Gustav Servatius

Die Stadtbefestigung von Mediasch

Forkeschgässer TorMediasch wird im Jahre 1359 zum erstenmal "Civitas", Stadt, genannt, später aber nur noch "oppidum", Markt. Das kann heißen, daß die ursprünglich begonnenen Befestigungsarbeiten für eine Zeit eingestellt worden sind. Das ist wahrscheinlich darauf zurückzuführen, daß man sich wegen fehlender Mittel und zahlenmäßiger Schwäche, vorerst für den Ausbau des Kastells entschieden hatte.

Erst als es galt, Stadtrechte und damit wirtschaftliche und politische Vorteile zu erringen, diese aber an das Vorhandensein einer vollständigen Stadtmauer gebunden waren, entschloß man sich zu dieser Riesenarbeit. In dem folgenden fast halben Jahrhundert verwirklichten die kaum 1500 Einwohner dieses Werk. Auch die Stuhlsgemeinden mußten, wenn auch widerwillig, Zufuhrdienste leisten.

Im Jahre 1490 wurden die Arbeiten an der schon begonnenen Steinmauer intensiviert. Inzwischen waren Kirche und Kastell fertig ausgebaut; im Jahre 1534 war der Mauerring um die Stadt vollendet. Tore, Türme, Basteien, Zwinger, Türl wurden noch nachträglich eingebaut, und die Mauer laufend verstärkt.

Im Jahre 1736 hatte die Mauer eine Länge von 2400 m, war 8 m hoch und 0,8 m dick. Sie hatte drei starke Tortürme, 4 Türl für Personenverkehr und 19 Türme und Basteien. Ein Teil dieser Anlagen (ein Tor, drei Türl und 12 Türme) mußten dem modernen Verkehr und der Ausdehnung der Stadt um die Jahrhundertwende weichen. Trotzdem stehen heute noch 1845 m Stadtmauer, zwei Stadttore, ein Türl, sowie sieben Türme und Basteien.

Das südliche Stadttor, das den Verkehr von Agneteln und Hermannstadt in die Stadt einließ, war das Forkeschgässer Tor. Es wurde in den Jahren 1495 - 1534 errichtet, hatte einen starken Zwinger vorgebaut. Es bekam seine heutige Form im Jahre 1635 und hatte auch ein Türl für Personenverkehr sowie ein Torhüterhäuschen, das in Friedenszeiten als Backhaus genutzt wurde. Die an ihn beidseitig anstoßende Mauer mit samt dem Zwinger wurden im Jahre 1912 abgetragen.

Der massive Turm hat über der Toreinfahrt drei Stockwerke mit Schießscharten und Seitensäulen mit den Gleitrinnen des Falltores an der Außenfront. Er hat einen hölzernen, auf Wandböcken vorkragenden Wehrgang mit dem sich darüber erhebenden geknickten Pyramidendach mit First. Um 1800 hatte der Turm eine Uhr mit Stundenschlagwerk. In den Räumen ist heute die Sektion für mittelalterliche Stadtgeschichte des Museums untergebracht. Der Eingang erfolgt auf einer Außentreppe über der Toreinfahrt. Von dem Wehrgang bietet sich ein schöner Blick über die Altstadt zum Kastell, aber auch nach Süden, zur Turnschule, zum Friedhof und zum Meschner Tal.

Stadtmauer auf der AlleeDie Mauer beginnt 100 m westlich vom Forkeschgässer Turm und bildet die Rückwand des ehemaligen Kasernenhofes zur Waffenschmiedgasse. Siebesteht aus Feldsteinmauerwerk und steigt hinunter zum Ausgang der Klettengasse. In der Mitte dieser Strecke befindet sich auf den Fundamenten einer Bastei seit 1866 die reformierte Kirche.

Jenseits der Klettengasse geht die Mauer hinter der Militär-Feuerwehrkaserne bis zur St.L. Roth-Gasse. Hier stand bis zum Jahre 1858 das Rothgässer Türl; der daneben stehende Turm wurde 1859 in die Lederfabrik "Karres" eingebaut, ebenso die Mauer bis zur Gräfengasse.  Nördlich der Gräfengasse beginnt die Mauer wieder, steigt zum einstigen Badergässer Türl hinauf. Auf dieser Strecke ist sie sehr hoch, da der untere Teil gleichzeitig Stützmauer für die hinter ihr liegende Zweite Terrasse ist. Im 18. Jahrhundert wurden hier dreigeschoßige Häuser an die Mauer gebaut, wobei die beiden unteren in den Berg hineingegraben sind, das obere den Zugang aus dem Bader Sack hat. Das Badergässer Türl war von zwei Basteien flankiert.

Von hier weiter verläuft die Mauer auf dem steilen Terrassenrand über der Allee-Promenade. Bis zum Binderischen Haus ist die Mauer mit abgestuften Mauerzinnen versehen in denen Schießscharten ausgespart sind. In der Mitte der Strecke ist eine halbrunde Bastei.

Nach dem Binderischen Haus folgt ein Mauerturm mit zugemauerter Bogenöffnung eines Tores, er wird heute als Wohnhaus genutzt. Die Mauer führt verbaut weiter bis kurz vor den Steingässer Torturm, vor dem sie auf kurzer Strecke abgetragen wurde.

Steingässer TorAn der Nordwestecke der Altstadt steht der besterhaltene Torturm, der Steingässer Torturm.

Er wurde am Anfang des 16. Jahrhunderts errichtet und bildet das nördliche Eingangstor der Stadt für die Straße von Sankt Martin (Tirnaveni) überdie Große Kokelbrücke. Die Tordurchfahrt wird an der Außenseite von zwei mächtigen Mauerpfeilern mit den Laufrinnen des Falltores flankiert. Abgetragen wurde der stark befestigte Zwinger mit Zwingertor (Barbakane).

Nach seiner Zerstörung im Kuruzenkrieg, 1705, wurde er in barockem Gewand wieder aufgebaut. Er ist heute bis zum Turmdach geschlossen und hat dekorative Seitenverzierungen im Verputz. Das obere Stockwerk hat einen Kranz von Schlüsselscharten. Das Dach ist typisch barock zweigeteilt (Mansardendach), hat einen kurzen First mit zwei Knöpfen. Auch über der Toreinfahrt befinden sich Gußlöcher und Schlüsselscharten. Der Turm wurde als Heim der sächsischen Jugend, dann ab 1945 anderweitig genutzt.

Vom Turm führt die Mauer am Waisenhaus (jetzt Kindergarten) vorüber und ist auch hier mit Treppenzinnen versehen. An ihr steigt der Treppenaufgang zum Torturm hinauf. Die Mauer führt bis zum unteren Zekesch wo früher das Eiserne Türl stand, dann weiter bis "Hinter die Mauer", wo sie an der Runden Bastei, dem Messerschmiedturm endet.

Dieser bildet die Nordostecke der Stadtbefestigung und hatte mit seinen Schießscharten flankierende Bedeutung nach drei Seiten. Er ist nach rückwärts offen und trägt die Spuren eines Wehrgangs. Er war baufällig, ist originalgetreu restauriert worden.

Von diesem Rondell führt die hohe Mauer im rechten Winkel nach Südosten, am Klostergarten entlang, sie trägt die Spuren zweier Wehrgänge mit Schießnischen und Schießschlitzen und hat auf ihrer Krone Zinnen mit Resten von Schießscharten. An die Mauer lehnt sich, als Verteidigungsbau, das Franziskanerkloster an. Turm und Chor der Kirche waren Basteien der Mauer, der Turm hat Schießscharten nach allen Seiten.

Es folgt der Wagnerturm, der für Wohnzwecke ausgebaut ist und nur noch oben Schießscharten trägt. Von ihm stößt die Mauer nach Osten vor, erreicht vor den Hochhaus-Neubauviertel, in der Schusterbastei ihren östlichsten Punkt, wendet sich am Terrassenrand zurück zum ehemaligen Zekeschtorturm. Dieser war ähnlich den beiden anderen Tortürmen und wurde im Jahre 1895 abgetragen um den Zugang zum Zekesch zu erleichtern.

Mediasch - ehemaliger Zekescher TurmVon ihm nach Süden ist die Mauer am Zigeunerberg im Jahre 1870 zusammengefallen. Erst ihr Abstieg zur Schmiedgasse zeigt sie wieder in voller Mächtigkeit, mit Nischen und Scharten, mit Absatz des Wehrganges. Das anschließende Schmiedgässer Tor war ein neueres Tor aus dem Jahre 1800, wurde aber schon 1896 abgetragen. An der Mauer steht noch das alte Backhaus, das auch heute noch als solches benützt wird.

Südlich der Schmiedgasse steht der Schmiedgässer Turm. Er wurde im Jahre 1641 erbaut und steht über dem Mühlkanal durch den das Wasser des Meschner Baches vom Kühlen Brunnen in die Stadt geleitet wurde. Der Turm ist nur dreigeschoßig, hat ein flaches Pyramidendach und barocke Wandverzierungen. Ein Kranz von Gußöffnungen umgibt den Turm in seinem oberen Geschoß, umgeben von vorkragenden Mauerbögen auf profilierten Konsolen. Darüber öffnen sich noch eine Reihe von Schlüsselscharten.

Am Terrassenrand entlang steigt die Mauer in der Eisgasse hinauf, vorbei an der einstigen Schlosserbastei bis zur Kürschnerbastei. Dies ist eine neuere Bastei, die im Jahre 1633 nach italienischem Vorbild, mit keilförmigem Grundriß aus Ziegel- und Steinmauerwerk errichtet wurde. Das Gesimse besteht aus abgerundeten Ziegeln. Auf der Plattform stehen heute Wohnhäuser, im Inneren war der städtische Eiskeller. Von hier führt die Ziegelmauer weiter an der Eisgasse entlang bis wenige Meter vor das Forkeschgässer Tor, wo sie für einen Durchgang abgebrochen worden ist. Auch auf diesem Abschnitt ist die Mauer mit Schießnischen und Schießschlitzen versehen, doch verfällt sie zusehends.

Hinter der Mauer waren früher Freiräume, Gässchen wie die Eisgasse, Waffenschmiedgasse, Bader Sack, Zigeunerberg u.a. Aber fast überall haben sich im 18. Jahrhundert und später die Höfe bis an die Mauer erweitert, man baute Häuser auf die Mauer (Oberth), errichtete Lauben auf ihnen (Gräser). Die Mauern sind zum großen Teil in Privatbesitz übergegangen, sind ganz von Bauten umstellt.

An den Mauern wurde über 300 Jahre ständig gearbeitet. Obwohl sie nicht besonders stark waren, keine starken Bastionen und Redutten besaßen, hielten sie bei Belagerungen Stand bis zu der Zeit, wo sie mit Kanonen beschossen wurden. Im Jahre 1603 wurden 24 Klafter Mauer durch Artilleriebeschuß niedergelegt, ebenso im Jahre 1705, als die Kuruzen die Stadt aus der Kuruzenschanze (Friedhof) zwei Monate lang beschossen unddie südliche Mauer zermalmten. Aber immer wieder wurde sie ausgebessert, neu aufgebaut bis sie im 18. Jahrhundert ihren Zweck erfüllt hatte.

Mediasch - ehemaliges Schmiedgässer TorHeute sind Mauern, Türme und Basteien als historische Denkmäler geschützt. Das schützt sie aber nicht vor Verfall, weil sie nicht instand gehalten werden. Gerade in Mediasch ist die Verwitterung besonders stark, und in diesem Jahr ist ein Teil der schmucken Mauer über der Promenade zusammengestürzt. Da es wohl nicht wieder aufgebaut werden wird, ist hier noch ein Stück sächsischer Vergangenheit verschwunden. Bald wird niemand mehr am Erhalt dieser Mauern interessiert sein.

Innerhalb dieses Mauerrings hat sich die Altstadt erhalten und wurde zum historischen Baudenkmal erklärt, äußerlich dürfen keine Veränderungen an der Bausubstanz vorgenommen werden. Das alte Stadtbild soll mit seiner Romantik dem Tourismus dienen.

Gustav Servatius