„und in den schwestern schlafen vergessene dinge“
gedichte; wieser verlag, klagenfurt 1998



Christoph Janacs,
BUCH-KRITIK
Christine Dobretsberger,
Wiener Zeitung
Petra Nachbaur,
www.literaturhaus.at
Wilhelm Pauli,
Kommune

Christoph Janacs, BUCH-KRITIK:
„Barbara Hundegger, Jahrgang 1963, legt mit und in den schwestern schlafen vergessene dinge ihre erste Buchpublikation vor, eine Sammlung von sechs Gedichtzyklen und einem Lang-Gedicht. Was sich hier auf knapp 80 Seiten findet, sind lyrische Gebilde von höchster sprachlicher Prägnanz, hochpoetisch und bilderreich, wenn es um das Thema Liebe geht, leidenschaftlich und wütend, wenn sie den Ausgegrenzten ihre Wörter leiht. Selbst dem Reim, der heute fast nur noch ironisch einsatzbar ist und leider allzu oft vom mangelnden Sprachbewusstsein des Autors Zeugnis ablegt, gewinnt sie neue Facetten ab, indem sie ihn in den Verszeilen ,versteckt’ oder unvermittelt auftauchen lässt. Was bei all dem mich aber am meisten überzeugt: die Genauigkeit, mit der Hundegger ihre Texte geschrieben hat, bei gleichzeitiger Emotionalität; diese geglückte Verbindung macht die Qualität der Texte und des gesamten Buches aus. ,und alles hält sich von selbst / in schuss’ heißt es in ,höllen 28’. ,tastaturen befehden / die wörter. während wir meinen, / galaxien zu meistern, schrauben / wir weinend die türschwellen / fest. und in den schwestern / schlafen vergessene dinge’.
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Christine Dobretsberger, Wiener Zeitung:
„... Bei der Tiroler Lyrikerin Barbara Hundegger wird man mit einer Sprache konfrontiert, die nicht in einzelne Sätze oder Worte seziert werden will, sondern ihre Faszination aus der Gesamtwirkung birgt. Kraftvoll und von berauschender Dichte ergießen sich Wortkaskaden mit konsequenter Rhythmik und anhaltender Stringenz im Lyrikband ,und in den schwestern schlafen vergessene dinge’ ... Hundegger zeichnet eine fragile (Innen)Welt teils in subtilen, teils in radikalen Bildern nach, wechselt virtuos die Tonspur, ohne Stilbrüche zu begehen ... Vielen von Hundeggers Texten wohnt so etwas wie eine leise apokalyptische Vorahnung inne, die sowohl zwischenmenschliche Bereiche als auch technokratischen Weltwahnsinn umfasst ... Ein unermüdlicher Appell gegen ,dieses gelassene schweigen das / so ernst fortfährt zu sein’. Ein Versuch, eine Sprache zu finden, Sprache neu zu erfinden und sie allgemeiner Sprachlosigkeit entgegenzusetzen, selbst mit dem Wissen, immer wieder in den ,Schweigebereich’ abzurutschen: ,starrt sich mir / manchmal schon der / blick neben die augen, / mit dem wir uns einmal / nie gesucht haben werden. // setzt sich mir / manchmal schon der / satz vor die wörter, der / mir einmal den herz- / himmel verstrahlen wird. // braut sich mir / jetzt schon das / meer zusammen, / das ich dir einmal / nachschweigen werde.’ Der gut 80 Seiten starke Lyrikband ,und in den schwestern schlafen vergessene dinge’ darf als wohl dosiertes und gelungenes Sprach- und Gedankenexperiment verstanden werden. Barbara Hundegger vertraut auf den ,einfall der bilder’ und verführt mit ihrer Leidenschaft zum Wort.“
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Petra Nachbaur, www.literaturhaus.at:
„„Barbara Hundeggers Gedichtband mit dem zunächst etwas romantisierend wirkenden Titel ,und in den schwestern schlafen vergessene dinge’ enthält sechs Zyklen, die von Liebe, Trennung, Tod, Schmerz sprechen, was fürs erste nicht weiter hervorhebenswert wäre. Wäre da nicht diese Kombination radikaler Subjektivität mit in anderem Sinn radikalen gesellschaftskritischen Positionen, wäre da nicht die forsche Verbindung kunstvoller poetischer Sprache mit explizit feministischen, lesbischen Inhalten, wie sie im deutschsprachigen Raum, im Gegensatz beispielsweise zu latein- oder afroamerikanischen Literaturen, in dieser Weise bisher unerhört war. Kaum zu glauben, von wo aus dieses lyrische Ich spricht. Nicht die Metropole und die dortige Szene sind Ort der Dichtung, sondern gerade die starken Gegensätze avancierten Bewusstseins und konservativer Tiroler Gesellschaft werden oft Anlass zum Gedicht ... Die in der Lyrik Hundeggers tatsächlich ,aussagbaren’, in Sprache fassbaren ,wellen’ des Seins sind allerdings keineswegs ,vor-aussagbar’. Immer wieder überraschen die dichten Texte mit starken Wortneubildungen ... Immer wieder bricht jedoch auch Alltag ein ... Der umfangreichste Zyklus ist im Rahmen einer Auftragsarbeit des Literaturhauses am Inn, in der nach den ,Höllen unserer Zeit’ gefragt war, entstanden. In kunstvoll gebauter Spange begegnen sich erste und letzte der 34 ,höllen’, die auch zum 17. Text einen Bogen spannen. ,die herren’ sind Stammgäste in Hundeggers ,höllen’ und weisen immer auf die Mächtigen, Herrschenden im weiteren Sinn hin; Macht- und Unterdrückungsverhältnisse werden zumindest benannt, wo sie nicht gebannt werden können. Politisch ist allerdings nicht nur der Gehalt der Gedichte Barbara Hundeggers; bewusst politisch ist ihre konsequente Sprache. Hundeggers Texte sind jedoch alles andere als Agitprop-Lyrik, wenn darunter verstanden würde, dass literarische, ästhetische Qualität zugunsten zu vermittelnder Inhalte vernachlässigt würde. Im Gegenteil: Sie veranschaulichen unter anderem gerade, von welch poetischer Stärke eine Sprache sein kann, die sich nicht unterordnet ... Aber auch, dass existentielle Krisen vor politischem Bewusstsein nicht Halt machen, wissen diese Gedichte.“
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Wilhelm Pauli, Kommune:
„Fiel nun schon etwas auf? Damen und Herren? Richtig, noch immer keine Frau auf dem Laufsteg. Und ich kann wahrhaftig nichts dafür. Es gibt in diesem Frühjahr kaum welche. Aber eine, die muss aufs Podest in diesem Jahr. Sie heißt Barbara Hundegger, ist 1963 in Hall (Tirol) geboren und arbeitet als Korrektorin. und in den schwestern schlafen vergessene dinge heißt ihr erstes Buch. Ein Titel, ob die da nun schlafen oder nicht, der ein früher Disqualifikationsgrund wäre, käme das Buch aus der Schwesternreihe eines berühmten Schwesternverlages. Kommt aber aus dem Wieser Verlag, lektoriert von Robert Schindel. Mussu also wenigstens rinlesen. Ja und dann: Zweifellos ,Frauenlyrik’, gar lose Lesbenlyrik. Aber wie nie gehört bisher. Knapp, gefeilt. Sitzt und passt. Keine Tränen, schon gar keine falschen, kein Herumschwiemeln und Puppenstubenausschmücken. Keine schöne Extraseele wird da geschundet und geschunden ... Wirkliche Welt. Mögliche Liebe. Wirkliche Kämpfe. Vor allem das Höllen-Kapitel – saustark. Verblüffend in seiner Eigenart. Ja, eine neue Stimme im Stummelstimmengestammel der Tage. Hört nur her: ,hölle, brüllt sie, lass / mich in frieden mit / meta und sub, selbst / göttin statt gott. zahl / mir die miete, wärm / mir die füße, oder / mach, dass es irgend- / wer tut. ansonsten – / himmel, du weißt / nichts – redest du / hierbei nicht mit’. Da ziehe ich meinen Tirolerhut ehrerbietig. Ohne Schmäh.“
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