Barbara Neuwirth
Laudatio Barbara Hundegger
Literaturpreis der österreichischen Industrie Anton Wildgans Preis 2014


Mit Barbara Hundegger wird dieses Jahr eine Schriftstellerin ausgezeichnet, deren Werk den Lesenden viel schenkt, aber auch einiges abverlangt.
Die Arbeiten von Barbara Hundegger umfassen Theatertexte, Filmprojekte, Libretti, Text-Klanginstallationen, Prosatexte und – vor allem – Lyrik.
Poesie und Politik sind bei ihr untrennbar verbunden, weil ihre Literatur sich nicht aus der Gesellschaft ablöst.
Barbara Hundegger schreibt eine in-medias-res-Literatur, die die Lesenden anpackt, so wie die Autorin die Welt mit ihren Texten anpackt. Ihre Texte konfrontieren uns mit der Realität – laden uns ein, die dialektische Denkweise der Autorin im Erkunden von Welt und Gesellschaft mitzugehen.

Barbara Hundegger wurde 1963 in Hall in Tirol geboren. Sie hat einige Jahre Germanistik, Philosophie und Theaterwissenschaften in Innsbruck und Wien studiert, arbeitete in der Planung und Organisation von kultur/politischen und literarischen Veranstaltungen, als Kolumnistin der „Spuren – Zeitung für ZeitgenossInnen“ der Klangspuren Schwaz, war beteiligt am Aufbau und in der Redaktion der Tiroler Straßenzeitung 20er, war von 1993–1999 Korrektorin bei der Tiroler Tageszeitung und sie war Universitätslektorin an der Universität für Angewandte Kunst Wien /Institut für Sprachkunst.
Sie lebt und arbeitet nun als freie Schriftstellerin in Innsbruck.
Seit den 1980er-Jahren hat sie sich an zahlreichen feministischen Projekten und Arbeitsgruppen beteiligt, die sich u.a. mit Geschlechterverhältnissen und patriarchaler Ökonomie, Diskriminierung, sexualisierter Gewalt, Homosexualität, Homophobie, Faschismus, Herrschaftsstrategien, Gen- und Reproduktionstechnologien und der Kriminalisierung von Widerstand auseinandersetzten.
1996 erhielt Barbara Hundegger den Preis der Stadt Innsbruck für künstlerisches Schaffen in der Sparte Lyrik, 1998 erschien ihr erster Gedichtband mit dem schönen Titel „und in den schwestern schlafen vergessene dinge“. Er wurde im Wieser Verlag veröffentlicht, nachdem Barbara Hundegger beim Christine Lavant-Lyrikpreis 1997 aufgefallen war. Bereits dieses Buch machte klar, dass Hundeggers eigenständige Lyrik sich nicht unter der Realität wegduckt, sondern sie sich sehr genau anschaut. Ihre Methode des fraktalen Denkens faszinierte schon bei diesen Gedichten

„3
starrt sich mir
manchmal schon der
blick neben die augen,
mit dem wir uns einmal
nie gesucht haben werden.

setzt sich mir
manchmal schon der
satz vor die wörter, der
mir einmal den herz-
Himmel verstrahlen wird.

braut sich mir
jetzt schon das
meer zusammen,
das ich dir einmal
nachschweigen werde.“

Hundegger arbeitet hier mit dem Zusammenfallen von Mutmaßungen über die Gegenwart und eine Zukunft, die sich schon im Augenblick der literarischen Wahrnehmung abzeichnet. Sie evoziert die Gleichzeitigkeit von Starre und Bewegung. Ihr Blick dringt durch die Welt der Physik hindurch in die Welt der Quantenphysik, in der alles gleichzeitig sowohl sein als auch nicht sein kann.
Statt zarten, zögerlichen Gesten ist das poetischer Klartext.
In Hundeggers erstem Gedichtband wird die Liebe in der Radikalität des subjektiven Erfahrens ebenso angesprochen wie die damit verbundene gesellschaftliche Herausforderung. Feministische und lesbische Inhalte waren in der deutschsprachigen Lyrik im ausgehenden 20. Jahrhundert noch immer mehr Überraschung denn Normalität.
Auch sprachlich öffnet die Poetin den Raum, nutzt gelegentlich Endreim und Versmaß, bricht traditionelle Muster aber sofort wieder durch eigenwillige Zeilenbrüche. Wortkreationen führen die Gedanken in Seitenarme, die kleine neue Denkfelder aufmachen.
Der umfangreichste Zyklus in diesem ersten Buch Hundeggers ist im Rahmen einer Auftragsarbeit des Literaturhauses am Inn entstanden, für die nach den „Höllen unserer Zeit" gefragt war.
34 Höllen identifiziert Hundegger und konstatiert:

„höllen 28

und alles hält sich von selbst
in schuß. tastaturen befehden
die wörter. während wir meinen,
galaxien zu meistern, schrauben
wir weinend die türschwellen
fest, und in den schwestern
schlafen vergessene dinge.“

Barbara Hundegger entwirft Sprachbilder, die weit ausgreifen und sich gleichzeitig mit dem Einfachsten verbinden, dem Urtrieb der Angst. Politisch sind in diesem Buch nicht nur Inhalte von Gedichten, politisch ist das Beharren auf einer poetischen Sprache, die sich den existentiellen Krisen und Erfahrungen entgegenstellt.

In der Edition Das fröhliche Wohnzimmer folgte 2002 der Gedichtband „desto leichter die mädchen und alles andre als das“, deren sprachliche Raffinesse und gesellschaftskritische Aussagen sich zur lyrischen Dichte verflechten. Die Poetin Petra Ganglbauer befand dazu in ihrer Rezension: „das Poetische und das Politische. Diese beiden Pole versteht die Autorin auf so gekonnte Weise zu verknüpfen, dass die Lautstärke, das Tempo und einzelne Passagen nach der Lektüre noch als gesellschaftskritischer Echoraum hallen. Barbara Hundeggers Gedichte gehören sicher zu den spannendsten unserer Tage.“

Die nächste Publikation Barbara Hundeggers war ein Theatertext „für drei frauen beste freundin und frauenchor“. Das Stück war eine Auftragsarbeit für die Frauentheaterprojektgruppe coop.fem.art, die im Mai 2003 im ORF-Kulturhaus Innsbruck uraufgeführt wurde. Teile des Textes wurden mit dem Christine Lavant-Preis 2003 ausgezeichnet, das Buch erschien 2004 bei Skarabäus.
Dem Text zugrunde liegt die ungewöhnliche Kumulation von Frauenorten im Innsbrucker Stadtteil Wilten, wo einige Zeit lang das Karmelitinnenkloster, ein legales Bordell und das autonome FrauenLesbenZentrum in räumlicher Nähe wirkten. Drei Frauen, die, wenngleich auf höchst unterschiedliche Weise, allesamt nicht den traditionellen heterosexuellen Weg gehen, sind Hauptfiguren dieses „Spiels für Stimmen“. In Prolog, Epilog und neun szenischen Sequenzen wechseln sich Chor und Stimmen in Monologen und Dialogen ab. Reimlose Verse, Wortgruppen, Aufzählungen und Gedankenflüge schaffen weniger eine Handlung als vielmehr einen Wahrnehmungsteppich. Die Sprecherinnen sind allwissend, analytisch und berichten manchmal ein wenig spöttisch. Sie breiten eine Welt aus, in der die Abweichung von der Norm ihre Bedeutungsüberhöhung verliert.
Klischees werden aufgeblättert und verabschiedet:
So ist der „Abtritt“ einer Hauptfigur rot gefärbt:

„Gloria

rot ist ihr zaumzeug ihr
zuruf ihr flüstern all
ihre segel ihre künste
sind rot rot ist ihr
dösen ihr mustern dein
vorsatz rot alle fabel
auf die fragen sind
rot und rot ist mein
gang aus der rüstung“

2006 folgte der Gedichtband „rom sehen und. april 05, gedicht-bericht“, ebenfalls bei Skarabäus.
Natürlich verführt der Titel, das „und“, zum Ergänzen – „sterben“ ist ausgelassen, aber wir entkommen dem Wort genau deshalb schon im Titel nicht. „april 05“ als genaue Zeitangabe – nämlich wann die Autorin sich aufgrund eines Stipendiums des Bundeskunstministeriums in Rom aufgehalten hat – ist ergänzt durch zwei Gattungsbegriffe, die durch Titel und Untertitel bereits erstmalig erfüllt sind. Dabei scheint es sich zunächst um einen Widerspruch zu handeln: Fakten sachlich und geordnet wiedergeben, das lässt sich schwer mit der subjektiven Verknappung, Verschränkung und assoziativen Ausweitung oder Sprachneuschöpfung in der Poesie zusammendenken. Doch das Experiment gelingt. Der chronologische Rahmen: Die Zeit vor der Abreise, die Ankunft, Aufenthalt, Rückkehr, Resümee.
Dass in dieser Zeit ein Papst stirbt und ein anderer gewählt wird, ist inhaltsreicher Zufall.
Das Buch ist komplex durchkomponiert. Strukturell gestaltet ist, dass jeder zweite Eintrag – gedruckt auf den linken Buchseiten – unter dem Titel „zeitungsluft“ gestaltete Assoziationsketten und Wortfolgen präsentiert.
Im Zyklus „zeitungsluft“ finden sich auch die sachlichen Informationen, die eingebettet sind in den Ansturm der Boulevardschlagworte, montiert zu monolithischen Blöcken. Hundeggers Feder wird da zur festen Pranke, die eine steinerne Skulptur bezwingt.
Kapitel wie etwa „roma papamania“ oder „roma centro“ führen in die Befindlichkeit der Stadt, verlassen das Hauptereignis oder begeben sich mit dem Abschnitt „roma millina“ z.B. in jene Straße, in der sich die Atelierwohnung von Hundeggers Aufenthalt befindet.
Die große atmosphärische Dichte von „rom sehen und“ entsteht aus der Verflechtung der Zyklen. „zeitungsluft“ lebt von der Montage und Demontage, die Auseinandersetzung mit dem kirchlichen Rom nährt sich aus Assoziationen zu einladenden Wörtern, die von Barbara Hundegger oft gegen den Strich eingesetzt werden.

2009 erschien, wieder bei Skarabäus, der Gedichtband „schreibennichtschreiben“, der sich mit den grundlegenden Themen von Hundegger, der Liebe zum Schreiben, der prekären Situation der Schreibenden, den gesellschaftlichen Verhältnissen und dem Feminismus in vielfältigen Aspekten beschäftigt.
Das Alphabet ist Grundlage und Ordnungssystem unserer Sprache, es ist Werkzeug und zu gestaltender Inhalt. Barbara Hundegger hat ihm den ersten, „sns – facetten eines widerständigen alphabets“ genannten, mit „intro“ überschriebenen Teil ihres Gedichtbands gewidmet. Und er beginnt sogleich mit „zuletzt“ – weil die Autorin alles auf den Kopf gestellt hat!

„zuletzt
zuletzt sitzt du halt doch immer wieder da und denkst den wörtern in dingen, stimmen, stillen, in taten nach, was sie so sagen, so tragen, versprechen und halten, nicht halten davon, behalten von dem, was in dir umgeht, um dich vor sich geht, dich angeht, nicht lässt. zuletzt lässt du halt doch immer wieder die wörter nachdenken über dich in den taten, stillen, stimmen, in den dingen, die dich enthalten, gestalten, verwalten, und was daran dich besticht. weil nur so meinst du dem zu entkommen, was alles dich erdrückt. nur so, meinst du, kann aufkommen unter all dem, was dich daran berückt.“

Die Herausforderung, das Leben in Sprache zu fassen, den Wörtern ihr Eigenleben dabei aber zu ermöglichen, spannt den Bogen. Auch in diesem Buch entwickelt die Dichterin eine strenge Struktur. Sie nutzt grammatikalische Möglichkeiten, um Masse und Bewegung zu initiieren, definiert Wort- und Assoziationsräume in Wortfeldern, denen Gedichte folgen, die aus dem Überfluss scharfe Bilder skulptieren.

Fast am Anfang des Buches erfahren wir unter der Eintragung 25 „bratislava“, was das Alphabet noch stemmen muss:

„als antwort auf die frage, was du seist, freie schriftstellerin zu sagen, geht dir noch immer wie eine berührung, die du magst, über die zunge: es streift dich mit süße, es leuchtet dein mund …
andererseits fand einmal in bratislava der ,18th world congress of poets‘ statt, du warst dort zur lesung eingeladen, und poeten und poetinnen aus aller welt zu treffen, das war eine schöne aussicht …
das sind ja schöne aussichten, war aber die verfasstheit danach für dich …
neben manch heiterem und wunderbarem – zum beispiel ein abend mit chinesischer lyrik, an dem du nicht ein wort verstanden hast – sahst du dort vor allem und erstmals und klar: ein blasses, gebücktes, von literatur gezeichnetes völkchen, das außer den wörtern in sprachen die armut als konsequenz der seinsform verband.
sind das deine perspektiven.“

In diesem Band kommt es gebündelt: die Liebe zur Literatur, „die gier, den durst deines textes nach dir“ – vice versa, die Fragen der Existenz als Schriftstellerin. Das poetische Ich ist nicht zu trennen vom politischen, weil das Gesellschaftliche nie außer Acht bleibt, mehr noch, Hundegger legt offen:

„das ganze tritt aber nicht bloß als evidenz, sondern als atmosphäre/n auf – als zufall, sachzwang, verstimmung, nachrede, beleidigte verwahrung gegen gender-militanz“.

Und wär’s nicht so ernst, müssten wir über ihre alphabetische Erinnerung an jenen „bemerkenswerten“ 7. Oktober 2004 lachen, die da sagt:

„wenige minuten vor bekanntgabe des literaturnobelpreis-namens hieß es auf www.orf.at: ,Spannung vor Literaturnobelpreis: Roth oder eine Frau?‘ aber: ,Jelinek oder ein Mann?‘ – undenkbar.“
(gemeint ist Philipp Roth, der US-amerikanische Autor)

2014 erschien bei Haymon der bislang letzte Gedichtband „wie ein mensch der umdreht geht – dantes läuterungen reloaded“.
Darin bezieht sich Barbara Hundegger auf Dante Alighieris Göttliche Komödie. Der Läuterungsberg des Purgatoriums ist Zentrum ihrer hoch artifiziellen Gedichte, erneut fordert sie die Lesenden heraus, nicht nur mit ihr in einem dialogischen Prozess immer weiter zu steigen, im Rückblick vielleicht Neues zu erkennen oder Verdrängtes wieder zuzulassen, sondern sich auch selbst im Verständnis der Texte einzubringen. Durch ein- und Auspunktierung der Gedichte verlangsamt sie den Zeitfluss, um emotionale Regungen in einem Moment der Beobachtungsfähigkeit zu erfassen.
Wieder lenkt Hundegger den Blick virtuos auf die drängenden Fragen unserer Zeit, auf die Verfehlungen, die Scheinheiligkeit und Lügen, das Augenverschließen und Satt-Zufriedensein.
Der Text ist durchflochten von Dante-Zitaten, dennoch genuin ein Hundegger-Text, wie niemand anders ihn hätte schreiben können.
Schon Dantes Text ist politisch, nun, adressiert von einer literarischen Meisterin der Gegenwart, für die das politische Schreiben Leben ist, gibt es keinen Ausweg aus der Aktualität. Auch hier – nicht zum ersten Mal – denkt Hundegger in einem Gedicht an Lampedusa, erinnert uns, wofür dieser Ort steht und was unsere Zeit noch begleitet. Auch dem Frauenthema nähert sie sich, Seite an Seite mit Dante Alighieri, erneut in ihrer eigenen Denk- und Sprechweise.
Und dass gelegentlich auch Ironie aufblitzt, erstaunt Hundegger-LeserInnen nicht.

Barbara Hundeggers Werk wurde bisher unter anderen durch folgende Preise ausgezeichnet:

3. Preis Literaturwettbewerb Floriana 1998
Reinhard-Priessnitz-Preis 1999
Preis der Landeshauptstadt Innsbruck für künstlerisches Schaffen 2002
Christine Lavant-Lyrikpreis 2003
Buchprämie 2004 / Kunststaatssekretariat
Outstanding Artist Award 2011 für Literatur des Bundesministeriums für Unterricht, Kunst und Kultur

Dass sie heute mit dem Literaturpreis der österreichischen Industrie Anton-Wildgans-Preis 2014 ausgezeichnet wird, verbinden wir mit der in der Satzung des Preises festgeschriebenen Hoffnung, noch weitere Werke erwarten zu dürfen.
Die Entscheidung der Jury war einstimmig.
Ich gratuliere sehr herzlich zum Preis.

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