Teurnia und sein Umland
vom 2. Jahrhundert v. Chr.
bis in das 1. Jahrhundert n. Chr.

 

Das Lurnfeld, eine der bedeutendsten historischen Landschaften Oberkärntens, eignet sich besonders gut für siedlungsarchäologische Studien, da es als Siedlungskammer durch natürliche Barrieren von den angrenzenden Landschaften deutlich abgesetzt ist, jedoch gleichzeitig durch seine Lage am Schnittpunkt der Drautal- mit der Tauernroute verkehrsgeographisch eine überregionale Bedeutung besitzt. Von diesen Straßenverbindungen etwas abseits liegen die siedlungsgünstigen Landstriche am Nordufer des Millstätter Sees, von Seeboden im Westen bis nach Döbriach am Ostende des Sees, die aber vom Lurnfeld aus über das untere Liesertal relativ einfach zu erreichen sind. Der Holzer Berg scheint schon in der jüngeren Eisenzeit ein siedlungstopographisch wichtiger Punkt gewesen zu sein, der am Schnittpunkt zweier Hauptverkehrswege, vor Hochwassergefahr geschützt, eine natürliche Höhenposition ausnutzte.

 

Lurnfeld und Millstätter See von Nordwesten
Blick von Nordwesten auf das Lurnfeld, den Raum Spittal/Drau und den Millstätter See in Richtung Unterdrautal:
1 - Teurnia, 5 - Baldramsdorf, 6 - Seeboden, 7 - Laubendorf, 8 - Baldersdorf, 9 - Oberamlach
(© Foto Ch. Gugl)

 

Eine der zentralen siedlungsarchäologischen Probleme der Mittel- und Spätlatènezeit im oberen Drautal betrifft das Verhältnis der Latène-Siedlungen auf dem Holzer Berg und der Görz. Die Görz, eine rund 22 km drauabwärts von Teurnia bei Feistritz/Drau gelegene, mit einem zweiperiodigen Wall befestigte, mindestens 11 ha große Niederterrasse am rechten Drauufer, wurde bereits 1928 von G. Bersu mit mehreren Grabungsschnitten untersucht. G. Bersu war sich der Bedeutung dieses imposanten Geländedenkmals durchaus bewußt, seine Grabungsergebnisse erlauben jedoch keine verläßliche chronologische Einordnung der aufwendigen Wallanlage und eine weiterführende Beurteilung der komplexen Siedlungsabfolge auf der Görz, die aufgrund ihrer dominanten Lage im Unterdrautal in den verschiedensten historischen Epochen immer wieder aufgesucht wurde. Die mögliche Existenz eines keltischen Oppidums auf der Görz, das sich im Zwickel zwischen der Drau und dem Weißenbach am ehesten in Latène C und eventuell noch in Latène D1 etabliert hätte und das als befestigte Flachlandsiedlung singulär im norischen Kernland wäre, hätte besonders für die Entwicklung von Teurnia und seines Umlandes entscheidende Auswirkungen.

Der Holzer Berg scheint sich im Gegensatz dazu als eine offenbar von der Hallstatt- bis in die Latènezeit hinein kontinuierlich genutzte Höhensiedlung weitaus besser in das eisenzeitliche Siedlungsbild Kärntens und Osttirols einfügen zu lassen. Allerdings ist gerade jene oben skizzierte siedlungsarchäologische Schlüsselfrage der ausgehenden Latènezeit und der beginnenden römischen Kaiserzeit im oberen Drautal noch nicht zufriedenstellend zu beantworten: wenn wir auf der Görz einen keltischen Zentralort annehmen wollen, wäre es vorrangig zu klären, wie lange dieser bestand, wann er sich auflöste und ob - noch während Latène D? - an dessen Stelle der Holzer Berg trat.

 

Görz bei Feistritz/Drau (Unterdrautal):
Plan der Ausgrabungen von G. Bersu 1928
Görz 1928
 

In Teurnia und seinem Umland verdichtet sich erst mit der Stufe C deutlich der Latène-Fundstoff, wobei abgesehen vom Holzer Berg und von Seeboden kaum mittellatènezeitliches Fundmaterial in Erscheinung tritt. Selbst der Schwerpunkt der Latène-Funde am Holzer Berg, wie die Fibeln, Schmuck und Elemente der keltischen Frauentracht, ein Großteil der keltischen Münzen und die Waffenfunde, datieren nach Latène C2 und vor allem nach Latène D. In der Spätlatènezeit kommt es mit Schalen vom Typ Morel F 2652-2654 erstmals zu einem nennenswerten Import mediterranen Tafelgeschirrs ("schwarze Sigillata"), eine Entwicklung, die vermutlich mit der Errichtung von italischen Händlerstützpunkten im Inneren des regnum Noricum, darunter dem Emporium auf dem Magdalensberg, in den Jahrzehnten um die Mitte des 1. Jahrhunderts v. Chr. zu erklären ist.

Leider ist für das Ober- und Unterdrautal eine zentralörtliche Stellung der Latènesiedlung auf dem Holzer Berg auf der Basis des vorliegenden Fundmaterials im Zeitraum vor der römischen Okkupation 15 v. Chr. momentan kaum zu erschließen. Eine latènezeitliche Befestigung des Hügels, von der man sich erwarten würde, daß sie in etwa dem Verlauf der spätrömischen Stadtmauer gefolgt wäre, ist noch nicht nachgewiesen. Ohne entsprechend modern ergrabene Befunde ist es sicher verfrüht, die möglicherweise vielfältigen funktionalen Facetten der Latènesiedlung zu beschreiben. Derzeit wird man allenfalls ein vielleicht in der Region dominantes, keltisches Heiligtum auf dem Hügel annehmen können, in dem unter anderen auch mehrere spätlatènezeitliche Schilde geopfert wurden. Daß sich dieses postulierte Heiligtum auf einem nach Südosten hinausragenden Plateau befunden hat, wo für die Römerzeit auf der sogenannten "Tempelterrasse" ein als navalis bezeichneter Kultbau des keltisch-römischen Heilgottes Granus Apollo vermutet wird, und sich an dieser Stelle somit eine Kultkontinuität herstellen ließe, hat sich allerdings nicht bestätigt.

Auf alle Fälle hatte Teurnia bereits in claudischer Zeit eine solche Position inne, um in den Rang eines Munizipiums aufsteigen zu können. Ein entsprechender wirtschaftlicher Aufschwung dürfte aber schon einige Generationen zuvor in Gang gekommen sein. Aus archäologischer Sicht scheinen sich diesbezüglich am Holzer Berg doch siedlungsarchäologisch signifikante Änderungen hinsichtlich der Fundverbreitung und Fundzusammensetzung abzuzeichnen. Augusteische Terra Sigillata und Feinkeramik finden wir nun verstreut an verschiedenen Stellen der Hügelkuppe. In das 3./2. Jahrzehnt v. Chr. zu datierende Frühformen des Service I begegnen aber auch schon auf den Hangwiesen östlich des Holzer Bergs im Bereich der späteren Wohnterrassen, wo man ältere Holz- und/oder Lehmfachwerkbauten wird postulieren müssen, die in die früh- bis mittelaugusteische Zeit zurückreichen. Dieser erste Zuwachs an mediterraner Importkeramik in augusteischer Zeit (Sigillaten, Acobecher) beschränkt sich somit nicht nur auf die alt besiedelten Areale auf dem Hügelplateau, sondern dehnt sich auch auf Bereiche aus, die offenbar östlich des Holzer Bergs in Tallage - und damit auch besser auf das Fernstraßennetz hin ausgerichtet - neu erschlossenen wurden. Frühe mediterrane Importkeramik tritt nun auch erstmals außerhalb Teurnias in nennenswerter Anzahl in Erscheinung, so in den augusteischen Gräbern von Seeboden.

 
Blick von Osten auf den Holzer Berg und das Lurnfeld. - Rechts im Hintergrund das Mölltal: 1 - Teurnia, 2 - Pattendorf, 3 - Lampersberg, 4 - Faschendorf
(© Foto S. Tichy mit Ergänzungen)
Lurnfeld von Osten
 

In den Jahrzehnten um die Zeitenwende scheint die Region um Teurnia in einem Wandel begriffen zu sein. Es hat den Anschein, daß gerade in diesem Zeitraum im Umland Teurnias neue Siedlungsplätze entstehen bzw. zu einer ersten Blüte gelangen. Die Siedlungen in Faschendorf und Baldersdorf sowie die noch schwieriger einzuschätzenden Plätze Baldramsdorf und Oberamlach reichen nach Ausweis der Fundspektren wohl nicht in die Mittellatènezeit, aber wahrscheinlich auch nicht nach Latène D1 zurück. Der Siedlungsbeginn ist hier aufgrund der fehlenden Feinkeramik und der Metallfunde feinchronologisch kaum enger zu fassen ist, doch wird jetzt schon deutlich, daß diese Siedlungsstellen offensichtlich von unterschiedlicher Art und Dauer sind. Während in Faschendorf, wo der Charakter der Siedlungsstelle kaum zu klären ist, die Siedlungstätigkeit spätestens zum Zeitpunkt der Anlage des Grabbezirks in flavisch-/trajanischer Zeit, wahrscheinlich aber schon deutlich davor, wieder endete, dauerte die an der römischen Drautalroute gelegene und insofern verkehrsgeographisch begünstigte Straßensiedlung von Baldersdorf bis in die Spätantike fort. Trotz des zur Zeit noch unbefriedigenden Forschungsstandes zeichnet sich also im ausgehenden 1. Jahrhundert v. Chr. bzw. im beginnenden 1. nachchristlichen Jahrhundert eine Änderung im Siedlungsbild ab, die dadurch gekennzeichnet ist, daß einerseits neue Siedlungsflächen (Teurnia) erschlossen werden und andererseits anscheinend auch neue Siedlungsplätze (Faschendorf, Baldersdorf) entstehen.

Aufgrund des Forschungs- und Publikationsstandes - es fehlen vor allem entsprechend großflächig ergrabene und aufgearbeitete Siedlungsbefunde - besitzen wir kaum Einblicke in die Entwicklung Teurnias von augusteischer bis claudischer Zeit, in der sich wesentliche siedlungsgenetische Prozesse abgespielt haben müssen, die in dem zwischen ca. 40/50 und 70/80 n. Chr. erfolgten, groß angelegten Ausbau der Unterstadt östlich des Holzer Bergs auf dem sogenannten Ertlfeld resultierten. Spätestens zu diesem Zeitpunkt kam es zu einer Monumentalisierung des Stadtbildes, die sich am besten in der Unterstadt mit dem Ausbau der städtischen Infrastruktur (Straßen, Kanäle), aufwendigen Terrassierungsmaßnahmen, dem Bau einer ausgedehnten Platzanlage, öffentlichen Thermen und von nach mediterranem Vorbild errichteten, luxuriösen Wohnbauten für die sich bereits etablierte städtische Oberschicht Teurnias nachweisen lassen.

 

Literatur: Ch. Gugl, Das Umland Teurnias vom 2. Jahrhundert v. Chr. bis ins 1. Jahrhundert n. Chr. Eine Studie zur Siedlungskontinuität von der Latène- zur Römerzeit im oberen Drautal. Arh. Vestnik 52, 2001, 305-351. — Die Online-Version finden Sie unter http://members.yline.com/~ch.gugl/


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