Zur Biographie Johann Zachs


Johann (Jan) Zach wurde 1713 als Sohn eines Wagenbauers und Gastwirtes in Dehtary bei Brandýs an der Elbe (Nordostböhmen) geboren. Als er drei Jahre alt war erwarben seine El­tern das Gasthaus Kartouzy (heute Certousy) bei Sychrov nahe dem berühmten Wallfahrtsort Stará Boleslav (Alt-Buntzlau). Über Johann Zachs schulische und frühe musikalische Ausbil­dung ist nichts bekannt, doch mögen die musikalischen Eindrücke, die Zach in dem an einer viel genutzten Transitstrecke im Elbetal gelegenen elterlichen Gasthaus empfing, ebenso prä­gend gewesen sein wie die Kirchenmusikpflege im nahen Wallfahrtsort mit seiner Jesuitenre­sidenz. Ab etwa 1732 war Zach an mehreren bedeutenden Kirchen Prags als Organist tätig, so an der Altstadtpfarrkirche St. Martin in der Mauer, der Klosterkirche der Barmherzigen Brü­der und der Annenkapelle des Minoritenklosters. Als Organist an St. Anna folgte Zach höchstwahrscheinlich dem berühmten Minoritenpater Bohuslav Matĕj Cernohorský (1684-1742) nach, welcher der Überlieferung nach eine illustre Schülerschar in der Musik unterwies, neben Zach unter anderem František Ignac Tùma (1704-1774), der in Wien zu einem der an­gesehensten und einflußreichsten Kirchenkomponisten aufstieg, und Joseph Ferdinand Nor­bert Seger (1716-1782), der als Organist an mehreren Prager Kirchen überregionale Berühmt­heit erlangte. Da Cernohorský 1731 eine mehrjährige Italienreise antrat, von der er nicht mehr in seine Heimat zurückkehrte; so muss Zach, wenn überhaupt, in seiner Jugendzeit beim „Padre Boemo“, wie Èernohorský in Italien genannt wurde, Unterricht erhalten haben. An der Altstadtpfarrkirche St. Martin wirkte bis 1735 Šimon Brixi (1693-1735) als Kantor, ein ange­sehener Komponist, der Vater des berühmten späteren Domkapellmeisters František Xaver Brixi (1732-1771) und ein Onkel der Brüder Benda.

1737 bewarb sich Johann Zach um den vakanten Organistenposten an der Prager Metropoli­tankirche St. Veit, wurde aber abgewiesen. In den Jahren 1737 bis 1740 komponierte er die Musik für die traditionelle Schiffsprozession auf der Moldau am Vorabend des Festes des heiligen Johann von Nepomuk; Zach war somit als Komponist bereits anerkannt, denn mit dieser ehrenvollen Aufgabe wurde traditionell eine bedeutende Persönlichkeit des Prager Mu­siklebens betraut. Als in den 1740er Jahren im Zuge des österreichischen Erbfolgekrieges durch den Einmarsch kurbayerischer und französischer Truppen in Böhmen (1741) krisenge­schüttelte Zeiten anbrachen und viele kirchliche Institutionen Musiker entlassen müssen, wandte sich Zach nach Deutschland; die Hofkapellen der zahlreichen deutschen Fürstenhöfe boten den böhmischen Musikern finanziell lukrative und sozial angesehene Positionen. Um 1743 hielt sich Zach in Augsburg auf und gab Klavierunterricht; er erwarb sich in den ersten Jahren seines Aufenthaltes im deutschen Reich einen ausgezeichneten Ruf, der 1745 zu seiner Berufung als Hofkapellmeister des Kurfürst-Erzbischofs in Mainz Johann Friedrich Karl von Ostein führte. Die Mainzer Jahre waren von emsiger Kompositionstätigkeit ebenso geprägt wie von Differenzen mit der Obrigkeit. 1746 hielt er sich für mindestens ein halbes Jahr zur Vervollkommnung seiner musikalischen Fähigkeiten in Italien auf. Nach seiner Rückkehr nach Mainz geriet er 1747 in einen Streit mit einem adeligen Beamten, dessen Verlobter er Klavierunterricht erteilte. Zach mußte Abbitte leisten und reiste daraufhin auf Anordnung seines Dienstherrn nach Böhmen. Die wenigen Dokumente über Zachs Wirken in Mainz be­legen weitere persönliche Schwierigkeiten: 1749 mußte er um Barauszahlung des Kostgeldes bitten, weil er in Schulden geraten war; 1750 wurde er vorübergehend suspendiert. Vor April 1756 (dem Zeitpunkt der Anstellung des neuen Hofkapellmeisters Johann Michael Schmid) quittierte er seinen Kapellmeisterdienst; zwei Anspielungen im Eintrag in dem Sterbebuch von Ellwangen/Jagst und in dem erhaltenen Entwurf für die Inschrift auf der verschollenen Grabplatte sprechen dafür, daß Zachs Weggang freiwillig war („ibi valedixit“; „voluntarius exul“); vielleicht liegt der Grund in einer Geisteskrankheit, auf die posthume Anekdoten und gewisse Andeutungen in der Grabinschrift hindeuten. Slavický hat neuerdings die interessante These vertreten, Zachs Ausscheiden aus dem Hofdienst könnte mit einem ihm eigenen beson­deren Freiheitsdrang erklärt werden, der wiederum mit dem Umstand in Zusammenhang ge­bracht werden müsse, daß sich die Eltern des Komponisten aus der Leibeigenschaft befreiten.

Die letzten 17 Jahre seines Lebens hatte Zach keine fixe Anstellung mehr; seinen Lebensun­terhalt verdiente er mit dem Verkauf eigener Kompositionen, mit Konzerten und Musikunter­richt. Der Komponist bereiste Klöster und Residenzen des mittel- und süddeutschen Raumes und Westösterreichs, darüber hinaus mehrfach Italien. Ein bevorzugter Aufenthaltsort war das Zisterzienserstift Stams im Tiroler Oberinntal, damals ein kulturelles Zentrum von überregio­naler Ausstrahlung. Zach überließ den musikbegeisterten Stamser Konventualen eine reprä­sentative Auswahl seiner Werke zur Abschrift, heute der größte geschlossene Bestand von Zach-Quellen überhaupt. 1773 starb der berühmte Komponist in der fürstpröbstlichen Resi­denzstadt Ellwangen an der Jagst. Der Fürstbischof von Regensburg und Fürstprobst von Ell­wangen Ignaz Anton Fugger von Kirchberg ließ Zach auf eigene Kosten ein prächtiges Be­gräbnis mit Kondukt zukommen; der böhmische Komponist wurde in einer Gruft im Inneren der Stiftskirche St. Wolfgang beigesetzt – ein weiterer Beleg für die hohe Wertschätzung, die Zach entgegen gebracht wurde.


Zach hinterließ ein umfangreiches Oeuvre geistlicher und weltlicher Kompositionen. Seine wohl größtenteils in Mainz entstandenen sinfonischen Werke zählen zu den frühesten auto­nomen Konzertsinfonien überhaupt und sind ebenso eigenständige wie eigenwillige Gat­tungsbeiträge. Außer ca. 50 Sinfonien schuf Zach Konzerte für Cembalo, Flöte und Oboe, Triosonaten, Klavier- und Orgelwerke. Mindestens zwei Oratorien und eine Passion sind ebenso verschollen wie ein Violinkonzert. Die ca. 130 erhaltenen Kirchenwerke sind glei­chermaßen innovativ: In den reifen Messen, Requiem- und Propriumskompositionen vertritt Zach einen für die Jahrhundertmitte avantgardistischen, von dramatischen Kontrasten und Zurückdrängung des kontrapunktischen Elements zugunsten eines sinfonischen Orchestersat­zes geprägten Personalstil. Zahlreiche Werke hat Zach mehrfach umgearbeitet und stilistisch „modernisiert“ – ein deutliches Indiz für seine progressive Grundhaltung. Obwohl er schon aufgrund seiner ungewöhnlichen Lebensumstände keine Schule im eigentlichen Sinne bildete, erlangte er im katholischen Reichsgebiet große Berühmtheit und den Status einer musikali­schen Autorität. Das Bild des Mainzer Hofkapellmeisters wurde bis in die neueste Zeit sehr stark durch posthume Anekdoten und Legenden bestimmt und zum Teil verzerrt; auch das zum Teil bizarre Gedankengut einer von nationalistischen Ideen determinierten Musikge­schichtsschreibung wirkt nach.