ALLERGIE

Spezialgebiet Biologie

Diestinger Michael 8A 97/98

 

Begriffserklärung: Was ist eine Allergie?

Der Begriff Allergie wurde vom Wiener Kinderarzt Clemens von Pirquet eingeführt. Er setzt sich aus den griechischen Wörtern allos (fremd, anders) und ergon (Werk, Tätigkeit) zusammen. Somit bedeutet Allergie eine vom Normalen abweichende Reaktion des Immunsystems, aber auch die Hypergie (gesteigerte Reaktionsbereitschaft), Überempfindlichkeit, Hypoergie (verringerte Reaktionsbereitschaft), Anergie (fehlende Reaktionsbereitschaft) und auch die Immunität (Unempfindlichkeit). Heute hingegen meint der Begriff nur noch die Änderung der Immunlage im Sinne einer krankmachenden Überempfindlichkeit gegen meist exogene, nicht infektiöse Stoffe (Allergene).

Allergen: Ursprünglich war dieser Begriff nur auf Proteine beschränkt. Im Laufe der Zeit mußte er jedoch auch auf verschiedenste chemische Stoffe erweitert werden (z.B.: Stäube, Metalle, Medikamente). Heute weiß man, dass praktisch jede Substanz durch Bindung an ein Körpereiweiß zum Antigen werden kann welches dann allergische Reaktionen hervorruft. Bei den Allergenen unterscheidet man zwischen:

- Vollallergenen (Tierliche und pflanzliche Proteine) und

- Allergenen (Hapten plus körpereigene Proteine).

Folgende Faktoren sind für eine Allergie bezeichnend:

  1. Die Abwehrmaßnahmen bei einer Allergie sind meist gegen Stoffe gerichtet die von sich aus nicht krank machen. Dagegen machen körpereigene Abwehrreaktionen und Stoffe (z.B.: Histamin) krank.
  2. Eine Allergie tritt immer erst nach einer Phase der Sensibilisierung auf. In dieser Phase des Erstkontakts mit dem Allergen zeigen sich keine allergischen Symptome. Diese treten erst bei einem weiteren Kontakt auf. Hier liegt der Unterschied zwischen einer Allergie und einer Vergiftung oder Verätzung. Denn toxische Stoffe wirken unmittelbar schädigend ohne eine Beteiligung des Immunsystems.
  3. Die Überempfindlichkeit geht immer auf eine angeborene Veranlagung zu allergischen Reaktionen zurück. Diese ist individuell und auch graduell sehr unterschiedlich. Auch hier zeigt sich ein Unterschied zu toxischen Irritationen und Infektionen für die grundsätzlich jeder Mensch anfällig ist.
  4. Die allergische Reaktion ist nicht lokal begrenzt, sondern betrifft den ganzen Körper, selbst wenn die akute allergische Reaktion oft auf ein Organ beschränkt ist. Im Gegensatz dazu ist bei toxischen verursachten Reaktionen nur jenes Organ betroffen das dem Stoff ausgesetzt war. Im Einzelfall kann das auch der ganze Körper sein. Lassen die Symptome keine eindeutige Unterscheidung zwischen Allergie und Vergiftung zu (z.B.: Unverträglichkeitsreaktionen der Haut oder des Darms) so muß ein Allergietest angewandt werden.
  5. Von einer Allergie kann man nur sprechen, wenn spezifische Reaktionen im Immunsystem abgelaufen sind. Nämlich eine Auseinandersetzung mit einem zum Antigen gewordenen Allergen. Toxische Irritationen und auch Pseudoallergien (z.B.: nach der Aufnahme von Acetylsalicylsäure/Aspirin) müssen hiervon unterschieden werden.

 

Allergietypen:

Die Symptome die bei einer Allergie auftreten reichen von periodisch auftretendem Schnupfen bis zu einem Kreislaufkollaps. Diese Erscheinungen beruhen auf unterschiedlichen immunologischen Mechanismen. Nach diesen unterschieden Coombs und Gell 1963 vier verschiedene Allergietypen. Diese Einteilung hat heute noch Gültigkeit.

Typ 1 Soforttyp:

Bei den meisten allergischen Reaktionen fällt auf, dass diese beinahe unmittelbar nach dem Kontakt mit dem auslösenden Stoff auftreten. Dafür ist das körpereigene Histamin verantwortlich. Es wird in den Schleimhäuten mit denen das Allergen Kontakt hat blitzartig in großen Mengen freigesetzt. Histamin ist ein Gewebshormon und in den Granula der Mastzellen gespeichert. Diese kommen in allen Geweben und, als basophile Leukozyten, auch im Blut vor. Bei einem Allergiker sammeln sich nach dem Erstkontakt mit einem Allergen während der symptomlosen Sensibilisierungsphase Antikörper der IgE-Gruppe auf der Oberfläche der Mastzellen. Bei späteren Kontakten mit dem Allergen bildet dieses eine "Brücke" zwischen jeweils zwei IgE-Antiköpern. Dadurch wird die Mastzelle veranlaßt die Granula mit dem Histamin freizusetzen (Degranulierung).

Histamin bewirkt eine Erweiterung der Blutgefäße und macht die Gefäßwände durchlässig. Das Gewebe rötet sich und schwillt durch austretende Flüssigkeit an (Quaddelbildung, Ödeme). Durch Reizung freier Nervenendigungen in der Haut entsteht ein Juckreiz. Die Schleimhäute werden dazu veranlaßt Sekrete abzusondern. An der glatten Muskulatur von Magen und Darm bewirkt Histamin Kontraktionen (Erbrechen, Durchfall). Diese lokalen Symptome verschwinden erst wieder nach vollständiger Degranulierung aber die Mastzellen sind bald wieder mit Histamin beladen.

Eine lokale allergische Reaktion kann sich nach dem Kontakt mit dem Allergen wie ein "Steppenbrand" im Körper fortsetzen. Nach dem Abklingen der akuten Reaktionen muß man mit Nachwirkungen (Sekundäreffekte) noch nach 6 bis 8 Stunden rechnen.

Die Heftigkeit einer allergischen Reaktion ist nicht von der Menge des zugeführten Allergens, sondern von der Menge des freiwerdenden Histamins abhängig. Bereits winzigste Mengen eines Allergens können heftige Reaktionen hervorrufen (Extremfall: Anaphylaktischer Schock).

Bei einem anaphylaktischen Schock werden schnell große Mengen Histamin freigesetzt. Dadurch werden die Blutgefäße so stark erweitert, dass der Blutdruck extrem abfällt. Zusätzlich führt der Austritt von Flüssigkeit aus den Gefäßen zu einer bedrohlichen Bluteindickung. Der daraus resultierende Kreislaufkollaps kann tödlich enden und grundsätzlich bei allen Allergikern des Soforttyps auftreten.

Je nach Art des Allergens und dem Ort seiner Aufnahme in den Körper werden folgende Allergengruppen unterschieden:

  1. Inhalationsallergene provozieren Reaktionen in der Nase (Rhinitis/Schnupfen), in den Atemorganen (Asthma bronchiale/Verkrampfung der Atemwege und Atemnot), und oft auch an den Augen (Konjunktivitis/Bindehautentzündung). Allergischer Schnupfen und Asthma bronchiale werden vor allem durch Pollen (Heuschnupfen) und Hausstaub ausgelöst. Besonders anfällig für Pollinosen sind junge Menschen. Eine schweizerische Erhebung hat ergeben, dass bei den 15-19jährigen 16% unter "Heuschnupfen" leiden, bei den 20-39jährigen 12% und bei den über 60jährigen nur 4%. 62% der Pollinosen treten erstmals bis zum 15.Lebensjahr auf.
  2. Die Reaktionen der Menschen die an Heuschnupfen leiden sind sehr unterschiedlich. Während manche nur niesen müssen reagieren andere so stark, dass sie tagelang arbeitsunfähig sind. Ähnliches gilt auch bei Hausstauballergien. Hausstaub setzt sich aus anorganischen Substanzen, die keine Allergie auslösen, und aus allergen wirksamen tierlichen und pflanzlichen Stoffen wie z.B. Hautschuppen, getrockneten Eiweißmolekülen aus Speichel und Harn von Haustieren und dem mit Schimmelpilzsporen durchsetzten Kot der allgegenwärtigen Hausstaubmilbe zusammen. Hier kann sich bei Allergikern allmählich ein chronisches Asthma entwickeln. Dieses führt zu einer höheren Empfindlichkeit gegenüber kalter Luft, Streß und Smog und schließlich zu einem Lungenemphysem (erweiterte Lungenbläschen) mit den typischen Folgeerscheinungen (ungenügende Sauerstoffversorgung, Leistungsabfall, Vergrößerung der rechten Herzhälfte).

  3. Allergene in Nahrungsmitteln verursachen Schwellungen (Ödeme) in Mund und Rachenraum sowie Magen- und Darmentzündungen. Allergische Reaktionen in den Verdauungsorganen können unauffällig verlaufen (leichtes Jucken im Mund), können aber auch dramatische Formen annehmen (bedrohliche Ödeme im Rachenbereich, Krämpfe, kolikartige Schmerzen, chronische Entzündungen des Darms mit Geschwürbildung). Häufige Auslöser sind: Kuhmilch, Hühnerei, insbesondere Eiklar, Fisch, Zitrusfrüchte, Hülsenfrüchte und Nüsse.
  4. Kontaktallergene bewirken lokale Schwellungen der Haut (Quaddeln). Bei Ausbreitung der Quaddel über die unmittelbare Kontaktstelle hinaus spricht man von Nesselsucht (Urtikaria). Diese Hautreaktionen nach dem Allergietyp 1 sind jedoch nicht identisch mit dem allergischen Kontaktekzem (Allergietyp 4). Auslöser für allergische Reaktionen der Haut können sein: Haare von Haustieren, Fisch, Blumen (und Pollen), Schalen von Zitrusfrüchten, Zwiebeln, Spargel, jodhaltige Desinfektionsmittel, Formalin (in Waschmitteln, Möbelpolituren, Kosmetika), Latex (in Handschuhen, Kondomen).

Problematischer als die lokalen Quaddel ist eine generalisierte Nesselsucht, die kurze Zeit nach Aufnahme eines Stoffes in den Körper oder nach dem Kontakt auftritt. Sie ist immer ein Zeichen einer starken Allgemeinreaktion, die schlimmstenfalls in einen anaphylaktischen Schock oder zumindest in einen Asthmaanfall übergehen kann. Diese Gefahr besteht immer bei Bienen- oder Wespenstichen.

Nicht jede Quaddelbildung ist Zeichen einer Allergie. Eine zwar ebenfalls unangenehme, aber harmlose "Nesselsucht" können z.B. Stoffe in Brennesseln, von Raupen und Quallen hervorrufen. Auch die Reaktion vieler Menschen auf den Klebstoff von Heftpflaster und auf den Kontakt mit Glaswolle sind keine allergischen Reaktionen, da es keine vorausgehende Sensibilisierung mit IgE-Bildung gibt.

In vielen Fällen ist ein Rückschluß von den allergischen Symptomen bzw. von dem betroffenen Organ auf das Allergen sowie Art und Ort des Allergenkontaktes kaum möglich, weil im Prinzip über das Immunsystem immer der gesamte Körper in die allergische Reaktion einbezogen wird. So wird ein ausgewiesener Nahrungsmittelallergiker der auf Aufnahme "seines Allergens" (z.B. Sojaöl) mit Magen-Darm-Beschwerden reagiert, Atemprobleme bekommen, wenn dieses Allergen als flüchtiger Zusatz in seinem Bademittel enthalten ist. Bei Katzenallergikern, die mit Asthma bronchiale auf die Anwesenheit einer Katze reagieren, können sich auch Hautquaddel entwickeln, wenn die Haut mit einer Decke in Berührung kommt, auf der vorher eine Katze gelegen ist.

Noch komplizierter wird die Situation dadurch, dass es Kreuzreaktionen zwischen den Allergenen gibt. So reagieren Menschen mit einer durch Beifußpollen ausgelösten Pollinose ("Heuschnupfen") oft auch auf die orale Aufnahme von Sellerie, Äpfeln, Karotten und Kiwi allergisch. Auch Kuh- und Ziegenmilch haben einen gemeinsamen "Antigenkern".

 

 

Typ 2 Zytotoxische Überempfindlichkeit:

Bei diesem Allergietyp produzieren die Plasmazellen nach dem Kontakt mit einem Allergen Antikörper der Gruppen G und M, die zunächst frei zirkulieren. Kommt der Körper in Kontakt mit bestimmten Antigenen, setzen sich diese auf der Oberfläche von Zellen fest. Die Antikörper verbinden sich mit ihnen und zerstören dabei die Zelle bzw. machen sie funktionsunfähig. Häufig sind die roten Blutkörperchen von dieser allergischen Zellschädigung betroffen. Eine Allergie vom Typ 2 kann man durch folgenden Versuch nachweisen: Man läßt auf mit dem verdächtigen Allergen beladene Blutkörperchen Serum des Patienten einwirken. Werden die Zellen aufgelöst, so ist dies ein sicheres Zeichen für die Allergie.

Allergien vom Typ 2 sind zwar vergleichsweise selten, haben aber dennoch große Bedeutung, da sie zu einer lebensbedrohlichen Abnahme der betroffenen Blutbestandteile (rote, weiße Blutkörperchen oder Blutplättchen) führen können. Verursacher können Arzneimittel wie z.B. Schmerz- und Schlafmittel, Antibiotika oder Chemotherapeutika sein. Bei länger andauernder Einnahme bestimmter Präparate sind deshalb unbedingt Blutuntersuchungen durchzuführen. Bei diesem Allergietyp spielen Haptene häufig eine wesentliche Rolle: Substanzen aus dem Medikament verbinden sich mit körpereigenem Eiweiß (z.B. Zellmembran) zu einem Allergen, auf das der Körper dann mit Antikörperbildung reagiert. Auch Chinin, das nur noch selten zu therapeutischen Zwecken eingesetzt, aber z.B. Getränken als Bitterstoff zugesetzt wird, kann eine zytotoxische Reaktion auslösen. Daher leiden Chininallergiker nach dem Genuß von Tonic-Water unter Hautblutungen. Eine Allergie vom Typ 2 wird häufig nach einer Organtransplantation ausgelöst und ist dann Ursache von Abstoßungserscheinungen. Auch die Unverträglichkeitsreaktionen bei der Transfusion von Blut einer falschen Blutgruppe lassen sich mit zytotoxischen Reaktionen erklären. Eine derartige Reaktion erfolgt auch, wenn eine Rhesus-negative Mutter zweimal ein Rhesus-positives Kind erwartet. Bei der ersten Schwangerschaft erfolgt die Sensibilisierung, bei der zweiten Schwangerschaft kommt es zur Reaktion, sofern sie nicht durch passive Immunisierung unterbunden wird.

Möglicherweise spielt die Allergie vom Typ 2 auch eine Rolle bei der Zuckerkrankheit und bestimmten Formen männlicher Sterilität: Gegen die Spermazellen kann während der Embryonalentwicklung keine Toleranz entwickelt werden. Sie werden vom Immunsystem als "fremd" eingestuft und geschädigt.

Typ 3 Immunkomplexbildung:

Auch bei diesem Allergietyp werden Antikörper der Gruppen G und M gebildet, die sich sowohl mit frei zirkulierenden Antigenen als auch mit an Zellen haftenden Allergenen zu unlöslichen Komplexen verbinden. Die Antigen-Antikörper-Komplexe lagern sich in Blutgefäßen, in der Niere, an der Herzinnenwand oder in den Gelenken ab und schädigen die Organe. Zugleich aktivieren die Antigen-Antikörper-Komplexe die Ausschüttung von Gewebshormonen (Kininen), so dass es zu ähnlichen Symptomen kommt wie nach der Histaminfreisetzung bei einer Allergie vom Soforttyp. Die Reaktionen erscheinen jedoch erst nach einigen Stunden, meist sogar erst nach Tagen.

Ausgelöst wurde die Allergie vom Typ 3 früher vor allem durch Injektionen mit fremden Serum, wie sie z.B. bei der passiven Immunisierung gegen Diphtherie üblich waren. Das körperfremde Eiweiß wirkte als Antigen und führte zur "Serumkrankheit". Heute tritt die Allergie vom Typ 3 vor allem bei Verabreichung bestimmter Arzneimittel auf (z.B. Penicillin).

Typ 4 Kontaktekzem:

Dieser Allergietyp tritt ähnlich häufig auf wie die Allergie vom Soforttyp (Typ 1). Anders als bei den anderen Allergietypen spielt hier die humorale Abwehr keine entscheidende Rolle, sondern die zelluläre Abwehr über T-Lymphozyten.

In der Phase der Sensibilisierung bekommt die Haut Kontakt mit dem Allergen, meist in Form eines Haptens, das in Verbindung mit einem körpereigenen Eiweiß zum Antigen wird. Die Antigenpräsentation erfolgt bei dieser Form der Allergie durch Langerhans- Zellen in der Epidermis, die hier ähnliche Funktionen haben wie die Makrophagen im Körper. T-Lymphozyten, die aufgrund von Oberflächenrezeptoren mit dem Antigen reagieren können, werden aktiviert und vermehren sich. Sie wandern als "Kampfzellen" in die Haut. Beim nächsten Kontakt reagieren diese T-Lymphozyten mit den Antigenen (Allergenen). Dabei werden Lymphokine frei. Das sind endzündungserregende Botenstoffe, durch die weiße Blutkörperchen (Freßzellen) angelockt werden. Deren Stoffwechsel- und Zerfallprodukte lösen innerhalb von ein bis zwei Tagen die ekzematöse Hautreaktion aus: Rötung, Bläschenbildung, Juckreiz, schuppige Austrocknung der Hautstelle, Rißbildung. Die Allergie vom Typ 4 wird, in Abgrenzung gegen den IgE-abhängigen Typ 1, auch als Allergie vom Spättyp bezeichnet, weil die Hautreaktion erst mehrere Stunden nach dem Allergenkontakt auftritt.

Wahrscheinlich ist eine Vorschädigung der Haut (Druckstellen, Entzündungen, Wunden) Voraussetzung für eine Sensibilisierung: Manche Menschen entwickeln erst ein allergisches Kontaktekzem, nachdem sie vorher ein toxisches Ekzem hatten, das durch denselben Stoff verursacht worden war. Dies ist z.B. häufig bei Bauarbeitern der Fall, die allergisch auf Zement reagieren.

An Kontaktekzemen leiden häufig Menschen, die ohne ausreichenden Hautschutz mit Wasser, Detergenzien oder Lösungsmitteln arbeiten. Mit 5% aller bekannten Kontaktallergene kommt man im privaten Alltag in Berührung (z.B. mit Wasch- und Körperpflegemitteln, Schmuck, Farbstoffe in Kleidung), 44% sind vor allem im beruflichen Bereich im Einsatz, und 40% sind Substanzen in Arzneimitteln, von denen die meisten sogar bei Hauterkrankungen eingesetzt werden. Die Hautschädigungen, die behandelt werden, machen in diesen Fällen besonders anfällig für allergene Inhaltsstoffe der Arzneimittel.

Die allergische Reaktion vom Typ 4 wird im übrigen auch zu diagnostischen Zwecken genutzt: Wenn man eine kleine Menge von Tuberkuloseerregern in die Haut spritzt, zeigt sich bei demjenigen, der immun ist, nach ein bis zwei Tagen eine entzündliche Hautreaktion. Bei demjenigen, der noch keinen Erregerkontakt hatte, unterbleibt die Reaktion (Mantoux-Test).

 

 

 

Das atopische Ekzem:

Eine besondere Rolle im Rahmen der allergischen Krankheitsbilder spielt das "atopische Ekzem", das auch als "Neurodermitis" und "endogenes Ekzem" ("von innen her verursacht", in Abgrenzung gegen das "von außen verursachte" allergische Kontaktekzem) bezeichnet wird. In Form von Milchschorf tritt dieses Ekzem bereits bei Kindern in den ersten Lebensmonaten auf. Es hängt jedoch nicht, wie fälschlich oft angenommen wird, mit einer Unverträglichkeit gegen Milch zusammen. Diese kann als Nahrungsmittelallergie unabhängig vom Milchschorf zusätzlich bestehen. Bei Säuglingen sind vor allem das Gesicht und die Streckseiten der Extremitäten vom endogenen Ekzem befallen. Im späteren Lebensalter tritt das atopische Ekzem schubweise auf und befällt insbesondere Hals, Hände und große Beugen. Die Haut ist trocken und juckt sehr stark, so dass die befallenen Stellen oft blutig gekratzt sind und sich entzünden. Bei der sogenannten Prurigo-Form des atopischen Ekzems fallen die (meist auch aufgekratzten) Knötchen auf.

Die Ursache des atopischen Ekzems sind nicht bekannt. Die IgE-Werte sind in der Regel stark erhöht, die Familienanamnese erbringt meist eine gehäuftes Vorkommen von Allergien in der Verwandtschaft. Menschen mit atopischem Ekzem zeigen insgesamt eine gestörte Immunreaktion und entwickeln häufig auch andere Formen der Allergie. Ein typisches Zeichen für das Vorliegen einer Neurodermitis ist u. a. der "weiße Dermographismus": Im Gegensatz zum immungesunden Menschen verfärbt sich eine, etwa mit dem Fingernagel, eingeritzte Spur in der Haut nicht rot, sondern weiß.

Dass das endogene Ekzem in seiner Ausprägung und Heftigkeit auch von psychischen Faktoren abhängt, scheint gesichert. Streß, Angst, unbewältigte Konflikte wirken sich nachteilig aus. Dies ist verständlich, wenn man bedenkt, dass die Hauterscheinungen beim Allergiker vor allem durch Mediatoren verursacht werden, deren Ausschüttung unter anderem auch, und zwar beim gesunden wie beim allergischen Menschen, von Streßreaktionen beeinflußt wird.

Pseudoallergien:

Umgangssprachlich ist häufiger von einer Allergie die Rede, als medizinisch gerechtfertigt ist. Bei "echten" Allergien ist stets das Immunsystem beteiligt, bei Pseudoallergien lösen körperfremde Stoffe direkt die allergieähnlichen Reaktionen aus. Salicylsäure, Morphin, einige Schlaf- und Schmerzmittel bewirken eine Degranulierung der Mastzellen und damit eine Histaminausschüttung, ohne dass vorher IgE-Antikörper gebildet werden. Auch die Erdbeerallergie ist gar keine, sondern lediglich direkte Folge einer Histaminfreisetzung ohne Umweg über das Immunsystem. Einige Nahrungsmittel wie z.B. Käsesorten mit hohem Tyramingehalt, Zitrusfrüchte und Bananen lösen entweder direkt die Histaminausschüttung aus den Mastzellen aus oder enthalten selbst viel Histamin, das nach der Darmpassage wie körpereigenes Histamin wirkt. Konservierungsstoffe wie Benzoesäure können selbst wie die Mastzelle Stoffe freisetzen, die Makrophagen anlocken und so allergieähnliche Symptome hervorrufen. In einigen Fällen verursachen die auf Nahrungsmitteln gediehenen Bakterien allergieähnliche Symptome, z.B. bei einigen Arten von Fisch. Hier handelt es sich also eher um eine "Fischvergiftung" als um eine Allergie.

Weit verbreitet ist die Meinung, es gebe "Kälte- und Wärmeallergien". Tatsächlich reagieren einige Menschen auf Kälte mit plötzlicher Histaminfreisetzung. Bei Spaziergängen in kalter Winterluft überfällt sie z.B. quälender Juckreiz mit Quaddelbildung. Hier gibt es aber keine Beteiligung von IgE. Deshalb handelt es sich nicht um eine Allergie. Aber diese wahrscheinlich genetisch bedingte Überempfindlichkeit gegen Kälte kann bedrohliche Folgen haben: Bei plötzlicher Abkühlung (z.B. beim Sprung ins kalte Wasser) können solche Menschen einen Schock erleiden, der im Extremfall zum "plötzlichen Badetod" führt.

Die Sonne auf der Haut einen Sonnenbrand oder eine "Sonnenallergie" hervorrufen. Von einer echten Photo- bzw. Lichtallergie kann jedoch vergleichsweise selten gesprochen werden, und zwar nur dann, wenn sich unter dem Einfluß von Licht ein neuer Stoff bildet, der als Allergen wirkt und das Immunsystem stimuliert. Dies kann nach Einnahme bestimmter Medikamente geschehen z.B. von sulfonamiden und zentral dämpfenden Stoffen (Chlorpromazin).

Weitaus häufiger bewirkt ein auf die Haut aufgebrachter oder in der Haut wirksamer Stoff unter Einwirkung von Licht den Juckreiz und die Quaddelbildung. An eine phototoxische Reaktion ist immer zu denken, wenn eine "Lichturtikaria" nach Einnahme von Medikamenten (z.B. Antibiotika, Diuretika, Gestagene) oder nach der Benutzung von Kosmetika auftritt. Typisch für die phototoxische Wirkung von kosmetischen Stoffen (z.B. Bergamotte-Öl, künstlicher Moschus, Sandelholz) sind pigmentierte Hautentzündungen an Stellen, wo Parfum aufgebracht wurde. Bei entsprechender Empfindlichkeit führt der Gebrauch von fett- und emulgatorhaltigen Kosmetika unter Einwirkung von UV-A Strahlen auch zur "Mallorca-Akne", einer stark juckenden Knötchenbildung vor allem am Hals und an den Armen.

 

Möglichkeiten der Diagnose:

Die wichtigste Arbeit bei der Diagnose einer Allergie liegt in einer sorgfältigen Anamnese. Wenn feststeht, auf welche Substanz hin die eine oder andere allergische Reaktion erfolgt ist, dann besteht zumindest die Chance, den Stoff und damit die Reaktion in Zukunft zu vermeiden. Die Anamnese erweist sich aber im Einzelfall oft als sehr schwierig. Vorgedruckte Formblätter versuchen, dem Patienten die Arbeit zu erleichtern und ihn an alle wichtigen Punkte zu erinnern. Dennoch gelingt es nicht immer, das Allergen auf diese Weise zu identifizieren. Wenn ein Patient unmittelbar nach dem Essen von Fisch typische Anzeichen einer Allergie vom Soforttyp zeigt, dann ist der Auslöser meist leicht zu finden. Der Verdacht kann dadurch geprüft werden, dass der Patient nach Abklingen der akuten Reaktion sehr vorsichtig unter Aufsicht Fisch probiert. Wenn die Irritationen wiederkommen, dann ist aus dem Verdacht auf eine Fischallergie Gewißheit geworden. Schwierig wird es aber in einem Fall wie diesem: Aus "heiterem Himmel" zeigen sich nach dem Essen eines Frühstückeies allergische Reaktionen. Der Patient hat nie Probleme mit Hühnereiern gehabt, nur mit Fisch. Des Rätsels Lösung: Er hat ein Ei aus einer Züchtung gegessen, in der Hühner mit Fischmehl gefüttert wurden.

In der Anamnese muß praktisch der gesamte Tages- und Nachtverlauf protokolliert werden. Die Auflistung der Stoffe, mit denen man in Berührung gekommen ist, muß komplett sein. Eine Aussage wie "7.30 Uhr: Fische gefüttert" wäre bereits zu ungenau, weil nicht eindeutig nachvollziehbar ist, womit gefüttert wurde, und genau da könnte der Auslöser für die allergische Reaktion zu finden sein: Die als Fischfutter verwendeten Larven der Zuckmücke enthalten einen stark allergen wirkenden Farbstoff, der beim Einstreuen des Futters ins Aquarium zur Sensibilisierung und in der Folgezeit zu allergischen Schnupfen oder Asthma führen kann.

Schwierig ist es auch, Stoffe als Allergieauslöser zu finden, die nicht deklariert sind (z.B. Farbstoffe und Imprägnierungsmittel bei neuen Kleidungsstücken) oder von deren Vorhandensein man nichts weiß (z.B. vom Hund des Neffen eines Kollegen, in dessen Auto man manchmal mitfährt und der seinen Wagen an diesen Neffen verleiht).

Allergietests:

Beim Verdacht auf eine allergische Reaktion, die nicht eindeutig einem Auslöser zuzuordnen ist, kann das Allergen auch durch eine Reihe von Testverfahren identifiziert werden.

Eliminationstests

Wenn bereits ein Verdacht vorliegt, genügt mitunter der Eliminationstest durch die "Karenzprobe": das verdächtige Allergen wird, soweit praktikabel, konsequent gemieden. Tritt eine Besserung der Beschwerden auf, ist die Diagnose gesichert, insbesondere dann, wenn bei versehentlichem oder geplantem Kontakt mit dem Stoff die Beschwerden wieder aufleben. Dieser Methode kommt im Rahmen der Diagnose einer Nahrungsmittelallergie besondere Bedeutung zu: Mit Hilfe einer Suchdiät (Eliminationsdiät) werden systematisch nacheinander bestimmte Nahrungsmittel gemieden, bis dessen Eliminierung die allergischen Beschwerden ausbleiben. Eine noch konsequentere Form der Suchdiät besteht darin, zu Beginn nur Nahrungsmittel zu verzehren, die mit größter Sicherheit nicht schuld sind an der Allergie und dann alle paar Tage ein Nahrungsmittel zusätzlich zuzulassen.

Expositionstests

Eine weitere Möglichkeit zur Diagnose bieten Expositionstests. Hierbei wird der Patient unter kontrollierten und standardisierten Bedingungen mit in Frage kommenden Allergenen in Kontakt gebracht. Die häufigste Form der Expositionstests sind Hauttests. Man unterscheidet:

- Reibetest

- Kratztest (Scratch-Test)

- Stichtest (Prick-Test)

- Spritztest (Intrakutan-Test)

- Pflaster-Test (Epikutan-Test)

Im Prinzip funktionieren alle Hauttests nach dem gleichen Schema: Das Allergen wirkt eine Zeitlang auf einen begrenzten Hautbezirk ein. Nach wenigen Minuten zeigt sich eine positive Reaktion durch Rötung und Quaddelbildung (Allergie vom Soforttyp) oder nach 24 Stunden durch eine Entzündung (Allergie vom Typ 4 Kontaktekzem).

Die schonendste Form ist der "Reibetest": Mit dem verdächtigen Stoff wird an der Innenseite des Unterarms kräftig gerieben. Dieser Test funktioniert aber nur bei wenigen Allergenen, so z.B. Katzen- und Hundehaaren und einigen Obst- und Gemüsesorten. Bei den anderen Hauttests, die zur Diagnose einer Allergie vom Soforttyp verwendet werden, bringt man das Allergen durch winzige Verletzungen näher an die Mastzellen heran. Es stehen industriell aufbereitete Testsubstanzen zur Verfügung. Solche Testungen müssen mit großer Vorsicht unter Aufsicht eines Arztes durchgeführt werden, da eine generalisierte Reaktion (bis hin zum Schock) nie mit Sicherheit ausgeschlossen werden kann. Außerdem erfordert es einige praktische Erfahrungen, um Prick-Tests und Intrakutan-Tests technisch einwandfrei durchzuführen.

Als Kontrollsubstanzen werden bei solchen Tests Lösungsmittel, die keine Reaktion hervorrufen können, und Histaminlösungen, die eine vergleichbare Reaktion wie ein stark wirkendes Allergen auslösen, eingesetzt.

Pflastertests werden zur Diagnose von Allergien des Typs 4 verwendet. Hierbei sind keine Zwischenfälle im Sinne eines anaphylaktischen Schocks zu befürchten.

Leider wird der Aussagewert der Tests durch die Tatsache eingeschränkt, dass im klinischen Sinne sowohl falsch positive als auch falsch negative Ergebnisse vorkommen. Wichtigster Grund für negative Ergebnisse, die aus klinischer Sicht falsch sind, ist: Das gesuchte Allergen wird in der Testserie nicht erfaßt. Bei Allergien vom Soforttyp kann eine der Testsituation vorausgegangene heftige allergische Reaktion zu einem falsch negativen Ergebnis führen. Auch bestimmte Medikamente können die Reaktionen unterdrücken. Wenn die Beschwerden unter Alltagsbedingungen nur bei verschwitzter Haut oder bei leicht entzündeter Haut auftreten, so lassen sich diese "Co-Faktoren" im Test nicht simulieren, und das negative Ergebnis ist im klinischen Sinne falsch oder zumindest irreführend.

Positive Testergebnisse können insofern "falsch" sein, als die allergische Reaktion im Test ohne klinische Bedeutung sein kann. Entweder ist der Patient hochgradig reaktiv und reagiert auf alles allergisch, ohne dass sich dies in der alltäglichen Begegnung mit Allergenen wiederholen müßte, oder der Patient reagiert in einer Testserie selektiv u.a. auf Hausstaubmilbe, ohne jemals Beschwerden in dieser Richtung gehabt zu haben. Das Testergebnis sollte in solchen Fällen nicht dazu führen, dass sich jemand eine Allergie einredet oder einreden läßt.

In manchen Fällen kann es notwendig sein, die nach einem Hauttest erstellte Diagnose durch einen organbezogenen Provokationstest zu untermauern. Mit ihm läßt sich z.B. direkt nachweisen, ob ein bestimmter Stoff Asthma auslöst. Dies ist insbesonders wichtig beim Nachweis eines berufsbedingten Asthmas. Dabei wird zunächst durch einen Lungenfunktionstest die "Krampfbereitschaft" der Atemwege festgestellt. Dann atmet der Patient das in Frage kommende Allergen in steigender Konzentration ein, bis ein leichter Asthmaanfall eintritt.

Auch bei Nahrungmittelallergien können in seltenen Fällen Provokationstests angebracht sein. Ohne dass der Patient weiß, welche Substanz gerade getestet wird (Blindversuch), werden verdächtige Nahrungsmittel zugeführt. Die eindeutigste Aussage über die Reaktionen auf bestimmte Nahrungsmittel im Magen-Darm-Trakt kann man durch Röntgenkontrolle nach Verabreichung eines Kontrastmittels erhalten. Die Stärke der beobachteten Darmkontraktionen wären Hinweise auf die Allergie.

Provokationstests in der beschriebenen Form dürfen nur in Kliniken durchgeführt werden.

Labortests:

Zwei Arten von Bluttests können zur Diagnose von Allergien eingesetzt werden: Man kann die Zahl der eosinophilen Granulozyten bestimmen oder das im Blut zirkulierende IgE. Bei den eosinophilen Granulozyten handelt es sich um eine Sorte der weißen Blutkörperchen, deren Anteil an der Gesamtzahl der Leukozyten normalerweise 4% beträgt. Bei einer allergischen Reaktion steigt der Prozentsatz auf 20% und mehr. Durch die leichte Anfärbbarkeit dieser Leukozyten mit dem roten Farbstoff Eosin (daher der Name) läßt sich diese Untersuchung problemlos durchführen. Das Ergebnis ist aber nicht eindeutig, da u.a. auch bei Wurmbefall und bestimmten Hautkrankheiten die Anzahl der Eosinophilen ansteigt.

Schnell durchgesetzt haben sich in den letzten Jahren bei der Allergiediagnostik verschiedene Testverfahren auf IgE im Blut.

Zur Bestimmung des Gesamt-IgE beim PRIST (Papier-Radio-Sorbens-Test) bringt man z.B. Filterpapierscheiben, an die Antikörper gegen IgE gebunden sind, mit Patientenblut in Kontakt. Das IgE des Patientenbluts bindet sich an das Anti-IgE. In einem zweiten Schritt wird radioaktives Anti-IgE zugegeben. Dieses bindet sich an die Antikörper der Gruppe E aus dem Patientenblut und kann gemessen werden. Zur Bestimmung spezifischer IgE-Antikörper verwendet man z.B. beim RAST (Radio-Allergo-Sorbens-Test) Papierscheibchen, an denen Allergene haften (z.B. Allergenextrakt von der Hausstaubmilbe), mit denen sich die Antikörper aus dem Patientenblut fest verbinden.

 

Behandlungsmöglichkeiten:

Grundsätzlich läßt sich eine Allergie nicht ursächlich heilen. Wer verhindern will, dass seine Allergie immer wieder ausbricht, muß versuchen, das entsprechende Allergen konsequent zu vermeiden. Wenn also der Stoff identifiziert ist, auf den ein Mensch mit Schnupfen, Asthma, Magenkrämpfen, Nesselsucht oder einem Ekzem reagiert, ist in vielen Fällen der erste Schritt zur Lösung des Allergieproblems getan: Der Fischallergiker verzichtet auf Fisch, der Nickelallergiker auf Modeschmuck aus Nickel, der Katzenallergiker geht Katzen aus dem Weg, usw.

So einfach ist es aber nicht immer. Abgesehen von den Fällen, in denen sich ein Kontakt mit dem Allergen nicht vermeiden läßt (z.B. bei Pollen und Hausstaub), wird die Expositionsprophylaxe z.B. durch fehlende Deklarationspflicht erschwert: Wer kommt schon auf die Idee, dass man viele Wurstsorten, Instantsaucen, manche Joghurtsorten, Pudding und Eis meiden muß, wenn man gegen Guarmehl, einem viel verwendeten, namentlich aber meist nicht erwähnten Bindemittel allergisch ist? Und welcher Laie weiß schon, dass sich hinter der Nr. E 102 ein Färbemittel für Lebensmittel verbirgt, das ebenfalls Allergien verursachen kann?

Weil es keine Deklarationspflicht für Träger- und Hilfsstoffe von Arzneimittel gibt, kann der Verbraucher (und der Arzt) nicht feststellen, ob etwa ein angeblich mit dem vertrauten Arzneimittel identisches preiswerteres Generikum tatsächlich identisch ist. Deklariert werden muß nur die vergleichsweise geringe Wirkstoffmenge. Ähnlich problematisch für den Allergiker ist der Bereich der Naturkosmetika: Einerseits sind Naturstoffe prinzipiell weniger riskant für den Allergiker als "künstliche" Stoffe. So werden vermehrt Allergien gegen die Ringelblume, die gern für Naturkosmetika benutzt wird, beobachtet. Andererseits erhalten viele der als natürlich angepriesenen Substanzen Zusatzstoffe (insbesondere für die Konservierung), die in geringen Konzentrationen nicht genannt werden müssen, aber Allergien auslösen können. Eine Verpflichtung zur Deklaration möglicher allergener Substanzen fehlt bis heute.

Nur der Allergiker, der bereit ist, sich in seinen Konsumgewohnheiten stark einzuschränken und nur erprobte Stoffe zu benutzen bzw. aufzunehmen, kann sich auch gegen "versteckte" Allergene schützen. Diese Konsequenz hilft ihm natürlich nur, so lange bei den ihm vertrauten verträglichen Produkten nicht (ohne Deklaration) die Zusammensetzung oder die Verarbeitung geändert wird und es keine versehentliche Kontamination mit für ihn gefährlichen Stoffen gegeben hat.

Problematisch ist zudem eine dem Laien nicht bekannte und auch oft nicht plausible "Verwandtschaft" zwischen vielen Stoffen: so muß z.B. derjenige, der gegen Birkenpollen allergisch ist, auch grüne Äpfel, Nüsse, Steinobst und Sellerie wegen der gemeinsamen Allergenstruktur von Inhaltsstoffen meiden.

Kann ein Allergiker "seinem" Allergen nicht aus dem Weg gehen, wird der Arzt versuchen, wenigstens die Symptome zu lindern. Bei der Allergie vom Soforttyp, bei der die Ausschüttung von Histamin das Hauptproblem darstellt, werden Antihistaminika oder Cortisonpräparate eingesetzt. Diese führen zum Abklingen der Beschwerden, verhindern aber nicht das Auftreten einer allergischen Reaktion beim nächsten Antigenkontakt. Antihistaminika führten früher zu Müdigkeit und verminderter Reaktionsfähigkeit (Fahruntüchtigkeit). Heute gibt es Präparate, die diesen unangenehmen und gefährlichen Nebeneffekt nicht haben. Trotzdem können Cortisonpräparate unbedenklich nur für kurze Zeit angewendet werden, weil sie sonst die körpereigene Hormonproduktion unterdrücken und u.a. den Knochenstoffwechsel stören. Asthmatiker müssen praktisch immer ein Aerosol (Spray mit Bronchodilatoren) zur Hand haben, um sich bei einem Anfall durch Inhalation Erleichterung zu verschaffen.

Weil Reaktionen der Haut und der Atemwege auch psychisch beeinflußt werden, helfen vielfach bei Neurodermitis und Asthma autogenes Training und Psychotherapien, die Anfallhäufigkeit und -heftigkeit zu verringern. Wenn Asthmatiker und Neurodermitiker lernen, Streß- und Konfliktsituationen besser zu bewältigen, können sie damit auch ihre Allergiesymptome lindern. Besonders bei Neurodermitis werden zudem verschiedene weitere Behandlungsverfahren, z.B. Diäten, Strahlentherapien, "Kratzsteinchen" zur Ablenkung bei Juckanfällen, mit unterschiedlichem Erfolg durchgeführt.

Bei Allergien mit schweren chronischen Beeinträchtigungen wird häufig eine Hyposensibilisierung (früher: Desensibilisierung) versucht. Durch Injektionen mit Allergenextrakten in steigenden Konzentrationen soll das Immunsystem stimuliert werden Antikörper zu produzieren, die sich mit den Allergenen verbinden, ehe sich diese an die IgE-Antikörper auf den Mastzellen "andocken".

Verfahren und Erfolg dieser Therapie sind umstritten, zumal immer wieder schwere Nebenwirkungen auftreten. Ungeeignet ist eine Hyposensibilisierung bei Personen mit breitem Allergenspektrum, sinnvoll dagegen bei ausgeprägten Allergien gegen Hausstaub und Pollen. Diesen Allergenen kann man nicht ausweichen. Selbst wenn die eigene Wohnung milbenfrei zu machen wäre, käme es zwangsläufig immer wieder zu Allergenkontakten, weil man in anderen Wohnbereichen, Hotels, Büros usw. mit Milben rechnen muß. Ein Heuschnupfen, der den Allergiker ein paar tage pro Jahr plagt, ist kein Grund für eine Hyposensibilisierung, wohl aber anhaltender Schnupfen und Asthmaanfälle während der gesamten Blühperiode. Bei Menschen mit heftigen Reaktionen auf Bienen- und Wespenstiche kann die Hyposensibilisierung lebensrettend sein.

 

Allergie und Lebensqualität:

Macht man sich bewußt, welche weit über das rein Medizinische hinausgehenden Probleme für einen Allergiker mit seinem Leiden verknüpft sein können, versteht man, dass die Allergie inzwischen als eine der großen Volkskrankheiten bezeichnet wird. In vielen Fällen muß der Kranke selbst durch geradezu detektivischen Eifer den Stoff herausfinden, auf den er allergisch reagiert, um ihn dann möglichst meiden zu können. Bei Kindern sind es oftmals die eigenen Eltern, die unbewußt das Allergieproblem ihrer Kinder verstärken, etwa durch Vorhaltungen, sich nicht so anzustellen und zu essen, was auf den Tisch kommt.

Mit dem wissen um seine Allergie oder die Auslöser wird das Problem für einen Allergiker kaum leichter:

Die häufigsten Allergene sind: (Häufigkeitsverteilung der Allergene in % bei mehr als 15450 Patienten. Da viele Menschen auf mehrere Stoffe allergisch reagieren, ist die Summe der Prozentzahlen höher als 100).

30% Schimmelpilze: Deren Sporen rufen meist Atemwegssymptome hervor. Sie gedeihen besonders gut in feuchten Räumen, Kllimaanlagen oder Nahrungsmittel.

21% Zusatzstoffe: Die ganze Palette allergischer Reaktionen rufen chemische Zusätze in fertiger Nahrung hervor aber auch natürliche Zusätze wie Enzyme. Und diese bleiben oft undeklariert.

20% Milben: Diese winzigen Spinnentiere sind die wichtigsten Allergenquellen in Innenräumen. Nach neuen amerikanischen Daten verursachen sie 80% der Asthmaerkrankungen im Kindesalter.

16% Pollen: Besonders oft lösen Pollen etwa von Gräsern allergischen Schnupfen aus, der häufig mit Bindehautentzündung und Kopfschmerz einhergeht. Morgens ist die Pollenkonzentration in der Luft am höchsten.

14% Nahrungsmittel: Jegliche Nahrung, vor allem Milch und Hühnerei, Nüsse oder Fisch, kann Allergikern zu Magen- und Darmbeschwerden führen, mitunter aber auch zu lebensbedrohlichen Schocks.

12% Arzneimittel: Antibiotika oder manche Schmerzmittel gelten als gefürchtete Allergene. Außer Hautausschlag können sie Schocks und Blutschäden bewirken.

8% Haustiere: Katzen, Meerschweinchen und Hunde (seltener) können Dauerschnupfen und auch schweres Asthma verursachen. Allergen wirken Eiweiße aus Haut, Speichel oder Urin.

 

 

Allergien auf dem Vormarsch:

Sicher ist, dass Allergien geradezu explodieren. Doch in welchem Umfang, ist nur aufwendig zu ermitteln. Gelungen ist das in Schweden etwa beim Heuschnupfen Jugendlicher (linkes Diagramm) und in Dänemark bei der Neurodermitis von Kindern (rechtes Diagramm).

 

 

 

 

 

 Allergiehäufigkeit nach Alter

Bei einer Befragung des Instituts für Demoskopie Allensbach 1959 gaben z.B. 12% der Befragten (ab 16 Jahren) an, unter Heuschnupfen zu leiden. Bei einer Wiederholungsbefragung 1985 lag der Prozentsatz unverändert bei 12%, diesmal sagten aber 60% der Befragten aus, dass sie jemanden mit Heuschnupfen kennen. Diese Aussage machten 1959 nur 33%.

Die Zunahme der Allergien in den letzten Jahrzehnten könnten mit der erhöhten Schadstoffbelastung, oder damit dass das menschliche Immunsystem sich seltener als früher mit Parasiten (vor allem mit Würmern) auseinandersetzen muß und somit frei für neue Ziele wird, zusammenhängen.

 

 

 

Beispiel: Kuhmilchallergie

Von den Proteinen, die in der Kuhmilch enthalten sind, gilt das Kasein, das bis zu 86% des Gesamtgewichts an Milcheiweiß ausmacht, als das bedeutendes Allergen. Seine allergene Wirkung wird auch durch Kochen nicht beseitigt. Als Hauptallergen ist jedoch trotz seines vergleichsweise geringen Anteils von bis zu 12% das ß-Laktoglobulin anzusehen. Es verliert durch Erhitzen nur einen Bruchteil seiner Allergenität und kann zudem durch die Enzyme im Magen-Darm-Trakt kaum gespalten werden.

Eine Kuhmilchallergie zeigt sich in der Regel bereits in den ersten Lebensmonaten eines Kindes. Die Angaben darüber, wie viele Säuglinge allergisch gegenüber einem oder mehreren Milchproteinen reagieren, schwanken zwischen 0,1% und 13%. Bei Erwachsenen tritt eine derartige Unverträglichkeit seltener auf. Bei manchen Milchallergikern äußert sich die Überempfindlichkeit sofort in Magen-Darm-Beschwerden (Erbrechen, Krämpfe, Durchfall), Hautveränderungen (Nesselsucht, Ödemen), Atembeschwerden (Asthma) oder sogar einem Kreislaufschock (vgl. Allergietyp 1). Im Blut können vermehrt Immunglobuline der Klasse IgE nachgewiesen werden. Bei anderen Milchallergikern treten erst nach Stunden oder Tagen allergische Symptome auf; dabei ist der IgE-Spiegel im Blut nicht erhöht. Bei einigen Säuglingen sind sogenannte "Gedeihstörungen" das einzige Indiz für eine Milchunverträglichkeit.

Eine Milchallergie läßt sich durch die Bestimmung der IgE-Antikörper im Blutserum nachweisen. Allerdings ist das Verfahren, der RAST-Test, aufwendig und mit Unsicherheiten verbunden. Hauttests lassen ebenfalls keinen eindeutigen Schluß zur Erkennung einer Kuhmilchallergie zu. Außerdem werden sie bei Säuglingen und Kleinkindern nicht angewandt, da sie sehr unangenehm sind. Provokationstests, bei denen den Betroffenen spezifische Eiweißbestandteile der Kuhmilch zugeführt werden, dürfen aufgrund der Gefahr eines anaphylaktischen Schocks nur in Kliniken durchgeführt werden.

Erste Hinweise auf die Ursache der Allergie können einem Allergietagebuch entnommen werden. Hierbei werden sowohl die verzehrten Lebensmittel als auch allergische Reaktionen und sonstige Auffälligkeiten mehrere Wochen lang sorgfältig notiert. Bei Verdacht auf ein bestimmtes Allergen werden mögliche allergenhaltige Nahrungsmittel in einer Eliminationsdiät für 5 bis 10 Tage vom Speiseplan gestrichen.

Wurde das Allergen eindeutig identifiziert, kann sich der Allergiker nur durch konsequentes Vermeiden dieses Stoffes vor weiteren allergischen Reaktionen schützen. Manche Kuhmilchallergiker vertragen gekochte Milch, Butter und Sahne, müssen aber Ziegen-, Schafs- und Stutenmilch ebenfalls meiden, weil die Gefahr von Kreuzreaktionen besteht. Auch gegenüber Sojamilch kann ein Kuhmilchallergiker sensibilisiert sein.

Vor allem für Kleinkinder wurden sogenannte hypoallergene Hydrolysate entwickelt, die keine länger kettigen Peptide enthalten und daher von fast allen Kuhmilchallergikern vertragen werden. Nachteilig ist jedoch ihr leicht bitterer Geschmack.

Der beste Schutz zur Verhinderung von Nahrungsmittelallergien im Säuglingsalter besteht im Stillen bis zu mindestens sechs Monaten nach der Geburt. Auf diese Weise wird die Zufuhr von Fremdproteinen, die durch den Darm aufgenommen werden und zu einer Sensibilisierung führen können, zeitlich so lange hinausgezögert, bis der kindliche Organismus z.B. genügend IgA-Immunglobuline bildet. Diese verhindern beim Erwachsenen das Eindringen von Fremdeiweißen durch die Magen-Darm-Schleimhaut in den Blutkreislauf und damit die Bildung entsprechender Antikörper. Allerdings können bei einer kuhmilchreichen Ernährung der Mutter auch allergene Stoffe in die Muttermilch übergehen und beim Stillen vom Kind aufgenommen werden. Auch eine intrauterine Sensibilisierung wird diskutiert, vor allem in Atopikerfamilien.

Untersuchungen haben übrigens gezeigt, dass die IgE-Produktion von Säuglingen durch Zigarettenrauch stimuliert wird. Ein vierfach erhöhtes Risiko für eine Allergie besteht auch, wenn die Mutter während der Schwangerschaft raucht.