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Die Bärenlucke am Schlagerboden bei St. Anton/Jeßnitz

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Kleine rote Sinterfahne
Kleine rote Sinterfahne, Foto: W. Fischer
 
Bärenlucke und Mariannenhöhle - Ein großes Höhlensystem in Niederösterreich:

Am Schlagerboden bei St. Anton a.d. Jeßnitz findet man neben landschaftlicher Schönheit auch so manch wissenschaftlich interessante Phänomen. So werden zum Beispiel die Karsterscheinungen mit ihren Wasserschwinden, Höhlen und Quellen seit den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts erforscht und kartiert. In den letzten Jahren hat die Entdeckung bislang unbekannter Gangstrecken in der Mariannenhöhle im Höllgraben und die Auffindung einer neuen Höhle beim Gehöft Grub der Forschung wieder neuen Schwung verliehen. Die Höhlenforscher des Landesvereins für Höhlenkunde in Wien und Niederösterreich haben in den Jahren 2003 bis 2005 die Mariannenhöhle komplett neu vermessen und dabei insgesamt 437 m an Ganglänge zu Papier gebracht. Im Zuge der Forschungen in der Mariannenhöhle wurde auch das Interesse an den anderen Karstphänomenen des Schlagerbodens neu geweckt, es wurde alte Literatur durchgesehen, es wurde hartnäckigen Gerüchten nachgegangen - schließlich mit dem Erfolg der Entdeckung einer bis dato für die Forscher unbekannten Höhle. Obwohl zuerst als unbedeutendes Loch abgetan, das bereits nach 5 m für eine weitere Begehung - "Befahrung", wie die Höhlenforscher sagen - zu eng war, erwies sich die "neue", Bärenlucke getaufte Höhle in der Folge als echter Glückstreffer.
Der starke Luftzug, der dem winzigen Spalt entströmte, gab einen untrüglichen Hinweis auf dahinterliegende, ausgedehnte Höhlenstrecken. Die nun beginnenden Erweiterungsarbeiten der Engstelle zogen sich über mehrere Wochen hin, führten aber letztendlich zur Entdeckung einer der bedeutendsten Höhlen Niederösterreichs. Es wurden viele hundert Meter an Gangstrecken erforscht, geräumige Tunnel wechseln sich mit engen Canyons und tropfsteingschmückten Hallen ab. Im Sommer 2007 konnte im Rahmen eines aufwändigen Forschungsvorhabens mit internationaler Beteiligung der sogenannte Quellsiphon abgepumpt werden und die ansonsten vollständig wassererfüllten Gänge wurden erkundet und vermessen. Die bis heute andauernden Forschungen erbrachten bisher eine Ganglänge von 835 m, eine Auswertung der Meßdaten ergab, daß sich der Wassercanyon der Bärenlucke bis auf 15 m an den Endcanyon der Mariannenhöhle annähert. Da der Wasserlauf in den Canyonstrecken beider Höhlen höchstwahrscheinlich derselbe ist, stellen Bärenlucke und Mariannenhöhle separate Teile einer zusammengehörigen Karsterscheinung dar, deren Verbindungsstrecke für den Menschen allerdings nicht befahrbar ist. Bärenlucke und Mariannenhöhle sind als höherliegende, zum Teil trocken gefallene Etagen eines ehemaligen Quellsystems zu betrachten. Ein im Jahr 1965 durchgeführter Färbeversuch hat den Zusammenhang der Wasserschwinde in der "Mühllucka", einer Doline am Schlagerboden und der Höllquelle im Höllgraben, in dessen Verlauf die Höhlen liegen, nachgewiesen. Das Wasser benötigt für seinen unterirdischen Lauf nur etwa 24 Stunden. Bedingt durch die relativ hohen Fließgeschwindigkeiten des Wassers von der Schwinde bis zur Quelle, ist die reinigende Wirkung für das Wasser begrenzt. Somit stellt jede Verschmutzung in Karstgebieten eine ernsthafte Bedrohung für das Quellwasser und unser Trinkwasser dar! Der, für die Entstehung der Höhlen maßgebliche unterirdische Bach hatte in früheren Jahren, an jener Stelle, wo er in der "Mühllucka" versickert, auch zwei Mühlen angetrieben. Kurz nach dem Wiederaustritt des Wasser in der Höllquelle wurde abermals eine Mühle betrieben. Leider sind von diesen Zeugnissen einstiger wirtschaftlicher Bedeutung nur mehr die Überreste der Grundmauern erhalten. Neuerdings haben der Schlagerboden und sein Untergrund auch das Interesse der Forschungsgruppe Geophysik am Institut für Geodäsie und Geophysik der Technischen Universität Wien geweckt. Anfang Jänner 2009 wurden im Bereich der "Mühllucka" und oberhalb der Bärenlucke Begehungen der Oberfläche und erste Messungen mit einem sogenannten Georadar durchgeführt, dessen Strahlen bis zu 70 m in die Tiefe eindringen und Informationen über verborgene Hohlräume und Gesteins-Klüfte liefern können. Die Auswertung der Daten war vielversprechend, sodass weitere systematische Untersuchungen geplant sind.

Beitrag von W. Fischer in den Amtlichen Nachrichten der Gemeinde St. Anton/J., Jahrgang 35, Ausgabe 2, April 2009.

Basisdaten: Ganglänge 835 m, Höhenunterschied 64 m (+9 m, -55 m)