Römische Fibeln aus Virunum

 

Während der ersten Jahrhunderte n. Chr. entwickelte die einheimische Tracht in Noricum, Pannonien und im östlichen Rätien eine Reihe von spezifischen Charakteristika, die sie von den umliegenden Gebieten unterschied. Zeugnisse der norisch-pannonischen Tracht sind von der ungarischen Tiefebene, über den Ost- und Südostalpenraum bis in das obere Etschtal und das bayrische Alpenvorland allgegenwärtig. Die Wurzeln und Traditionen dieser Tracht reichen in das ausgehende 1. Jahrhundert v. Chr. zurück, also in eine Zeit, als im östlichen Alpenbogen das keltische Regnum Noricum seine größte Ausdehnung erreichte.

norische Flügelfibel norische Doppelknopffibel
Norische Flügelfibel aus Bronze
(© Foto Ch. Gugl)
Norisch-pannonische Doppelknopffibel aus Bronze
(© Foto Ch. Gugl)
   
Grabrelief vom Zollfeld In den Provinzen Noricum und Pannonien sind bildliche Darstellungen der Verstorbenen auf Grabmonumenten, die wohl ursprünglich meist bunt bemalt waren, eine willkommene Ergänzung, um mehr über die textilen Elemente der Tracht und die Funktion der Metallbestandteile, die wir aus den zahlreichen Grabfunden im Original kennen, in Erfahrung zu bringen. Die vielfach auch künstlerisch sehr anspruchsvollen Darstellungen zeigen die Norikerinnen in einem langärmeligen, bis an die Knöchel reichenden, manchmal auf der Brustmitte mit einer kleinen Fibel (Gewandspange) verschlossenem Untergewand aus einem offenbar dünneren Stoff. Darüber trugen sie ein festeres, ärmelloses Obergewand, das an den Schultern durch je eine größere Fibel verschlossen wurde. Um die Körpermitte hielt ein mit Zierbeschlägen und einem Gehänge versehener Ledergürtel das Gewand zusammen. Eine zusätzliche dekorative Wirkung erzielten Hals- und Armringe, Halsketten und Fingerringe.
Grabrelief mit Darstellung einer Dienerin
in norischer Tracht
(© Foto U. P. Schwarz)
   

Im norisch-pannonischen Raum ist es mittlerweile möglich, die von den Grabdenkmälern, aus den Gräber und Siedlungen bekannten Trachtbestandteile erstaunlich gut chronologisch und geographisch zu differenzieren (Fundlisten 1-6). In Noricum sind es vor allem die Stadtterritorien von Virunum, Iuvavum und Flavia Solva, für die sich ein typisches Trachtensemble zusammenstellen läßt. Eine wichtige Rolle spielen dabei die überwiegend in Bronze gegossenen Fibeln.

Gerade die häufig auftretenden Bronzefibeln sind für Archäologen wichtige Hilfsmittel, um Fremdeinflüsse in der norischen Tracht zu erkennen, die besonders in der norischen Provinzhauptstadt am ehesten zu erwarten sind.

Verbreitungskarte von Einknotenfibeln
  Verbreitung von norischen Einknotenfibeln
(© Foto Ch. Gugl)
 

Das Virunenser Fibelspektrum erweckt überwiegend den Eindruck einer relativ geschlossenen, inneralpinen Formenwelt. Deutliche Berührungspunkte bestehen zu den Tracht- und Bekleidungssitten im Territorium von Flavia Solva (Steiermark), das aber nachweislich mehr Anregungen aus dem pannonischen Raum erhielt. Das flavische Munizipium Solva pflegte, wahrscheinlich schon aufgrund der geographischen Gegebenheiten, weitaus engere Kontakte wirtschaftlicher Natur zu den Nachbarstädten Poetovio (Slowenien) und Savaria (Ungarn), während der Verwaltungsbezirk von Virunum, das ehemalige Kernland des keltischen Regnum Noricum, einen von Gebirgsketten abgeschlossenen Raum darstellte.

 

Literatur: Ch. Gugl, Die römischen Fibeln aus Virunum (Klagenfurt 1995). - Ders., Eine spätantike Preßblechscheibenfibel mit Doppelporträt aus Kärnten. Carinthia I 185, 1995, 193-203. - Ders., Römerzeitliche Tracht- und Bekleidungssitten in Virunum. In: Wege nach Virunum. Archäologieland Kärnten Bd. 1 (Klagenfurt 1999) 56-72. - Ders., Die Einknotenfibeln - eine Besonderheit der südlichen Landesteile Noricums. In: K. Bott, Gold der Alpen. 4000 Jahre Schmuck und Münzen - Funde aus der Alpenregion. Ausstellungskat. Klagenfurt (Klagenfurt 1999) 33-36. - Ch. Flügel/Ch. Gugl, Die Kleinfunde aus dem Virunenser Amphitheater. In: R. Jernej/Ch. Gugl (Hrsg.), Virunum. Das römische Amphitheater - Die Grabungen 1998-2001. Archäologie Alpen Adria 4 (Klagenfurt 2004) 343-394.


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