Brigitte Deckert
SAMARIA
GESCHICHTE UND BEDEUTUNG EINER ISRAELITISCHEN STADT
(Textauszug)
Diplomarbeit zur Erlangung des Magistergrades an der Theologischen Fakultät der Universität Graz 1978

INHALTSVERZEICHNIS

Vorwort

 I. ARCHÄOLOGISCHE DOKUMENTATION
 BIS 722/21 v. Chr.
 1. Name und Etymologie 7
 2. Die Lage der Stadt 8
 3. Zur Geschichte der archäologischen
 Erforschung der Ortslage 11
 4. Architektur 18
 4.1 Periode I 19
 4.2 Periode II 23
 4.3 Periode III 27
 4.4 Periode IV 30
 4.5 Periode IV a 32
 4.6 Perioden V und VI 32
 4.7 Israelitische Mauern auf
  den Abhängen 35
 4.8 Einige Gräber 40
 4.9 Eìn israelitischer Schrein 41
 5.   Auswahl von Einzelfunden 42
 5.1 Keramik 43
 5.2 Elfenbeinschnitzereien 44
 5.3 Skarabäen, Skaraboide, Siegel
       und Siegelabdrücke 47
 5.4 Ostraka 48
 5.5 Figurinen 50
 5.6 Verschiedene Objekte 50
 

II. GESCHICHTE DER STADT SAMARIA BIS
      722/21 v. Chr. AUF GRUND SCHRIFT -
      LICHER QUELLEN 52
1. Einleìtung 53
2. Samaria von der Gründung bis
    722/21 v. Chr. 55

 III. ARCHÄOLOGISCHE DOKUMENTATION
       VON 722/21 v. Chr. BIS ZUM ENDE
      DER RÖMISCHEN ZEIT 73
 1. Architektur 74
 1.1 Periode VII 74
 1.2 Periode VII a 76
 1.3  Periode VIII                                           76
 1,4 Periode IX 78
 1.5 Frühhellenistische Periode 80
 1.6 Hellenistische Periode 83
 1.7 Späthellenistische Periode 85
 1.8 Vorherodianische Gebäude 86
 1.9 Herodianische Periode 87
 1.10 Zweite römische Periode 92
 1.11 Dritte römische Perìode 93
 1.12 Vierte römische Periode 96
 1.13  Das hellenistische Fort 99
 1.14 Die römische Stadtmauer 102
 1.15  Das Stadium 103
 1.16  Die Säulenstrasse 108
 1.17  Das Forum 111
 1.18 Das Theater 113
 1.19  Der Koretempel 115
 1.20 Das südöstliche Stadtviertel 119
 1.21 Die Wasserleitung 123
 1.22  Gräber 125
 2. Auswahl von Einzelfunden 130
 2.1 Keramik 130
 2.2 Griechisch-römische Terrakotten 132
 2.3 Skulpturen 133
 2.4 Fayance 134
 2.5 Glas 135
 2.6 Münzen 135
2.7  Siegel und Siegelabdrücke 136
2.8  Ostraka  137
2.9  Griechische Inschriften  138
2.10 Keilschrifttafel  138
 

IV. GESCHICHTE SAMARIA-SEBASTES VON 72221
       v. Chr. BIS ZUM ENDE DER RÖMISCHEN
       ZEIT IM ÜBERBLICK AUF GRUND
       SCHRIFTLICHER QUELLEN                                         140
1. Von 72221 v, Chr. bis zum Ende
    der Perserzeit      140
2. Von Alexander dem Grossen bis zum
    Ende der römischen Zeit        146
    Herrscherlisten        155

V. ZUSAMMENFASSUNG UND IDENTIFIZIERUNG    158

ABBILDUNGEN                                                                 165
Abbildungsverzeichnis                                                            263
Archäologische Perioden in Palästina                                      267
Abkürzungen                                                                          268
Literaturverzeichnis                                                                 271
 
 

2. VON ALEXANDER DEM GROSSEN BIS ZUM ENDE DER RÖMISCHEN ZEIT
 

Mit Alexander dem Grossen beginnt ab 331 v.Chr. auch für Samaria eine neue Zeit (1). Nach der Schlacht bei Issos gegen den per1sischen Grosskönig Dareios III. Kodomanus wandte sich Alexander nach Damaskus, Sidon und Tyrus, das er nach siebenmonatiger Belagerung niederzwang, und dann weiter nach Gaza (2). Das übrige Syrien-Palästina hatte sìch schon unterworfen:
"Alexander aber beschloss, nunmehr den Zug nach Ägypten zu unternehmen. Inzwischen hatten schon die übrigen Gebiete des sogeannten palästinischen Syrien seine Hoheit anerkannt." (3)
Diese Feststellung Arrians kann in unserem Fall durch Josephus, Ant XI 8,4 (§321) ergänzt werden (4).
Sanballat III. hatte also klugerweise die politische Situation erkannt, den Persern abgeschworen und sich Alexander unterworfen. Bald danach muss wohl Sanballat III. gestorben sein, da wir durch Q.Curtius Rufus (5) erfahren, dass der von Alexander eingesetzte Statthalter Andromachus von den Samariern lebendig verbrannt worden sei (6), Alexander sei daraufhin von Ägypten zu-

1 Vgl. J.Bright, A History of Israel 414-416, V.Tcherikover,The Hellenistic Environment, World History of the Jewish People VI 5-50. F.M.Abel, Histoire de la Palestine depuis la conquete d'Alexandre jusqu' à l'invasion Arabe I. D.Auscher, Les relations entre la Grèce et la Palestine avant la conquete d'Alexandre, VT 17 (1967) 8-30.
2 Vgl. Diodor XVII 40ff. Josephus, Ant XI 8,3 (§§ 313-320). R. Marcus, Josephus VI 464-469. V.Tcherikover, a.a,0. 56-62.
3 W.Capelle, Arrian 165.
4 R.Marcus, .Josephus VI 468f.
5 Alexanderbiographie IV 8,9-11. K.Jaros, Sichem 124 Anm. 11.
6 Vgl. die Belege bei K.Jaros, Sichem 124 Anm. 13.

rückgekehrt und habe Menon (Memnon) eingesetzt (1), Alexander soll die Samarier damit bestraft haben, dass er in Samaria Makedonier ansiedelte (2).
Diese Nachrichten wurden aber sehr bezweifelt (3), da vor allem Arrian wie auch Josephus nichts davon wissen. Aus Arrian III 6,8 (4) wissen wir nur, das Alexander nach seiner Rückkehr aus Ägypten nach dem ersten Statthalter Coele-Syriens Kerdimmas den Asklepiodor eingesetzt hat (5).
Samaria war jedenfalls mit diesen Ereignissen eine hellenistisch orientierte Stadt geworden und eine bedeutende Jahwe-treue Gruppe Samarier hat daraus die Konsequenzen gezogen und die Stadt verlassen. Sie sínd zusammen mit den aus Jerusalem vertriebenen Priestern (6) die Wiederbegründer des alten Sichem (7). und die Begründer des Garizimkultes (8), die Ahnen der Samaritaner (9).
Nach dem Tod Alexander des Grossen 323 v.Chr. wurde sein Reich aufgeteilt: Antigonus erhielt Asien, Ptolemäus Ägypten und Seleukos I.Nikator Mesopotamien und Syrien. Seleukus teilte sein Gebiet in 72 Satrapien. Samaria wurde eine dieser

1 Vgl. R.Marcus, Josephus VI Appendix C 523.
2 Vgl. a.a.0. Appendix C 524.
3 Vgl. z.B. L.Haefeli, Geschichte der Landschaft Samaria 66f., der die Geschehnisse in die Zeit Antiochus III. verlegt. Sehr unkritisch nimmt diese Notizen R.L.Fox, Alexander der Grosse 293f.
4 Vgl. W.Capelle, Arrian 177.
5 Was die makedonische Kolonie in Samaria betrifft, könnten die Notizen durchaus glaubhaft sein. Vgl. F.M.Abel, Alexandre, RB 44 ( 1935 ) 42-61.
6 Vgl. dazu H.G.Kippenberg, Garizim 50-57. K.Jaros, Sichem 125. 7 Vgl. G.E.Wright, Shechem 170ff.
8 Vgl. H.G.Kippenberg, Garizim 50-57.
9 Die Konsequenz aus diesen Feststellungen ist, dass die Geschichte der Samariter nicht mit der Geschichte der Stadt Samaria mehr zusammengesehen werden kann.
 

pien.(1) Sie grenzte im Süden an Juda und Idumäa, im Westen an Phönike, im Osten an die Satrapie Mesopotamien und im Norden an das Libanongebirge (2). Durch die Streitigkeiten.zwischen Ptolemäern und Seleukus war Samaria oft betroffen. Schon um 312 v.Chr. vernichtete Ptolemäus Lagi neben anderen palästinischen Städten auch Samaria (3) und führte auch Samarier in die Gefangenschaft (4). 296 v.Chr. zerstörte der Seleukide Demetrios Poliorketes wieder Samaria (5). Ptolemäus III. riss dann Coelesyrien an sich, was Seleukus Antiochus III. den Grossen zum Eingreifen veranlasste. Um 219 v.Chr. ergab sich Samaria den Seleukiden (6) und wurde daraufhin von Antiochus III. militärisch geschützt (7). Aber schon 217 v.Chr. siegte Ptolemäus IV. bei Raphia und Antiochus III. musste Coelesyrien räumen. Ca. 10 Jahre lang blieb nun Samaria
unbehelligt, bis Skopas, der Heerführer Ptolemäus V. auch Samaria eroberte. Kurz darauf schlug aber Antiochus III. Skopas bei den Jordanquellen und auch Sarnaria wurde von den Seleukiden zurückgewonnen (9).
 

1 Vgl. L. Haefeli, Geschichte der Landschaft Samaria 69.
2 Vgl. a.a.0. 69. Vgl. auch V.Tcherikover, The Hellenistic Environment, World History of the Jewish People VI 63-86.
3 Vgl. Diodor XIX 93,7. L.Haefeli, a.a.0. 70.
4 Vgl. Josephus, Ant XII 1,1 (§§ 1-10). R.Marcus, Josephus VII 2-7.
5 Vgl. Eusebius, Chronik II 118f.. E.Schürer, Geschichte II 196 Anm. 416.
6 In diesem Zusammenhang könnte die Notiz von der Verbrennung des Andromachus durch die Samarier passen. Es könnte sich in Samaria ein Umschwung zugunsten des Eroberers Antiochus III. vollzogen haben. Vgl. L.Haefeli, a.a.0. 71.
7 Vgl. Polybius V 71 ,10f. L.Haefeli, a.a.0. 71.
8 Vgl. Polybius XVI 39,1. L.Haefeli, a.a.0. 72.
9 Vgl. Josephus, Ant XII 3,3 (§ 136). R.Marcus, Josephus VII 68f.
 

Für die nächsten Jahrzehnte gibt es für die Stadt Samaria kaum historisch glaubwürdige Nachrichten.
Da die Seleukiden am Ende des 2.Jhds. v.Chr. durch Thronwirren gehindert waren (1), fiel Samaria der Expansionspolitik der Hasmonäer zum Opfer.
Hyrkan I. umschloss Samaria im Jahre 108 v.Chr. mit einer doppelten Umwallung von ca. 16 km, schnitt dìe Stadt dadurch von der Aussenwelt und Nahrungszufuhr ab, bis sie fiel. In der zerstörten Stadt zog er Gräben,damit das Regenwasser aufgefangen werde und so die Erosion sein Werk vollenden konnte. Die Überlebenden wurden zu Sklaven gemacht (2). Auf diese Zerstörung hin blieb Samaria rund 50 Jahre lang eìne Ruine.
Erst als die Römer unter Pompeius in die Geschichte Judas eingriffen (3), kam auch für Samaria eine neue Zeit, da Pompeius Samaria von Juda befreite und es mit seinem Territorium zur römischen Provinz Syrien schlug. Aber erst der römische Statthalter Aulus Gabinius hat um 57 v.Chr. Samaria notdürftig aufgebaut und besiedelt (4). Die Leute von Samarìa wurden deswegen auch eine Zeitlang "Gabinier" genannt (5).
Bereits unter Gabinius tritt ein Mann besonders hervor: Antipater, Statthalter von Idumäa, der Vater Herodes des Grossen; der sich bei den Römern verdient machte. Um 47 v.Chr. wurde Herodes der Grosse vom römischen Statthalter Syriens Sextus Caesar zum Strategos von Coelesyrien und Samaria ernannt (7).

1 Vgl. M. Noth, Geschichte Israels 323-359. M.Avi Yonah/J.Klausner, World History of the Jewish People VI 147-241.
2 Vgl. Josephus, Ant XIII 10,2f (§§ 275-283). R.Marcus, Josephus VII 364-371.
3 Vgl. M.Noth, Geschichte Israels 360-369. M.Avi Yonah/A.Schalit, World History of the Jewish People VII 3-43.
4 Vgl. Josephus, Ant XIV 5,3 (§§ 86-88). L.Haefeli, Geschichte der Landschaft Samaria 91.
5 Vgl. Josephus, Bellum I 8,4 (§ 116). H.St.J. Thackeray, Josephus II 76f.
6 Vgl. L.Haefeli, a.a.0. 92. A.Schalit, World History of the Jewish People VII 44-70.
7 Josephus, Bellum I 10,8 )§ 213).
 

Als Herodes der Grosse vier Jahre später bei der Verfolgung des Mörders seines Vaters an Samaria vorbeíkommt, findet er die Stadt in Aufruhr, den er jedoch schlichten kann (1). Herodes dürfte von diesem Augenblick an Samaria besonders ins Herz geschlossen haben und wird es gleichsam zu seiner zweiten Residenz auserwählen (2).
Unter Herodes nahm Samaria einen grandiosen Aufstieg. Im Jahre 40 v.Chr. erhielt Herodes von den Römern die Königswürde und ab dem Jahre 37 v.Chr. war seine Herrschaft ziemlich gefestigt (3). Da Herodes aber in Juda noch umstritten war, wurde Samaria sein Stützpunkt. Hierher brachte er seine Mutter und seine Verwandten (4). Noch im Jahre 37 v.Chr. heiratete er in Samaria Mariamme (5) und nachdem er 37 v.Chr. auch Jerusalem besiegt hatte, war seine.Herrschaft unbestritten, aber "seine" Stadt Samaria war, so paradox es klingen mag, de jure noch nicht unter seiner ;Herrschaft (6). Sie wurde erst sein Eigentum, als sie ihm Kaiser Augustus, wahrscheinlich kurz nach der Schlacht bei Aktium im Jahre 31 v.Chr, schenkte. Durch das Erdbeben im Frühling des Jahres 31 v.Chr. dürfte auch Samaria ziemlich beschädigt gewesen sein (7).
 

1 Vgl. Josephus, Ant XIV 11,4 (§ 284), R.Marcus, Josephus VII 600f.
2 Vgl. L.Haefeli, Geschichte der Landschaft Samaria 93.
3 Vgl. M.Noth, Geschichte Israels 369ff. M.Stern, World Hístory of the Jewish People VII 71-122.
4 Vgl. Josephus, Ant XIV 13,7 (§§ 352-354). R.Marcus, Josephus VII 634-637.
5 Vgl. Josephus, Ant XIV 15,14 (§§ 465-467). R.Marcus, Josephus VII 688-691. Josephus, Bellum I 17,8 (344). H.St.J.Thaekeray, Josephus II 160f.
6 Vgl. L.Haefeli, a.a.0. 98.
7 Vgl. a.a,0. 98.

Im Jahre 29 v.Chr. fiel seine Frau Mariamme den Hofintrigen zum Opfer. Herodes liess sie hinrichten. Doch ab diesem Zeitpunkt verfiel der König in eine tiefe Trauer um seine geliebte Frau und in eine Art Gemütskrankheit (1), die ihn ständig verfolgte und ihn gegen alle seine Verwandten und auch andere hochgestellte Personen misstrauisch machte.
Im Jahre 27 v.Chr. (2) ging Herodes daran, Samaria neu zu erbauen:
Er siedelte in der Stadt 6000 Kriegsveteranen an, gab ihnen die Verwaltung einer Polis und verteilte an sie das fruchtbare Ackerland der Umgebung.
Die Stadt selber liess er mit einer Ringmauer von 20 Stadien (3) umgeben, d.h. sie war dadurch eine der grössten Städte der alten Welt geworden. In der Stadt baute er die Häuser gut aus, befestigte die Bergkuppe mit massivón Mauern und errichtete den gewaltigen Augustustempel, für den er einen heiligen Bezirk von 3 ½ Stadien absteckte (4). Die herrliche Stadt war nun würdig des kaiserlichen Namens: Sebaste (Augusta) (5)
Hier liess Herodes auch Elitetruppen ausheben und trainieren, die sogenannten "Sebastener", die bald ob ihrer Tapferkeit Berühmtheit erlangten (6).
Als im Jahre 15 v.Chr. Markus Agrippa, der Schwiegersohn des
 

1 Vgl. Josephus, Ant XV 7,7 (§§ 240-245). R.Marcus, Josephus VIII 112-117.
2 Vgl. zu dieser Datierung E.Schürer, Geschichte II 197.
3 Ein Stadion hat ca. eine Länge von 180-200 m. Vgl. A.Strobel, Masse und Gewichte, BHH II 1160.
4 Vgl. Josephus, Ant XV 8,5 (§§ 296-298) R.Marcus, Josephus VIII 140-143. Josephus, Bellum I 21,2 (§ 403). H.St.J. Thackeray, Josephus II 190f. M.Stern, World History of the Jewish People VII 100f.
5 Ant XV 8,5 (§ 298). R.Marcus, Josephus VIII 142.
6 Vgl. L.Haefeli, Geschichte der Landschaft Samaria 101.
 

Kaisers, im Reich des Herodes auf Staatsbesuch war, zeigt ihm Herodes auch das prächtige Sebaste (1).
Etwa um 10 v.Chr (2). liess der immer mehr verbitterte und misstrauische König die beiden Söhne Mariammes Alexander und Aristobul in Samaria strangulieren. Er selber starb im Jahre 4 v.Chr. in Jericho.
An den Aufständen, die nach seinem Tod losbrachen, beteiligte sich Sebaste nicht und wurde deswegen auch vom römischen Statthalter Varus geschont. Ja, Varus war sogar auf die Hilfe der Sebastener Truppen (3000 Mann) beim Niederschlagen des Aufstandes in Juda und Jerusalem angewiesen (4).
Sebaste kam jetzt unter die Herrschaft des Ethnarchen, des Herodessohnes Archelaus, den ihm die Samarierin Malthake geboren hatte. Aber schon 6 n.Chr. wurde er wegen seiner Grausamkeiten vom Kaiser ins gallische Vienna exiliert (5). Sebaste wurde wieder Teil der römischen Provinz Syrien und unterstand dem Statthalter von Judäa mit Ausnahme der Jahre 41-44 n.Chr., wo das Gebiet zu König Agrippa I. (6), dem Sohn des in Sebaste strangulierten Herodessohnes Aristobul, kam. Agrippa I. musste jedoch wegen seiner Judenfreundlichkeit in Sebaste kein grosses Ansehen genossen haben, denn nach seinem Tod verspotteten die Sebastener die drei Töchter des Agrippa, worauf sie vom neuen Präfekten Cuspius Fadus als Strafe in den Pontus abkommandiert wurden. Nach einer Petition an Kaiser Claudius wurde die
 

1 Vgl. Josephus, Ant XVI 2,1 (§§ 12-15). R.Marcus, Josephus VIII 212-215.
2 Vgl. L.Haefeli, Geschichte der Landschaft Samaria 101. Vgl. Josephus, Ant XVI 11,7 (§§ 392-394). R.Marcus, Josephus VIII 364-467.
3 Vgl. M.Noth, Geschichte Israels 376f.
4 Vgl. L.Haefeli, a.a.0. 104.
5 Vgl. Josephus, Ant XVII 13,2 (§§ 342-344). R.Marcus, Josephus VIII 530f.
6 M.Stern, World History of the Jewish People VII 139-148.
 

Strafe allerdings aufgehoben (1).
Im Neuen Testament wird Sebaste nie genannt, wohl aber das Gebiet Samariens (Luk 9,52 ,17,11 Joh 4). Die junge Gemeinde Jesu hatte hier gute Erfolge zu verzeichnen (Apg 1,8 8,1.4ff) (2).
Im Jahre 66 n.Chr. ist Sebaste wieder Schauplatz weltpolitischer Ereignisse. Nach Unruhen in Caesarea zog sich der römische Präfekt Florus nach Sebaste zurück. Eine Delegation vornehmer Juden aus Caesarea, die den Präfekten gegen die Griechen um Hilfe bitten wollten, liess er in Sebaste kurzerhand verhaften (3). Als im August desselben Jahres die jüdische Bevölkerung Caesareas von den Griechen hingemordet wurde, war das für die Juden Palästinas das Signal zum Aufstand.
Sebaste fiel dem Aufstand bald zum Opfer. Es wurde wie andere Städte Palästinas zum "rauchenden Trümmerhaufen", wie Josephus (4) bemerkt.
Nach diesem schweren Schlag war Sebaste lange Zeit aus dem Gedächtnis ausgelöscht. Erst um die VVende vom 2. zum 3. Jhd. n.Chr. erfahren wir wieder etwas von Sebaste, als Kaiser Septimus Severus die Stadt zur römischen Kolonie "Lucia Septimia Sebaste" erhob.

1 Vgl. Josephus, Ant XIX 9,2 (§§ 360-366). L.H.Feldman, Josephus IX 386-389.
2 Vgl. L.Haefeli, Geschichte der Landschaft Samaria 110-113.

3 Vgl. Josephus, Bellum II 14,5 (§ 292). H.St.J.Thackeray, Josephus II 436f.
4 Josephus, Bellum II 18,1 ( 460). H.St.J.Thackeray, Josephus II 502.
5 Vgl. Seite 9 Anm. 3.
 

Schon im 4. Jhd. n.Chr. wird es in Sebaste eine ansehnliche Christengemeinde gegeben haben, die seit dem Toleranzedikt Konstantins im Jahre 313 n.Chr. auch offiziell werden konnte. Nach christlicher Volksüberlieferung hatte sich in Sebaste undseiner Umgebung das Andenken an Johannes den Täufer festgesetzt (vgl. Onomastikon 155,20f), wohl bedingt durch Elia, der historisch mit dieser Gegend verbunden war und nach christlicher Tradition der wiedergekommene Elia war (vgl. Matth 11,10). Spätestens anfangs des 4. Jhd. n.Chr. wird es etwa auf dem Platz der heutigen Moschee von Sebastije die Johannes dem Täufer geweihte Bischofskirche von Sebaste gegeben haben. 325 n.Chr. hat bereits Bischof Marius (oder Marinus) von Sebaste am ökumenischen Konzil von Nikaia teilgenommen (vgl. E.Robinson, Biblical Researches II 310). Aus dem Ende des 4. Anfang 5. Jhd. n.Chr. ist ein Bischof mit Namen Stephanos aus einer inschrift bekannt (vgl. A. Alt, Ein vergessenes Heiligtum des Propheten Elia, ZDPV 48 (1925) 393-397). Weiters sind noch sechs Bischöfe Sebastes bekannt, deren letzter 536 n.Chr. an der Synode von Jerusalem teilgenommen hatte (vgl. E.Robinson, Biblical Researches II 310 ).
Das römische Sebaste war in der byzantinischen Zeit (ab dem 4. Jhd. n.Chr.) der Steinbruch für die neue Stadt im Osten des alten Stadthügels. Unmittelbar südlich des Gipfels wurde noch in byzaninischer ?eit eine zweite Kirche mit einem Kloster gebaut (vgl. Abb. 6), in der nach der Ueberlieferung áas Haupt Johannes des Täufers gefunden worden sein soll (vgl. E.Robinson, Biblical Researches II 305f). Das byzantinische Bistum Sebaste konnte sich weit über die byzantinische Periode Palästincas und über die früharabische Zeit hin halten; selbst als im 9. Jhd. n.Chr. Sebaste und sein Bezirk verwaltungsmässig zu Nablus geschlagen wurden, bestand das Bistum bis in die Kreurzfahrerzeit. Sie schleiften vermutlich die byzantinische Bischofskirche und bauten an ihrer Stelle eine prächtige Kathedrale (vgl. Abb. 173). 1128 n.Chr. bekam Sebaste in Balduin seinen ersten lateinischen Bischof. Schon im 11. Jhd. n. Chr. hatten die Kreuzfahrer über den Resten der byzantinischen Basilika am südlichen Abhang des Hügels die Kirche "zur Auffindung des Hauptes des Täufers" errichtet. Von 1138-1168 war Rainerius lateinischer Bischof von Sebaste, ab 1175 Radulfus. Beim Einfall Saladins im Jahre 1184 n. Chr. gelang es ihm, das Unglück einer Eroberung von Sabaste abzuwenden, da er 80 gefangene Muslime ausliefern konnte. Aber nach der Schlacht bei Hattin 1187 n.Chr. war auch Sebaste als Bistum erledigt. Die Stadt musste sich Husam ed-din Omar, einem Feldherrn Saladins ergeben, der sie zerstörte und den lateinischen Bischof nach Akko abschob.
Aus der Kreuzfahrerkathedrale wurde eine Moschee und die Muslime übernahmen von den Christen die lokale Täuferverehrung. Aus Sebaste wurde das arabische Sebastije (vgl. E.Robinson, Biblical Researches II 310f. M.T.Petrozzi, Samaria 296-306).
 

V. ZUSAMMENFASSUNG UND IDENTIFIZIERUNG

Der Talkessel von Samaria weist bereits im Chalkolithikum Besiedlungsspuren auf: (11) Khirbet bet Sallum. Der Tell von Samaria dagegen ist erst in der FB I besiedelt gewesen. (11) Khirbet bet Sallum scheint auch während der MB und SB bewohnt gewesen zu sein. Bei der FB-Besiedlung von Samaria kann es sich nur um ein kleines Dorf am Gipfel des Hügels gehandelt haben. Dann klaffte eine Besiedlungslücke bis in die EZ I C. Jetzt gab es wieder ein unbedeutendes Dorf am Gipfel. Für diese Zeit weisen auch (2) Ras Abu el acwar, (8) Khirbet Karkaf und (10) el-Kabube Besiedlungsspuren auf (vgl. Abb. 2).
Samaria wird erst ab der EZ II A wieder zu neuem Leben erweckt. Das Gipfelplateau des Hügels wurde teilweise eingeebnet und aufgeschüttet und darauf Gebäude errichtet. Die ganze Anlage ist als Palastbezirk konzipiert, der in Periode I mit einer Einfassungsmauer umgeben war, eine Markierung des Palastbezirkes. Aus den wenigeri erhaltenen Resten karin nach die feine Bautechnik abgelesen werden.
In Periode II wurde der Palastbezirk vergrössert und mit einer Kasemattermauer, die als Verteidigungsmauer bestens geeignet war, umgeben. Die Privathäuser der Stadt haben sich auf den Abhängen nach Osten hin erstreckt. Auch sie dürften umwallt gewesen sein.
Aus dieser Periode stammen auch die berühmten Elfenbeinschnitzereien aus dem sogenannten "Elfenbeinhaus", 640 E, 440 N (,vgl. Abb. 174). Die ganze Stadt dürfte in Periode II ca. 7000 Menschen gefasst haben. Sowohl die Architektur als auch die Kleinfunde zeigen, dass wir hier nicht typische israelitische EZ II-Kultur vor uns haben sondern phönikische Kultur. Periode I geht mit hoher Wahrscheinlichkeit auf Omri, Periode II auf Ahab zurück (vgl. Abb. 174).

Elefenbeinschnitzerei von Samaria (phönikisch-ägyptisierender Stil): Der kindgestaltige Sonnengott in der Lotusblume (J.W.Crowfoot/ G.M.Crowfoot, Early Ivories from Samaria, Palestine Exploration Fund, London 1938, Pl. I/1)

Am Ende der Periode II muss eine grössere Katastrophe gewesen sein, da Periode III durch einen teilweisen Wiederaufbau - durchwegs am selben Platz - gekennzeichnet ist. Die Katastrophe kann auf ein Naturereignis zurückzuführen sein, aber, was wohl wahrscheinlicher ist, auf die Inbesitznahme Samarias durch Jehu im Jahre 845 v.Chr.
Schon in Periode III aber vor allem in Periode IV beginnt die bisherige ausgezeichnete Bauweise nachzulassen. Ziemlich am Anfang dieser Periode, etwa um 800 v.Chr., ist ein Wiederaufbau von Teilen der Kasemattenmauer erfolgt, die möglicherweise durch eine Katastrophe schwer beschädigt worden war. Die Häuser sind durchwegs an die Kasemattenmauer angebaut und zeigen eine sehr unregelmässige Bauweise. In der äusseren Südwestecke der Kasemattenmauer wurde ein grosses Gebäude errichtet und auch das sogenannte Ostrakahaus (vgl. Abb. 174), Es handet sich um ein staatliches Lagerhaus, in dessen Hof man die berühmt gewordenen Ostraka fand.
 

 
Ostrakon Nr. 10 von Samaria von den Jahren 795-94 v. Chr. (K. Jaros, Hundert Inschriften aus Kanaan und Israel, Fribourg 1982, S. 52 Nr. 17)
Die althebräische Inschrift lautet: "Im Jahre 9 von Jazit für Achinoam einen Krug alten Weines".
In Samaria wurden weit über 100 solche beschriebene Tonscherben gefunden. Die  Ortsnamen dieser Ostraka sind für die Topographie Mittel-Palästinas besonders wichtig. Die über 50 belegten Personennamen zeigen in ihren theophoren Elementen die Dominanz des israelitischen Staatsgottes JHWH. Diese ostraka waren ein Art Lieferscheine für Öl- und Weinlieferungen aus den königlichen Landgüter in die Hauptstadt Samaria und weisen damit auch indirekt auf die sozial-wirtschaftlichen Verhältnisse, die der Prophet Amos anprangert.

Der Anfang der Periode V ist durch einen teilweiseri Wiederaufbau gekennzeichnet, der nach den Ereignissen nach Jerobeams I. Tod stattgefunden haben könnte (vgl. Abb. 174).
Periode V und VI enden mit einer gewaltsamen Zerstörung des ganzen Palastbezirkes. Nur grössere Teile der Kasernattenmauer haben die Zerstörung, die auf die Assyrer 722/21 v.Chr. zurückzuführen ist, überlebt.
Von 721-331 v.Chr. hat die Archäologie vier weitere Perioden am Gipfelplateau unterschieden: VII, VII a, VIII und IX, die sich durch kleinere bauliche Veränderungen voneinander unterscheiden. Durch die späteren hellenistischen und römischen Überbauten lassen sich aber die Strukturen dieser Perioden nicht mehr genau sondieren. Das Auffallendste ist wohl, dass man in Periode VIII mitten am Gipfel einen Garten angelegt hat. Die alte Kasemattenmauer blieb praktisch bis in Periode IX in Verwendung.
Periode VII ist als assyrisch zu bezeichnen. Sargon II. rühmt sich zwar, Samaria herrlicher als je zuvor aufgebaut zu haben, aber die Ausgräber konnten dies kaum be-tätigt finden. Die Kolonisten haben sich vorerst so gut es ging in den Ruinen eingenistet.
Periode VIII ist als neubabylonisch und Periode IX als persisch zu bezeichnen. Die Siegel und Ostraka, die auf diese Perioden zurückgehen, sind für die sozial-religiöse und ökonomische Situation überaus aufschlussreich.
Im Laufe der hellenistischen Epoche bekam Samaria ein neues Gesicht (vgl. Abb. 174). Der ehemalige Palastbezirk am Gipfel wurde mit einer massiven Mauer eingefasst, die der alten Kasemattenmauer folgte bzw. sie einschloss. Die Mauer war von gewaltigen Rundtürmen durchsetzt. Die ganze Stadt wurde mit einer Stadtmauer eingefasst, die ebenfalls von Türmen durchsetzt war und am Abhang verlief (vgl. Abb 4). Unter den Ruinen des Koretempels befand sich vermutlich der Isistempel, der, nach einer gefundenen Votivinschrift zu schliessen, schon im 3. Jhd. v.Chr. existierte.
Samaria war jetzt seleukidìsch, aber auch ptolemäisch. Die klassischen Autoren, die über diese Zeit immer wieder von Zerstörungen Samarias durch die eine oder andere Partei berichten, können insofern korrigiert werden, als die Archäologie für diese Zeit kaum nennenswerte Zerstörungen nachgewiesen hat. Anders ausgedrückt heisst das; Samaria hat öfter den Besitzer gewechselt, ohne dass die Stadt jeweils zerstört worden wäre. Das Ende der hellenistischen Periode ist allerdings durch eine totale Zerstörung gekennzeichnet, die eindeutig auf die Aktionen Hyrkan I. zurückzuführen ist.

Von 108 v.Chr. bis in die Mitte des 1.Jhds.v.Chr. konnte die Archäologie keine Periode nachweisen, was ausgezeichnet zu den Angaben Josephus’ passt. Erst Gabinius hat Samaria wieder neu besiedelt und notdürftig wieder errichtet. Die Bewohner dankten ihm dies, indem sie die Stadt inoffiziell "Gabiniopolis" nannten.

Im letzten Viertel des 1. Jhds.v.Chr. wurde die Stadt völlig neu erbaut: eine massive Stadtmauer, Befestigungsmauern um den Palastbezirk, der Augustustempel, das dorische Stadium und gut ausgebaute Häuser entstanden. Die Beschreibung des Neubaues durch Josephus deckt sich völlig mit den archäologischen Ergebnissen. Dieser Neu- und Ausbau der Stadt ist eindeutig das Werk Herodes des Grossen.
Das herodianische Sebaste wurde Anfang der zweiten Hälfte des 1.Jhds.n.Chr. zerstört. Durch die schriftlichen Quellen ist es wiederum möglich, diese Zerstörung in das Jahr 66 n. Chr. zu setzen, wo Sebaste dem beginnenden jüdischen Aufstand zum Opfer fiel.
Von 57-4 v.Chr. ist die erste römische Periode anzusetzen , von 4 v. Chr. 66 n. Chr. n.Chr.die zweite römische Periode, die sich von der ersten durch eine notwendig gewordene Renovierung des Augustustempels und der Errichtung der unterirdischen Korridore westlich und östlich des Tempelhofes unterscheidet.
Die dritte römische Periode ist archäologisch erst in der Wende vom 2. zum 3.Jhd.n.Chr. bezeugt. Die Stadtmauer war wieder in Funktion, der Augustustempel wurde erneuert, ein stattliches Theater, eine grosse Basilika mit Forum, das korinthische Stadium und der Koretempel wurden erbaut. Vom Westtor der Stadt nach Osten zog sich eine Kolonnade, die von Läden flankiert war. Der Schrein nahe dem Westtor und jener an der gepflasterten Strasse im südöstlichen Stadtviertel, Teile des Kanals und die Grabanlage im Südosten und viele äusserst gepflegte Häuser der Zivilbevölkerung entstammen dieser Periode einer grandiosen Bautätigkeit. Diese Bauten hängen mit den Aktivitäten Kaiser Septimus Severus zusammen, der Sebaste zur römischen Kolonie erhob.
Die vierte römische Periode 3./4.Jhd.n.Chr. ist stark durch eine völlige Umstrukturierung von Sebaste gekennzeichnet. Die Privathäuser der Stadt weisen die Bevölkerung als besonders wohlhabend aus. Bauliche Veränderungen gab es auch im Bereich der Basilika. Im 4.Jhd.n.Chr. wurde der Augustustempel profaniert.Der westliche Korridor wurde zu einer Stallung umfunkioniert und der östliche industriellen Zwecken zugeführt. Es besteht wohl kaum ein Zweifel, dass diese Umstrukturierung Sebastes auf die ansässige Christengemeinde zurückzuführen ist, die im 4.Jhd.n.Chr. immer mehr Einfluss über die Stadt gewonnen haben wird.
Bereits im 4.Jhd.n.Chr. gab es in Sebaste zwei byzantinische Basiliken: eine am Platz der Moschee des heutigen Sebastije und eine zweite unmittelbar südlich des Gipfels. Mit diesem Gotteshaus war auch ein Kloster verbunden.
Das byzantinìsche Sebaste ist lagemässig nicht mehr identisch mit dem römischen Sebaste. Die byzantinischen Gebäude waren auf dem Gebiet des heutigen, arabischen Sebastije und das römische Sebaste diente den Byzantinern als Steinbruch.

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