Werkstatt
Ökumene; Salzburg, St. Virgil, 25.-
Johannes Wittich: Reformierte
Spiritualität
Einführung:
Unsere
Kirche nennt sich in Österreich „evangelisch H.B.“. Als Selbstbezeichnung ist
uns aber der Begriff „reformiert“ lieber. Auch wenn wir uns jetzt, um die
reformierte Tradition zu verstehen, recht intensiv mit Calvin (und ein wenig
mit Zwingli beschäftigen werden) - meines Wissens nennt sich keine Kirche
offiziell „calvinistisch“, schon gar nicht „zwinglianisch“.
Allerdings war und ist der Einfluss Calvins auf viele nationale protestantische
(nicht nur reformierte) Kirchen enorm. Auch die lutherische (A.B.) Kirche in Österreich
beruft sich in ihrer Kirchenverfassung auf das presbyterial/synodale Prinzip,
eine calvinistische Erfindung. Calvin ist daher nicht verengt
konfessionalistisch zu sehen. Er hat zur Entwicklung einer Vielfalt von Formen reformatorischer
Kirchen beigetragen (Reformierte, Presbyterianer, Kongregationalisten,
Puritaner). Vielmehr möchte ich ihn auch als frühen Ökumeniker
sehen. Genf war in der Zeit Calvins eben auch Anziehungspunkt für verschiedene
Nationalitäten. Es hatte Einfluss auf viele nationale Ausprägungen von Ungarn
bis Schottland. Im Vordergrund stand aber das Bemühen um Einheit.
Ein weit
verbreitetes Klischee besagt: Reformierte haben keine Spiritualität:
Gewissen
Vorurteilen nach ist reformierte Frömmigkeit:
Trocken, wortlastig, kopflastig, emotionslos, streng, verbissen, seelenlos.
Woher
kommen solche Klischees? (Anders gesagt: Wir Reformierten müssen ja irgendwie selbst
daran schuld sein, dass man so etwas von uns glaubt.)
Zunächst
einmal hängt dies sicher mit unseren Kirchenräumen zusammen, die so gar
nicht wie „richtige“ Kirchen aussehen. Auf dem Handout befindet sich eine
Darstellung des ersten reformierten Kirchenbaus in Frankreich. Hier sind
typische Kennzeichen eines calvinistisch geprägten Gottesdienstraumes zu
erkennen:
Das 2. Helvetisches Bekenntnis sagt im XXII Kapitel: „Der
wahre Schmuck der Kirchen besteht auch nicht in Elfenbein, Gold und Edelsteinen,
sondern in der Einfachheit, Frömmigkeit und in den Tugenden derer, die im
Gotteshaus weilen.“
Daher hält die reformierte Tradition das Bilderverbot aus
dem 2. Gebot sehr hoch, um klar zu machen, dass es keine Vermittlungsforen
außer denen, die von Gott selbst geschaffen wurden, nämlich Wort und Sakrament,
geben kann und darf.
Im Zentrum steht der „Tisch“, keinesfalls „Altar“ genannt,
wieder um magisch-sakramentale Verwechslungen zu vermeiden. In Zürich hat
Zwingli demonstrativ den alten Altar zerstören und aus seinen Trümmern die
Kanzel bauen zu lassen, um das Wort wieder in den Mittelpunkt zu stellen.
Ursprünglich hat Zwingli auch Orgelmusik und Gesang
abgelehnt. In Calvins Genf war allerdings das Singen von Psalmen nicht nur
erlaubt, sondern auch als wichtige Form der Vermittlung des Glaubens geschätzt.
Zwingli hat ursprünglich auch die Sitzbänke entfernen
lassen, um die Gemeinde während der Predigt wach zu halten. Das hat sich
glücklicher Weise nicht durchgesetzt.
Damit
verbunden taucht immer wieder die Vorstellung auf: Reformierte haben keine
Liturgie.
Dagegen ist zu sagen: Selbstverständlich hat auch ein
reformierter Gottesdienst einen festen Ablauf, nachzulesen im Eingangsteil des
Evangelischen Gesangbuches. Lieder, im besonderen Adaptionen der Psalmen,
haben, wie erwähnt, einen hohen Stellenwert. Calvin selbst hat viel Energie in
das Ausformulieren von Gebeten gesteckt. Zwei Bibellesungen
haben ebenso ihren festen Platz wie die Predigt als Zentrum des Gottesdienstes,
wobei die reformierte Tradition Wert darauf legt, dass „Predigtgottesdienst“
und „Abendmahlsgottesdienst“ gleichwertig sind. Auch ein Gottesdienst ohne
Abendmahl birgt alles Wesentliche in sich.
Bei der Feier des Abendmahls wird großer Wert auf die „Abendmahlsbelehrung“,
also auf eine ernsthafte Vorbereitung zum „würdiger Genuss“ gelegt. Es muss
nicht unbedingt jeden Sonntag gefeiert werden, in manchen Kirchen geschieht
dies nur an „hohen“ kirchlichen Feiertagen.
Die Theologie
„dahinter“:
Gott ist
unverfügbar, im
menschlichen Handeln, selbst im gottesdienstlichen Handeln, auch und besonders im
Sakrament.
Calvins
Wahlspruch lautete „soli Deo gloria“
(allein Gott die Ehre). Dies bedeutete für ihn:
Gott ist souverän, auch in seiner Entscheidung bezüglich
Heil und Erlösung für den einzelnen. Allerdings führte das für ihn nicht zur Angst
vor der Verdammung. Vielmehr schöpfte er daraus seine Heilsgewissheit. Seine „Prädestinationslehre“
(die er selbst so nie genannt hat) ging davon aus, dass der Gläubige in und
durch Jesus Christus der Erlösung gewiss sein darf. In der Praxis war dann
Bewährung möglich in Verfolgung und Anfechtung durch die „perseverantia
sanctorum“ (Beständigkeit der Heiligen), die „constantia fidei“ (Festigkeit des
Glaubens) und in der „tolerantia crucis“
(im Ertragen des Kreuzes).
„Es entsteht damit ein Menschentyp, der im Bewusstsein, dass
er erwählt ist, in einer Unmittelbarkeit zu Gott steht und damit den Menschen
gegenüber frei wird. Dieser Typus vermag in einer großen Freiheit von den
Mächtigen dieser Welt existieren. Er kann ihnen kritisch und kämpferisch
gegenübertreten. Er ist gegen die damaligen Traditionen imstande, die Kirche
institutionell so zu organisieren, dass sie gegen Könige und Fürsten zu stehen
vermag.“ (Kurt Lüthi, Reformiertes Kirchenblatt 1976/1
Pneumatologie
Der Heilige
Geist schafft Glauben. Er hilft, erst überhaupt die Bibel, das Wort Gottes verstehen
zu können.
In der reformierten Theologie wird sozusagen von einem „Lehramt
des Geistes“ ausgegangen. Gottes Geist bewirkt Auslegung und Wirkung im
Inneren, verbürgt Gewissheit, bewirkt neue Geburt, und macht schließlich auch
erst das Feiern des Abendmahls möglich. Calvin hat eine ausgeprägte Pneumatologie, die, wie wir sehen werden, bis in den
Alltag, ganz in die Welt hinein gewirkt hat. Calvin ist dadurch im eigentlichen
Sinne „spirituell“!
Als Folge nennt Calvin die „Heiligung“. Gott stellt uns in seinen
Dienst. Sein Menschenbild geht also davon aus, das wir ein von Gott ernst
genommenes Gegenüber sind. Wir sind als Menschen von Gott ermächtigt und
befähigt, etwas zu tun. Gott macht uns Mut zur Gestaltung. Calvin nennt dies
die „vivificatio“ (Lebendigmachung) des Gläubigen .
„Das göttliche Gesetz dient nach reformierter Auffassung
nicht nur der Ordnung des zwischenmenschlichen Zusammenlebens und der
Erkenntnis der menschlichen Sünde, sondern auch als Wegweisung zur Heiligung,
d.h. zur Lebensführung in der Kraft des Heiligen Geistes (tertius usus legis
bzw. usus legis in renatis.) Die Pflege der im Glauben gründenden Werke war
daher in den reformierten Gemeinden anders lebendig als in der lutherischen
Kirche, wobei der Puritanismus eine besonders extreme Umsetzung der
reformierten Lehre vom dritten Gebrauch des Gesetzes war. Die konkrete
Lebensform der Lehre vom tertius usus
legis war die in der reformierten Tradition die vom
Presbyterium geübte Kirchenzucht, die … von reformierter Theologie aber zu den
Kennzeichen der wahren Kirche gerechnet wurde. (Körtner,
p. 137)
„Die Frage nach dem Glauben behält mit Luther Ihren Vorrang;
die Frage nach der Frucht des Glaubens bekommt durch Calvin ihren Anwalt. …
Calvin überredet nicht, aber er überzeugt durch seine den ganzen Menschen
fordernde Eindringlichkeit und Einseitigkeit, was es denn heute wohl sei um den
Gehorsam eines Glaubens, der auf das Tun dringt.“ (U. Smidt,
nach RPE 27, p. 363)
Ein anderer
Aspekt in diesem Zusammenhang: Der Bund
Bundesschlüsse
zwischen Gott und Mensch im Alten Testament brachten zum Ausdruck: Gott nimmt
Menschen als Partner wahr und geht gegenseitige Verpflichtungen ein.
Das Motiv des „Bundes“ ist wichtig für die Beziehung von Mensch
zu Gott, aber auch für die von Mensch zu Mensch. Als Beispiel dafür sei der „Bund für wirtschaftliche und ökologische
Gerechtigkeit“, er auf der Vollversammlung des Reformierten Weltbundes in Accra, Ghana, im Sommer 2004 verabschiedet wurde.
Dies führt aber auch zu einem besonderen Ernstnehmen der
„Laien“ im reformierten Ämterverständnis.
Calvins „vierfaches Amt“ geht von einem gleichberechtigten Miteinander von
Predigern, Lehrern, Presbytern und Diakonen aus, wobei alle miteinander das
„geistliche Amt“ bilden.
Konsequenzen
daraus:
Reformierte
Spiritualität bemüht sich um die Gestaltung der „Welt“.
Zunächst ging dies von der christlichen Gemeinde aus. Das
Armenwesen in Genf zur Zeit Calvins galt weithin als vorbildlich. Die regelmäßigen
Hausbesuche der Diakonen dienten, entgegen weit verbreiteten Vorurteilen, der
Fürsorge, nicht der Kontrolle. Die Ordnung der Gemeinde stand im Dienst der
Verkündigung. Anders gesagt: Die Gemeindeordnung, das verantwortliche
Miteinander musste wieder spiegeln, worum es geht. Hier ist zu merken, dass Calvin
ursprünglich Jurist war. „Bund“ und „Ordnung“ hat für ihn eine besondere
Bedeutung. Es ist eine geistliche Aufgabe, nach einer Struktur zu fragen, die vom
Glauben her verantwortet ist. Nach Calvin sind diese Bemühungen „spirituell“,
weil der Geist Gottes sie erst möglich macht und auch begleitet.
Daher gibt es in der reformierten Tradition keine Trennung
in „geistlich“ und „weltlich“, somit auch nicht eine zwischen „spirituell“ und,
ja, - wie könnte man den
„nicht-spirituelle“ Bereich des Lebens überhaupt nennen, vorausgesetzt, es gibt
ihn überhaupt. Als Reformierter habe ich da meine Zweifel.
Diese Einstellung wirkt auch ins Politische hinein. Wie ich
mein „weltliches Amt“ (wie immer es aussieht) ausübe, dass muss geistlich
verantwortet sein. Ich trage den geistlichen Auftrag der Verantwortung für die
Welt. Calvin hat sich an diesem Punkt gerne auf Jer.
29, 7, „suchet der Stadt Bestes“, berufen. Die Welt ist der Ort, wo Glaube
konkret wird. Glaube braucht die Welt, um sich zu bewähren. Das ist der Grund
für die Weltzugewandtheit der Reformierten. Was später „calvinistische
Arbeitsethik“ genannt wurde, hat sich aus dem Gestalten heraus entwickelt, einschließlich
der damit verbundenen Ernsthaftigkeit und Schlichtheit, der „innerweltliche
Askese“.
Reformierte leben daher eine Alltagsspiritualität, versuchen
dieses Gestalten aus dem Heiligen Geist heraus zu konkretisieren. Als Beispiel
dafür lassen sich Dokumente des Reformierten Weltbundes anführen, in denen der
Einsatz gegen soziale Ungerechtigkeit zum „status confessionis“
erklärt werden (so z.B. die Erklärung von Ottawa gegen die Apartheid, ebenso
die Erklärung von Accra 2004 (http://www.warc.ch/24gc/index-g.html),
die allerdings mehr von einem „processus confessionis“ ausgeht.
Es geht dabei
nach reformiertem Verständnis nicht um Randthemen, Äußerlichkeiten oder „Nebeneffekte“
des Glaubens. Es geht um das Ganze des Glaubens, um das Leben aus dem Geist und
im Geist Gottes, eben aus dem Spiritus Sanctus heraus, um Spiritualität in
ihrem eigentlichen Sinn.