kritik
wien, musikverein, brahmssaal
solisten: Gabriele Fontana Christine Whittlesey Sulie Girardi, Dietmar
Kerschbaum, Alexander Kaimbacher, Peter Weber, Robert Holzer
10.10.2005
K.A. Hartmann: aus "Wachsfigurenkabinett"
1.Leben und Sterben des heiligen Teufels
K.A. Hartmann: aus "Wachsfigurenkabinett"
2.Die Witwe von Ephesus
E.Toch: Egon und Emilie
P.Hindemith:Hin und zurück
Wiener Zeitung
Kleine Werke für große Künstler
Von
Marie von Baumbach
Vier Schmuckstücke des 20. Jahrhunderts brachte das hervorragend
spielende Ensemble Kontrapunkte unter der Leitung von Peter Keuschnig mit Hilfe des
lebendigen Wiener Kammerchores und den noch lebhafteren Solisten im Musikverein zur
Aufführung.
"Leben und Sterben des heiligen Teufels" von Karl Amadeus
Hartmann erzählt auf episch-brechtsche Weise in Form einer Nummernoper die letzten
Ereignisse im Leben des russischen Mönches Rasputin (glänzte stimmlich und sah auch ganz
aus wie Rasputin: Peter Weber). Soldatenklänge wechseln hier mit Orientalischem,
Volkstümliches mit halsbrecherischen Rhythmen.
Es folgte Hartmanns "Die Witwe von Ephesus", ein
satirisch-sozialkritisches Stück: Wer arbeitslos ist, soll sterben, so die bittere Moral
des Wirtschaftskrisenstücks, das im wahrsten Sinne des Wortes über viel Galgenhumor
verfügt.
"Er" (schön lyrisch: Alexander Kaimbacher) wird gehängt
und will leben. "Sie" (klarer Sopran: Gabriele Fontana) ist Witwe und möchte
sterben. Beide buddeln schließlich ihren Mann aus, hängen diesen an den Galgen, singen
noch schnell ein Liebesduett und verschwinden ins Bett. Eine Katze kommentiert:
"Miau!"
Nach der Pause folgte Ernst Tochs "Egon und Emilie. Kein
Familiendrama". Es ist ein wunderbares Stück über den Kampf zwischen den
Geschlechtern und spottet zugleich auf die große Oper. Emilie (auf höchstem Niveau
hysterisch: Christine Whittlesey) möchte sich ausleben, eine dramatische Oper schaffen.
Egon aber bleibt stumm und Emilie durchlebt ein Wechselbad der Gefühle, das von Glück
über Tränen bis zu Wutausbrüchen geht und ihr einen dramatischen Abgang beschert. Erst
da bricht Egon sein Schweigen: "Ich will meine Ruhe . . . keine Oper."
Skurriler Sketch
Zum Schluss noch Paul Hindemiths skurriler Sketch mit Musik
"Hin und Zurück", eigentlich eine komplette Oper im Zeitraffer. Eine kleine
Ehekrise (hervorragend als Ehemann: Dietmar Kerschbaum) eskaliert bis zum Mord.
Schließlich läuft das ganze Stück noch einmal rückwärts ab, musikalisch geprägt von
Hindemiths Erfahrungen im Bereich der Filmmusik und der Möglichkeit des
"Zurückspulens" eines Tonstreifens. Pathetische Musik und groteske Handlung
sind Garant für gute Unterhaltung.
Vier unterhaltsame und liebevoll komponierte Musiktheaterwerke des
20. Jahrhunderts.
Mittwoch, 12. Oktober 2005 |