123. Die beiden Lügner; Hans und Michel

Es waren einmal zwei Brüder; der eine hieß Hans, der andere Michel, alle beide konnten lügen, dass es Mär gab. Der Hans aber war ein polternder Mensch, auch ein vergeblicher Schwätzer; der Michel war still wie das tiefe Wasser, aber er hatte es dick hinter den Ohren.
Als ihre Eltern gestorben waren, sagten sie: „Wir wollen dienen gehn in die Ferne, wo niemand uns kennt." So gingen sie und kamen nach vielen Tagen in eine stattliche sächsische Gemeinde und verdingten sich zum Herrn Pfarrer. Der Hans sollte mehr der Frau Pfarrerin zur Hand sein, der Michel mehr den Herrn Pfarrer bedienen.
Der Hans machte die Frau Pfarrer in öfter lachen durch allerhand schnackige Geschichten, die er erzählte und aus dem Ärmel schüttelte; denn er log ja, wie wenn es gedruckt wäre, immerfort, und die Wahrheit sagte er nur, wenn er sich vergaß. Endlich aber sollte es dennoch auch der Frau Pfarrerin zuviel werden. Das kam so. Sie schickte den Hans in den Keller, er sollte ein Zwiebelhaupt holen. Der Hans ging und brachte ein dickes Zwiebelhaupt, sagte aber, wie er es der Frau Pfarrer in gab;
„Na bück! hat die Frau Mutter nur solchen Zwiebel? Meine Mutter selig, da sie lebte, hatte Zwiebel! Ich will nur das sagen: Man musste jedes Haupt mit dem Keil und Schlägel spalten und in Klaftern legen, das war anderartiger Zwiebel, nicht wie der, welchen die Frau Mutter hat!" Darüber ärgerte sich die Frau Pfarrerin so, dass sie fast krank wurde; denn sie dachte, sie hätte in allem das Schönste und Größte in ihrem Garten, über sie wäre niemand ; sie plagte sich aber auch selbst mehr als sieben schlechte Mägde.
„Nein, Hans, du lügst", sagte sie zornig, „marsch in diesen Hühnerstall, und ich lasse dich nicht heraus, bis du nicht die Wahrheit sagst." Der Hans kroch hinein, um nicht zuwider zu sein, sagte aber ganz höflich: „Aber Frau Mutter, so fragt doch den Michel, meinen Bruder!" Die Frau Pfarrerin ließ gleich den Michel rufen und fragte ihn, ob das wahr wäre, was der Hans ihr gesagt hätte. „Nun freilich", sagte der Michel ganz ernst, „aber Frau Mutter, der Zwiebel war ja, wie er war, aber Kraut hatte meine Mutter! Das hätte die Frau Mutter sehen sollen, nicht solches kleinliche, wie die Frau Mutter hat: Ein Haupt war so groß und dick, dass hundert Schafe sich unter einem Blatt im Schatten verkriechen konnten, und wenn die ganze Gemeinde von einem Haupt zehn Jahre hätte essen wollen, so hätte sie nicht den hundertsten Teil davon essen können."
Die Frau Pfarrerin schüttelte das Haupt: Nem hiszem! (ich glaube es nicht!) aber sie ließ dennoch den Hans aus dem Hühnerstall heraus. Bald darauf schickte sie ihn, er solle den Hühnern zu fressen geben. Wie er wieder in die Stube kam, sagte er: „Na bück! hat die Frau Mutter nur solche Hühner? Meine Mutter selig hatte ihre, das waren anderartige! Die schritten von einem Berg zum andern und klaubten die Sterne vom Himmel!"
„Hans, Hans, das ist wieder eine dicke Lüge!" sagte die Frau Pfarrerin. „So fragt den Michel, meinen Bruder!" sagte der Hans. Gleich ließ die Frau Pfarrerin wieder den Michel rufen und fragte ihn, ob das wahr wäre, was sein Bruder, der Hans, gesagt hätte. „Nun freilich!" sagte der Michel ganz unverwundert, „die Hühner waren ja, wie sie waren, aber eine Kuh hatte meine Mutter, eine solche hat es nicht gegeben und gibt es keine in der ganzen Welt. Die war so groß und stark; wenn die zu Ostern das Haupt schüttelte, so wiegte sie den Schwanz nur zu Pfingsten, und Milch gab sie so viel, dass es nicht zum glauben ist: Man musste auf einem Kahn darauf herumfahren, um den Rahm abzunehmen." Die Frau Pfarrerin wusste nun genug, sie sah: Der Hans und Michel — es ist ein Teufel! Sie machte Christtag mit beiden. Seither gehen der Lügner Hans und Michel in der Welt herum und halten ihre Lügen feil.