In Gott's Nam'

Anekdote zu den Dreharbeiten von ERDSEGEN 
im steirischen Gasen, 1985
(TV-Film nach dem Roman von Peter Rosegger, Drehbuch Felix Mitterer)
zum Film


  Alexander Wagner und Siegl beim Biefrühstück, sponsored by Gösser Bräu. Zur Stab- und Besetzungsliste ERDSEGEN bitte KLICKEN !


„In Gottes Namen“, ein Satz von durchaus zumutbarem Umfang - zumal für einen erstrangigen Schauspieler. Sollte man meinen. Schon gar, wenn es sich dabei um die einzige verbale Absonderung handelt, die es im Zuge eines Drehtages zu bewältigen gilt. Die Szene im Detail:
Grossaufnahme des Mimen im Türspalt, resignativer Blick auf den Partner, dann: „In Gott’s Nam’“. Türe zu - Affe tot. Später ein „Danke, für mich o.k.“ seitens der rundum geschätzten Regisseurin Karin Brandauer und Umleuchten auf die nächste Einstellung. So hatten wir uns das gedacht.
Wir alle. 
Einschliesslich des geliebten Kollegen Alexander Wagner, der sich durch ein legendäres Langzeitgedächtnis auszeichnete. Die Aufstellung im drittletzten Spiel der österreichischen Eishockeynationalmannschaft anno 1951 ?
"Die haben in dem Jahr überhaupt nur dreimal gespielt, somit war's eigentlich das erste Match. Wurscht, im Tor stand jedenfalls der..."

Ein wenig anders stand es um seine Fähigkeit, sich Rollentexte anzueignen. Zwar fanden in seine cerebrale Datenbank alle Informationen wertfrei Eingang, die nichts mit seiner beruflichen Tätigkeit zu tun hatten. Zu verkörpernde Figuren hingegen mussten eine Art Sympathiefilter passieren, um vor seinem Gedächtnis Gnade zu finden.
Eine, im gegenständlichen Fall, sträflich unterschätzte Hürde. 
Kollidierte doch der ihm zugedachte Text (In Gott’s Nam’) auf’s Heftigste mit einem von religiösem Eifer getragenen Atheismus.
Dementsprechend hatte sich seine Freude über den bevorstehenden Drehtag in Grenzen gehalten und mindestens ein Magenbitter zuviel die vorangegangene Nacht nennenswert verkürzt.

Es begab sich jedenfalls, dass der gesamte Tross verabredungsgemäss in dem tiefverschneiten Bergbauernhof einlangte, der seit Wochen unseren Arbeitsplatz darstellte. Die allerorten aus den Schneemassen lugenden Marterln hatten den bedenklichen Zustand unseres gottlosen Freundes nur unwesentlich verbessern können. Also waren wir darauf bedacht, den kümmerlichen Rest der am Vortag begonnenen Szene kurz und schmerzlos in den Kasten zu bringen:
Der gläubige Landmann erlaubt dem, aus der Stadt zugereisten Knecht die Lektüre politischer Schriften. Dies mit den Worten - man ahnt es - : „In Gott’s Nam“
Ein beneidenswert dürftiges Programm also, für einen
alkoholgeschwächten Mimen.

„Axel, brauchst du eine Probe ?“

Karin’s auf Verneinung abzielende Frage wurde offensichtlich nur vom Schweizer Kameramann wahrgenommen:

„Natürlich braucht ER keine. Aber vielleicht dürfte ich einmal sehen, was da passiert.“

Dem Wunsch des pikierten Bildkünstlers wird entsprochen. 
Schamlos uninspiriert fixiert mich Axel also durch den Türspalt, deutet ein hilfloses Kopfschütteln an und verschwindet hinter der sich schliessenden Öffnung.
Der Kameramann, sichtlich ungerührt hinter seiner schwarzen Mühle:
„Aha, isch das alles ?“

"Im Prinzip ja“, meldet sich die dick vermummte Regieassistentin, „ausser, dass da noch ein „In Gott’s Nam“ steht. Oder habt ihr das gestrichen ?“

„Nein, nein das kommt“ tönt es von der Chefin. „Also bitte noch einmal mit Text und dann drehen wir. Ruhe bitte, Probe los, Axel bitte !“

Dieser mit dünnem Stimmchen: „Drehen wir schon ?“

„Nein Axel, Probe.“

„Gut. Also ich schau’ ihn an“ - Er tut es.
„Dann habe ich mir gedacht... Vielleicht deute ich so einen kurzen Kopfschüttler an.., kann ich das machen ?“

„Natürlich, alles wie vorher.“

Ein vorsichtiges Hin und Her des brummenden Schädels ist die Folge.

„Ja, dann sag’ ich das und schliesse die Türe.“ 
Was auch geschieht.

Der Tonmann mischt sich ein: „Was ist jetzt, kommt da ein Satz oder nicht ? Wäre für mich nicht uninteressant !“

„JAA KOMMT“, brüllt es durch die geschlossene Tür.

Kinder, bitte keine künstliche Aufregung, alles wird gut !“
Damit bemüht Karin einen Filmsager, der stets dann zur Anwendung kommt, wenn das Betriebsklima zu kippen droht, bevor noch ein Zentimeter Material belichtet wurde. 
Der Mann mit den Kopfhörern grantelt noch etwas von „Hmhm, Stummfilm.“, dann die Kommandos „Ton ab“, „Kamera“, jeweils durch ein knappes "läuft" quittiert, dann "klapp" und

„Axel bitte.“

Wir anderen kauern erbärmlich frierend im Off und blicken in das pastellgrüne Antlitz unseres Kollegen. Dieser beschämt in nicht enden wollendem Augenrollen alles, was jemals eine Bühne betreten hat, beutelt sich wie ein regennasser Hund und spricht:

„VERGELT’S GOTT.“

Das vereinbarte Türschliessen geht in dem befreiten Auflachen aller Anwesenden unter.
Der Kameramann wusste nun um das exakte Timing des Ablaufs, der Tonmann hatte seinen Probedurchgang gehabt. Wenn auch mit geringfügig modifiziertem Text. Karin schliesslich zeigte sich erleichtert darüber, dass der unwirsche Protagonist die Atmosphäre durch eines seiner beliebten Scherzchen entspannt hatte.
Und auch Axel selbst , der solches eigentlich nicht vorgehabt hatte, rang sich ein irritiertes Schmunzeln ab, ob seines unverhofften Lacherfolges.
Doch Zeit ist Geld und schnell fand man wieder zurück in die professionelle Konzentration.

„O.k. Axel, bei dir alles klar ? Du weisst: In Gott’s Nam’.“

„Ja natürlich, entschuldigt !“

Ton, Kamera, Klappe - und "bitte los !"

Ich fixiere den zuvor so pointiert Gestrauchelten mit der gebotenen Ernsthaftigkeit , blicke dabei jedoch in den Prototypen jenes ausdruckslosen Augenpaares, vor dem auch die mieseste Schauspielschule warnt. Derart kuhhaftes Geglotze verheisst selten Gutes.
Doch in entscheidenden Momenten ist auf Axel Verlass. Und bevor ich noch in den, für solche Fälle zwingend vorgeschriebenen, hysterischen Lachanfall ausbreche, rettet mich der väterliche Freund mittels der bedeutendenVariante:

„Tja also.....UM GOTTES WILLEN.“ Tür zu.

Ein kurze Schrecksekunde, dann kennt die Begeisterung keine Grenzen. 
Von Jaulkrämpfen geschüttelt, fallen einander die Expeditionsteilnehmer um die beschalten Hälse und versuchen ihrer Heiterkeit Herr zu werden.
Axel steht derweil verständnislos in der Tür. Er hatte vergeblich auf das obligate „Danke“ gewartet und sieht sich nun diesem Käfig voller Narren gegenüber. In der festen Meinung, drehbuchgetreu wie lange nicht mehr gearbeitet zu haben. Aus seiner Sicht durchaus verständlich:
War nicht das Wort „Gott“ zur Anwendung gekommen ? Und ob jetzt etwas in Gottes Namen, oder in dessen Willen zu geschehen habe...
...also bitteschön !

Den Kollegen darüber aufklärend, dass es im christlichen Sprachgebrauch durchaus einen gewissen Unterschied darstelle, ob einer halt „in Gott’s Nam’“ oder eben „um Gottes Willen“ seine Zeitung lesen solle, sahen wir uns unversehens dem tiefempfundenen Mitleid unseres Gegenüber ausgesetzt. Manche wollten sogar Spuren von Verachtung wahrgenommen haben.
Aber bitte, wenn wir darauf Wert lägen, natürlich könne man es noch einmal drehen, das sei ja keine Hexerei, von ihm aus auch mit dem verblödeten „In Gott’s Nam’“. Dem wir heuchlerische Brut anscheinend sklavisch anhingen.
Die vorangegangene Aufnahme solle man aber unbedingt kopieren lassen, er hätte sich dabei „recht wohl gefühlt“.

„Axele“, flötet die auch in pädadogischen Dingen erfahrene Regiedame. „Axele, ich weiss dass du’s kannst, alle wissen das...“

„Nenn’ mich nicht Axele, ich bin ja nicht schwachsinnig.....sag mir lieber noch einmal, wie das jetzt richtig heisst. Gottseibeiuns ?“

Ein abermals zu glucksen beginnender Requisiteur wird des ohnehin zu engen Schauplatzes verwiesen.

„In Gott’s Nam’, Alexander. Drei Wörter und wir haben's.“

Foto: KRONENZEITUNG

Sechsundzwanzig/Fünf/die dritte und „Axel bitte !“

Als alter Hase weiss er natürlich, dass mein flattriges Zwerchfell einem längeren Blick nicht mehr standhalten würde. Ansatzlos und ohne ursprünglich angebotenes Geschüttel kommt er zur Sache:

„GOTT SEI DANK !“

Ein triumphierendes Lächeln begleitet die finale Türschliessung. Stille.

„Danke ! Axele,...kannst wieder hereinkommen.“

Gestorben ?“, fragt er leicht mitgenommen, aber mit sich im Reinen.

5 Mann melden sich unisono zu einer Pinkelpause ab.

„Axilein, weisst du was du gerade gesagt hast ?“

„Ja, war eine schwere Geburt....das heisst ich bin fertig für heute, oder ?“

„Sorry, Mäusepfötchen, aber du hast GOTT SEI DANK gesagt, heißen tut's aber IN GOTT'S NAM'. Hör dir’s an.“

Mittlerweile leichenblass lässt er sich vom hochmütig grinsenden Tonmann die Kopfhörer überstülpen und lauscht. 
Ein Ruck durchfährt seine hagere Gestalt und mannhaft rennt er Richtung Tür.
„Dann machen wir es halt noch einmal, in Gott’s Nam...“

Ein vielkehliger Aufschrei: „Ja das isses.., jetzt hast du’s !“ 
„Auf geht’s, läuft !“
schreien Ton und Kamera ebenso durcheinander wie unaufgefordert in die eisige Kammer.

„Action !“

Und tatsächlich: Bereits der ausdrucksstarke Blick, beseelt vom Geist der gestern gedrehten Szene, lässt keinen Zweifel zu - er hat es. Und wie aus einem Guss lösen sich aus dem demütigen Christenhaupt die ersehnten Klänge:

„In Gott’s Nam’...“

Atemlose Stille, der Rest ist nur mehr Formsache. Jetzt nur kein Stuhlknarren oder ähnlich Sträfliches, das den Tonmann zum Abbruch der kostbaren Aufnahme veranlassen könnte. 
Ausgerechnet der Nämliche aber ist es, der uns unvermittelt aus der Andacht reisst. Sein entnervt gezischtes
„Ja Herrgott, ist denn das so schwer ??!“
ruft rundum lautlose Fassungslosigkeit hervor. Je nach Temperament näher an Mordlust oder Weinkrampf. Nur ein kläglich nachgereichtes:
“...oder hat das jetzt eh g’stimmt ?“,
rettet den unglücklichen Bandmaschinisten vor der Lynchjustiz. 
Der innert Sekunden zur Jammergestalt verkümmerte Toningenieur wird durch einen der zurückgekehrten Fluchtpinkler ersetzt.
Die Gründe für den Abbruch der im Folgenden in Angriff genommenen Klappen fallen allesamt in die Kategorie „Höhere Gewalt“. Nicht ein einziges Mal war an Axels „In Gott’s Nam’“ etwas auszusetzen gewesen.

Trotzdem: 26/5/die vierzehnte.

Klapp......“und Axel !“

Blick, Kopfschütteln und bereits in Trance: „In Gott’s Nam’"

„Danke, das war’s. Umbau !“

Da reagiert der befreite Kollege ansatzlos:

„HEILIGE MARIA MUTTER GOTTES, ICH DANKE DIR !“

© 1999 - 2014 by Dietrich Siegl
im gedenken an die zu früh gegangenen kollegen KARIN BRANDAUER und ALEXANDER WAGNER.

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