107. Der Wolf und die beiden Böcke

Lange Zeit lag der Wolf wie in Ohnmacht; aber er hatte nicht himmlische, sondern wirre Träume; endlich erwachte er und damit auch sein gewaltiger Hunger. Wie er nun seine Blicke hin und her wandte, sah er im Tal zwei Böcke gegeneinander laufen. "Aha!" rief er freudig, "da hast du gleich doppelte Beute! Die sind jetzt blind in ihrem Grimm und in ihrer Wut, die kannst du leicht haben." Er lief sturmstracks hinab auf sie los; die Böcke aber hatten den Wolf gesehen, noch ehe er an ihnen war. "Lassen wir jetzt unsern Streit", sprachen sie, "und sehen, wie wir uns vor dem Wolf schützen, denn der hat
Böses im Schilde." - "Ha!" schrie der Wolf, als er angelangt war, "darf man so die Gemeindeweide zertreten?" - "Aber lieber Wolf!" sprachen sie, "wie könnt Ihr das sagen? Sehet nur recht, das ist ja nicht Gemeindegrund; wir sind hier auf unserm väterlichen Erbe und wollten es uns teilen. Da Ihr aber so aussehet wie ein weiser Teilherr, so müßt Ihr die Sache besser verstehen als wir; helfet uns daher lieber den Streit austragen." Der Wolf wollte nicht sagen: "Was verstehe denn ich von Teilung!", da man ihm einmal die Ehre angetan, und sprach: "Nun, so ist es mir recht, fahret also fort, dann will ich entscheiden!" - "Lieber Wolf!" sprachen die Böcke, "stellet Euch denn in die Mitte des Grundstückes, dann geht jeder von uns an ein Ende. Wer nun zuerst im Laufe zu Euch gelangt, soll der künftige rechtmäßige Besitzer sein!" - "So soll es sein!" sprach der Wolf. Da rannten die Böcke gleichmäßig wie der Blitz von beiden entgegengesetzten Seiten heran und bohrten dem Wolf ihre Homer durch die Weichen so tief, daß der Mond in den leeren Magen hineinscheinen konnte; er sank bewußtlos zu Boden; die Böcke aber liefen schnell nach Hause und wollten nicht abwarten, bis der Grimmige sich erklaube.