Werkstatt Ökumene; Salzburg, St. Virgil, 25.-26.2.2005

Johannes Wittich: Reformierte Spiritualität

 

Einführung:

Unsere Kirche nennt sich in Österreich „evangelisch H.B.“. Als Selbstbezeichnung ist uns aber der Begriff „reformiert“ lieber. Auch wenn wir uns jetzt, um die reformierte Tradition zu verstehen, recht intensiv mit Calvin (und ein wenig mit Zwingli beschäftigen werden) - meines Wissens nennt sich keine Kirche offiziell „calvinistisch“, schon gar nicht „zwinglianisch“. Allerdings war und ist der Einfluss Calvins auf viele nationale protestantische (nicht nur reformierte) Kirchen enorm. Auch die lutherische (A.B.) Kirche in Österreich beruft sich in ihrer Kirchenverfassung auf das presbyterial/synodale Prinzip, eine calvinistische Erfindung. Calvin ist daher nicht verengt konfessionalistisch zu sehen. Er hat zur Entwicklung einer Vielfalt von Formen reformatorischer Kirchen beigetragen (Reformierte, Presbyterianer, Kongregationalisten, Puritaner). Vielmehr möchte ich ihn auch als frühen Ökumeniker sehen. Genf war in der Zeit Calvins eben auch Anziehungspunkt für verschiedene Nationalitäten. Es hatte Einfluss auf viele nationale Ausprägungen von Ungarn bis Schottland. Im Vordergrund stand aber das Bemühen um Einheit. 

 

Ein weit verbreitetes Klischee besagt: Reformierte haben keine Spiritualität:

Gewissen Vorurteilen nach ist reformierte Frömmigkeit:

Trocken, wortlastig, kopflastig, emotionslos, streng, verbissen, seelenlos.

Woher kommen solche Klischees? (Anders gesagt: Wir Reformierten müssen ja irgendwie selbst daran schuld sein, dass man so etwas von uns glaubt.)

 

Zunächst einmal hängt dies sicher mit unseren Kirchenräumen zusammen, die so gar nicht wie „richtige“ Kirchen aussehen. Auf dem Handout befindet sich eine Darstellung des ersten reformierten Kirchenbaus in Frankreich. Hier sind typische Kennzeichen eines calvinistisch geprägten Gottesdienstraumes zu erkennen:

 

Das 2. Helvetisches Bekenntnis sagt im XXII Kapitel: „Der wahre Schmuck der Kirchen besteht auch nicht in Elfenbein, Gold und Edelsteinen, sondern in der Einfachheit, Frömmigkeit und in den Tugenden derer, die im Gotteshaus weilen.“

 

Daher hält die reformierte Tradition das Bilderverbot aus dem 2. Gebot sehr hoch, um klar zu machen, dass es keine Vermittlungsforen außer denen, die von Gott selbst geschaffen wurden, nämlich Wort und Sakrament, geben kann und darf.

 

Im Zentrum steht der „Tisch“, keinesfalls „Altar“ genannt, wieder um magisch-sakramentale Verwechslungen zu vermeiden. In Zürich hat Zwingli demonstrativ den alten Altar zerstören und aus seinen Trümmern die Kanzel bauen zu lassen, um das Wort wieder in den Mittelpunkt zu stellen. 

 

Ursprünglich hat Zwingli auch Orgelmusik und Gesang abgelehnt. In Calvins Genf war allerdings das Singen von Psalmen nicht nur erlaubt, sondern auch als wichtige Form der Vermittlung des Glaubens geschätzt.

 

Zwingli hat ursprünglich auch die Sitzbänke entfernen lassen, um die Gemeinde während der Predigt wach zu halten. Das hat sich glücklicher Weise nicht durchgesetzt.

 

 

Damit verbunden taucht immer wieder die Vorstellung auf: Reformierte haben keine Liturgie.

Dagegen ist zu sagen: Selbstverständlich hat auch ein reformierter Gottesdienst einen festen Ablauf, nachzulesen im Eingangsteil des Evangelischen Gesangbuches. Lieder, im besonderen Adaptionen der Psalmen, haben, wie erwähnt, einen hohen Stellenwert. Calvin selbst hat viel Energie in das Ausformulieren von Gebeten gesteckt. Zwei Bibellesungen haben ebenso ihren festen Platz wie die Predigt als Zentrum des Gottesdienstes, wobei die reformierte Tradition Wert darauf legt, dass „Predigtgottesdienst“ und „Abendmahlsgottesdienst“ gleichwertig sind. Auch ein Gottesdienst ohne Abendmahl birgt alles Wesentliche in sich.

 

Bei der Feier des Abendmahls wird großer Wert auf die „Abendmahlsbelehrung“, also auf eine ernsthafte Vorbereitung zum „würdiger Genuss“ gelegt. Es muss nicht unbedingt jeden Sonntag gefeiert werden, in manchen Kirchen geschieht dies nur an „hohen“ kirchlichen Feiertagen.

 

Die Theologie „dahinter“:

 

Gott ist unverfügbar, im menschlichen Handeln, selbst im gottesdienstlichen Handeln, auch und besonders im Sakrament.

 

Calvins Wahlspruch lautete „soli Deo gloria“ (allein Gott die Ehre). Dies bedeutete für ihn:

 

Gott ist souverän, auch in seiner Entscheidung bezüglich Heil und Erlösung für den einzelnen. Allerdings führte das für ihn nicht zur Angst vor der Verdammung. Vielmehr schöpfte er daraus seine Heilsgewissheit. Seine „Prädestinationslehre“ (die er selbst so nie genannt hat) ging davon aus, dass der Gläubige in und durch Jesus Christus der Erlösung gewiss sein darf. In der Praxis war dann Bewährung möglich in Verfolgung und Anfechtung durch die „perseverantia sanctorum“ (Beständigkeit der Heiligen), die „constantia fidei“ (Festigkeit des Glaubens) und in der „tolerantia crucis“ (im Ertragen des Kreuzes).

 

„Es entsteht damit ein Menschentyp, der im Bewusstsein, dass er erwählt ist, in einer Unmittelbarkeit zu Gott steht und damit den Menschen gegenüber frei wird. Dieser Typus vermag in einer großen Freiheit von den Mächtigen dieser Welt existieren. Er kann ihnen kritisch und kämpferisch gegenübertreten. Er ist gegen die damaligen Traditionen imstande, die Kirche institutionell so zu organisieren, dass sie gegen Könige und Fürsten zu stehen vermag.“ (Kurt Lüthi, Reformiertes Kirchenblatt 1976/1

 

Pneumatologie

Der Heilige Geist schafft Glauben. Er hilft, erst überhaupt die Bibel, das Wort Gottes verstehen zu können.

In der reformierten Theologie wird sozusagen von einem „Lehramt des Geistes“ ausgegangen. Gottes Geist bewirkt Auslegung und Wirkung im Inneren, verbürgt Gewissheit, bewirkt neue Geburt, und macht schließlich auch erst das Feiern des Abendmahls möglich. Calvin hat eine ausgeprägte Pneumatologie, die, wie wir sehen werden, bis in den Alltag, ganz in die Welt hinein gewirkt hat. Calvin ist dadurch im eigentlichen Sinne „spirituell“!

 

Als Folge nennt Calvin die „Heiligung“. Gott stellt uns in seinen Dienst. Sein Menschenbild geht also davon aus, das wir ein von Gott ernst genommenes Gegenüber sind. Wir sind als Menschen von Gott ermächtigt und befähigt, etwas zu tun. Gott macht uns Mut zur Gestaltung. Calvin nennt dies die „vivificatio“ (Lebendigmachung) des Gläubigen .

 

„Das göttliche Gesetz dient nach reformierter Auffassung nicht nur der Ordnung des zwischenmenschlichen Zusammenlebens und der Erkenntnis der menschlichen Sünde, sondern auch als Wegweisung zur Heiligung, d.h. zur Lebensführung in der Kraft des Heiligen Geistes (tertius usus legis bzw. usus legis in renatis.) Die Pflege der im Glauben gründenden Werke war daher in den reformierten Gemeinden anders lebendig als in der lutherischen Kirche, wobei der Puritanismus eine besonders extreme Umsetzung der reformierten Lehre vom dritten Gebrauch des Gesetzes war. Die konkrete Lebensform der Lehre vom tertius usus legis war die in der reformierten Tradition die vom Presbyterium geübte Kirchenzucht, die … von reformierter Theologie aber zu den Kennzeichen der wahren Kirche gerechnet wurde. (Körtner, p. 137)

 

„Die Frage nach dem Glauben behält mit Luther Ihren Vorrang; die Frage nach der Frucht des Glaubens bekommt durch Calvin ihren Anwalt. … Calvin überredet nicht, aber er überzeugt durch seine den ganzen Menschen fordernde Eindringlichkeit und Einseitigkeit, was es denn heute wohl sei um den Gehorsam eines Glaubens, der auf das Tun dringt.“ (U. Smidt, nach RPE 27, p. 363)

 

Ein anderer Aspekt in diesem Zusammenhang: Der Bund

Bundesschlüsse zwischen Gott und Mensch im Alten Testament brachten zum Ausdruck: Gott nimmt Menschen als Partner wahr und geht gegenseitige Verpflichtungen ein.

Das Motiv des „Bundes“ ist wichtig für die Beziehung von Mensch zu Gott, aber auch für die von Mensch zu Mensch. Als Beispiel dafür sei  der „Bund für wirtschaftliche und ökologische Gerechtigkeit“, er auf der Vollversammlung des Reformierten Weltbundes in Accra, Ghana, im Sommer 2004 verabschiedet wurde.

 

Dies führt aber auch zu einem besonderen Ernstnehmen der „Laien“ im reformierten  Ämterverständnis. Calvins „vierfaches Amt“ geht von einem gleichberechtigten Miteinander von Predigern, Lehrern, Presbytern und Diakonen aus, wobei alle miteinander das „geistliche Amt“ bilden.

 

Konsequenzen daraus:

Reformierte Spiritualität bemüht sich um die Gestaltung der „Welt“.

 

Zunächst ging dies von der christlichen Gemeinde aus. Das Armenwesen in Genf zur Zeit Calvins galt weithin als vorbildlich. Die regelmäßigen Hausbesuche der Diakonen dienten, entgegen weit verbreiteten Vorurteilen, der Fürsorge, nicht der Kontrolle. Die Ordnung der Gemeinde stand im Dienst der Verkündigung. Anders gesagt: Die Gemeindeordnung, das verantwortliche Miteinander musste wieder spiegeln, worum es geht. Hier ist zu merken, dass Calvin ursprünglich Jurist war. „Bund“ und „Ordnung“ hat für ihn eine besondere Bedeutung. Es ist eine geistliche Aufgabe, nach einer Struktur zu fragen, die vom Glauben her verantwortet ist. Nach Calvin sind diese Bemühungen „spirituell“, weil der Geist Gottes sie erst möglich macht und auch begleitet. 

 

Daher gibt es in der reformierten Tradition keine Trennung in „geistlich“ und „weltlich“, somit auch nicht eine zwischen „spirituell“ und, ja,  - wie könnte man den „nicht-spirituelle“ Bereich des Lebens überhaupt nennen, vorausgesetzt, es gibt ihn überhaupt. Als Reformierter habe ich da meine Zweifel. 

 

Diese Einstellung wirkt auch ins Politische hinein. Wie ich mein „weltliches Amt“ (wie immer es aussieht) ausübe, dass muss geistlich verantwortet sein. Ich trage den geistlichen Auftrag der Verantwortung für die Welt. Calvin hat sich an diesem Punkt gerne auf Jer. 29, 7, „suchet der Stadt Bestes“, berufen. Die Welt ist der Ort, wo Glaube konkret wird. Glaube braucht die Welt, um sich zu bewähren. Das ist der Grund für die Weltzugewandtheit der Reformierten. Was später „calvinistische Arbeitsethik“ genannt wurde, hat sich aus dem Gestalten heraus entwickelt, einschließlich der damit verbundenen Ernsthaftigkeit und Schlichtheit, der „innerweltliche Askese“.

 

Reformierte leben daher eine Alltagsspiritualität, versuchen dieses Gestalten aus dem Heiligen Geist heraus zu konkretisieren. Als Beispiel dafür lassen sich Dokumente des Reformierten Weltbundes anführen, in denen der Einsatz gegen soziale Ungerechtigkeit zum „status confessionis“ erklärt werden (so z.B. die Erklärung von Ottawa gegen die Apartheid, ebenso die Erklärung von Accra 2004 (http://www.warc.ch/24gc/index-g.html), die allerdings mehr von einem „processus confessionis“ ausgeht.

 

 

Es geht dabei nach reformiertem Verständnis nicht um Randthemen, Äußerlichkeiten oder „Nebeneffekte“ des Glaubens. Es geht um das Ganze des Glaubens, um das Leben aus dem Geist und im Geist Gottes, eben aus dem Spiritus Sanctus heraus, um Spiritualität in ihrem eigentlichen Sinn.