Kalk, ein Material
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Günther Follmann - Malerei & Restaurierung
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Kalk- oder die Wiedererfindung eines Baustoffes

Das vergangene Jahrhundert brachte uns eine Unmenge an Errungenschaften und einen geradezu unglaublichen technologischen Fortschritt, so dass man fast Mühe hatte überhaupt Schritt halten zu können.
Die Größe der Projekte, die auf allen Ebenen angegangen worden sind, verlangte eine Spezialisierung in allen Bereichen des beruflichen Spektrums.
Durch immer weiter führende Spezialisierungen in Teilbereichen war und ist es immer noch kaum möglich die gesamte Palette des eigenen Handwerkes respektive Berufes abzudecken.
Auf diesem Weg ging in vielen Betrieben, wenn nicht sogar in ganzen Branchen, wertvolles Wissen ebenso schnell verloren, wie neues hinzugewonnen werden konnte. Die zunehmende Industrialisierung leistete ihren Beitrag dazu, allen das Leben ein wenig bequemer und einfacher zu gestalten. Dankbar nimmt immer noch fast jeder diese Leistung wohlwollend entgegen, im Wissen oder auch nicht, das mit dieser Bequemlichkeit natürlich auch ein Preis verbunden ist, denn dieser Umstand führt selbstverständlich zu ganz neuen Abhängigkeiten, wie sie bisher kaum bekannt waren. Man stelle sich bloß vor, einmal für einen bestimmten Zeitraum auf ein Mobiltelefon verzichten zu müssen.

Was das Handwerk der Maler in seiner Gesamtheit betrifft, so hat dieses heute einen Status erreicht, wo es nahezu vollkommen in eine Abhängigkeit durch industriell erzeugte Materialien geraten ist. Kaum jemand kann sich heute noch vorstellen Farben selbst herzustellen, sei es auch nur um den Zweck, dieses Wissen für weitere Generationen zu erhalten.
Aber auch die mit dem rasanten Fortschritt verbundene Umweltbelastung, hervorgerufen durch die Mobilisierung der Menschen und die Industrialisierung der Gesellschaft trug ihren Teil dazu bei, auf immer neuere und scheinbar bessere Materialien zurückzugreifen.
Die schwefelsaure Belastung der Umgebung und in weiterer Folge die belastenden Niederschläge, machten den Einsatz von Kalk an der Fassade besonders im Bereich von Ballungsräumen zu einem problematischen Unterfangen, denn das an sich sehr beständige Calciumcarbonat wandelt sich in einer schwefelsauren Umgebung in wasserlöslichen Gips um.

Umweltpolitische Maßnahmen in den vergangenen Jahren, ja fast schon Jahrzehnten haben jedoch dazu beigetragen, dass es in unserer Umwelt kaum mehr kalkschädigende schwefelsaure Belastungen gibt. In der Industrie werden Entschwefelungsanlagen eingesetzt, die sich den Umstand der „Vergipsung des Kalkes“ zunutze machen und auf diesem Weg auch gleich den Rohstoff für die Ausbauplatte im Baumarkt liefern.
Diesel und andere Kraftstoffe werden in Österreich mittlerweile nahezu schwefelfrei angeboten und ab 2008 mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch in ganz Europa. Auch die Beheizung von Häusern und Wohnungen wurde bereits zum größten Teil auf umweltschonendere Varianten wie beispielsweise Erdgas umgestellt.

All diese Umstände rechtfertigen und begünstigen den Einsatz von Kalk als Baustoff und Farbe an Bauwerken.
Leider ist den meisten Handwerkern, Planern und Bauherrn das Wissen über den Umgang mit diesem großartigen Baustoff, der konkurrenzlos günstige bauphysikalische Eigenschaften besitzt, mittlerweile teilweise oder ganz verloren gegangen. Was nicht verwundert, denn in einer annähernd ganzen Handwerkergeneration kam er im üblichen Tagesgeschäft nicht mehr zur Anwendung.

Mühsam muss daher heute wieder erarbeitet und erforscht werden, was einst Standard und Routine war.
Idealistische Handwerker, Restauratoren, Wissenschaftler aus allen Bereichen und insbesondere das Bundesdenkmalamt mit seinen Restaurierwerkstätten in der Kartause Mauerbach leisten ihren Beitrag dazu, dass Kalk ganz besonders an der Fassade von historischen Bau- und Kunstwerken wieder „salonfähig“ wird, und können bereits auf einige großartige Erfolge verweisen.
Leider wurden in den letzten Jahrzehnten in einem Anfall von „Technikwahn“ ein großer Teil von Fassaden und Innenräumen mit allen möglichen Materialien übermalt, die zum Teil großen Schaden an den Putzflächen anrichteten. An diesem Punkt sollte sich der ausführende Handwerker oder Restaurator fragen, ob er nicht bei einer solchen problematischen Materialwahl einen verdeckten Baumangel verursacht. Wie wir alle wissen beträgt die Gewährleistungsfrist für einen solchen 30 Jahre.

Mit großem Aufwand müssen nun besonders wertvolle Bauwerke von diesen Altlasten befreit werden, Kalkputze konsolidiert und mit dem Werkstoff restauriert werden, mit dem sie auch gebaut worden sind. Und das war eben zum größten Teil der Kalk als Bindemittel.
Mit dieser Maßnahme wird wieder eine stofflich- strukturelle Harmonie zwischen Mauerwerk, Putz und Malerei hergestellt, wie sie mit fremdartigen Materialien niemals erreicht werden kann.
Solche fremdartigen Materialien wie zum Beispiel Dispersions- Silikatfarben oder Silikonharzdispersionen haben zwar für sich allein betrachtet oft ganz respektable technische Werte, die an einer Fassade mit einem Wärmedämmverbundsystem zu guten Ergebnissen führen, werden jedoch mehrere solcher Anstrichsysteme übereinandergelegt sehen diese Werte schon nicht mehr so respektabel aus und können somit an Bauwerken mit darunter liegenden Kalkputzen unter Umständen großen Schaden anrichten.

Hier bietet Kalk Vorteile die unerreichbar sind. Er bleibt diffusionsoffen, hat eine naturgegebene desinfizierende Wirkung und schließt in weiterer Folge jegliche Schimmel- bzw. Pilzproblematik aus. Eine Eigenschaft die beim Neu- oder Ausbau von Krankenhäusern und Arztpraxen völlig außer Acht gelassen wird. Mit jedem Luftaustausch der zwischen dem Mauerwerk und der Umgebung stattfindet, wird diese gereinigt und erfährt eine Desinfektion. Ein solcher Luftaustausch findet zu jedem Tag- und Nachtwechsel, beim Wechsel der Jahreszeiten und bei jedem Wetterumschwung statt.
Anstatt diese wertvolle Eigenschaft auszunützen wird weiterhin das Futter für Mikroorganismen und Pilze an Decken und Wände gestrichen, die in weiterer Folge regelmäßig dekontaminiert werden müssen damit sich Pilzsporen und Mikroorganismen nicht durch Klima- und Lüftungsanlagen im ganzen Gebäude verteilen.

Der Handwerker ist in diesen Fällen gefordert, das Material an der Baustelle einzusetzen, das für den jeweiligen Zweck das geeignetste ist. Hier sollte für jedes Bauwerk nach einer eingehenden Analyse ein optimales Konzept erstellt werden um sicher zu stellen, dass mit einer fehlerhaften Materialwahl nicht eine so genannte „Einbahnstraße“ geschaffen wird. Dies deshalb weil Kalk uns materialtechnisch stets alle weiteren Wege offen hält, während an diesem Punkt bei jedem anderen Material mindestens ein anderes für die weitere Bearbeitung ausgeschlossen werden muss.

Darüber hinaus ist es für den Handwerker eine unglaublich reizvolle Erfahrung eine Reise zu den Wurzeln seines eigenen Berufes zu unternehmen. Man kann sich ohne weiteres seinen eigenen Kalk brennen indem man einen geeigneten Ofen aus Tonziegeln und Sand errichtet. In diesem wird der Kalkstein (Calciumcarbonat) bei ca. 900° C drei Tage lang mit Holz gebrannt. Dabei entweicht Kohlendioxid als Gas und es entsteht der gebrannte Kalk (Calciumoxid).
Dieser gebrannte Kalk wird anschließend mit Wasser gelöscht. Dabei entsteht unter heftiger Wärmeentwicklung der gelöschte Kalk (Calciumhydroxid). Die dabei entstandene breiige Masse wird in die Kalkgrube abgeleitet und kann dort bis zu seiner Verwendung gelagert werden. Verunreinigungen sinken während der Lagerung zu Boden, so dass sich der ideale Sumpfkalk für Malereien in der Regel im oberen Drittel der Grube befindet.
Nach der Verarbeitung nimmt der gelöschte Kalk bei der Trocknung wieder Kohlendioxid aus der Luft auf und er karbonatisiert.
Es lohnt sich auf jeden Fall Versuche zu unternehmen selbst Putze von einer erstaunlich guten Qualität herzustellen und den Pinsel „al fresco“ im frischen Kalkputz zu führen. Man gewinnt eine völlig neue Perspektive aus der man seinen Beruf betrachten kann, ein völlig anderes Gefühl für seine Arbeit. Und nicht zuletzt auch eine Wertschätzung von außerhalb, die man gerne bereit ist entgegen zu nehmen.

Günther Follmann, Malermeister und Restaurator 2004-01-14
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