Josef Haltrich (1822 - 1886)
von Hanni Markel
(siehe
Sächsische Volksmärchen aus Siebenbürgen)

Josef Haltrich   -   geboren am 22. Juli 1822 in Regen - ;gestorben am 17. Mai 1886 in Schaas an HerzschlagWer heute den Namen Josef Haltrich ausspricht oder hört, verbindet ihn mit der Sammlung siebenbürgisch-sächsischer Märchen, die er 1856 durch Vermittlung des berühmten Gelehrten Jacob Grimm unter dem Titel Deutsche Volksmärchen aus dem Sachsenlande in Siebenbürgen im Berliner Verlag Julius Springer herausgebracht hat. Einzelne Märchen oder Auswahlbändchen wurden später oft wiedergedruckt, die Sammlung selbst erlebte die für das vergangene Jahrhundert bei uns nicht alltägliche Zahl von vier Auflagen schon zu Lebzeiten des Herausgebers (1856, 1872, 1882, 1885). Die vorliegende, siebente Auftage (nach der 5., Hermannstadt, 1925, und der 6., München, 1956) scheint uns durch die noch immer lebendige Anteilnahme an diesen Texten gerechtfertigt zu sein. Das Leben des Mannes, dem wir die Sammlung verdanken, vollzog sich in einem verhältnismäßig engen Rahmen, der durch die siebenbürgischen Städtchen Sächsisch-Regen und Schäßburg abgesteckt werden kann. In Regen wurde er am 22. Juli 1822 geboren, dort hörte er in der Kindheit, dem dafür empfänglichsten Alter, mit Andacht die Märchen, die später den Grundstock seiner Sammlung bildeten; dorthin kehrte er immer wieder zurück, zum letzten Mal kurz vor seinem Tode, im Frühjahr 1886, um seinem Vater das letzte Geleit zu geben. Zwischen diesen Daten entfaltet sich seine eigentliche Bildung und Tätigkeit hauptsächlich in Schäßburg, beziehungsweise in dessen nächster Umgebung.

Nachdem Haltrich hier sein achteinhalbjähriges Gymnasial-Studium 1845 mit Auszeichnung beendet hatte, bezog er für zwei Jahre die Universität Leipzig, wo er neben Theologie klassische und deutsche Philologie studierte; außerdem hörte er historische und philosophische Vorlesungen bei berühmten Professoren, von denen er sich besonders dem Historiker Wilhelm Wachsmuth, dessen Famulus er in seinem zweiten Studienjahr war, anschloß. Von Leipzig aus unternahm er in den Ferien längere Reisen, u.a. eine nach Berlin; diese sollte auf sein späteres Tun nachhaltigen Einfluß ausüben, denn hier besuchte er während vierzehn Tagen die Vorlesungen von Jacob Grimm, Karl Lachmann u.a. 1847 kehrte er nach Regen zurück; nachdem er vorübergehend Hauslehrer in Klausenburg gewesen und von den Ereignissen der achtundvierziger Revolution nach Bistritz verschlagen worden war, erreichte ihn hier im Herbst 1848, in Anerkennung seiner besonderen Leistungen, die Berufung an das Schäßburger Gymnasium.
Vierundzwanzig Jahre lang war er an diesem Gymnasium in einer einmalig anregenden Atmosphäre tätig, bis 1869 als Lehrer und anschließend, als Nachfolger Georg Daniel Teutschs und Friedrich Müllers, drei Jahre lang als Rektor. Wie auch diese hat er sich um das Gedeihen der Anstalt bemüht, hat für die humanistische Bildung der Schüler als Lehrer der altklassischen und deutschen Literatur vorbildlich gewirkt, hat zugleich mit Müller durch unentgeltlichen Unterricht auch für die Körpererziehung Bahnbrechendes geleistet. Seine Wirksamkeit überschritt jedoch den Rahmen der Schulanstalt und des Städtchens: jahrelang war er Mitglied der Prüfungskommission für die Kandidaten der Theologie und des Lehramtes, seit 1860 gehörte er dem Ausschuß des Vereins für siebenbürgische Landeskunde an. Seine Berufung in den Gelehrtenausschuß des Germanischen Nationalmuseums von Nürnberg am 7. Dezember 1859, nur vier Jahre nach der G. D. Teutschs, legt außerdem Zeugnis davon ab, daß sein Name auch jenseits der Grenzen einen guten Klang hatte.
Allmählich lichtete sich der Kreis der Freunde; G. D. Teutsch wurde 1863 Pfarrer in Agnetheln, 1868 folgte ihm F. F. Fronius dahin. Fr. Müller trat 1869 in Leschkirch das Pfarramt an; bei Haltrichs Entschluß, sich ebenfalls zur Pfarrerwahl zu stellen, mag auch die unzureichende Entlohnung im Lehramt mitentschieden haben, was beispielsweise auch in dem von ihm überlieferten heiter resignierenden Ausspruch zum Ausdruck kommt; "Die schöne Aussicht vom Schulberg ist die andere Hälfte des Gehalts." Er übersiedelte am 12. August 1872 in das nahegelegene Schaas. Es war ihm nicht beschieden, ein so hohes Alter zu erreichen wie seine Vorfahren. Ein Herzschlag raffte ihn am 17. Mai 1886 hinweg. Schaas, die Stätte seines vierzehnjährigen fruchtbaren Wirkens, wurde auch seine letzte Ruhestätte.
In Haltrichs Schäßburger Zeit entstanden die meisten seiner mehrseitig orientierten Schriften. Abhandlungen wie Zur Geschichte von Sächsisch-Regen seit den letzten hundert Jahren ("Archiv des Vereins für siebenbürgische Landeskunde", N. F., Bd. 11111858), Das Zehntrecht der evangelischen Pfarre in Sächsisch-Regen seit der Reformation bis zum Jahre 1848 ("Magazin für Geschichte ... Siebenbürgens", N. F., 111839) u.a. bezeugen sein Interesse für Geschichte, die laufende Mitarbeit an Zeitungen seine verantwortungsbewußte Stellungnahme zu Tagesfragen. Was aber nicht nur Haltrichs Namen im Gedächtnis der folgenden Generationen bewahrt, sondern ihm zu Recht einen bleibenden Platz in der Kulturgeschichte der Siebenbürger Sachsen gesichert hat, sind seine volkskundlichen Arbeiten.
Diese stehen in direkter und erklärter Nachfolge der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm, die durch ihre Schriften nicht nur für die Sprachwissenschaft, sondern auch für die Volkskunde als Wissenschaft bahnbrechend gewirkt hatten und durch persönliche Anregung und Förderung diesbezügliche Bestrebungen fast aller Völker des damaligen Europa mitgeprägt haben. Durch ihr Märchenbuch wurde Haltrich schon früh eines volkstümlichen Gutes bewußt, an dem auch er bisher achtlos vorbeigegangen war. Er schreibt darüber im Vorwort zur ersten Auflage der Märchen: "Es war im Jahre 1842, als ich, ein Schüler des Schäßburger Gymnasiums, zum erstenmal die Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm aus der Schäßburger Schullesebibliothek in die Hände bekam. Da wurde ich von nicht geringer Freude und nicht geringem Erstaunen ergriffen, als ich in dem Buche fast alle die schönen Geschichten aufgezeichnet fand, die ich seit den ersten Jahren meiner Kindheit von meiner Mutter, Großmutter, meinen ältern Geschwistern und von der, in meinem Heimatsort Sächsisch-Regen, damals sehr berühmten und allbekannten Erzählerin, Stephan Anna Marie, gehört hatte." Das spontane Erlebnis des heranwachsenden Jünglings wurde während des Studiums erst zum Interesse und schließlich zum Arbeitsgebiet.
Von den Siebenbürger Studierenden waren bereits Johann Carl Schuller und später Friedrich Wilhelm Schuster zu Anhängern der Grimms geworden, und besonders Schuster war es, der die Aufmerksamkeit seiner Studienkollegen auf die Volkskunde lenkte, wie Haltrich in dem bereits zitierten Vorwort bezeugt: "Seine (Schusters - H. M.] große Begeisterung für Erforschung alles dessen, was unser sächsisches Volkswesen und Volksleben betrifft, geweckt durch das Studium der Schriften von Jakob und Wilhelm Grimm U.A. teilte sich mir und in der Folge mehreren unserer Freunde, namentlich Friedrich Müller, Johann Matz und Johann Albert mit, so daß wir uns mit Eifer auf die, zu jener Aufgabe vorbereitenden, Studien verlegten." Es wurde zum gemeinsamen Anliegen dieser in Jugendlicher Begeisterung vereinten Freunde, alle Gebiete der Volkskultur zu erforschen und die Ergebnisse nach Möglichkeit zu veröffentlichen. "Jeder der Freunde sollte zwar Alles sammeln, dessen er in seinem Kreise habhaft werden könnte" - vermerkt Haltrich an derselben Stelle weiter - "allein jeder sollte sein Augenmerk vor der Hand nun auch ganz besonders auf einen Gegenstand richten und von den andern durch einschlägige Beiträge unterstützt werden. So übernahm nach freier Wahl Wilhelm Schuster für sich als nächste Hauptaufgabe die Sammlung sächsischer Volkslieder, Rätsel etc., Friedrich Müller die Sammlung sächsischer Sagen und ich die Sammlung sächsischer Märchen, Johann Mätz die Sammlung von Sitten, Gebräuchen, herkömmlichen Reden und Redensarten etc., Johann Albert versprach für die andern Beiträge."
Haltrichs Lebenslauf, im besondern während seiner Schäßburger Zeit, zeugt von dem Ernst und der Freude, mit der er seine ganze Energie daran verwendete, diese selbstgesteckten Ziele zu verwirklichen. Er erfuhr dabei manche Genugtuung, mußte es aber auch schweren Herzens erleben, daß sich nicht alles verwirklichen ließe, was er sich so schwungvoll vorgenommen hatte.
Die Volkssprache war mit eines der Hauptanliegen Haltrichs und seiner Zeitgenossen, zumal er 1851 vom Verein für siebenbürgische Landeskunde mit der Ausarbeitung des siebenbürgisch-sächsischen Wörterbuchs betraut wurde. Er hat sich darum zweifellos Verdienste erworben; doch kam es ihn schwer an, daß er an der eigentlichen Ausführung nicht teil hatte. Er schreibt dazu: "Der Gedanke ist mir oft peinlich und niederschlagend, daß die Aufgabe des siebenbürgisch-deutschen Wörterbuchs, welche nun bereits auf das dritte Geschlecht sich vererbt hat, noch immer nicht gelöst worden ist, während andrerseits aber auch feststeht, daß ihre Lösung auf Grund unserer bisherigen mangelhaften Vorarbeiten nach dem Muster des bayrischen Wörterbuches von Schmeller - denn die zum Teil unverantwortlich schlechten Wörterbücher nach Schmeller dürfen wir doch nicht nachahmen - noch immer nicht möglich ist." Er übergab seine Vorarbeiten seinem gut ausgerüsteten Schüler und Freund Johann Wolff, der damals in Mühlbach tätig war. Vielleicht hatte es Haltrich zum Tröste, gereichen können, daß wir heute, ein Jahrhundert nach seinem Plan zu Vorarbeiten für ein Idiotikon der siebenbürgisch-sächsischen Volkssprache (Kronstadt, 1866), nach Unterbrechungen erst dem Erscheinen des vierten Bandes entgegensehen.
Inzwischen ist man die strengere Scheidung von Dialektologie und Volkskunde schon gewöhnt, Haltrich aber und Johann Wolff, wie auch ihr tatkräftiger Nachfolger Adolf Schullerus, faßten das Wörterbuch der Volkssprache zugleich als einen Spiegel des Volkslebens auf. So ist es selbstverständlich, daß sich auch für ihn eine Ausweitung des Sammelobjekts nach dieser Richtung hin ergab. Im Bewußtsein ihrer sowohl sprachlich- formal als auch inhaltlich-begrifflich bewahrenden Eigenschaft wurden Sprichwörter, Redewendungen, Gruß-, Dank', Abschieds-, Schwur- und Beteuerungsformeln, Fluch-, Verwünschungs- und Drohformeln, Ausrufe, Sprüche, Bauernregeln, Rätsel, Volkslieder, Gedichte, Kindergebete, Spiele usw. gleicher weise gesammelt, oder es wurde zu deren Sammlung angeregt. Haltrich verarbeitete die eigene Ernte in kleineren Schriften wie Zur deutschen Thiersage, 1855, Die Stiefmütter, die Stief- und Waisenkinder in der siebenbürgischen Volkspoesie, 1856, Deutsche Inschriften aus Siebenbürgen, 1867, Zur Charakteristik der Zigeuner, 1869, Die Macht und Herrschaft des Aberglaubens in seinen vielfachen Erscheinungsformen, 1871, Sächsischer Volkswitz und Volkshumor, 1881, u.a., die dann, von Johann Wolff bearbeitet, 1885 im Band Zur Volkskunde der Siebenbürger-Sachsen gesammelt erschienen. Haltrichs schwerwiegendstes Werk bleibt jedoch seine Sammlung siebenbürgisch-sächsischer Märchen, die repräsentativen Charakter trug und noch trägt.

Obwohl Haltrich die noch im Vorwort zur dritten Auflage zugesagten Anmerkungen und Erläuterungen zum Märchenband bedauerlicherweise nie ausgearbeitet hat, sind uns doch Quellen an die Hand gegeben, die uns das Wichtigste über Entstehung, Zweck und Geschick seiner Märchensammlung vermitteln. Es ist dies zum einen seine Abhandlung Zur deutschen Thiersage, die im Programm des Schäßburger Gymnasiums am Ende des Schuljahres 1854/55 erschienen ist und die durch die Mitteilung eines Teils der Sammelernte neben andern Vorzügen auch den besitzt, unsere erste größere Veröffentlichung von Märchentexten zu sein (vereinzelte Märchen und Sagen waren schon einige Jahre vorher in Kalendern erschienen). Zum andern sind es die Vorworte zur ersten und zweiten Auflage, die nicht nur Haltrichs Konzeptionen widerspiegeln, sondern zugleich viel Konkretes über das Zustandekommen der Sammlung bieten.
Wollen wir jedoch über die jeweiligen Erzähler, denen Haltrich letzten Endes seine Märchen verdankt, Eingehenderes erfahren, müssen wir freilich auch zu andern Quellen greifen. So entnehmen wir der zitierten Stelle aus dem Vorwort zur Erstausgabe, daß Haltrich von seiner Mutter, Großmutter und den Geschwistern Märchen gehört und daß es in Regen die berühmte Erzählerin Stephan Anna Marie gegeben hatte. In der Abhandlung zum Tiermärchen erwähnt er außerdem den Bulkescher "Landmann namens Schmidt", der Haltrich anscheinend ebenso beeindruckt hat, denn er nennt ihn eine "wahre Fundgrube von volkstümlichen Erzählungen". Eine Durchsicht von Haltrichs Handschriften vermag diese spärlichen Angaben zu ergänzen; in seinem umfangreichen Heft Rumpelkammer für sächsische Märchen und Sagen fallen z. B. vor allem die Erzählungen Martin Lautners aus Trappold auf, dessen überdurchschnittlicher Erzählgabe wir mindestens vier Nummern der Sammlung verdanken (9, 39, 41, 64). Oder aber steuern andere Schriften unvermutet Näheres über die eine oder die andere Erzählergestalt bei. So rühmt beispielsweise
Q. A. Schuller in Dorfheimat (Hermannstadt, 1908) seine Großmutter als außergewöhnliche Erzählerin, die viele Märchen kannte, die auch in Haltrichs Sammlung erscheinen. "Eines darunter ist durch die Vermittlung meines Vaters aus dem Märchenschatz der Großmutter in diesen gemeinsamen Schatz unseres Volkes übergegangen."
Viel ausführlicher geht Haltrich auf die ortsmäßige Herkunft und auf die Vermittler seiner Märchen ein. Der Ertrag ist nämlich nur teilweise seinem persönlichen Sammeln zu verdanken. Wenn er die dritte Auflage "Friedrich Wilhelm Schuster, dem besten Kenner und Urheber dieser Sammlung", widmet, so ehrt er damit dankbar den Mann, der mit größter Selbstverständlichkeit seine Aufzeichnungen von ungefähr siebzig Märchen aus Mühlbach und dessen Umgebung beigesteuert, der sich auch theoretisch mit dem Märchen auseinandergesetzt und der Haltrich bereits in Leipzig darüber belehrt hatte, "daß eine treue Aufzeichnung unserer, im Volksmund lebenden, Märchen keine so überflüssige Arbeit sei", wie es diesem in Anbetracht der Ähnlichkeit ihrer "Hauptinhalte" mit denen der Grimmschen Sammlung geschienen hatte.
Außerdem wurde er durch seine Freunde Michael Salzer und Franz Obert bedeutend unterstützt, die als Lehrer am Mediascher Gymnasium und Seminar die Schüler vom Dorf zum Sammeln anhielten und mehrere Sendungen nach Schäßburg abschickten, die übrigens zum Teil noch erhalten sind. Selbstverständlich tat Haltrich seinerseits ein Gleiches: "Mit dem Schäßburger Gymnasium ist auch ein Seminarium für Dorfschullehrer und Dorfprediger verbunden. Die Schüler desselben, deren Zahl zwischen fünfzig und sechzig schwankt, sind meist aus den umliegenden, oder auch entferntern sächsischen Dörfern. Diese nun nahm ich einzeln oder mehrere zusammen zu mir, erzählte ihnen die Märchen, die ich hätte, und fragte sie dann, ob sie dieselben oder ähnliche nicht auch zu Hause gehört. Anfangs waren die jungen Leute scheu und zurückhaltend und wollten nicht viel wissen. Sie mochten wohl glauben, daß ich sie zum besten habe, denn was könne mir an den kleinlichen und unwahren Geschichten viel liegen. Als sie aber sahen, daß ich vollkommen Ernst habe, und als auch meine andern Kollegen sie aufmunterten, sich daheim Märchen erzählen zu lassen und mir dieselben wieder zu erzählen, so strömten sie mir bald in Menge zu und nach jeder Vacanz hatte ich eine reiche Ernte."
So kam ein umfangreiches Material zusammen, und zwar den Gegebenheiten entsprechend vor allem aus Regen, aus Schäßburg, Mühlbach, Mediasch, Reps, Großschenk und deren Umgebung. Freilich sind die Beiträge von unterschiedlichem Wert, und vor allem ist mancher der erhaltenen Schülertexte so ungeschickt abgefaßt, daß man nur mit Mühe die erzählten Motive erkennen kann; sie vermittelten aber Haltrich Einzelheiten und im Rahmen ihrer Herkunftsgebiete einen Einblick in die Verbreitung der einzelnen Märchen. Er empfand diese vielfältigen "Relationen" als unerläßlich, wollte er doch durch Vergleichen zum eigentlichen Märchentyp vorstoßen. Wie aus den Handschriften und den Anmerkungen in der Abhandlung ersichtlich, hielt er sich zwar vorwiegend an einen besser durchgestalteten Beleg, fand es aber angemessen, von andern Erzählungen des gleichen Typs in die endgültige Fassung hineinzunehmen, was ihm besonders gelungen oder aber in der bevorzugten Fassung zu fehlen schien. Das Tiermärchen Nr. 86 erhielt - als Beispiel unter fielen ähnlichen - seine Gestalt "nach der Zuckmantler erzählung", obwohl Haltrich auch über Belege aus Mühlbach, Bulkesch, Jakobsdorf, Trappold, Schaas, Marienburg bei Schäßburg und Maniersch verfügte. Folglich ist die Sammlung, wie wir sie vor uns haben, vom Stoff her in ihren konkreten Bestandteilen zwar eine verhältnismäßig "treue Aufzeichnung" der "im Volksmunde lebenden Märchen" - die einzelnen Märchen aber, in ihrer definitiven Form, sind zum größten Teil die Fassung Haltrichs. Dies bedeutet aber nicht, daß er vollkommen willkürlich mit dem Gesammelten umgegangen wäre. Ein Vergleich mit dem Katalog der mittlerweile ins Unübersehbare angewachsenen Sammlungen aus aller Welt ergibt, daß seine Märchen den internationalen Typen im Hauptgerüst entsprechen. Es ist ihm gelungen, das herauszuhören, was man in der Erzählforschung "Zielform" benannt hat: die mögliche ideale Fassung eines Märchentyps; wenige Ausnahmen gibt es, wie zum Beispiel die Nr. 48, Armut gilt nichts, Reichtum ist Verstand, wo er dem Rahmen zum Nachteil der eigentlichen Erzählung von den guten Ratschlägen ein zu großes Gewicht verlieh.
Was für den Stoff mit Einschränkung gilt, trifft für die sprachliche Form vollkommen zu. Diese ist Haltrichs Werk. Dazu äußert er sich selbst in dem mehrfach erwähnten Vorwort zur ersten Auflage: "Was die Darstellung betrifft, so habe ich nach dem unerreichbaren Muster der Grimm´schen Aufzeichnungen mich bemüht, im Allgemeinen den einfachen Ton der besten Erzähler festzuhalten, im Besonderen aber Treue und Wahrheit in der Sache, nicht im Ausdruck zu suchen. Wie matt und abgeschliffen auch die beste schriftliche Aufzeichnung ist gegen die lebendige Darstellung eines guten Erzählers, das habe ich genugsam erfahren. Zunächst kann man viele lebendige Ausdrücke und Wendungen der Volkssprache im Hochdeutschen gar nicht geben; dann läßt sich der wechselnde Ton und das Mienenspiel der Erzähler, das Leuchten ihrer Augen, ihre Teilnahme, Freude oder Angst usw., was doch wesentlich die Wirkung auf die Zuhörer bedingt, nicht mit darstellen. Wer aber aus unmittelbarer Erfahrung dieses kennt, für den wird auch die tote, schriftliche Aufzeichnung, wenn sie nur einfach und natürlich gehalten ist, das rechte Leben gewinnen. Die gewünschte Gleichmäßigkeit der Darstellung, wie sie nach dem verschiedenen Gehalt und Ton der einzelnen Märchen überhaupt möglich ist, habe ich, wie ich wohl einsehe, nicht erreicht; an manchen Stellen finde ich noch ein allzu starkes Haften an den Worten des Erzählers und hie und da ist wohl auch ein krankhafter, sentimentaler Zug stehen geblieben. Wie ganz anders weht dagegen durch alle Grimmschen Märchen der reine Hauch eines gesunden und frischen Lebens!"
Eine eingehendere Untersuchung ergibt tatsächlich wesentliche Unterschiede zwischen der Haltrich´schen Darstellung und
dem lebendigen volkstümlichen Erzählstil, abgesehen davon, daß keine schriftliche Aufzeichnung das mündliche Vorbild erreicht. Im volkstümlichen Erzählen sind u. a. die Sätze kürzer, die Wiederholungen häufiger und mehrfach gleichlautend, die Sätze werden zuweilen nicht zu Ende geführt. All dies hat Haltrich, wie das auch nachher noch üblich und zum Teil für ein lesbares Buch unumgänglich ist, den Normen des Schriftdeutschen nach Möglichkeit angepaßt, hat eine gewähltere und abwechslungsreichere Ausdrucksweise benützt, längere Satzgebilde geschaffen, logische Verbindungen herausgearbeitet usw. - Auch andere Eigentümlichkeiten des mündlichen Erzählens kamen unter dem Zwang der schriftlichen Wiedergabe und der Buchform zu kurz: zwar beginnen viele Märchen mit dem authentischen "Es war einmal...",
spezielle Schlußformeln sind jedoch nur bei den Nrn. l und 56 anzutreffen; dabei ist es ein Charakteristikum des lebendigen Vertrags, den Zuhörer nach dem Verweilen in der entrückten, künstlerisch wahren Welt des Märchens durch eine meist scherzhafte Formel wieder in die alltägliche Wirklichkeit zurückzugeleiten. Selbst wenn ein Erzähler bei all seinen Märchen nur eine einzige Formel verwendet, stört das beim Zuhören nicht; beim Lesen hingegen könnte die Wiederholung allzu leicht Überdruß erwecken.
Als Herausgeber von Märchen, die zudem in einer von der Hochsprache so sehr abweichenden Mundart erzählt worden 
waren, stand er vor der schwierigen Aufgabe, ein immerhin flüssiges Schriftdeutsch zu verwenden, dem doch auch die mundartliche Eigenart nicht ganz abgehen sollte. Haltrich hat zwar die Handschrift mehrere Male durchgesehen und verbessert, die gedruckten Märchen aber, im Unterschied zu W. Grimm, der an den Kinder- und Hausmärchen vor jeder Ausgabe feilte, kaum überarbeitet. Eine Ausnahme bilden die erst in die Ausgabe von 1882 aufgenommenen Tiermärchen, die in der Abhandlung noch einen viel engeren Zusammenhang mit der Mundart aufweisen; und was in der Erzählung selbst an besonderen Ausdrücken keine Verwendung fand, erscheint dort jeweils in der Anmerkung zum Stück. Wohl fängt z. B. die Stelle "Fürchte dich nicht, Grauchen, ich bin ja der Midi vom Graben, der deine Schuhe beschlagen hat", aus dem Tierschwank Nr. 89, Der Zigeuner, der Wolf, der Fuchs und der Esel in der Wolfsgrube, etwas von lokaler Atmosphäre ein, doch wieviel mehr sagt das Gemisch aus falschem Sächsisch mit rumänischen und ungarischen Brocken aus der Marienburger Erzählung, das der obigen Fassung zugrunde liegt und das in die Anmerkung verwiesen wurde: "Szürkechen, loß det Frike; ech bä det Midi vun det Gerätsch, di denj Geschäch gepatkölt höt!"
In der endgültigen Fassung wurde noch mehr Dialektales ausgemerzt, und doch vermitteln die stehengebliebenen Worter und Wendungen, ja sogar einige problematische Verdeutschungen, dem Mundartkenner ein konkreteres Bild der eigentlichen Erzählsprache. Wir wollen deshalb heute, wo die Beachtung des persönlichen Erzählstils zu einem anerkannten Gesetz der Erzählforschung wurde, den Selbstvorwurf des "allzu starken Haftens an dem Wort des Erzählers" nicht mehr gelten lassen. Allerdings müssen wir andererseits Haltrich zustimmen, daß er das einmal gewählte Vorbild der Grimmschen Darstellung nicht erreicht hat. Wilhelm Grimm bescheinigt Haltrich zwar am 8. Juli 1856 in einem Dankschreiben für das zugeschickte, eben erschienene Märchenbuch einen entsprechenden Stil: "auch Ihre Darstellung ist schlicht, natürlich und ansprechend"; trotzdem finden wir in dem hiesigen Märchen Nr. 39, Von der Königstochter, die aus ihrem Schlosse alles in ihrem Reiche sah, das die Grimms mit Haltrichs Zustimmung der siebenten Auflage ihrer Sammlung, 1857, einverleibt hatten (Nr. 191, Das Meerhäschen) fast keinen wörtlich beibehaltenen Satz!
Haltrichs märchentheoretische Ansichten wurden nirgends umfassend dargelegt, kommen aber auch in der Sammlung selbst mittelbar zum Ausdruck. Die Anordnung der verschiedenen Nummern beweist, daß er, in Anlehnung an die Grimms und ihre Nachfolger, die Märchen ebenfalls für Reste alter Mythen hielt, und deshalb gab er solchen mit "entschieden und sichtbar mythischer Grundlage", jenen, hinter deren Handlungsträgern er mythische Gestalten (Gott, der Alte im grauen Mantel - Wodan) zu erkennen glaubte, den Vorzug. Außerdem weisen schon die Titel seiner Arbeiten darauf hin, daß ihm besonders daran gelegen war, die hiesige Volkskultur, in Analogie zum Volk selbst und zu seiner Sprache, als "Splitter vom großen Stamme" des deutschen Volksgutes bewußt zu machen. Seine deutschen Tiersagen, seine deutschen Volksmärchen wollen dafür Belegmaterial sein. Eine Sichtung des hiesigen geistigen Volksgutes auf seinen mythischen Gehalt hin hat, nach J. C. Schuller, vor allem F. W. Schuster 1870 in seiner fast dreihundert Seiten starken Abhandlung Deutsche Mythen aus siebenbürgischen Quellen (In: "Archiv des Vereins für siebenbürgische Landeskunde", N. F., Bd. IX, X) vorgenommen. Haltrichs ausdrückliches Bekenntnis dazu berechtigt uns vollauf, stellvertretend einiges zur Illustration anzuführen. Zwar nennt Schuster die Sammlung Haltrichs hier nicht, wie an anderem Ort, eine "jüngste Edda", aber im Verzeichnis der für die Mythologie fruchtbaren Quellen stellt er die Märchen "als unsere ergiebigste Mythenquelle" an die Spitze und weist ihnen darüber hinaus im "gesamtdeutschen" Kulturgut eine führende Stellung zu: "Kaum irgendein deutscher Volksstamm besitzt so stark mythische Märchen, wie der unsrige." Unter den Interpretationen, die nach nordischen Götter gestalten angeordnet sind, fällt besonders die zum Märchen vom Rosenmädchen auf, die Adolf Schullerus übrigens später noch einer Kritik unterzogen hat. Doch beispielhaft ist auch die zum Haltrichmärchen Nr. 39, Von der Königstocher, die aus ihrem Schlosse alles in ihrem Reiche sah (bzw. Nr. 191 bei Grimm, Das Meerhäschen), zu welchem Schuster feststellt, daß das Schloß im Märchen den Hochsitz Odins am Himmel, Hlidhskialf, darstellt. Weiterhin erklärt er den naturmythologischen Gehalt folgendermaßen:
"Als Sonne ist in unserm Märchen die Gemahlin des Himmelsgottes aufgefaßt und sie mag so wohl aus ihrem Palast, welches der Himmel ist, alles in der Welt sehen. Die zwölf Fenster werden wohl die zwölf Monate des Jahres oder die verschiedene Stellung der Sonne während derselben bezeichnen... Das Meerhäschen ist die dem Wasser entsteigende Wolke, die sich um das Haupt der Sonne, unter ihren Zopf d. i. ihre Strahlen legt und so ihrem Allblick entgeht."
Das solch mythologische Auslegungen den heutigen Auffassungen vom Wesen des Märchens nicht mehr gemäß sind, bedarf keiner besonderen Betonung. Auch ist es heute klar, daß in der nationalen oder geographischen Festlegung der volkstümlichen Erzählgebilde größte Vorsicht geboten ist. So hat beispielsweise im Falle des genannten Märchens I.Hartmann-Ströhm 1953 nachgewiesen, daß seine verschieden alten, auch gesondert lebenden Motive in dieser Kombination vor allem bei den Südslawen vorkommen, daß es sich also keinesfalls, wie die Grimms wohl gleicher weise meinten, um ein typisch deutsches, aus der Urheimat mitgebrachtes und hier besonders gut bewahrtes Märchen handeln kann.
Die einseitig mythologische Interpretation hatte indessen schon zu Haltrichs Lebzeiten an Boden verloren. Das mag ein Wort Fr. Müllers erhärten, das gleichzeitig auch erklären könnte, was Haltrich außer seinem Augenleiden und dem neuen Amt bewogen haben mag, die Neuherausgabe seiner kleineren Schriften einem andern aufzutragen und auch auf die versprochenen Anmerkungen zu verzichten. Müller legt in dem Vorwort zur zweiten Ausgabe seiner Siebenbürgischen Sagen, 1885, dar, warum er den mythologisch-interpretierenden Teil des ersten Vorworts (1857) nicht mehr für voll vertretbar halten könne: "Den Ausschlag gab aber, daß, als er [der Verfasser - H. M.] trotz alledem versuchte, sich in der neuern hierher einschlagenden Literatur wieder heimisch zu machen, er zu erkennen glaubte, daß was vor einem halben Jahrhundert durch Jacob Grimms deutsche Mythologie fest begründet schien und noch zur Zeit der ersten Ausgabe der vorliegenden Sammlung allgemein anerkannt war, der Gehalt der Sage und des Märchens an nationalem Götterglauben, seither so ins Schwanken gekommen sei, daß es gewagt wäre für jemanden, der nur am Saume mühsam arbeitet, sich auf festem Grunde zu wähnen und mitten in die Reihe der Kämpfenden zu stellen."
Haltrich war zwar ein Anhänger der mythologischen Schule, doch lassen seine Fragezeichen in den Manuskripten darauf schließen, wie mühevoll auch ihm die Annäherung an das Wesen des Märchens wurde, da mancher Zug sich dem damals üblichen erläuternden Zugriff entziehen mußte; über seinen mythologischen Gehalt hinaus faszinierte ihn als Kenner das Märchen dennoch immer wieder als Gebilde von eigenem Aussagewert. "Ueber den eigentümlichen Werth, den diese Volksmärchen haben mögen", heißt es im Vorwort zur Erstausgabe, "wage ich es nicht, jetzt etwas zu sagen, da ich nicht genau weiß, ob auch nur eines darunter etwas ganz Besonderes an sich hat, das in den bisherigen zahlreichen schriftlichen Aufzeichnungen keine Analogie findet oder sonst in lebendiger Ueberlieferung nirgends vorkommen sollte. Wenn sie übrigens auch gar nichts ganz Neues bringen sollten, so geben sie doch wenigstens ein Zeugnis von der besondern Gestaltung und Verbreitung schon bekannter Märchen."
Deshalb beachtete er bei der Zusammenstellung dieser Sammlung, die als ,,freundliche Gabe" dem Bauernhaus das Vertrauen ins Eigene stärken, der Bürgerfamilie wieder geben sollte, was sie verloren hatte, und schließlich auch außerhalb der Grenzen den hiesigen Anteil an deutscher Kultur bekannt machen wollte, in besonderem Maße die bodenständigen Züge;
deshalb nahm er neben eigentlichen Märchen auch Erzählungen, Schwanke, ja sogar Sagen auf, weil er vermeinte, es spiegele sich darin etwas von der Psychologie und Lebensweise dieser Bevölkerung (Nr 50, 51, 52 u. a., die Sage Nr. 12 von den Boten des Todes), selbst wenn diese erzählerisch nicht geglückt sind (Nr. 56); deshalb erscheinen in der Sammlung auch Stücke, wo Rumänen, Szekler und Zigeuner vorkommen, weil dadurch etwas vom spezifisch Lokalen mit eingefangen wird. Allerdings geschieht dies öfters als schwankhafte Bewältigung eines Lebensproblems, und es liegt in der Natur der Volksdichtung, sowohl des Schwankes als auch der Sage, das Schlechte dem ändern anzudichten, und sei es nur der Nachbar. Gerade diese Art Schwänke ist es nun, die wir im Anhang gesondert noch durch einige Nummern ergänzen mochten; der Schwank ist zahlenmäßig in der Sammlung nicht dem Verhältnis entsprechend vertreten, in dem er im lebendigen Erzählen seit eh und je vorkommt. Die hier aufgenommenen Schwänke wurden von Haltrich bei andern Gelegenheiten mitgeteilt und entstammen zum Teil (Nr. [124]- [131]) dem Aufsatz Zur Charakteristik der Zigeuner (Im "Siebenbürgisch-Deutschen Wochenblatt", Jg. IIJ1869, Nr. 7, S. 104-106; Nr. 8, S. 124-126) sowie (Nr. [132]- [137]) dem 1878 in der Generalversammlung des Vereins für siebenbürgische Landeskunde gehaltenen Vortrag Sächsischer Volkswitz und Volkshumor (abgedruckt in: Sächsischer Hausfreund. Kalender... auf aus Jahr 1881, S. 1-28); Nr. [138} entnahmen wir dem Plan zu Vorarbeiten für ein Idiotikon der siebenbürgisch-sächsischen Volkssprache (Kronstadt, ]. Gött, 1865, S. 60). Außerdem schien es begründet, auch andere Erzählungen hier zusammenzutragen, die Haltrich zwar veröffentlicht, in die Ausgabe letzter Hand aber nicht mehr aufgenommen hatte. Die beiden schönen Zaubermärchen Das Wunderkind und "Nebel ohne Tod" drucken wir in der Variante aus dem Sächsischen Hausfreund. Kalender ... auf das Jahr 1862, S. 4-8 bzw. 8-11, ohne die kleinen Textveränderungen zu berücksichtigen, die bei ihrer Neuveröffentlichung (durch Haltrichs Sohn Konrad) in den "Karpathen" (Jg. TV11910-11, Heft l, S. 9-11; Heft 5, S. 147-150) vorgenommen wurden. Demselben Jahrgang dieser Zeitschrift entstammen Salomonischer Rechtsspruch (Heft. l, S. 11-13) und De zwin Lijner: Hans uch Mi;ch - Die beiden Lügner: Hans und Michel (Heft 7, S. 215-217), die ihre Aufnahme hier dadurch rechtfertigen, daß Haltrich sie selbst "kurz vor seinem Tod" bearbeitet hatte, wobei allerdings Bedenken gegen die angeblich Schäßburger Mundart des letzten Stückes angemeldet werden müssen. Mit der Veröffentlichung der Nr. 83 in sächsischer Mundart (aus Zur deutschen thiersage) sollen die wenigen mundartlichen Texte eine Bereicherung erfahren, zumal auch die Formeln in dieser Fassung lebendiger sind.
Unsere Zusätze führen dabei die Numerierung der Sammlung in eckigen Klammern fort, die ändern Texte sind eine unveränderte Wiedergabe der Ausgabe letzter Hand, Deutsche Volksmärchen aus dem Sachsenlande in Siebenbürgen, dritte, vermehrte Auflage, Wien, Verlag von C. Graeser, 1882 (die vierte, ebenfalls zu Haltrichs Lebzeiten 1885 erschienene Auflage ist ein Doppeldruck der dritten'.), um auch dem wissenschaftlich Interessierten ein brauchbares Buch zur Verfügung zu stellen. Obzwar hie und da etwas veraltet, hat dieser Text dennoch den Vorteil, einheitlich zu sein, während die bisherigen (leichten) Bearbeitungen zwar einige Verbesserungen erreichten, im ganzen jedoch subjektiv und unkonsequent sind. Unser Eingriff besteht lediglich in der Anpassung der Variante letzter Hand an die heutige Orthographie des Schriftdeutschen und in der graphischen Neugestaltung der Texte in siebenbürgisch-sächsischer Mundart nach den von Dr. B. Capesius ausgearbeiteten Richtlinien für Rechtschreibung und Aussprache der mundartlichen Texte. In: Schuster Dutz, Das Kulturpfeifen,. herausgegeben von H. Krasser, dritte, erweiterte und durchgesehene Auflage, Bukarest, Literatur verlag, 1969, S. 323-327).
Es wäre sicherlich aufschlußreich gewesen, im Anhang zu -endgültigen Sammlung einiges aus dem Nachlaß Haltrichs zu veröffentlichen. Dagegen sprach aber einerseits der große Umfang des handschriftlichen Materials, andererseits der Umstand, daß noch nicht der gesamte Nachlaß identifiziert werden konnte und so im Vorhandenen noch wichtige Lücken sind. Eingedenk dessen, daß diese Manuskripte ihres Alters wegen für die Erzählforschung wertvolle Dokumente darstellen, wäre ihre selbständige Veröffentlichung gerechtfertigt.. Dann erst erlaubte Haltrichs Nachlaß einen wahren Einblick in die Situation des volkstümlichen Erzählens unter den Siebenbürger Sachsen um die Mitte des vorigen Jahrhunderts, in die Arbeitsweise und in die Auffassungen Haltrichs vom Wesen der Volksdichtung. In diesem Zusammenhang könnten dann auch die Vorworte zu den drei von ihm veranstalteten Ausgaben wie auch der gesamte erhaltene Briefwechsel - Haltrich hatte Vorworte und Briefwechsel in Auszügen, bzw. ausgewählt in die dritte als Anhang aufgenommen - im rechten Lichte erscheinen und wesentlich zum Verständnis der damaligen volkskundlichen Bewegung beitragen.


Klausenburg, im Juni 1970

Hanni M a r k e l