Immuntoleranz

Medizinalrat Dr. med. univ. Ferdinand SILBERBAUER

Immuntoleranzinduktion –
entscheidender Fortschritt auf dem Gebiet der Organtransplantationen

Transplantationschirurgen und Organempfänger aus aller Welt wünschen sich schon seit Jahren eine Methode, welche die Abstoßungsreaktion bei transplantierten Organen unmöglich macht. Diese Methode wurde von mir schon 1990 [3] erörtert, aber leider ohne positive Reaktion von kompetenten Chirurgen. Nun hat sich aber durch Beispiele aus Israel, Italien und der USA gezeigt, daß meine Theorie stimmt. In diesem Beitrag werden zuerst theoretische Oberlegungen und dann konkrete Beispiele von Immuntoleranzinduktion erörtert.

Wir wissen schon einerseits vom Medizinstudium her und andererseits aus der praktischen medizinischen Erfahrung, daß zweieiige Zwillinge mit verschiedenen Blutgruppen, welche über ihre Plazenten miteinander verbunden waren, zeitlebens die Blutgruppe des anderen Zwillings tolerieren. Ebenso wissen wir, daß bakterielle Infektionen im Knochenmark aus eigener Kraft nicht abgewehrt werden können, und ebenso wissen wir, daß Mikrometastasen von Malignomen im Knochenmark die Abwehr des Malignoms verhindern.

Nun, was haben diese drei erwiesenen Tatsachen gemeinsam?
Es ist nicht unter anderem die schlechte Durchblutung im Knochenmark, welche eine Abwehr im Knochenmark verhindert, wie einmal ein Kollege behauptete [4], sondern das gemeinsame Faktum ist der Kontakt von Fremdantigenen mit dem unreifen Immunsystem des Knochenmarks! Dieser Kontakt löst nun im Knochenmark die Bildung von Immuntoleranzfaktoren aus, welche von dort aus in die Peripherie wandern und das gesamte Immunsystem so programmieren, daß keine Abwehr- reaktionen gegen die besagten Antigene mehr erfolgen. Das können nun fremde Antigene des HLA-Systems oder Bakterien oder Allergene sein. Bei Antigenen des HLA-Systems und Allergenen ist hier Immuntoleranz erwünscht, bei Bakterien aber unerwünscht.

Wie können wir nun konkret bei Organtransplantationen die Abstoßungsreaktion verhindern?
Indem wir vom Organspender zusätzlich HLA-kompetente Zellen gewinnen und in den Knochenmarkraum des Organempfängers implantieren. Das können z.B. Zellen vom Bauchnetz oder Knorpelzellen des Spenders sein (Knorpel wird durch Diffusion ernährt!), welche man problemlos entnehmen kann. Nur bei der Knochenmarktransplantation sieht das anders aus: wenn der Leukaemiekranke nach Vernichtung des eigenen primären Knochenmarks vom empfangenen sekundären Knochenmark eine Graft-versus-Host-Reaktion (GVHR) hat oder eine solche zu befürchten ist, so nimmt man eine Aufschwemmung HLA-kompetenter Zellen vom Empfänger und injiziert sie in den Knochenmarkraum des Empfängers, wo sich das unreife Immunsystem des sekundären Knochenmarks befindet. Somit wird auch hier die erwünschte Immuntoleranz induziert.
Und nun zu den konkreten Beispielen von Organtransplantationen, bei denen dieses Prinzip verwirklicht wurde:
Dr. Susanne Ildstad [2] an der Universität von Pittsburg führte nach Versuchen an der Maus in einer Pilotstudie bei fünf Patienten eine Organtransplantation durch, wobei als Begleitaktion auch Knochenmark vom Organspender mittransplantiert wurde, nachdem die T-Helferzellen daraus entfernt aber die sogenannten Förderzellen belassen worden waren. Es kam weder zu einer Organabstoßung noch zu einer GVHR, obwohl bei vier Patienten nur drei Oberflächen-Antigene des HLA- Systems statt der sonst üblichen sechs übereinstimmten und bei einem Organempfänger überhaupt keine HLA-Obereinstimmung bestand.

Was war geschehen?
HLA- kompetente Zellen des Spenders kamen in Kontakt mit dem unreifen Immunsystem im Knochenmarkraum des Empfängers. Aber auch umgekehrt entstand ein Kontakt von HLA-kompetenten Zellen des Empfängers mit dem unreifen Immunsystem des Spenders, denn die Stammzellen vom Spender, ebenso wie die des Empfängers, teilen sich und bilden bei ihrer Entwicklung HLA-Oberflächenantigene aus. Es kam also zu einer Kreuz-Immuntoleranz-Induktion. Demnach hätte sich die Kollegin die Entfernung der T-Helfer-Zellen sparen können und hätte den gleichen Erfolg gehabt, d.h., sie benötigte bei keinem der Organempfänger Immunsupressiva.

Beweis:
Prof. Y air Reisner [1] vom Weizmann-Institut in Israel führte bei zahlreichen Leukaemiekranken eine Knochenmarktransplantation durch, ohne vorher das Empfängerknochenmark zu zerstören. Auch hier stimmten die HLA-Oberflächenantigene unkonventionell selten überein, und es kam auch nach Monaten zu keiner GVHR. Auch hier wurden keine Immunsupressiva benötigt. Allerdings wurden dabei die Leukaemie- Stammzellen nicht zerstört, ein Nachteil für den weiteren Krankheitsverlauf.
Richtig wäre gewesen, die Leukaemiezellen zu zerstören, dann eine Knochenmarkspende durchzuführen und gleichzeitig HLA-kompetente Zellen aus dem Körper des Empfängers in dessen Knochenmarkraum zu implantieren, damit ein intensiver Kontakt mit dem unreifen Immunsystem des sekundären Knochenmarks entsteht.

Werte Leser, ich hoffe, es befinden sich unter Ihnen kompetente Avantgardisten, welche die Logik dieses Beitrags in die Tat umsetzen wollen!



Quellen:

1.) BILD DER WISSENSCHAFT Nr.4/1995, S.10, 11, "Die Menge machts"
2.) BILD DER WISSENSCHAFT Nr.6/1995, S.106, 108 "Milde Spende"
3.) Dr. F. Silberbauer, "Zur Immuntoleranzinduktion bei Organtransplantationen", ARZTE WOCHE, 4.Jahrgang Nr. 4, S.6
4.) Doz. Dr. Christoph Zielinski, "Tumore sind wenig antigen", ARZTE WOCHE, 4. Jahrgang, Nr.4, S.6
5.) Medical Tribune Nr.40, 4.Okt. 1991, S.16 "Artfremde Transplantate überleben ganz ohne Immunsupression!
6.) Arzt und Praxis,49. Jahrgang, 731, S.560, "Lebertransplantation bei Erwachsenen"