„schreibennichtschreiben“
lyrik; skarabaeus verlag, innsbruck/wien/bozen 2009



Dr. Anna Rottensteiner,
Literaturhaus am Inn / Innsbruck
Dr. Daniela Strigl, FALTER    

Dr. Anna Rottensteiner, Literaturhaus am Inn / Innsbruck:

Die Zwei Alfabete der BaHu

Das Alfabet als grundlegendes Ordnungssystem unserer Sprache – Barbara Hundegger hat in ihrem soeben erschienenen Gedichtband „schreibennichtschreiben“ darauf zurückgegriffen, auf die reine Sprachmaterialität, auf das Gerüst. Wo fängt was an? Wo hört es auf? Von Z zu A kommend, rollt die Autorin von hinten nach vorne auf, nicht nur gegen den Strich also, sondern geht vom Letzten zum Ersten, kommt vom Hintersten zum Vordersten. Eine Ordnung auf den Kopf gestellt.

„SNS – facetten eines widerständigen alfabets“, so lautet der Titel des ersten, mit „intro“ überschriebenen Teils. Keine Short Messages, die Assoziation liegt nahe, sondern Short Notices einer, die die Entscheidung getroffen hat, das freie Schreiben zur Grundlage ihrer Existenz zu machen. In klaren Notaten breitet sie das Koordinatensystem aus, in dem eine wie aufgespannt scheint, in den Widersprüchen und Widerständen, die sich sowohl im Eigenen auftun wie auch in der Gesellschaft. Es sind Reflexionen über die Existenz als Schriftstellerin, ganz real und konkret verankert im Bemühen, aus dem Schreiben heraus zu leben. Reflexionen zu den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, zu den fehlenden oder auch beschämenden Grundbedingungen, aber auch Konsequenzen, die die Entscheidung zu dieser Form der Existenz im Zwischenmenschlichen, im Privaten mit sich führt. Da finden sich Spuren von Debatten, Diskussionen, Anklagen, Selbstzweifeln, Ironie – aber auch von Ausgeliefertsein, Glück und Einsamkeiten.
Was wie ein lockeres Aneinanderreihen scheint, wird zum stringenten Durchspielen eines Koordinatensystems, in dem das lyrische Ich wie „aufgespreizt“ erscheint. Doch was heißt hier „lyrisches Ich“: Es sind Notate aus dem Leben und Denken von Barbara Hundegger, die die drei großen P: persönlich – politisch – poetisch, im Schreiben verknüpft. Es ist ihre Poetologie, die Gesellschaftliches nie außer Acht lässt, da das Persönliche in ihm eingeschrieben ist und umgekehrt. Und so entsteht nicht nur das Bild der Widerstände, sondern auch jenes des Widerstehens, der Widerständigkeiten. Widerstände und Widerstehen als ein vertrackt in sich verdrehter Zopf, der durchzogen ist von der Liebe zum Wort als auch von der Liebe des Wortes. Eine äußerst wichtige Unterscheidung, die in einem der ersten Notate ausgesprochen wird: „denkst du den wörtern in dingen, stimmen, stillen, in taten nach“, und etwas weiter: „lässt du halt doch immer wieder die wörter nachdenken“. Sowohl in Sprache fassen wollen als auch in der Sprache gefasst sein, den Wörtern, ihrem widerspenstigen Eigenleben ausgesetzt sein. In dieser Mehrfachbindung ist das eigene Leben und Schreiben verankert.

Die Notate führen hin zu den Gedichten, in denen es um das Fundament geht: schreibennichtschreiben. Keine Frage jedoch, vielmehr eine Endlosschleife, das eine im anderen verzahnt. Die Gedichte bilden eine Art poetische Bestandsaufnahme, sie schreiben über das Schreiben am Limit, aus einer „Krise“ heraus im Sinn des Wortes von Roland Barthes: unterscheiden, trennen – die eigenen Positionen reflektieren und hinterfragen.
In diesem Sinne ist „schreibennichtschreiben“ wohl das bisher grundlegendste Werk von Barbara Hundegger und eben auch das persönlichste, im oben definierten Sinn. Und gerade deshalb wohl legt die Autorin dem Band ein strukturell äußerst strenges, ja grammatisches Korsett an. Wiederum ein Alfabet, von hinten nach vorne aufgereiht.
Auf der linken Seite des Zyklus „schreibennichtschreiben“ finden sich alle vier Seiten Wendungen, alfabetisch geordnet von hinten nach vorne, inhaltlich verfremdete Wendungen, alle im Partizip Perfekt, wie zum Beispiel „verläufe genommen“, „ufer erschwommen“, „nächte bereitet“, „neigen geleert“, „drähte gekappt“, „deckungen aufgegeben“. Sie lesen sich wie eine Biografie, ein Rückblick, und sind selbst in Gedichtform angelegt. Je drei dieser Wendungen sind grafisch hervorgehoben und bilden den Titel der drei darauf folgenden Gedichte, bevor wiederum ein lexikalisches begriffliches Gedicht folgt. In diesen drei Gedichten werden die Wendungen in die Infinitivform gesetzt, „verläufe genommen“ wird zu „verläufe nehmen“, „ufer erschwommen“ wird zu „ufer erschwimmen“. Damit werden sie ins Aktiv gesetzt und in die Gegenwart geholt. Sie erscheinen wie Momente, die dem Strom des Vergangenen und des Vergessens entrissen werden. Und in ihnen, in diesen Gedichten, eröffnen sich all die „zwischenzeichenreiche“, lässt Barbara Hundegger der „sprachschatzader“ freien Lauf. Innerhalb der strengen Struktur explodiert und implodiert die Sprache, wird der Gier nach den Wörtern, aber eben auch der Gier der Wörter freier Lauf gelassen, werden sie rhythmisch vorangetrieben. Die Gier der Wörter und die Begierde nach den Wörtern. Körperlichkeit und Abstraktion fallen in eins.
Die Inhalte erwachsen dabei aus dem Grund eines Lebens, das sich der Wahrnehmung durch das Wort verschrieben hat, oder, um es mit den Worten von Herta Müller auszudrücken: „Jede Verzweiflung, jede Angst macht im Kopf Bilder. Das tötet nicht die Wahrnehmung ab. Wahrnehmung kann Halt geben. Das ist ein Prinzip.“ Ein Prinzip, das sich immer in der Ambivalenz zwischen „Wörter denken“ und „die Wörter denken lassen“ bewegt, ein Kampf auch. Mit den Wörtern, gegen sie. Verbündete. Und das als Berührung, als Emotion bei der Leserin „ankommt“.

Barbara Hundegger stellt sich diesem Buch dem Grund dessen, worauf ihr Leben aufbaut, in all seinen Facetten, Lieben, Gegensätzen und Widersprüchen. Es ist somit ihr bisher intimstes, ihr strengstes und berührendstes Werk zugleich.
Und durch den gesamten Text zieht sich die Antwort, zumindest für die Leserin, ist sie doch eine große Liebeserklärung an das Schreiben, das dem Leben zu- aber auch entgegenschreibt, denn: „die gier, die gier des textes nach dir“. Da gibt es kein Entrinnen, nur ein waches sich Hingeben.“






Dr. Daniela Strigl / FALTER

Gedichte richten gegen Cellulitis auch nichts aus

Dass Barbara Hundegger zu den besten Lyrikern des Landes zählt, beweist ihr Band „schreibennichtschreiben“ einmal mehr

In der Wiener Alten Schmiede gibt es eine von Martin Prinz konzipierte Veranstaltungsreihe mit dem schönen Titel „Doppelte Buchführung. Leben und Schreiben in Zeiten der Konkurrenzgesellschaft“. Darin kommt etwas zur Sprache, was sonst schamhaft beschwiegen wird: Wovon leben Schriftsteller, die keine Bestseller produzieren? Und wovon Schriftstellerinnen?
Diesen feinen Unterschied in der Verbuchung des Nichts macht jedenfalls Barbara Hundegger: „stimmen gedämpft bei anblick / des künstlers davon lebt / der davon muss der leben // stimmen spitz beim blick auf / die künstlerin wovon lebt / denn die davon kann die leben“.

Von taxfreiem Bedauern und vom Taxiertwerden (der „blick auf die künstlerin“ ist eben et­was anderes als der „anblick des künstlers“) weiß Barbara Hundegger ein Lied zu singen, ver­fertigt sie doch fast ausschließlich Gedichte und tut das außerdem noch fern der Zentren des literarischen Betriebs, in Innsbruck, weshalb sie nach wie vor als Geheimtipp gilt: zu Unrecht, denn Hundegger ist eine der besten Dichterinnen des Landes. Sie schreibt, mit ei­ner imponierenden Lässigkeit, Gedichte, die zugleich handfest sind und subtil, zupackend und zart.
Barbara Hundeggers neues Buch könnte sehr gut auch „Doppelte Buchführung“ heißen. Wie, fragt sich da ein Ich, sind diese zwei Dinge unter einen Hut zu bekommen: Schreiben und Leben oder Schreiben und Von-etwas-Leben. Das ist eine verworrene, im Prinzip eher ungemütliche Beziehung, wie das Gedicht „furien verfolgen“ lehrt: „dem im leben nachgehen damit du / es in der kunst aufgeben dem in der / kunst nachgeben damit es im leben / abgeben der kunst etwas aufgeben“ usw.
„schreibennichtschreiben“ ist ein intimes Buch, so intim, wie finanzielle Bekenntnisse nun einmal sind. Sicher, auch von „ideologien fingern nächten ersten zügen betten brüsten“ ist hier mit einiger Inbrunst die Rede, aber das sind wir ja geneigt, in der Poesie für normal zu halten.
Tacheles redet die Autorin in ihrer unziemlich prosaischen Einleitung: „sns“ (siehe Titel!), „facetten eines widerständigen alphabets“, zählt in 26 Notaten, widerständig wohl auch, jedenfalls verkehrt, die Buchstaben von Z bis A herunter. Eine Schriftstellerin denkt darüber nach, wie man mit Preisen umgeht (Hundegger bekam u.a. den Christine-Lavant-Lyrikpreis) oder mit der kränkenden Tatsache, noch nie in Ybbs gelesen zu haben.

Widerstand setzt die Schreibende auch den Klischees von der hehren Kunstverpflichtung entgegen, wenn sie schon gegen die statistische Wahrheit, dass von allen Schriftstellern die Lyriker die kürzeste Lebensdauer haben, nichts ausrichtet. Von der einsamen Größe kann sie sich nichts kaufen: „dich für deinen teil freut auch dein bester satz nicht, wenn du knausern musst beim runden-schmeißen, bei freundesnöten, sorgenmüttern, geschwisterdramen, beim letzten sarg für deinen vater …“ Unwiderlegbar ist der lakonische Eintrag unter „cellulitis“: „daran ändert auch nichts dein ewigkeitstauglichstes gedicht.“
Vor der Folie dieser Überlegungen zur Kostenwahrheit in der Literatur sind die Gedichte zu lesen, die einem strengen Schema unterliegen: Die Titel folgen ihrerseits einem auf den Kopf gestellten Alphabet, immer auf der linken Seite oben steht ein Gedicht im Gewand einer Existenzbilanz, das als eine Art Wortsteinbruch für drei weitere dient. Beim unermüdlichen Abschreiten der verlorenen Posten, im Politischen wie im Privaten, ergibt das Ich sich der Angst, der Resignation sogar, niemals aber der Larmoyanz.

Hundeggers Notwehrwitz beweist auch, dass sie sich selbst nicht tödlich ernst nimmt – immer ernst jedoch nimmt sie die Sprache, zu der sie kein tändelndes Verhältnis unterhält. Wir spüren „die gier den durst deines textes nach dir“. Und wir sind auf der Spur „deinem allerallerletzten / diesem sauguten halben satz.“ So mündet das erste Gedicht folgerichtig ins letzte und zeigt, dass die Frage „schreibennichtschreiben“ sich de facto nicht stellt, wenn Schreiben Leben bedeutet.

Daniela Strigl in Falter : Buchbeilage 10/2010 vom 10.3.2010

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