122. Salomonischer Rechtsspruch

Es waren einmal zwei Brüder; der eine war reich und hatte sechs Ochsen; der andere war arm und hatte nur einen Ochsen. Eines Tages sprach der arme zu seinem reichen Bruder: „Höre, wenn es dir recht ist, so wollen wir unsere Ochsen zusammenspannen und abwechselnd nach Recht damit pflügen." — „Gut", sagte der andere, „ich pflüge sechs Tage nacheinander und an jedem siebenten Tage pflügest du, und in wessen Arbeit ein Ochse umkommen sollte, der hat ihn dem andern zu bezahlen oder zu ersetzen!" Der Arme war damit einverstanden.
Am folgenden Tag, es war Montag, fuhr der Reiche pflügen und so auch die folgenden Tage bis Samstag Abend. Da sprach er zu seinem armen Bruder: „Nun ist die Reihe zu pflügen an dir, fahre also morgen auf deinen Acker!" — „Aber morgen ist ja Sonntag, da fährt niemand pflügen; ich darf es auch nicht tun." — „Mache, was du willst", sprach der Reiche, „der siebente Tag ist dein nach unserm Vertrag, übermorgen fahre ich." So musste denn der Arme gegen seinen Willen am Sonntag ackern fahren.
Kaum hatte die Arbeit begonnen, so stürzte der Ochse seines Bruders und war sogleich tot. Er eilte nach Hause und sagte seinem Bruder, was ihm begegnet wäre, und gewiss sei das nur die Strafe von Gott für ihn, weil er ihn gezwungen habe, am Sonntag zu pflügen. „Ja, aber wir haben unsern Vertrag so abgeschlossen, und da während deiner Arbeit der Ochse verunglückt ist, so werde ich anstelle desselben deinen behalten." Da aber der Arme sich dem widersetzte, so lud ihn der Reiche vor Gericht.
Am nächsten Morgen nahm sich der Reiche Brot und Fleisch in seinen Quersack, ging dann zu seinem Bruder und forderte ihn auf, mit ihm in die Stadt vor Gericht zu gehen. Der musste nun folgen, und da er nichts zum Einsacken hatte, so sammelte er auf dem Felde Wildobst und füllte damit seine Taschen. Abends gelangten sie in ein Dorf, wo der Reiche mit seinem Bruder bei einem ihm bekannten Wirten einkehrte. Der Wirt befahl seiner Frau, welche hochschwanger war, ein gutes Essen zu bereiten. Wie das Essen fertig war, glaubte der Arme, man werde ihn auch zu Tische laden; allein man ließ ihn auf dem Herdeck sitzen. Da nahm er sein Wildobst heraus und aß davon. Als das die Frau des Wirten sah, bekam sie ein starkes Gelüsten nach Wildobst; allein sie schämte sich dessen zu verlangen, und so wurde sie krank und brachte infolge davon in der Nacht ein totes Kind zur Welt.
Als der Wirt von seiner Frau die Ursache ihrer Krankheit erfuhr, so packte er den Armen und rief: „Bist du deshalb in mein Haus gekommen, um mir Unglück zu bringen? Warte nur, ich komme mit, um auch vor Gericht dich zu verklagen!" Der Arme schwieg und dachte bei sich: „Jetzt ist es aus mit dir; gegen zwei kannst du nicht aufkommen."
Indem die drei nun auf der Straße fortgingen, sahen sie einen alten Soldaten mit seinem Pferde in einem Sumpfe stecken;
der rief, sie möchten ihm doch helfen, Gott solle es ihnen lohnen. Weil nun der Arme ein mitleidiges Herz hatte, lief er hinzu, fasste das Pferd am Schweife und zog daran aus allen Kräften. Da auf einmal riss dem Pferde der Schweif ab und blieb dem Armen in der Hand.
„O weh! o weh! was hast du getan?" rief der Soldat, „nun bin ich der Leute Spott mit dem Pferd ohne Schwanz; komm mit mir vor Gericht!"
„Unglück über Unglück!" seufzte der Arme; „nun hast du drei Ankläger; wie wird es dir gehen?" Hierauf gingen alle vier weiter. Der Arme aber fasste in der Verzweiflung den Entschluss, die erste günstige Gelegenheit, wo er sich ums Leben bringen könne, zu benützen. Als sie daher auf eine Brücke kamen, welche über einen tiefen Graben führte, sprang er über das Geländer hinunter.
In dem Graben unter der Brücke war aber ein armer Töpfer, welcher für sein Geschäft Erde grub; dem sprang er auf den Rücken und zerbrach ihm das Rückgrat. Der schrie nun laut auf in seinem Schmerz und forderte den Missetäter auch vor Gericht, wohin er selbst sich führen ließ.
In der Stadt brachte nun der Bruder des Armen zuerst seine Klage vor dem Richter vor: Ein Ochse sei während der Arbeit seines Bruders gestürzt und umgekommen, darum verlange er als Ersatz den seines Bruders. Der Arme sagte dagegen:
Offenbar sei es eine Strafe Gottes für seinen Bruder, dass dessen Ochse gestürzt sei, weil er ihn gezwungen habe, am Sonntag zu pflügen.
Der Richter fragte den Reichen: „Hast du eine Kuh?" — „Ja", erwiderte er. „Nun, dann gib diese deinem Bruder, bis dieselbe ein Ochsenkalb kalbt, dann soll er das großziehen, und wenn es groß ist, so wie dein Ochse war, soll er dir's geben!" „Das will ich nicht!" sprach der Reiche; „lieber behalte ich die Kuh und alle Kälber, welche sie kalbt." „Dann kann ich dir nicht helfen!" sprach der Richter; „geh und lasse die andern vortreten."
Nun klagte der Wirt, dass seine Frau nach dem Wildobst, welches der Arme auf seinem Herdeck gegessen, stark gelüstet und dass sie infolge davon ein totes Kind zur Welt gebracht habe. „Das ist leicht gutzumachen!" sprach der Richter, „er soll mit dir kommen, deine Frau beschlafen und so den Schaden dir ersetzen!"
„Das will ich nicht!" rief der Wirt. „So kann ich dir nicht helfen, geh!" Von zwei Anklagen war nun der Arme glücklich frei; er atmete wieder auf. Da kam der Soldat an die Reihe. Dieser klagte, wohl habe er, da er sein Pferd allein aus dem Sumpfe nicht habe herausziehen können, um Hilfe gerufen; dieser Mann aber habe sein Pferd am Schwänze gefasst und habe denselben ausgerissen; nun werde er mit seinem Pferde ohne Schweif zum Gespött der Leute.
„Gib dein Pferd dem Übeltäter!'' sprach der Richter, „dass er der Leute Gespött werde."
„Das will ich nicht!" sagte der Soldat. „Dann kann ich dir nicht helfen!" sprach der Richter.
Zuletzt klagte der Töpfer: Dieser Mann sei ihm, während er zu seinem Geschäft Erde gegraben, von der Brücke auf den Rücken gesprungen und habe ihm das Rückgrat gebrochen.
Der Arme beteuerte seine Unschuld; er habe ja den Töpfer unten nicht gesehen, er habe in der Verzweiflung sich allein das Leben nehmen wollen.
Da sagte der Richter zum Töpfer: „Gut, geh nun du auf die Brücke, und der Mann stellt sich unter die Brücke, wo du warst, und spring ihm auf den Rücken, dass sein Rückgrat zerbricht; damit wäre die Sache dann vollkommen ausgeglichen."
„Ei, das tu ich nicht!" sprach der Töpfer; „ich könnte ja selbst zu Tode fallen!"
„Dann kann ich dir nicht helfen, geh!" sprach der Richter.
Da dankte der Arme Gott und dem Richter und ging, von allen Anklagen über sein Erwarten glücklich befreit, nach Hause.