5. Kapitel

Deep Blue

Der vielzitierte Konflikt Mensch gegen Maschine (27) erreichte mit den Wettkämpfen zwischen dem Schachweltmeister Garry Kasparov und der Schachmaschine Deep Blue den bisherigen Höhepunkt. Was viele Experten nicht vor der Jahrtausendwende für möglich gehalten hatten, wurde Wirklichkeit: Ein Computer besiegte den Weltmeister in einem Wettkampf über mehrere, bei Turnierbedenkzeit ausgetragene Partien. Wie kam es dazu?


5a. ChipTest

Feng-Hsiung HsuAm Anfang stand der Plan, einen Hardware-Zuggenerator in Form eines hochintegrierten Mikrochips zu bauen. Feng-Hsiung Hsu verwirklichte seine Idee an der Carnegie-Mellon-Universität, Pittsburgh. Unter Nutzung dieses VLSI-Bausteins erreichte ChipTest eine Knotenleistung von 50.000 Stellungen pro Sekunde. Bei der US-Computerschach-Meisterschaft (28) erzielte man 1986 zunächst einen unauffälligen Mittelplatz.

Die Software wurde mit speziellen Suchbaumerweiterungen, sogenannten "Singular Extensions" (ähnlich der herkömmlichen Ruhesuche) verstärkt. Mit weiteren Verbesserungen erreichte man bereits 500.000 Stellungen pro Sekunde. Damit gewann man das ACM-Turnier 1987.


5b. Deep Thought

Die Neuauflage der Maschine erhielt diesen neuen, aus der Science Fiction-Literatur stammenden Namen. In Edmonton 1989 wurde Deep Thought, u.a. mit Siegen gegen die starken Konkurrenten Cray Blitz und Hitech, Computerweltmeister. Die Entwickler-Mannschaft um Hsu und Murray Campbell (bei wechselnden weiteren Beteiligten) setzte ihre Tätigkeit im Forschungsinstitut von IBM in Yorktown Heights fort. Man begann, zahlreiche Spezialchips parallel zu schalten – damit wurden Knotenleistungen in Millionenhöhe erreicht. Doch es vergingen noch mehrere Jahre, bis wieder eine Sternstunde des Computerschachs schlug.


5c. Deep Blue

Ende 1995 hatte man einen neuen Chip für Deep Blue – so hieß jetzt das Projekt – entwickelt, der Stellungserzeugung und -bewertung vereinigte.

Für den 1996er-Wettkampf gegen Kasparov wurden 200 davon in einen Parallelrechner von IBM (29) eingesetzt, der auch einen Teil der Baumsuche besorgte. Die Knotenleistung lag nunmehr bei gigantischen 100 Millionen Stellungen pro Sekunde (im Schnitt).

Am 10. Februar 1996 verlor zum ersten Mal der amtierende Schachweltmeister eine reguläre Turnierpartie gegen einen Computer:

Deep Blue - Garry Kasparov, Philadelphia 1996
Sizilianisch/B22
 1.  e2-e4    c7-c5
 2.  c2-c3    d7-d5
 3.  e4xd5   Dd8xd5   
 4.  d2-d4   Sg8-f6
 5. Sg1-f3   Lc8-g4
 6. Lf1-e2    e7-e6   
 7.  h2-h3   Lg4-h5
 8.   O-O    Sb8-c6
 9. Lc1-e3    c5xd4   
10.  c3xd4   Lf8-b4
11.  a2-a3   Lb4-a5
12. Sb1-c3   Dd5-d6   
13. Sc3-b5   Dd6-e7
14. Sf3-e5   Lh5xe2
15. Dd1xe2     O-O    
16. Ta1-c1   Ta8-c8
17. Le3-g5   La5-b6
18. Lg5xf6    g7xf6   
19. Se5-c4   Tf8-d8
(19...Sxd4? 20.Sxd4 Lxd4 21.Dg4+ Kh8 22.Dxd4)
20. Sc4xb6    a7xb6
21. Tf1-d1    f6-f5   
22. De2-e3   De7-f6
23.  d4-d5!
Nützt die Schwäche des Bb6 aus.
23...        Td8xd5
(23...ed 24.Dxb6 Dxb2 25.Dxb7 Tb8
26.Dxc6 Txb5 27.Tc3 f4 28.Tcd3 +-)
24. Td1xd5    e6xd5   
25.  b2-b3   Kg8-h8
26. De3xb6   Tc8-g8
27. Db6-c5    d5-d4
(besser 27...Dg5 28.g3 Dd2 +=)
28. Sb5-d6    f5-f4
29. Sd6xb7   Sc6-e5
30. Dc5-d5    f4-f3   
31.  g2-g3   Se5-d3
32. Tc1-c7   Tg8-e8
(32...Sf4 33.Dxf3 Sxh3+ 34.Kg2 Dxf3+ 35.Kxf3 Kg7
36.Td7 +- Variante von Fritz4/P133 bei 1:00 pro Zug)
33. Sb7-d6   Te8-e1+  
34. Kg1-h2   Sd3xf2
35. Sd6xf7+  Kh8-g7
36. Sf7-g5+  Kg7-h6   
37. Tc7xh7+  
Der Weltmeister mußte wegen 37...Kg6
38.Dg8+ Kf5 39.Sxf3 aufgeben.

Die Welt war in Aufruhr, doch der Weltmeister stellte seine Fähigkeiten unter Beweis und holte in den restlichen fünf Partien vier Punkte.


5d. Wem die Stunde schlägt

Im Mai 1997 fand der Rückkampf statt. Deep Blue war unter Mitarbeit von Großmeistern positionell verfeinert worden. Der Host-Rechner lief mit verdoppelter Taktfrequenz; die Maschine schaffte 200 Millionen Positionen pro Sekunde.

Die erste Partie gewann der Mensch: Er entschärfte das aktive, gefährliche Spiel der Maschine mit einem Qualitätsopfer, wonach Deep Blue die Möglichkeiten des Weltmeisters unterschätzte und den Damentausch zuließ. Kasparov siegte daraufhin dank starker verbundener Freibauern.

Match Kasparov - Deep BlueAm nächsten Tag kam es zu einer unglücklichen Situation für Kasparov, der die zweite Partie – unter dem Eindruck des starken Spiels der Maschine – voreilig aufgab und dabei ein Dauerschach übersah. Somit hatte er einen halben Punkt verschenkt; dies sollte vorentscheidend sein. Es folgten drei Remisen.

Damit entschied die sechste und letzte Partie über den Ausgang des ganzen Wettkampfes. Leider hatte Kasparov einen schlechten Tag; er war nach eigenen Angaben ausgelaugt und hatte ein Stimmungstief... In einer Variante der Caro-Kann-Verteidigung griff er daneben, als er der Maschine erlaubte, mit einem Figurenopfer komplizierte kombinative Pfade zu beschreiten. Nach diesem Schock setzte er auch nicht optimal fort und gab bald auf.

Deep Blue gewann dadurch am Sonntag, den 11. Mai 1997 den Wettkampf gegen den Schachweltmeister mit 3½ : 2½. Das Medienecho war – für ein Schachthema – enorm.

Die Bedeutung des Ereignisses als Meilenstein in der Geschichte der menschlichen Erfindungen, ja der Zivilisation überhaupt, wurde allerdings kaum wahrgenommen. Als Neil Armstrong 28 Jahre zuvor den Mond betrat, war das ein für jedermann verständliches Geschehen. Ohne zumindest ein wenig Ahnung von Schach und Computerschach ist das bei dem geschilderten Zweikampf nicht mehr so leicht.

Bei nüchterner Betrachtung muß man aber auch sehen, daß Deep Blue "nur" einen schlecht vorbereiteten, teilweise in Unform befindlichen Kasparov besiegte. Das Duell Mensch gegen Maschine ist noch nicht entschieden.


nächstes Kapitel: Wissen ist Matt