Wissenschaft

Medizinalrat Dr. med. univ. Ferdinand SILBERBAUER

Radiosensitizing mit schweren Atomen - ein Ansatz für eine neue, effizientere Strahlentherapie

CURRICULUM oncologicum, Jahrgang 5/95, 02

Zusammenfassung:

In diesem Bericht wird der Ansatz für eine neue, wirksamere Art von Hochvolttherapie gezeigt, indem man in ein Malignom selektiv möglichst viele schwere Atome einbringt, welche dann im Tumor wesentlich mehr zerstörende Energie freiwerden lassen, als das sonst der Fall wäre. Ein Großteil der Strahlenenergie, weiche den Tumor einfach durchdringen würde, ohne ihn zu schädigen, wird durch die Schweratome, ähnlich wie durch Antennen oder Blitzableiter, gezwungen, im Tumor selektiv frei zu werden. Je mehr Elektronen, entsprechend der Ordnungszahl eines Schweratoms, in der Atomhülle sind und je mehr von diesen Schweratomen in einem Tumor selektiv eingelagert sind, desto mehr zusätzliche Energie wird bei der Hochvolttherapie in einem Tumor frei. Das führt zu Heilungen, wo sie sonst nicht möglich wären und stellt in Aussicht, in Zukunft etwa mit der Hälfte der jetzt üblichen Einfallsdosis auszukommen und dabei mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Heilungen zu erzielen.

In diesem Bericht wird erklärt, warum Schweratome, die in einem Tumor eingelagert sind, bei der Strahlentherapie eine erhöhte Herddosis bewirken: durch die Anreicherung eines Tumors mit Schweratomen (z.B. Jod, Go1d oder Platin) wird hier während einer Hochvoltbestrahlung vermehrt die Bildung von Positronen und Elektronen angeregt. Dadurch bedingt entsteht durch die gegenseitige Vernichtung von Positron und Elektron die sogenannte Vernichtungsstrahlung mit der Energie von 0,511 MeV. Diese Ver- nichtungsstrahlung löst nun im Tumor die auf kleinem Raum (Millimeterbe- reich) ablaufenden Compton-Photo-Komplexreaktionen aus, welche räumlich eng an die Schweratome gebunden sind, d.h. bei einem hochenergetischen Comptoneffekt mit einem Schweratom wird ein Elektronenschauer frei und die resultierende niederenergetische Comptonstreustrahlung wird innerhalb einer mittleren Entfernung von 2 mm neben dem Schweratom durch ein Leichtatom (z.B. Sauerstoff, Kohlenstoff oder Stickstoff) mIittels eines Photoeffektes absorbiert. Auch die mittelenergetische Comptonstreustrahlung (um 100 KeV) aus dem umgebenden Gewebe wird zusätzlich mit hoher Incidenz proportional der 4. Potenz der effektiven Ordnungszahl des Tumors im schweratombeladenen Tumorgewebe durch Photoeffekte absorbiert. Mittelschwere Atome wie Zink oder Eisen führen bei Anreicherung im Tumor zu einer vermehrten Photoabsorption der mittel- und niederenergetischen Comptonstreustrahlung aus dem Gewebe um den Tumor.

Nunmehr wird bei der Hochvolttherapie die Wirkung von Schweratomen in einem Tumor zuerst theoretisch und dann an konkreten Beispielen erörtert.

Schon vor Jahrzehnten wurden in der Strahlenphysik (1, 2) die Grundlagen für diesen neuen Ansatz in der Strahlentherapie erforscht, welcher zum Ziel hat, möglichst viele schwere Atome selektiv in ein Malignom einzubringen. Schweratome haben die Fähigkeit, aus Hochvoltphotonen durch hochenerge- tische Comptoneffekte (1, 2) sehr viel mehr Energie zu entnehmen, als dies bei leichten Atomen möglich ist. Dabei werden aus einem Schweratom viele Elektronen auf einmal freigesetzt, wodurch sich ein beträchtlicher Energiean- teil eines Hochvoltphotons verbraucht (1 , 2). Diese freigesetzten Elektronen setzen noch Sekundär- und Tertiär-Elektronen frei (2) und stören und verän- dern die biochemischen Bindungen in den Chromosomen, womit der Zelltod verursacht wird. Die verbleibenden Comptonstreustrahlen werden dann von Schweratomen hauptsächlich durch Photoeffekte (1 , 2) absorbiert, wobei ebenfalls Elektronen freigesetzt werden, welche zerstörend wirken.

Werte Leser, ersparen Sie mir, an dieser Stelle Formeln für die zu erwartende Wirkung anzuführen! Ich fand 1989 (6) Näherungen, welche zeigten, daß die Wahrscheinlichkeit für Elektronenpaarbildung (1, 2), Comptoneffekte und Photoeffekte bei Einlagerung von Schweratomen in einen Tumor steigt und das dabei im CT erzielte Enhancement zur Berechnung der zu erwartenden Herddosis verwendet werden kann (6). Aber es ist schwierig, Energieniveaus von 1 MeV aufwärts bis 25 MV stufenweise in die Formel einfließen zu lassen. Ebenso schwierig ist das Einbeziehen von Sekundär- und Tertiärelektronen in diese Formel. Auch die Ordnungszahl der verwendeten Schweratome spielt eine größere Rolle, als erwartet (3, 4).

In Zukunft sollten wir uns lieber von der Empirie führen lassen. In Wirklich- keit scheinen die Effekte viel stärker zu sein, als die von mir damals errech- neten (3, 4, 5, 8).

Wenn bei hochenergetischen Comptoneffekten niederenergetische Compton-Streustrahlen frei werden und im Umkreis von zwei Millimetern wieder absorbiert werden, so kann man diesen Vorgang als Compton-Photo-Komplexreaktion bezeichnen (6).

Durch solche Compton-Photo-Komplexreaktionen wurde vor 8 Jahren ein junger Mann, der an einem Astrocytom IV im Hirnstamm erkrankt war, ge- heilt. Bei ihm war es durch Einblutungen zu einer starken Eisenpigmentan- sammlung im Tumor gekommen. Die von mir veranlaßte Strahlentherapie mit Kobalt 60 führte bei einer verabreichten Herddosis von nur 50 Gy zur völligen Zerstörung des Tumors. Ähnliche Effekte könnte man jederzeit mit Hilfe von Jodkontrastmittel, wie man es beim CCT verwendet, beim Astrocytom, beim Meningeom und beim Neurinom im Hirnschädel erzielen, wenn man eine Stunde vor einer One-Shot- Therapie mit 20 Gy das Kontrastmittel i.v. verabreicht. Diese Tumoren zeigen nämlich beim CCT ein Enhancement von bis zu 20 Hounsfield-Einheiten, was durch die eingelagerten Jodatome verursacht wird.

Am Astrocytom IV leidende absolute Todeskandidaten könnten schon ab morgen geheilt werden, wenn man diesen höchst einfachen Schritt in die Zukunft wagen würde. Untermauert wird diese Behauptung durch Arbeiten aus Amerika (3, 4) mit einer großen Anzahl von Patienten, welche vom Ra- diosensitizing mit Bromdesoxyuridin (BDU) und Joddesoxyuridin (JDU) be- richten. Jod im JDU ist wesentlich schwerer als Brom im BDU. Jod hat in seiner Hülle 53 Elektronen, Brom nur 35 (1). Jod kann daher mehr Elektronen abgeben, wenn ein Hochvoltphoton "einschlägt"(1).

Obwohl JDU und BDU sich biochemisch gleich verhalten, kommt es beim Astrocytom IV mit JDU als Radiosensitizer zu Zweijahresüberlebensquoten von 68%, beim BDU aber von nur 28%. Man bedenke aber, daß bei diesen Substanzen noch kein Enhancement im CT erkennbar ist. Deshalb braucht man für diese Effekte noch 60 Gy Herddosis.

Im HNO-Bereich bei fortgeschrittenen Carcinomen wurde in Amerika bei 68 Patienten Cisplatin als Radiosensitizer verwendet (5) und damit eine Zwei- jahresüberlebensrate von 53% und eine Fünfjahresüberlebensrate von 32 % erzielt. Platin hat 78 Elektronen in seiner Hülle und führt damit zu diesen er- staunlichen Ergebnissen.

Aber bei einem jodbedingten sichtbaren Enhancement von 20 Hounsfield- einheiten wie beim CCT eines Astrocytoms IV wird man mit einer wesentlich geringeren Herddosis auskommen, wobei man aber eine völlige Zerstörung des Tumors erzielt!

Professor Pfab in Marburg an der Lahn erzielte bei einem cavernösen Rie- senhämanginom (8) im Kopf- und Halsbereich mit einer Einfallsdosis von nur 18 Gy mit harten Photonen der Energie von 10 MeV ein völliges Ver- schwinden des Tumors. In Lissabon wurden cavernöse Leberhämanginome mit Herddosen von nur 20 bis 30 Gy mit Telekobalt gestoppt (9). Diese Effekte werden durch Eisen, welches als mittelschweres Atom der Ordnungszahl 26 sehr massiv in den Erythrocyten des strömenden Blutes der Hämanginome vorhanden ist, durch hochenergetische Comptoneffekte erzielt. Die Elektronen schädigen die Gefäßwände, bevor sie vom Eisen wieder eingefangen werden, was zum Verschwinden des Hämanginoms oder zumindest zum Aussetzen des Wachstums führt.

Vor fünfeinhalb Jahren wurde bei einem Patienten wegen eines Platte- nepithelcarzinoms an der Epiglottis die Epiglottis entfernt. Danach erhielt er eine Telekobalttherapie mit einer Herddosis von 60 Gy. Ich verordnete als Radiosensitizer während der Bestrahlung die Einnahme von Kuper-Selen- Trinkampullen, jeden zweiten Tag eine Ampulle. Er nahm sie auch noch Mo- nate nach der Strahlentherapie ein und ist bis jetzt frei von Rezidiven. Selen hat 34 Elektronen, Kupfer 29 Elektronen in der Atomhülle. Bei Darm- und Mammakarzinomen beobachet man eine gute Aufnahme und Speicherung von verabreichtem Selen in den Krebszellen. Ich nehme an, daB Platte- nepithelkarzinome eine ähnliche Fähigkeit besitzen. Jedenfalls sollte man ein Radiosensitizing mit Kupfer-Selen versuchen, z.B. täglich eine Ampulle Kuper-Selen, um mögliche Chancen zu nutzen. Wichtig ist eine relativ nied- rige Dosierung von Selen, damit nicht der Charakter der selektiven Speiche- rung in den Tumorzellen durch eine erzwungene Speicherung in normalen Körperzellen verlorengeht, wenn man zu hoch dosiert.

 

Bei der Bestrahlung von Plattenepithelkarzinomen im HNO-Bereich ergibt sich folgendes Problem: Wird die Einfallsdosis der Hochvoltbestrahlung größer als 30 Gy, so entsteht mit zunehmender Dosis eine schmerzhafte Mukositis (7) und allmählich auch eine Atrophie der Speicheldrüsen.