dank bahu wildgans-preis-verleihung 18.11.2015 / iv wien


hallo, einen schönen guten abend Ihnen allen auch von meiner seite – und zuallererst meinen herzlichen dank an barbara neuwirth für ihre freundlichen worte über mich und meine arbeit. mein dank gilt ebenso herzlich der jury, prof.in marianne gruber und prof. hannes holzner, für die zuerkennung dieses traditionsreichen preises.

es ist dies auch ein schöner tag für die art von lyrik insgesamt, die sich jenseits lyrischer klischees und fern von gestimmtheitstrunkener gedankenver-edelung in der abenddämmerung den relevanten fragen der zeit stellt.

und mein dank gilt selbstverständlich der iv und herrn mag. neumayer für die vergabe und – nicht unwichtig – die finanzielle bestückung des anton-wild-gans-preises und die ausrichtung dieser überreichung.
besonders bedanken möchte ich mich dabei auch bei fr. hödl-bernscherer für die überaus freundliche organisation im vorfeld des heutigen abends.

besondere augenblicke im leben sind ja oft auch anlässe des innehaltens – und allein deshalb schon wichtig: weil sie uns in den mittlerweile irrwitzig be-schleunigten abläufen des alltags neigung zur reflexion bieten.
und wenn ich eine solche im bezug auf mein eigenes leben – quasi unter der überschrift „was bisher geschah“ – anstelle, kann ich eines sicher sagen: es war kein einfacher und es war ein weiter weg, vermessen von da aus, wo ich ihn begann.
denn das war in den stadtrand-rohbau-landschaften der 1960er- und 70er-jahre des innsbrucker stadtteils höttinger au – und vielleicht weil ich gerade kürzlich gerade dort eines meiner public-poetry-projekte in form von 11 großplakaten realisiert habe, in welchem ich meine kindheit und jugend in eben der gegend thematisiert hatte, ist mir meine herkunft gerade sehr nah ...

das projekt hieß „pampa pampa – milieu innsbruck-west“, und einer der texte darin könnte durchaus als einer jener gelten, die vermitteln, wo mein literarischer weg begann:

aus: pampa pampa – milieu innsbruck-west

und dann: es einfangen das morgen |
sich was anfangen mit dem morgen |
eine fangen vom morgen | oder bloß
erst morgen anfangen mit alldem | oder
sich nur was eingefangen haben: fang an

 

ich habe also angefangen – und dass es dieser preis mit sich bringt, auf einer liste mit ingeborg bachmann, ilse aichinger, christine lavant oder julian schutting zu stehen, ist ein beinahe surreales geschenk für mich.
dass es von der pampa aus auch keine geringe strecke z.b. bis zu dante, seiner hölle, seinem fegefeuer war, können Sie sich vorstellen – und doch war es gleichzeitig auch wieder nicht so weit: denn als ich, sehr früh, zum schreiben kam, kannte ich mich in hölle und fegefeuer in echt quasi schon aus ...
dantes purgatorio also – damit habe ich mich zuletzt buchmäßig beschäftigt, in meinem lyrikband „wie ein mensch der umdreht geht – dantes fegefeuer reloaded“. und neben vielem (der armut, der flucht, dem kalkül in der liebe usw.) geht es darin auch in gravierender weise um das verhalten der politischen und wirtschaftlichen eliten – und Sie werden verstehen, dass ich der versuchung, zwei dieser texte einmal halbwegs richtung zielpublikum zu zirkeln, nicht widerstehen kann. im fußball würde man das eine traum-flanke nennen – und in dem fall nehme ich diesen traum von flanke fliegend an:

aus: wie ein mensch der umdreht geht

. . .

hier kauern: die väter und schwiegerväter
des unglücks | in ihrem charakter so viel
wachs wie es brauchte zum großen glanz:
wie oft haben sie allein in der zeit die sie
überblicken gesetz geld amt und lebensart
verändert | ihre smartphones ausgetauscht |
ihre meinungen nie mit anderen nägeln als
saldos rallyes vorteilsnahmen eingeschlagen
in ihren kopf | o wie dieses volk im volk sich
liebt | kommt nur euer europa zu schauen:
das um sich weint vor lauter feingefassten
beschlüssen die bis mitte november nicht
hielten was im oktober noch galt | immer
erstens: sich selbst erste diener | nie sehen
sie darum im vorangehn wie leute die über
ihren weg nachdenken aus | nur manches
mal endet einer durch ertrinken oder beim
hitzigen witz auf der jagd | oder man sieht
bis zu der landstraße hinunter: die ein vw-
phaeton nicht recht zu befahren verstand

. . .

. . .

wie arm ihr wart: ablesen an der herberge
in der ihr euch hingelegt habt | mit nichts
sterben nicht aus hunger: aus mangelnder
bestechlichkeit | wo ist der zampano guru
makler der in diese fenster geldbündel wirft:
um minderjährigen das verschachern ihrer
haut zu ersparen | aufgrund letzten anstands
gekündigt werden von räubern die das alles
überleben vor ihren kreditkarten aus gold:
sie wollen nicht sagen wie das läuft | eine
übergroße mühe zum kleinen ende bringen:
beispiele glücklicher armut nennen sie das

. . .

ein thema allerdings, auf das ich bei allem, worauf man sich gefasst macht, wenn man sich in dantes fegefeuer begibt, überhaupt nicht gefasst war, war das thema berg: berg als thema, das hatte ich bis dahin aus regionalpolitischen übersättigungsgründen (tirol!) tunlichst gemieden – aber weil bei dante das purgatorio ein von wasser umgebener, frei schwimmender berg ist, ging es im fegefeuer quasi in einer tour bergan ...
und deshalb möchte ich Ihnen zum abschluss noch zwei der berggedichte vorlesen, die in meinem buch vorkommen – eines behandelt das in tirol am weitesten verbreitete kindheitswanderproblem, und das zweite kann für sich in anspruch nehmen, das wohl kürzeste berggedicht überhaupt zu sein:

. . .

jeder berg reicht wenn ihr
ihn erreicht habt höher als
die augen hinauf | so einfach
wie für ein schiff die fahrt
abwärts auf dem fluss ist ein
anstieg für euch nicht | im
gehen wollt ihr hauptsächlich
wissen: wie weit es noch zu
gehen ist | und immer heißt‘s:
nach nur noch einer kehre
kämen hütte und brunnen in
sicht | und: von jetzt an steige
sich’s leicht | kam aber nicht

. . .

und:

. . .

berg-sinn: alles
höchstens bis

. . .

und lassen Sie mich ganz zum schluss nur noch einen satz sagen: nous sommes paris! – denn paris, das sind wir alle.

ich danke Ihnen für Ihr kommen und Ihre aufmerksamkeit.

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