchiato-denken. Diese Elemente, ineinander verwoben, erzählen von den internationalen Pilgermassen, vom Sterben Fürst Rainiers von Monaco, Hinrichtungen in China, Terror in Ägypten, Fußballspielen, Börsenkursen, der Matura des Ziehsohnes und der Beziehung zur Geliebten in Tirol, von der Medienbelagerung und den Prominenten-Anreisen unter Scharfschützen-Schutz auf den Straßen Roms. Der durchgängig poetische Ton ist von einer wunderbaren politisch pointierten Prägnanz. So sieht die Dichterin im aufgebahrten alten Papst keine / heiligkeit die sich herausnimmt zu sagen dein / echtlieben liege falsch keinen frauenverächter / maximus unfehlbar (...), sondern einen tagelang ausgestellten nur / noch toten sehr sehr toten alten mann. Meine Lieblingspassage ist die treffliche Schilderung deutscher Jungscharbubis, die bei bierigen Saufgelagen die Kür des Bayernpapstes feiern und zur Klampfe eine Melange aus Kirchen-, Wald- und Wiesenliedern grölen.“
nach oben