121. „Nebel ohne Tod"

Er war einmal ein Bauer, der besaß ein schönes großes Haus, viele Äcker und Wiesen und war auch sonst in der Gemeinde angesehen, und das machte ihn glücklich und zufrieden. Er hatte aber auch vier Kinder, zwei Knaben und zwei Mädchen;
als diese erwachsen waren und der Vater ihnen einst von seinem Reichtum und seinem Glück erzählte, fragten sie: „Aber Vater, wenn Ihr so viel habt, warum seid Ihr nicht König?" Da ärgerte sich der Alte und sprach: „Ei dass ihr verwünscht wäret auf so lange, bis einer von euch als König heimkehrt!" Kaum war das Wort gesprochen, so erfüllte es sich auch sogleich: der ältere Sohn behielt seine menschliche Gestalt, rannte aber gleich fort in die weite Welt; der zweite wurde ein Fuchs und lief in den Wald; das ältere Mädchen wurde in einen Raben, das jüngere in eine Krähe verwandelt, und beide flogen weit weg.
Der ältere Sohn in der menschlichen Gestalt zog in einen fort, bis er zu einem großen Königsschloss gelangte; da klopfte er an und fragte, ob man ihm keinen Dienst geben könne. Wenn er Schafhirt werden wolle, die Stelle sei frei, er könne sie haben, sagte der König. Der Junge war damit zufrieden, und er sorgte so gut auf die Schafe, dass in einem Jahre die Herde sich um das Doppelte vermehrte. Der König freute sich darüber sehr und machte den Jungen sofort zum Rinderhirten. Die Rinderherde vermehrte sich unter ihm in einem Jahre ebenfalls um das Doppelte; da machte ihn der König zum Rosshirten; auch die Pferde vermehrten sich in einem Jahre um das Doppelte. Der König gewann den Jungen deshalb über die Maßen lieb und machte ihn jetzt zu seinem Minister. Der König hatte eine einzige Tochter, die war eben achtzehn Jahre alt. An ihrem Geburtstage sagte der Vater: wenn sie jemanden recht von Herzen lieb habe, wer es auch sei, der solle ihr Gemahl und sein Nachfolger im Reiche werden. Da nannte die Jungfrau den Jungen, denn sie hatte ihn, wie ihr Vater, schon seit lange liebgewonnen. Der König war hocherfreut über die Wahl seiner Tochter, und in kurzem wurde Hochzeit gehalten. Bald darauf starb der König, und der Junge wurde sein Nachfolger.
Da sagte er seiner jungen Frau, er müsse nun in seine Heimat fahren, um seine Geschwister zu erlösen, und erzählte ihr die Geschichte, wie sein Vater sie verwünscht habe so und so. Als das die junge Königin hörte, erschrak sie sehr und sprach:
„Ach, lieber Mann, wenn du mich verlassest, so bin ich verloren; denn nicht weit von hier wohnt der ,Nebel ohne Tod', der alle jungen Frauen raubt; wer wird mich nun schützen, wenn du fortziehst und er kommt?" Da sprach der Mann: „Fürchte dich nicht; ich nehme dich in meine Heimat mit !" So fuhr er mit ihr in einem geschlossenen Wagen fort; ein Fenster aber war offen geblieben. Als sie nun durch den Wald fuhren, siehe da kam nur einmal ein Sturmwind und riss die junge Frau, ehe sich's der Mann versah, hinaus und führte sie im Nu davon.
Da wusste der Junge, dass dieses der „Nebel ohne Tod" getan. Er ließ sogleich ein Pferd ausspannen und befahl dem Kutscher, mit den drei Pferden dazubleiben, bis er wiederkäme ; er selbst schwang sich auf das ausgespannte Pferd und ritt davon, seine Frau zu suchen. Als er so im Herzen betrübt hinritt, begegnete ihm sein Bruder, der Fuchs. Er erkannte ihn gleich und sprach: „Ach, lieber Bruder, kannst du mir nicht sagen, wo der »Nebel ohne Tod' wohnt; er hat mir meine junge Frau geraubt!" — „Das weiß ich nicht!" sprach der Fuchs, „allein reise nur immer fort, so kommst du zu unserer Schwester, dem Raben, der wird es wissen!" So ritt er schnell fort, und als er sie gefunden und gefragt hatte, gab sie zur Antwort: „Eine Meile von hier, tief im Gebirge, wohnt der ,Nebel ohne Tod'; aber reite nicht hin, es geht dir nicht gut!" Doch er ließ sich nicht abhalten und ritt fort, und als er zum Schlosse kam, lag seine Frau im Fenster. Sie erkannte ihn gleich und weinte vor Freude und sprach: „Ach, lieber Mann, warum kommst du hierher, wo der Tod deiner wartet; erretten kannst du mich doch nicht, denn der ,Nebel ohne Tod' besitzt einen Hengst, der so stark wiehert, dass die ganze Erde erzittert; wenn dieser uns fliehen sieht, so wiehert er, und sein Herr hört das, kommt schnell heim, schwingt sich auf den Hengst, ereilt uns im Sturm und tötet dich!" Der Junge aber bat sie, sie solle sich für ihn nicht fürchten, sondern kommen und mitfolgen. Sie kam, setzte sich zu ihm aufs Pferd, und beide ritten davon. Als dies der Hengst sah, wieherte er; der „Nebel ohne Tod" kam, schwang sich auf ihn hinauf, setzte den Flüchtlingen nach, ereilte sie und tötete den Jungen und zerstückelte ihn. So lag er drei Tage, da kam seine Schwester, die Krähe, von dem Aasgeruch gelockt herbei und erkannte sogleich ihren Bruder; sie flog fort und brachte zwei Salben; nachdem sie die Fleischstücke mit einer bestrichen, fügten sie sich zusammen und der Körper erhielt seine vorige Gestalt; hierauf salbte sie ihn mit der zweiten, und da bekam er auch das Leben wieder.
Nun sagte sie ihm: „Zwei Meilen von hier ist eine Höhle, da wohnt eine alte Hexe, die hat eine Stute und vier Füllen, von diesen hat jedes jüngere ein Herz mehr als das ältere. Kannst du nun der Hexe drei Tage und drei Nächte lang nach ihrem Willen dienen, so erhältst du zum Lohne das jüngste Füllen mit vier Herzen, das läuft schneller als der Hengst des ,Nebel ohne Tod'; damit kannst du deine Frau erretten." Da ging er hin zur Hexe und dang sich ein. Als sie den ersten Abend ihn mit der Stute und den vier Füllen auf die Weide schickte, befahl sie ihm, er solle eine Stunde vor Tagesanbruch heimkehren, wo nicht, so wäre sein Leben verwirkt und es werde ihm gehen wie den vielen andern, deren Köpfe in der Höhle in einer Reihe hingen. Er ging, ließ die Pferde frei und aß sein Abendbrot; da kam eine Maus und bat ihn um ein Stückchen Brot; er gab ihr's willig, legte sich dann nieder und schlief bald ein. Als er aufwachte, war die Stute mit den Füllen verschwunden; da kam die Maus und sagte ihm, sie seien neun Klaftern tief in der Erde; sie wolle aber hinablaufen und sie so lange beißen, bis sie heraufkämen. Das tat die Maus, und so brachte er die Pferde zur bestimmten Zeit nach Hause. Als er den andern Abend sie wieder auf die Weide trieb, befahl ihm die Hexe, zwei Stunden vor Tagesanbruch zurückzukommen. Als er aß, kam ein Vogel zu ihm geflogen und bat ihn um ein Stückchen Brot; er gab ihm und schlief bald darauf ein. Bei seinem Aufwachen sah er, dass die Rosse wieder verschwunden waren. Da kam der Vogel, sagte ihm, sie seien oben am Himmel, er wolle hinauffliegen und sie herabjagen. So geschah es, und der Junge brachte sie zur rechten Zeit nach Hause. Als er am dritten Abend sie auf die Weide trieb, befahl ihm die Hexe, er solle sie drei Stunden vor Tagesanbruch nach Hause bringen. Als er aß, kam ein Wolf und bat ihn um ein Stückchen Fleisch; er gab es ihm und schlief darauf bald ein, und als er aufwachte, waren Stute und Füllen verschwunden. Da kam der Wolf und sagte ihm, sie seien auf einer Insel im Meer und würden von Hunden mit eisernen Zähnen bewacht; er wolle nun hinüberschwimmen und ihn auf seinem Rücken mitnehmen; dann wolle er die Hunde auf sich locken, indes solle er die Pferde fangen, auf die Stute sitzen und heimkehren. So geschah es, und er kam gerade noch zur Zeit nach Hause. Die Hexe konnte ihm nichts anhaben und musste ihm nun das jüngste Füllen zum Lohn geben. Er ritt sogleich zum Schlosse des „Nebel ohne Tod". Als er dort ankam, lag wieder seine Frau im Fenster. Sie hatte viel um ihn geweint und getrauert, nachdem sie mit eigenen Augen gesehen, wie ihn der „Nebel ohne Tod" umgebracht, und war jetzt nicht wenig verwundert, als sie ihn wieder am Leben sah. Schnell kam sie zu ihm herab, setzte sich neben ihn aufs Ross, und er sprengte davon. Als der Hengst des „Nebel ohne Tod" dies sah, wieherte er; sein Herr war flugs da, schwang sich auf ihn und verfolgte die Fliehenden; allein es war umsonst, er konnte sie nicht erreichen, und als er erkannte, dass der Junge auf dem Füllen mit vier Herzen reite, kehrte er um.
Der Junge kam mit seiner Frau an den Ort, wo der Kutscher mit den drei Pferden und dem Wagen wartete. Sie setzten sich in denselben und fuhren nach seiner Heimat. Sein Vater war indes in Trauer und Gram um den Verlust seiner Kinder ganz grau geworden; da freute er sich überaus, als er sah und hörte, dass sein ältester Sohn König sei und dass sein unbedachtes Frevelwort nun dennoch in Erfüllung gegangen und Wahrheit geworden; bald kehrten auch seine drei Jüngern Kinder in ihrer menschlichen Gestalt heim, denn der Fluch war jetzt gelöst. Dann zogen sie alle an den Hof des jungen Königs und lebten dort in Glück und Freude bis an ihr Ende.