4. Kapitel

Machtwechsel


4a. Software – nur Mittelklasse?

Schachprogramme für die diversen Homecomputer erschienen meist bald nach Einführung des jeweiligen Modells. Dies war auch ab Mitte der achtziger Jahre der Fall, als erstmals 16 Bit-Homecomputer wie z.B. der Commodore Amiga mit großem Erfolg auf den Markt kamen. PC's waren zu dieser Zeit noch Hochpreis-Produkte für den Einsatz in den Büros finanzstarker Unternehmen, und von Grafik oder Sound war bei diesen Buchhaltungsrechnern noch keine Rede.

Mit Schachsoftware war damals eine Mittelklasseleistung, bezogen auf den damaligen Stand bei den Brettschachcomputern, zu erzielen. Das bewies unter anderem Sargon III (23) auf einem Amiga 500 (68000er auf 7 MHz) mit folgender Turnierpartie:


Sargon III/Amiga500 - Turbo 16K, Wien 1991
Königsspringergambit/C36
 1.  e2-e4    e7-e5
 2.  f2-f4    e5xf4
 3. Sg1-f3    d7-d5   
 4.  e4xd5   Sg8-f6
 5. Lf1-b5+   c7-c6
 6.  d5xc6   Sb8xc6   
 7.  d2-d4   Lf8-d6
 8.   O-O      O-O
 9. Sb1-d2   Lc8-g4
10. Sd2-c4   Ld6-c7
11. Lb5xc6    b7xc6
12. Dd1-d3
beiderseitiges Bibliotheksende
12...        Sf6-d5   
13. Sf3-e5   Sd5-b4
14. Dd3-d2   Lg4-e6
15. Tf1-f2   Sb4xa2   
16. Se5xc6   Dd8-e8
17.  d4-d5   Sa2xc1
18. Ta1xc1   De8-d7   
19. Tc1-d1
Diagramm
19...        Le6-g4
Nicht gut. Dame und Läufer werden aufgegabelt, Weiß gewinnt
einen Bauern und geht in ein vorteilhaftes Endspiel über.
20. Sc4-e5   Lc7xe5
(20...Dxc8?? 21.Se7+ Kh8 22.Sxc8)
21. Sc6xe5   Dd7-c8   
22. Se5xg4   Dc8xg4
23. Tf2xf4   Dg4-h5
24. Tf4-d4   Ta8-b8   
25.  c2-c4   Tf8-e8
26.  d5-d6   Te8-e2
27.  d6-d7   Tb8-d8
Auf 27...Txd2?? folgt ein Grundlinienmatt.   
28. Td1-e1   Te2xe1+?
28...Te6 verliert langsamer.
29. Dd2xe1   Dh5-c5
30. De1-e8+  Dc5-f8   
31. Td4-e4!  Td8xd7
32. De8xd7   Df8-c5+
33. Dd7-d4   Dc5xd4+  
34. Te4xd4   Kg8-f8
35.  c4-c5   
1-0

Ein anderer 16 Bit-Computer, der Atari ST, diente – mit seinem hochauflösenden Monitor – ab 1985 als Hardwarebasis für eine neuartige Schachdatenbank. Davon wird später noch die Rede sein; bei den Schachspiel-Programmen (24) wurde Spitzenleistung bis zur Einführung der 486er-CPU noch ausschließlich von Brettcomputern geboten.


4b. Der PC boomt

Es begann bei der Mikro-WM 1990 in Lyon: Der alljährliche Sieg des Mephisto/Lang-Programmes wurde durch ein PC-Programm gefährdet, das auf einem 486er-PC mit 33 MHz lief: Das französische Programm Echecs 1.9 wurde mit nur einem Punkt Rückstand Zweiter. In der direkten Begegnung mit Mephisto Lyon remisierte es in einer Gewinnstellung (infolge eines hohen Remisfaktors (25)).

Nach diesem Warnschuß folgten die Siege der Chessmachine, wie bereits berichtet. Bei der 11. Mikro-WM erreichte M-Chess von Marty Hirsch (USA), das im Unterschied zum Sieger Gideon eine reine PC-Software war, auf 486/33 den zweiten Platz.

Der allgemeine PC-Boom setzte voll ein, und in München 1993 waren bereits die ersten Pentium-Rechner am Start. Hiarcs gewann die Softwaregruppe mit 7,5 aus 9. "Absoluter Weltmeister" wurde allerdings noch einmal Mephisto, der ebenfalls mit PC-Hardware (in einem Brett!) in der Herstellergruppe gesiegt hatte und den Stichkampf gegen Hiarcs gewinnen konnte.Frans Morsch

Ein ungeahnter Sensationserfolg kam aber 1994 zustande. Frans Morsch's Fritz 3 nahm (als einziger Computer), auf einem Pentium/90 MHz, an einem Weltklasse-Blitzturnier teil. Die menschliche Konkurrenz bestand aus Kasparov, Anand, Short, Kramnik, Hübner usw., der Elo-Schnitt lag bei 2625 Elo-Punkten. Fritz 3 verlor zwei Partien, remisierte fünf und... gewann zehn Partien! Das war der Turniersieg vor dem punktgleichen Garry Kasparov (der allerdings den anschließenden Stichkampf gewann).

Liebe Leser, halten Sie sich das in einer ruhigen Minute nochmals vor Augen: Mit einem handelsüblichen Pentium-PC und einem aktuellen Top-Schachprogramm steht Ihnen ein System zur Verfügung, das die Schach-Weltelite im Blitzschach vom Brett fegt...


4c. Triumph der Materie?

Der nächste Akt in diesem Match folgte noch im selben Jahr in London. Es wurden Wettkämpfe zu je zwei 25 Minuten-Partien gespielt. Garry Kasparov verlor in der ersten Runde gegen Chess Genius mit ½ : 1½ – der Computer warf den Weltmeister aus dem Bewerb! Die denkwürdige erste Partie verlief wie folgt:

Garry Kasparov - Genius 3.0/Pentium, London 1994
Slawisch/angen. Damengambit (25 Min.-Schnellpartie)
 1.  c2-c4    c7-c6
 2.  d2-d4    d7-d5
 3. Sg1-f3   Sg8-f6   
 4. Dd1-c2    d5xc4
 5. Dc2xc4   Lc8-f5
 6. Sb1-c3   Sb8-d7   
 7.  g2-g3    e7-e6
 8. Lf1-g2   Lf8-e7
 9.   O-O      O-O    
10.  e2-e3   Sf6-e4
11. Dc4-e2   Dd8-b6
12. Tf1-d1   Ta8-d8   
13. Sf3-e1   Sd7-f6
14. Sc3xe4   Sf6xe4
15.  f2-f3   Se4-d6   
16.  a2-a4   Db6-b3
17.  e3-e4   Lf5-g6
18. Td1-d3   Db3-b4   
19.  b2-b3   Sd6-c8!
Öffnet zwei wichtige Wirkungslinien (von Turm und Läufer).
20. Se1-c2   Db4-b6
21. Lc1-f4    c6-c5!   
22. Lf4-e3    c5xd4
23. Sc2xd4   Le7-c5
24. Ta1-d1    e6-e5   
25. Sd4-c2   Td8xd3
26. De2xd3   Sc8-e7
27.  b3-b4   Lc5xe3+  
28. Dd3xe3   Tf8-d8
29. Td1xd8+  Db6xd8
30. Lg2-f1    b7-b6   
31. De3-c3    f7-f6
32. Lf1-c4+  Lg6-f7
33. Sc2-e3   Dd8-d4   
34. Lc4xf7+  Kg8xf7
35. Dc3-b3+  Kf7-f8
36. Kg1-g2   Dd4-d2+  
37. Kg2-h3   Dd2-e2
38. Se3-g2    h7-h5
Droht g7-g5-g4.
39. Db3-e3   De2-c4   
40. De3-d2   Dc4-e6+
41.  g3-g4    h5xg4+
42.  f3xg4   De6-c4   
43. Dd2-e1   Dc4-b3+
44. Sg2-e3   Db3-d3
Schwarz entschließt sich, statt des
Bauern a4 den Bauer e4 zu verspeisen.
45. Kh3-g3   Dd3xe4   
46. De1-d2   De4-f4+
47. Kg3-g2   Df4-d4
48. Dd2xd4
(48.De1 a5 49.ba ba 50.h4 Dxa4)   
48...         e5xd4
49. Se3-c4   Se7-c6
50.  b4-b5   Sc6-e5
51. Sc4-d6    d4-d3   
52. Kg2-f2   Se5xg4+
53. Kf2-e1   Sg4xh2
54. Ke1-d2   Sh2-f3+  
55. Kd2xd3   Kf8-e7
56. Sd6-f5+  Ke7-f7
57. Kd3-e4   Sf3-d2+  
58. Ke4-d5    g7-g5
59. Sf5-d6+  Kf7-g6
60. Kd5-d4   Sd2-b3+  
Kasparov gab auf.

Ein Jahr später triumphierte Fritz bei der 8. Computer-WM (26) in Hongkong über Deep Blue, Software-Konkurrenten und einige Multiprozessor-Rechenmonster. Das Erfolgspotential des PC-Schachs schien keine Grenzen zu kennen. Mikro-Weltmeister 1995 wurde M-Chess Pro 5.0 nach Stichkampf mit Genius.

Doch die Fangemeinde wurde bald auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt: Kasparov gewann in London 2 Partien gegen Fritz 4 (Pentium 150, Schnellschach) und Nigel Short besorgte dasselbe gegen M-Chess Pro 5.0.

Der vielbeachtete erste Wettkampf zwischen Garry Kasparov und Deep Blue endete, nach einer spektakulären Niederlage des Weltmeisters in der ersten Partie, am 17. Februar 1996 mit 4:2 für die Menschheit. Für fünfzehn Monate war die Welt wieder in Ordnung.


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