Eine Kriegsfreundschaft / A friendship in the war
Die nachfolgenden Briefe sind historische Dokumente, die in einer Zeit geschrieben wurden, in der weder die furchtbaren Verbrechen des nationalsozialistischen Regimes noch die katastrophalen Folgen des Krieges für Europa abzusehen waren. Auch wurden sie von Personen geschrieben, die aufgrund Ihrer Stellung keinen Zugang zur gut geschützten Wahrheit hatten. 

Das ist die Geschichte der Freundschaft zwischen dem Riedlingsdorfer Adolf Kaipel und der Familie Hirschberg aus Bad Gandersheim in Niedersachsen. 
Adolf Kaipel war Soldat in der 44.Infanteriedivision, die im Spätherbst 1939 nach dem Ende des Polenfeldzuges nach Deutschland verlegt worden ist. Der Krieg ließ eine Freundschaft zwischen den Quartiergebern und dem Riedlingsdorfer Soldaten entstehen. Der grausame Krieg hat sie aber auch wieder erbarmungslos zerstört, denn Adolf Kaipel ist am 6.7.1942 in der Ukraine gefallen und einige Mitglieder der Familie sind während des Krieges als Folge der schlechten hygenischen Zustände an einer Lebensmittelvergiftung gestorben.

Vierzig Jahre nach Ende des 2.Weltkrieges hat sich aus dieser historischen Freundschaft eine Brieffreundschaft zwischen Walter Hirschberg, dem damaligen Freund von Adolf Kaipel, und mir, dem Verfasser dieser Seite, entwickelt. Ich konnte Herrn Walter Hirschberg eine große Freude bereiten, indem ich ihm die Originale der auf dieser Seite angeführten Briefe übermittelte. Es sind dies die einzigen persönlichen Erinnerungsstücke an seine Mutter, die im 2.Weltkrieg zusammen mit seinem kleinen Bruder verstorben ist. 

The following letters are historical documents, which were writen in a time, when whether the terrible crimes against humanity of the National Socialistic regime nor the horrible results of the War for Europe were measurable. They were also written from persons, whose position didn't enable them an access to the well protected truth. 

This is the story of the friendship between the Riedlingdorfer soldier Adolf Kaipel and the Hirschberg familiy from Bad Gandersheim/Niedersachsen.
Adolf Kaipel was soldier in the 44th infantry division. This division was transfer after the campaign against Poland to Germany in autumn 1939. A friedship between the people, who provide the quarters, and the Riedlingsdorfer soldier was created by the war. But also the same war destroyed this friendship merciless, because Adolf Kaipel was killed in the Ukraine in 1942 and some members of the Hirschberg family died by a food poisoning during the war as a result of the bad hygienic conditions.

Forthy years after World War II ends a pen-friendship between Walter Hirschberg, the friend of Adolf Kaipel, an me, the author of this site, has developed from the historical friedship. I was able to give a great pleasure to Mr.Hirschberg, because I sent him the originals of the letters, which his mother had written. This letters are the only remembrance to his mother, who died together with his brother in World War II. 


 

Adolf Kaipel (1915 - 1942)


 Adolf Kaipel und Herr Hirschberg (1939/40)
40 Jahre nach dem Ende des 2.Weltkrieges schrieb Walter Hirschberg, der Freund von Adolf Kaipel, einen Brief an dessen damalige Wohnadresse in Riedlingsdorf.

Brief von Walter Hirschberg vom 21.6.1984 an die Familie Kaipel

"Sehr geehrte Familie Kaipel,

beim Sichten und Ordnen älterer Papiere fiel mir ein Brief vom 23. Mai 1943, der damals an die Familie Hirschberg in Bad Gandersheim, Auf dem Salzberg 2, gerichtet war und den ich in Kopie beilege, weil Sie sicherlich aus der Handschrift ersehen können, wer ihn damals geschrieben hatte.

Ihr Adolf Kaipel war 1939-1940 bei uns als Soldat des Hoch- und Deutschmeisterregimentes im Quartier. Ich war damals 14 Jahre alt, ein Alter, in dem Jungen zu allen Zeiten und in allen Ländern wohl ein besonders aufgeschlossenes Verhältnis zu Soldaten haben. Mit Ihrem Adolf habe ich mich jedenfalls prächtig verstanden. Auch hat er, der gelernte Tischler, mir einen Schiffsrumpf gearbeitet, da ich seinerzeit (und auch später) gern Schiffsmodelle gebastelt habe. Das betreffende Schiffsmodell hat jetzt übrigens mein 15jähriger Enkelsohn! Am  6. Juli werden es 44 Jahre her sein, daß "unser" Adolf sein Leben lassen mußte; die Nachricht von seinem Tode hat mich damals sehr erschüttert  - und heute fragen wir uns oft: Für was wurden die Opfer gefordert und gebracht? Hatte alles einen Sinn und welchen?

Ich selbst wurde 1942 Soldat (Kriegsmarine, Eismeer, britische Gefangenschaft in Belgien - bis 1946), desgleichen mein Vater ab 1943; im Herbst 1943 starben meine Mutter und mein jüngerer Bruder Helmut (vermutlich an einer Lebensmittelvergiftung); meine Schwester überlebte diese Familienkatastrophe, kam zu Verwandten nach Ostpreußen und erlebte dort die Schrecken des Einmarsches der russischen Truppen und später der polnischen Besatzung und Verwaltung, ehe sie 1947 ausgesiedelt wurden.

Seit 1947 bin ich selbst bei der Polizei in Niedersachsen, bin verheiratet, unsere drei Kinder sind erwachsen und vier Enkelkinder zwischen 11 und 17 Jahren bilden schon die nächste Generation. Beruflich habe ich viel erlebt, in vielen Dienststellen gearbeitet und es mit Glück (das auch der Tüchtige braucht) und Einsatz sowie einigem Fleiß bis zum Polizeidirektor (etwa Oberst) gebracht. Im Herbst dieses Jahres werde ich pensioniert.

Mit diesen Zeilen wollte ich Ihnen zeigen, daß vielleicht manches vergessen wird - aber eben nicht alles. Adolf Kaipel - das ist für mich ein nicht unbedeutendes Stück Leben meiner eigenen Jugend; und dafür bin ich ihm für immer eng verbunden.

Ich hoffe, daß Ihnen meine Gedanken nicht gänzlich unwillkommen waren, und verbleibe 
mit freundlichen Grüßen Ihr Walter Hirschberg."

Die 44.Infanteriedivision hatte im September 1939 am Feldzug gegen Polen teilgenommen. Viele ihrer jungen Soldaten wurden dabei getötet oder verwundet. Im Winter 1939/1940 wurden die Einheiten nach Niedersachsen verlegt, wo sie mehrheitlich in Privatquartieren untergebracht wurden. Für die Männer der 44.ID waren dies letzte glückliche Stunden und Tage bevor der Feldzug gegen Frankreich begann, dem der noch blutigere gegen die Sowjetunion folgte, der schließlich zur vollständigen Vernichtung der Division in Stalingrad führte. 

Auszug aus der Divisionsgeschichte der 44.Infanteriedivision:

"Die Truppenteile wurden in allen Unterkunftsorten von der Bevölkerung herzlich empfangen und fast ausnahmslos in Einzelquartieren unterbracht. Die von jeher soldatenfreundlichen, großzügige Gastfreundschaft pflegenden Niedersachsen und die verbindlichen, einfühlsamen Wiener und Niederösterreicher, ganz abgesehen von den rasch eingewöhnten ‚Altreichsdeutschen‘, fanden bald zueinander. Besonders in den Dörfern, die zumeist nur eine Kompanie beherbergten, durften sich unsere Männer bald heimisch fühlen. Aber auch in den kleinen Städten entwickelte sich in kurzer Zeit ein geselliger Verkehr zwischen Bürgerschaft und ‚Garnison‘. Die Feldküchen wurden wenig frequentiert, denn die gastfreien Quartierwirtinnen boten immer wieder Gelegenheit zum Verkosten der Landesküche. Es fanden Kompaniefeste statt und Bunte Abende statt, bei denen sich die musischen Talente aller Dienstgrade dank der begeisterten Aufnahme seitens der eingeladenen und immer zahlreich erschienenen Einwohnerschaft auswirken konnte.
...
In der Erinnerung wach ist auch der winterliche Zauber der Städtchen mit ihren behäbigen Bürgerhäusern und ihren oft berühmten Kirchen und Profanbauten im Stil der Weser-Renaissance. Da tauchen vor den Augen wieder die mehr als elfhundertjährige 'Roswithastadt' Bad Gandersheim mit dem romanischen Münster, dem alten Rathaus und der ehemaligen Abtei auf, die trauliche 'Wilhelm-Raabe-Stadt' Eschershausen mit dem benachbarten, ehrwürdigen ehemaligen Zisterzienserkloster Amelungsborn, das mittelalterliche Einbeck, die Urheimat des Bockbiers, mit seinen beachtlichen Kirchen und reich verzierten Patrizierhäusern. Da gehen die Gedanken zurück in die 'Münchhausenstadt' Bodenwerder an der Weser mit ihren historischen Bauten, in die Nachbarorte Kemnade mit der tausendjährigen Klosterkirche und Hehlen mit dem Schulenburg'schen Wasserschloß. Man sieht das so schön geschlossene Stadtbild von Alfeld an der Leine vor sich, das schöne Vorharzstädtchen Seesen, das Landstädtchen Moringen im hirschereichen Solling mit der ehemaligen Wasserburg und der über tausendjährigen St.Martinikirche. Da liegen die prächtigen Fachwerkhäuser der 'Homburgstadt' Stadtoldendorf vor uns und die gepflegten, vornehmen Kuranlagen des weltberühmten Bades Pyrmont." 

Adolf Kaipel wurde im Haus der Familie Hirschberg untergebracht. Rasch entwickelte sich eine Freundschaft zwischen den Quartiergebern und dem jungen Mann aus Riedlingsdorf.

Brief von Familie Hirschberg vom 17.12.1939 aus Bad Gandersheim an die Familie Kaipel

"Liebe Familie Kaipel!

Ich empfinde das Bedürfnis einiges von hier zu berichten. Wie Ihnen bekannt, liegt Ihr Sohn und Bruder seit seinem Urlaub bei uns in Quartier. Wir haben uns sehr aneinander gewöhnt. Ihr Sohn Adolf ist Familienmitglied. Solange die Kompanie hier liegt und er bei uns ist, seien Sie unbesorgt. Was mir meine Verhältnisse erlauben, tue ich an Ihrem Sohn, Verpflegung, Wäsche usw. Ich habe auch das Vergnügen Ihnen zu sagen, daß Ihr Sohn sich auch wohl fühlt. Er hat schon manchen Scherz erzählt und Wiener Liedlein gesungen. Die Mundsprache ist uns neu, da muß Adolf oft Erläuterungen geben.

Vor zwei Tagen waren wir beim Gemeinschaftsabend. Getanzt haben wir auch. Es war sehr gemütlich. Adolf sagt: "Ich fühle mich wie dahoam."

Wenn es Sie interessiert von unserer Familie zu hören. Mein Mann ist vom Kriege verschont. Er war schon im Weltkrieg. Unsere drei Kinder sind 15, 10 und 5 Jahre alt. Der Älteste hat mit Adolf aufrichtige Kameradschaft geschlossen. Gestern Abend waren beide im Kino. Oft machen sie Kraftprobe. Dann sage ich gleich: "Jungens, Ihr habt wieder Übermut." Dann kommt das Mädchen. Sie muß mir bei der Hausarbeit helfen. Der Kleinste, Helmut, ist unser aller Spaßmacher. Er schläft mit Adolf in einem Zimmer. Beide haben sich sehr angefreundet.

Wir haben hier ein Siedlungshaus mit Garten. Der Mann geht in den Dienst, die Kinder zur Schule. Da habe ich als Hausfrau auch genug Arbeit. Der Gemüsebau wird hier sehr gepflegt. Ich muß sagen, daß die Leute hier sehr fleißig sind. Meine Heimat ist Ostpreußen. Ich mußte mich hier auch erst an Land und Leute gewöhnen. Das geht alles, wenn man gesund ist. Das kann ich von uns allen bestätigen.

Mir ist es recht, wenn Adolf noch bei uns bleibt. Denn so kann er es aushalten. Es ist unsere Pflicht und unser Dank an die Soldaten.
Meine liebe Familie Kaipel, ich wünsche Ihnen ein frohes und zufriedenes Weihnachtsfest. 

Ich bin bemüht, Adolf die Heimat zu ersetzen. Was wir haben, hat auch er. Auch verspreche ich Ihnen, was ja mal kommt, wenn die Kompanie hier ausrückt, sofort zu schreiben. Bis dahin sei Ihnen jede Sorge erspart.

Unsere Kinder werden zu Weihnachten Ihre Nüsse knacken. Haben Sie vielen Dank. Hoffen wir, daß uns das neue Jahr den erhofften Frieden bringt.

Mit herzlichen Grüßen Familie Hirschberg"

Brief von Familie Hirschberg vom 8.1.1940 aus Bad Gandersheim an die Familie Kaipel

"Liebe Familie Kaipel!

Am ersten Festtag haben wir Ihren lieben Brief erhalten, wofür wir auch danken. Es ist mir eine Genugtuung, daß Ihnen mein Brief Freude und Zufriedenheit bereitet hat. Die Festtage haben wir so gut es geht verlebt und auch Ihrer gedacht. Es hat sich inzwischen ein hartnäckiger Winter eingestellt. Schnee haben wir nicht viel, aber der Frost ist hart. Man versucht sich und die Tiere vor Kälte zu schützen. 

Liebe Familie Kaipel, inzwischen ist wohl der Urlauber dagewesen und hat von Adolf Grüße und die Bücher gebracht, und auch schon mitgeteilt, daß Adolf weg soll. Adolf ging wie immer auch am Freitag zum Dienst und kam nach kurzer Zeit wieder. Ich sagte: "Ist Ihnen kalt?". Daraufhin antwortete Adolf: "Ich muß um halb zehn ganz weg." Da habe ich mich erschrocken. Es half nichts, wir mußten Vorbereitungen treffen. Ich konnte die Tränen nicht zurückhalten als Adolf sich verabschiedete. Walter begleitete ihn. Als mittags mein Mann kam, sagte ich gerade: "Heute schmeckt mir das Mittagessen nicht", worauf mein Mann antwortete, daß er sich das gut vorstellen könne. Da ging die Haustür auf, unser Adolf kam wieder und sagte, daß er bis morgen Mittag noch hier bleiben dürfe. Das war noch ein schöner Tag. Auch kamen noch Ihre zwei Päckchen an. Daraus hat Adolf eines gemacht und mitgenommen. Nun war für alle eine andere Stimmung da, denn wir wußten was los war. Da Adolf von Beruf Tischler gelernt hat, ist er zu einem vierzehntägigen Pionierkursus nach Holzminden, daß etwa 40 km westlich von uns an der schönen Weser liegt. Alle Tischler des Regimentes machen diesen Kursus mit. Also Sonnabend um zwölf Uhr, wieder von seinem Kameraden Walter begleitet, ist Adolf mit dem Zug zusammen mit 21 Kameraden seines Regimentes abgereist. Adolf hat sich an den neuen Befehl gewöhnt, war zufrieden und frischen Mutes. 

Adolf hat sich wohl gefühlt bei uns. Er sagte: "Es war ja so als ob ich zu Hause im Urlaub war." Und ich sagte: "Ich habe das an Ihnen getan, was ich an meinen Jungen auch nur tun kann." So kann ich mit gutem Gewissen an ihn denken. Und so werden wir uns gegenseitig in Erinnerung behalten. Außerdem haben wir noch die schöne Hoffnung, daß Adolf eventuell auf Sonntagsurlaub kommen kann. Und vielleicht auch nach Beendigung des Kursus noch einmal zu uns ins Quartier kommt. Walter ist schon in den ersten Tagen eingeladen worden, zu Ihnen zu kommen. Wollen dann beide nach Wien zum Riesenrad und nach Graz. Liebe Familie Kaipel, machen Sie sich bitte keine Sorgen. Schuldig sind Sie uns nichts. Was wir tun an unseren Soldaten ist nur unsere Pflicht. Wenn alles gut geht und Walter hat einmal das Vergnügen zu Ihnen zu kommen, so geschieht es aus Freundschaft.
Nun möchte ich auch nicht versäumen, herzliche Grüße von Ihrem Sohn und Bruder beizufügen, denn ich habe es Adolf auch versprochen, daß ich an Sie schreibe.

Auch schönen Dank für das beigefügte Bild, das sehr schön ist. Mit herzlichen Grüßen Ihre Familie Hirschberg."

Brief von Familie Hirschberg vom 31.3.1940 aus Bad Gandersheim an Adolf Kaipel

"Lieber Adolf!

Ich freue mich mit Ihnen, daß nun doch Ihr Urlauberzug fuhr und Sie daheim im Kreis Ihrer Lieben weilen durften. Ganz besonders wird Ihre Mutter glücklich sein und Sie werden sich gütig tun an Ihren Lieblingsgerichten. Das sind goldene Tage für Sie alle, die zu schnell vergehen. Helfen Sie nun beim Holz schlagen? Es wird schon was zu schaffen geben. Den Wein probieren Sie doch auch daheim? Das gibt Laune, dann heißt es "egal". 

Es bereitet mir immer Freude von Ihnen zu hören. Ganz besonders hat mich Ihr Brief gefreut, den Sie durch Seppl geschickt haben. Es spricht daraus Ihr Dank und Anerkennung und zeigt Ihre edle Gesinnung. Ich muß gestehen, ich habe Sie versorgt wie meine Jungen und so denke ich auch an Sie. 

Sie wissen, daß Sie jederzeit kommen dürfen und Aufnahme finden. Seit acht Tagen haben wir neue Einquartierung. Er ist ein Rheinländer und er ist auch gut, aber daß ich Rippenstöße geben werde, wie ich es mit Ihnen tat? Ich hatte immer Spaß an Ihrer zackigen Haltung und wenn Sie sechsmal am Tag fortgingen und kamen, Sie machten immer Meldung. Das fällt hier alles weg. Ich verspreche mich oft und sage: "Adolf". Heute hat er wieder den Stahlhelm probiert und Walter die Gewehrgriffe. Es klappt auch alles. Lieber Adolf, Sie können sich vorstellen, das Bummelleben vom Winter hat aufgehört. 

Walter und Helga hatten ein gutes Zeugnis. Walter war der Beste seiner Klasse. Heute ist er wieder im Kino. Ohne Sie. Auch ich war Freitag hier. Ihr beide habt mich ja nie mitgenommen. Es gab: "Mutterliebe". Walter wollte für Sie ein gemaltes Bild beifügen. Er fand nicht das richtige. Sonst ist er sehr in Anspruch genommen, er hat schon einen Stoß neue Schulbücher gekauft. Heute war die Jugendweihe. Da war auch er verpflichtet hinzugehen. 

Sie sollen denn auch was besonders Schönes haben, nur später. Ja, Adolf, Sie wollten uns doch von Ihrem Urlaub Stoff und Holz mitbringen. Das wird nun alles nichts. Seien Sie bitte zufrieden, wir haben es schon. Die Schweine kommen jetzt nicht mehr ins Schlafzimmer. Die zwei Päckchen von Mutter habe ich gleich zur Post gebracht. Haben Sie sie erhalten? Hiermit erhalten Sie Ihre zurückgebliebenen Sachen und herzliche Grüße an Sie alle

Familie Hirschberg" 

Brief von Walter Hirschberg vom 6.5.1940 aus Bad Gandersheim an Adolf Kaipel

"Lieber Adolf! 

Du wirst wohl schon böse sein, daß ich solange nichts von mir habe hören lassen. Wir dachten immer, daß Du doch wohl einmal zu uns kommst. Mit der Zeit ist es jetzt auch so knapp. Seit Anfang März bin ich jeden Nachmittag in die Fabrik arbeiten gegangen. Abends habe ich dann meine Schularbeiten gemacht, bis zehn Uhr. Sonntags habe ich dann im Garten geholfen. Das Land, wo wir im Herbst zusammen Mist hingefahren haben, haben wir am 1.Mai und zu Himmelfahrt umgestochen und bepflanzt. Das Stück Land an der Straße auf dem Salzberg sieht jetzt auch ganz anders aus, das wird der Sepperl schon erzählt haben. 

Mit dem jetzigen Soldaten kommen wir nicht gut aus. Alle Leute sind unzufrieden mit den einquartierten Soldaten. Der gehört überhaupt nicht zu uns, der kann uns alle arbeiten sehen. Wenn wir ihm auch sagen, er möge mir z.B. beim Himbeeranbinden helfen, so macht er sich da gar nichts daraus. In der Woche ist er bald drei- bis viermal in der Wirtschaft, die anderen Tage treibt er sich bei Seidigs, hier auf dem Salzberg, herum. Mit dem Kino gehen ist es jetzt auch schon länger aus. Wir dürfen nur jugendfreie Filme sehen, und dann nur bis neun Uhr und in Begleitung der Eltern. Dieses Jahr dürfen wir überhaupt nicht mehr ins Kino. 

Zu Pfingsten habe ich mir vorgenommen mein Schiff zu streichen, damit es endlich fertig wird. In der Schule geht es auch feste weiter. Seit Ostern haben wir auch Englisch dazubekommen. Wir haben in dem Fach einen prima Lehrer, so daß wir schon allerhand gelernt haben. Ich dachte schon, Ihr würdet auch nach Norwegen kommen, aber hier seid Ihr ja zu dicht an Land um an dem Feldzug teilzunehmen. Englische Schiffe werden jetzt auch genug versenkt, so daß die Radioberichte jetzt immer viele Neuigkeiten berichten.

Viele Grüße und ein baldiges Wiedersehen wünscht Dein Freund Walter." 

Am 10.5.1940 begann der Angriff der Deutschen Wehrmacht auf Frankreich und die Benelux-Staaten. Die 44.Infanteriedivision wurde zwar in den ersten Tagen des  Feldzuges in Reserve gehalten, nachdem aber die Kämpfe in den Benelux-Staaten abgeschlossen waren und der Angriff auf das französische Kernland begann, wurde sie wieder in vorderster Linie eingesetzt und hatte wieder viele Tote und Verwundete zu beklagen. Unter anderem fiel auch ein guter Freund von Adolf Kaipel in diesen Kämpfen. 

Brief von Familie Hirschberg vom 14.5.1940 aus Bad Gandersheim an Familie Kaipel

"Liebe Familie Kaipel!

Ich danke Ihnen für die erhaltene Karte. Es war schade, daß das Paket so spät gekommen ist und Adolf den Brief nicht mehr erhalten hat. Die Hauptsache jedoch ist, daß er überhaupt im Urlaub war. Wir haben von einem Sonntag auf den anderen gehofft, Adolf würde uns bei einem Sonntagsurlaub noch einmal besuchen, denn viele sind das zweite Mal hier gewesen. Wir aber hatten dieses Glück beiderseits nicht. So hatten wir die letzte Hoffnung auf Pfingsten gesetzt. Doch sahen wir nach diesen gewaltigen Kampfbewegungen schon ein, das der Traum vorbei ist. Wir haben noch eine Pfingstkarte aus Holzminden erhalten. Gestern Abend ist auch unsere zweite Einquartierung abgefahren. Die waren auch zwei Monate hier. Er war ein Schwärmer immerfort. So mußten wir oft an unseren ersten Soldaten denken und sagten dann, wie anderes war doch Adolf.

Nun ist der Krieg richtig entbrannt. Auch Adolf wird schon vorgerückt sein. Er war ein offener, gerader Soldat, da können Sie stolz darauf sein, und er hatte einen edlen Charakter. Das Glück mag ihm hold sein. Sie, liebe Frau Kaipel, bangen Sie nicht zu viel, seien Sie mutig. Ich habe das Gefühl, es wird Adolf nichts passieren. Wir haben in der Heimat auch unsere Aufgabe. Wir müssen arbeiten. Das wollen wir gerne tun. ...

Wenn der Weg nicht zu weit wäre, würde ich Sie gerne besuchen. Walter wird es später einmal für uns alle tun. Sein Plan ist aufs Schiff zu gehen. Dann werde ich mich als Mutter auch mit so manchem abfinden müssen. Nun, liebe Familie Kaipel, wünsche ich alles Gute. Es sollte uns freuen mal wieder von Ihnen zu hören. Vor allem Neuigkeiten von Adolf zu erfahren.

Mit herzlichen Grüßen  Ihre Familie Hirschberg"

Wenn Sie mehr über das Leben von Adolf Kaipel in den Jahren 1938 bis 1942
erfahren wollen, dann lesen Sie die Dokumentation:

Verlorene Jahre