6. Kapitel

Wissen ist Matt

Dieser Werbeslogan der Hamburger Firma ChessBase paßt als Motto zu einer Reihe von Computerschach-Anwendungen abseits des direkten Partiespiels.


6a. Eröffnen wie ein Meister

Die Theorie der Schacheröffnungen nimmt von allen Sparten der Schachliteratur den größten Raum ein. Wer bei Turnieren oder Vereinsmeisterschaften erfolgreich sein will, muß auf diesem Gebiet Bescheid wissen. Viele Feinheiten am Beginn einer Partie sind nicht so einfach berechenbar – die Qualität mancher Züge wird oft erst durch intensive Experten-Analysen und jahrelange Meisterpraxis deutlich.

So war es eigentlich naheliegend, den Schachprogrammen ein "Buchwissen" über Eröffnungen mitzugeben. Die Größe solcher Eröffnungsbibliotheken wuchs, von einigen hundert, bald auf Größenordnungen von 100.000 Zügen und mehr an. Die Benutzung des Buches ist bei guten Programmen einstellbar, z.B. hinsichtlich Variationsreichtum, Tiefe oder Stil. Für die volle Spielstärke kann meist eine sogenannte "Turnierbibliothek" eingestellt werden, welche idealerweise auf die Spielweise des Programmes abgestimmt (30) sein sollte. So kann es ohne weiteres vorkommen, daß mehr als 20 Züge aus der Bibliothek abgespult werden, bevor das Programm zu rechnen beginnt.

Bald erkannte man die eigenständige Rolle, welche diese Daten zu Trainingszwecken spielen konnten. Eigene Funktionen für das Eröffnungstraining, Anzeige des Namens der jeweiligen Variante oder bequeme Auswahl des Theoriezuges durch Anklicken aus einer Liste sind nur einige Beispiele. Buch-Erweiterungen mit Millionen von Zügen machen manches Top-Programm zum Eröffnungsguru von Großmeisterformat.

Ein neuer Trend ist, dem Benutzer selbst die Erstellung von Eröffnungsbüchern zu ermöglichen. Üblicherweise geschieht das auf der Grundlage von großen Partien-Datenbanken. Schon länger gibt es Buch-Editoren, mit denen bestehende Bibliotheken erweitert oder die "Priorität" (31) bzw. Ausspielhäufigkeit der Züge verändert werden kann.


6b. Perfektion ist Tatsache

Diese Feststellung gilt nur für einen Teilbereich des Computerschachs: Endspielstellungen mit bis zu fünf Steinen (inklusive der beiden Könige und mit maximal einem Bauern). Ken Thompson, bekannt von Belle, fand eine geniale Methode zur vollständigen Analyse solcher Endspiele. Die erforderliche Rechenleistung stand ihm auch zur Verfügung, und so entstanden nach und nach Datenbanken (32) für alle derartigen Positionen. Auf insgesamt vier CD-ROMs stehen diese zur Verfügung.

Diese Endspieldatenbanken beinhalten für jede Position die vollständige Information über alle möglichen Fortsetzungszüge: Ob es Gewinnzüge gibt (und wenn ja, in wieviel Zügen der Gewinn erzwungen werden kann) bzw. umgekehrt, oder nach welchen Zügen die Position remis ist... mit einem Wort: Perfektes Spiel für beide Seiten.

So kam man beispielsweise auch dahinter, daß zwei Läufer gegen einen Springer immer gewinnen können. Nachgewiesene langzügige (>50 Züge) Gewinnführungen stehen im Widerspruch zur 50 Züge-Remisregel. Es wurden zahlreiche Ungenauigkeiten (33) in der bestehenden Endspielliteratur aufgedeckt.

Die Verwendung dieser Analysedaten geschieht mit geeigneten Zugriffsprogrammen bzw. -funktionen, die auch in allgemeinen Schachdatenbanken eingebaut sind (ChessBase, TascBase). Ideal für ein Schachprogramm ist es, wenn die Information in dynamischer Weise in den Suchprozess einbezogen werden kann, d.h., schon vor Erreichen der entsprechenden Konstellation wirksam ist. So können unter Umständen höchst feinsinnige Endspielübergänge gefunden werden (etwas weniger perfekt ist es, wenn lediglich ein "Umschalten" zur Endspieldatenbank erfolgt; hier kann dem Programm zuvor schon einmal eine Fehleinschätzung passieren).


6c. Alle Partien der Welt

Ein weiterer wichtiger Teil des modernen Computerschachs besteht in den bereits mehrfach erwähnten Schachdatenbanken. Es handelt sich dabei um weit mehr als nur um Partiensammlungen. Die Information über eine Partie ist vielfältig, neben den Zügen selbst sind die Namen der Spieler, Ort und Zeit, der Eröffnungscode usw. gespeichert. Nebenvarianten (oft in mehreren verschachtelten Ebenen) und Textkommentare können in die Partie aufgenommen werden. Sowohl historische Partien aus längst vergangenen Tagen als auch topaktuelle Meisterpartien werden erfaßt und publiziert.

Wozu das alles? Diese immensen Datenmassen dienen der gezielten Vorbereitung auf einen Gegenspieler (Eröffnungsrepertoire, Stärken und Schwächen etc.), tragen zur Verfeinerung und Erweiterung der Schachtheorie bei oder bieten dem Lernenden Trainingsmaterial aus Mittel- und Endspiel, um nur einige Beispiele zu nennen.

Die gewünschten Partien können mit Hilfe ausgefeilter Suchfunktionen ausgewählt werden. Diese suchen nicht nur nach Spielern oder Eröffnungen; es können auch Materialverteilungen oder Figurenmanöver als Suchfilter eingegeben werden. Die Ausstattung der diversen Programme ist natürlich unterschiedlich.

Das Computerschach ist so vielseitig geworden, daß diese Aufzählung nur unvollständig bleiben kann. Weitere Themen wären Schach-Lernsoftware, Programme zur Turnierabwicklung, Schach-Shareware und so weiter...


es folgen: Anhang sowie Anmerkungen