1 Allgemeines
Die Auswanderung der Burgenländer nach Amerika ist eine geschichtliche
Epoche, die etwa um 1850 begonnen hat, in den Jahren vor dem 1.Weltkrieg
ihren Höhenpunkt erreicht hat und schließlich Anfang der Sechziger
Jahre des letzten Jahrhunderts ihr Ende als Massenbewegung gefunden hat.
Insgesamt haben in diesen 100 Jahren, die dieser Abschnitt gedauert hat,
mehr als 50.000 Menschen für immer ihre Heimat verlassen. Zusätzlich
hat es noch viele Tausende Auswanderer gegeben, die nach Jahren des Aufenthaltes
in Übersee wieder in die alte Heimat rückgewandert sind und sich
mit dem Ersparten eine neue Existenz aufgebaut haben.
2 Zeitliche Abschnitte der Auswanderung
Die Epoche der Auswanderung läßt sich grob in die Abschnitte
- Vorkriegswanderung (mit den Teilabschnitten Pionierzeit, Old Immigration
und New Immigration)
- Zwischenkriegswanderung
- Nachkriegswanderung
einteilen.
2.1 Die Vorkriegswanderung
Die Vorkriegswanderung setzt mit der Zeit um 1850 ein, als einzelne
Personen ihre Heimat verlassen und noch als echte Pioniere in der
Neuen Welt ihr Glück versuchen. Diese Epoche dauert etwa bis zum Jahr
1875. Dann entwickelt sich die Auswanderung schön langsam zu einer
Massenerscheinung.
Die nördlichen Landesteile werden in der Zeit gegen 1880 von dieser
Bewegung erfaßt, die von Innerungarn auf die westlichen Landesteile,
eben das Gebiert des heutigen Burgenlandes übergreift. Fünf Jahre
(1885) später wird das Mittelburgenland und wiederum fünf Jahre
(1890) später der Landessüden von diesem Phänomen erfaßt.
Die Auswanderer, die in der Zeit zwischen 1875 und 1890 ihr Land verlassen,
besiedeln in den USA vorallem die riesigen Indianerterritorien des Mittleren
Westens. Sie arbeiten im gleichen Beruf wie in der alten Heimat, in der
Landwirtschaft. Diese Zeit wird auch als Siedlungswanderung oder
auch Old Immigration bezeichnet.
Grundsätzlich anders ist die Auswanderungsbewegung, die ab 1890
einsetzt. Diese Auswanderer zieht es vorallem die neu entstandenen Industriegebieten
des Ostens. Ziel ist nun nicht mehr der Mittlere Westen sondern Städte
wie Chicago, New York oder der Bundesstaat Pennsylvania. Diese Menschen
sind nun nicht mehr in der Landwirtschaft tätig, sondern werden Industriearbeiter,
eine Entwicklung, die im Burgenland erst Generationen später einsetzt.
Dieser Zeit wird auch Industriewanderung oder New Immigration
genannt.
Diese Epoche wird jäh durch den 1.Weltkrieg unterbrochen. Als
in Europa 1914 die ersten Kämpfe ausbrechen, haben bis zu diesem Zeitpunkt
insgesamt über 25.000 Burgenländer dauerhaft ihre Heimat verlassen.
2.2 Zwischenkriegswanderung
Nach dem Ende des 1.Weltkrieges schnellen die Zahlen der Auswanderer
wieder rasch in die Höhe und erreichen im Jahr 1923 mit mehr als 6.000
Auswanderern ein historisches Maximum. Die Krise der Weltwirtschaft und
immer strengere Einreisebestimmungen der USA führen ab Mitte der Zwanziger
Jahre zu einem langsamen Versiegen der Auswandererströme. Insgesamt
verlassen in dieser Zeit mehr als 20.000 Burgenländer dauerhaft ihre
Heimat.
2.3 Nachkriegswanderung
In der Epoche der Nachkriegswanderung verlassen nochmals etwa 6.000
Personen ihre Heimat. Bevorzugtes Ziel sind nun nicht mehr die USA sondern
vorallem Kanada und teilweise Südamerika.
Berücksichtigt man, daß die vorher genannten Zahlen absolute
Mindestzahlen sind und in Amerika teilweise bereits die Generation der
Enkel- oder Urenkel lebt, dann kommt man auf eine Zahl von 150.000 bis
200.000 Menschen, die entweder als Auswanderer oder als deren Nachkommen,
eine Beziehung zu unserem Bundesland haben.
3 Gründe für die Auswanderung
Die Ursachen für die Auswanderung sind vielfältig. Sie konnte
sich aber nur deswegen zu einem Massenphänomen entwickeln, weil einerseits
im Burgenland ein Druck zur Auswanderung herrschte und andererseits vom
Zielland ein Sog ausging, der zusätzlich diese Entwicklung förderte.
Folgende Faktoren bestimmen diese Entwicklung:
- Überbevölkerung
- Probleme in der Landwirtschaft
- Wanderbereitschaft der Burgenländer
- Arbeitskräftebedarf der amerikanischen Wirtschaft
- Erfolgsnachrichten aus Übersee
- Verbesserte Verkehrbedinungen
- Persönliche Motive
3.1 Überbevölkerung
Aus heutiger Sicht mag es ungewöhnlich klingen, daß damals
eine Überbevölkerung im Burgenland herrschte, aber damals befand
sich das Land gerade im Zustand des demographischen Überganges. Dies
ist jener Zustand der herrscht, wenn sich ein unterentwickelten Land (mit
hohen Geburtsraten und hohen Sterberaten) zu einem hochentwickelten Land
(mit niedrigen Geburtsraten und niedrigen Sterberaten) entwickelt. In diesem
Zustand nimmt die Sterberate aufgrund verbesserter ärztlicher Versorung
und anderer Rahmenbedingungen rasch ab, die Geburtenrate bleibt aber nach
wie vor hoch. Die Folge ist eine Überbevölkerung, die sich in
wenigen Jahrzehnten entwickelt. Wenn man sich die Bevölkerungstruktur
von verschiedenen Gemeinden des Burgenlandes ansieht, dann fällt auf,
daß sich die Einwohnerzahl zwischen 1800 und 1900 unverhältnis
stark gestiegen ist. Auch Riedlingsdorf hatte um 1900 die höchste
Einwohnerzahl. Die Auswanderung war daher das Ventil mit dem der Druck
der Überbevölkerung in den Dörfern abgebaut werden konnte.
3.2 Probleme in der Landwirtschaft
Das Burgenland war um 1900 noch ein reines Agrarland. Die landwirtschaftlichen
Betriebe waren aber Kleinst- und Zwergbetriebe ohne Kapitalausstattung.
Ein weiteres Übel, welches das Problem von Jahr zu Jahr verschärfte,
war die Erbteilung, die dazu führte, daß die Einheiten immer
kleiner wurden. Man erinnere sich an die Größe der Äcker
und Wiesen in Riedlingsdorf vor der Grundzusammenlegung. Die Betriebe konnten
daher ihre Bewohner oft nicht mehr ernähren.
In vielen Gemeinden des Burgenlandes (auch in Riedlingsdorf !) wurde
damals großflächig Wein angebaut. Diese Kulturen wurden aber
in den Neunziger Jahren des 19.Jahrhunderts durch eine Reblausplage vernichtet.
3.3 Wanderbereitschaft der Burgenländer
Die Mobilität der Burgenländer hat sich bis in unsere Tage
erhalten, wenn man an die vielen Tages- und Wochenpendler denkt, die ihre
Arbeitsstätten in anderen Bundesländern haben. Auch vor über
hundert Jahren hat es diese Bereitschaft schon gegeben, damals waren dies
hauptsächlich die Saisonarbeiter in der Landwirtschaft und Fuhrwerksleute,
die ihren Lebenunterhalt außerhalb ihrer Ortschaften verdienen mußten.
3.4 Arbeitskräftebedarf der amerikanischen Wirtschaft
Die Sogwirkung aus Übersee war vorallem der enorme Arbeitskräftebedarf
der amerikanischen Industrie, der durch die Industrialisierung der amerikanischen
Ostens die Auswanderungsbewegung zum Massenphänomen werden ließ.
3.5 Erfolgsnachrichten aus Übersee
Die Nachricht von den besseren Lebensbedingungen in Übersee und
von erfolgreichen Auswanderern regte natürlich die Phantasie der Menschen
in der alten Heimat an. Das Schlagwort vom 'reichen Onkel in Amerika' entstand.
3.6 Verbesserte Verkehrsbindungen
Hier sind vorallem die Eisenbahn und das Dampfschiff zu nennen. Die
Eisenbahn erleichterte die Fahrt zu den Ausreisehäfen, wie Bremen
oder Hamburg, und auch die Weiterreise in Übersee. Das Dampfschiff
führte zu einer wesentlichen Verkürzung der Überfahrtzeiten
und versprach auch mehr Sicherheit. Spektakuläre Katastrophen, wie
der Untergang der Titanic, blieben nur Randerscheinungen des großen
Auswandererstromes.
3.7 Persönliche Motive
Neben den oben genannten Gründen hat es in Einzelfällen auch
rein persönliche Motive gegeben, wie Flucht vor dem langen Militärdienst,
Flucht vor Alimentezahlungen oder das Nichteinhalten von Heiratsversprechen.
Keine Bedeutung haben hingegen politische oder religiöse Gründe
gehabt, wie dies in anderen Ländern immer wieder zu Auswanderung ganzer
Bevölkerungsgruppen geführt hat. |