über die Schachnovelle

Der Film

Der 60. Todestag von Stefan Zweig im Februar 2002 wurde zum Anlaß genommen, um sich wieder öfter mit seiner »Schachnovelle« zu beschäftigen. Natürlich wurde auch der bekannte Film - mit Curd Jürgens als Dr. B., und Mario Adorf als Schachweltmeister Czentovic - überall in den Fernsehprogrammen wiederholt.

Die Filmszene mit dem gekachelten Fußboden bleibt dem Zuseher dauerhaft in Erinnerung.

Besonders »schachgerecht« und eindrucksvoll ist aber auch eine Szene zu Beginn, wo der Gestapo-Offizier eine Schockwirkung erzielen möchte, indem er, den Blick abgewendet, alle Einvernommenen wegschickt - nur um dann jedoch Dr. B. zu sagen, daß dies für ihn nicht gilt und er bleiben muß. Er dreht sich um in dem Glauben, Dr. B. auf dem Weg zur Tür damit aufgehalten zu haben. Aber dieser steht noch direkt hinter ihm, hat sich nicht vom Fleck gerührt. Er hat - wie ein guter Schachspieler - diesen Zug vorausgesehen...

Weil ich diesen Film schon lange kenne, hatte ich das Buch bis vor kurzem noch garnicht gelesen - und habe es jetzt rasch nachgeholt (es hat weniger als 100 Seiten). Beim Lesen habe ich dann entdeckt, daß obige Szenen nur im Film vorkommen. Meines Erachtens sind das sehr gelungene Ideen in Anbetracht dessen, daß sich der Film viel mehr als das Buch auf die Figur des Dr. B. konzentriert.

Seltsame Rezensionen

Beim Streifzug durch das Internet stieß ich auf mehrere der zahlreichen Rezensionen und Vergleiche zwischen Buch und Film, und habe einige Textpassagen daraus aufbewahrt. Eine davon schließt mit folgendem Satz:

»Während die Wiege des normalen Menschenbewußtseins der Überlebensvorteil durch Repräsentation der Außenwelt in einer Innenwelt war, beurteilt Zweig die Chancen einer ad hoc forcierten Steigerung dieses Normalbewußtseins zu einem Hyperbewußtsein negativ.«

Ich muß das zwei, dreimal lesen bis ich überhaupt die Grammatik dieser Wortblase entschlüsseln kann. Das klingt wie aus einer Parodie auf eine hyperintellektuelle Rezension (vielleicht war's exklusiv für ein Professorenpublikum gedacht; ich weiß es nicht).

Aus Schachspielersicht entdeckt man im Buch Übertreibungen, die in der Realität so nicht vorkommen. Zum Beispiel ist nicht denkbar, daß ein so starker Spieler wie Czentovic nicht mindestens eine einzige Blindpartie zustande bringt (ich glaube, praktisch jeder geübte Spieler, der regelmäßig ernste Partien spielt, kann das). Aber derartige Kritik hat natürlich nichts mit dem literarischen Gehalt des Werks zu tun.

Im Zusammenhang mit Computerschach sind mir folgende Sätze aufgefallen (über Dr. B.): »Es war offenbar, daß er hundertmal schneller kombinierte als Czentovic« und »Jedesmal hatte es den Anschein, als hätte er den Zug des Gegners schon im voraus erwartet.«

Dr. B. hatte Permanent Brain!

(Diese Parallele hat der oben kritisierte Rezensent immerhin auch erkannt.)

Aber Spaß beiseite: Es ist erstaunlich, welchen unterschiedlichen Tiefgang die Betrachtungen verschiedener Leute über die Schachnovelle haben können. Besonders interessant fand ich folgende Feststellung:

»Im Gegensatz zu Czentovic erhält Dr. B. in einem vertraulichen Gespräch mit dem Erzähler die Möglichkeit, seine Lebensgeschichte aus seiner Sicht zu erzählen.«

Diese Bemerkung berührt einen Kernpunkt: Ist es ist möglich, daß viele Leser Stefan Zweig in eine Falle gegangen sind? Ich will Zweig nicht überinterpretieren, aber es ist doch so: Von Czentovic erhalten wir nur Meinungen aus dritter Hand - eine Verkettung von Hörensagen. Der Erzähler selber wird erst bei Antritt der Schiffsreise von einem Bekannten informiert, der ihm mitteilt, was Zeitungen und Zeitschriften so alles geschrieben haben... der Tenor ist: Czentovic kann gut Schachspielen, und ist im übrigen unsympathisch und ungebildet. - Vielleicht haben Sie derartige Inhaltsangaben von Ihrem Deutsch-Professor in Erinnerung (sinngemäß, Dr. B. der gebildete Feingeist, Czentovic eine Art Idiot).

Genau so lesen sich dann auch Beschreibungen der Figur Czentovic in Rezensionen der Schachnovelle. Das ist bemerkenswert - die Vorurteile werden meist unkritisch übernommen, so wie Zweig sie darbietet.

Dabei gibt der Handlungsverlauf selbst keinen besonderen Anlaß dazu: C. verhält sich zwar nicht sonderlich sympathisch. - Aber außer, daß er für Geld spielt, für einen Profi nichts ungewöhnliches, und einer kleinen Verlegenheitsbemerkung als er überraschenderweise nicht gewinnen kann, gibt es keinen Anlaß die Figur so zu charakterisieren. Der Leser unterliegt also hier dem Risiko, die vorgefaßte Meinung des Ich-Erzählers zu übernehmen, und in diese Falle tappen viele hinein.

Die falsche Schablone

Ein weiteres Muster bei Besprechungen der Schachnovelle ist naheliegenderweise die Bezugnahme auf den Kontrast zwischen den beiden Kontrahenten. Zweig tut - scheinbar - alles, um diese beiden als gegensätzlich vorzuführen. Ich vermute hingegen, daß er möglicherweise - ich bin mir fast sicher - auch hier einen Trick angewandt hat. Wesentlich sind nämlich nicht die Unterschiede, sondern die Parallelen zwischen den beiden:

1. Beide stehen in einer vorteilhaften Beziehung zur Kirche, wenn auch auf sehr unterschiedliche Weise: Dr. B. verdient am Verwalten kirchlichen Vermögens, C. wird von einem Pfarrer gefördert und mit Schach in Berührung gebracht. Zweig hat das nicht zufällig so gewählt, es hätte ja genau so gut ein Bauer, Wirt oder was immer sein können - das ist eine bewußt gewählte Parallele.

2. Beiden geht es um Geld: C. wird - vordergründig - in ein schlechtes Licht gerückt, weil er »nur um Geld spielt«. Bei der Gestapohaft von Dr. B. geht es ebenfalls, wie Zweig deutlich herausstellt, nur um Vermögen, das heißt in diesem speziellen Fall nicht direkt um Leib und Leben von Personen. Beide messen dem Geld oder Vermögen einen (zu) hohen Wert bei - wenn es auch im Fall B.'s nicht das eigene ist.

3. Die dritte - und offensichtliche - Parallele liegt natürlich im Schachspiel: Beide retten sich mithilfe des Schachs aus einer aussichtslos scheinenden Situation. Aber während für Dr. B. das Spiel zu einem Alptraum wird, fährt Czentovic auf dem Dampfer »zu neuen Triumphen nach Argentinien«.

© Michael Scheidl 2002


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Die Schachnovelle im Film (IMDB)


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