Sächsische Volksmärchen aus Siebenbürgen

Anhang

Zur Geschichte der Sammlung
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Vorwort zur ersten Auflage

Es war im Jahre 1842, als ich, ein Schüler des Schäßburger Gymnasiums, zum ersten mal die Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm aus der Schäßburger Schul-und Lesebibliothek in die Hände bekam. Da wurde ich von nicht geringer Freude und nicht geringem Erstaunen ergriffen, als ich in dem Buche fast alle die schönen Geschichten aufgezeichnet fand, die ich seit den ersten Jahren meiner Kindheit von meiner Mutter, Großmutter, meinem älteren Geschwistern und von der, in meinem Heimatort Sächsisch-Regen damals sehr berühmten und allbekannten Erzählerin Stephan Anna Marie gehört hatte. Das Buch kam von da an nicht aus meinen Händen und so oft ich mich in den frohen Erinnerungen aus der frühen Jugendzeit ergehen wollte, nahm ich es hervor und erquickte mich daran.

Als ich im Herbst 1845 die Universität Leipzig bezog, fand ich dort meinen Freund Wilhelm Schuster aus Mühlbach, der noch sein letztes Semester daselbst zu verbleiben hatte. Seine große Begeisterung für die Erforschung allen dessen, was unser sächsisches Volkswesen und Volksleben betrifft, geweckt durch das Studium der Schriften von Jakob und Wilhelm Grimm u.A., teilte sich mir und in der Folge mehreren unseren Freunden, namentlich Friedrich Müller, Johann Matz und Johann Albert mit, so dass wir uns mit Eifer auf die zu jener Ausgabe vorbereitenden Studien verlegten. In den wirrvollen und stürmischen Jahren 1848 und 1849, wo wir Gleichstrebenden meist schon in der Heimat waren, konnte natürlich an eine so stille und feierliche Arbeit, als wir vorhatten, nicht gedacht werden. Kaum war aber die Ruhe hergestellt, so nahmen wir nach einem vorher besprochenem Plane mit Lust und Ernst die Sache in Angriff. Jeder der Freunde sollte zwar Alles sammeln, dessen er in seinem Kreise habhaft werden könnte, allein jeder sollte sein Augenmerk vor der Hand nun auch ganz besonders auf einen Gegenstand richten und von den anderen durch einschlägige Beiträge unterstützt werden. So übernahm nach freier Wahl Wilhelm Schuster für sich als nächste Hauptaufgabe die Sammlung sächsischer Volkslieder, Rätsel, etc. ... Friedrich Müller die Sammlung sächsischer Sagen und ich die Sammlung sächsischer Märchen, Johann Matz die Sammlung von Sitten, Gebräuchen, herkömmlichen Reden und Redensarten etc., Johann Albert versprach für die anderen Beiträge.

So ist es bei dieser geteilten und doch vereinten Tätigkeit und der Aufmunterung, welche die Sammler vom Verein für siebenbürgische Landeskunde und mehreren um die historischen Wissenschaften Siebenbürgens verdienten Männern erfahren haben, schon nach kurzer Zeit möglich geworden, dass Einiges von unseren Arbeiten ans Licht treten kann. Zu gleicher Zeit mit diesen Märchen erscheinen die sächsischen oder (da der Sammler auch die zugänglichen magyarischen und walachischen etc. aufgenommen hat) siebenbürgischen Sagen von Friedrich Müller und hoffentlich bald die sächsischen Volkslieder von Wilhelm Schuster. Unsere gemeinschaftlichen Sammlungen für Volkssprache (einen reichen Vorrat in dieser Beziehung besitzt Herr Schulrat Karl Schuller), Sitten, Gebräuche, Aberglaube u.v.m. schreiten inzwischen auch immer fort und die Freude diesartige Tätigkeit mehren sich von Tag zu Tag.

Nach dieser kleinen Abschweifung beschränke ich mich darauf, über die vorliegende Märchensammlung allein zu sprechen.

Wilhelm Schuster war es, der mich noch in Leipzig darüber belehrte, dass eine treue Aufzeichnung unserer im Volksmund lebenden Märchen keine so überflüssige Arbeit sei, wie mir das anfangs geschienen, da ich die meisten dem Hauptinhalte nach in den Grimmschen Sammlungen zu finden meinte und die eindeutigen Abweichungen und besonderen Gestaltungen nicht für gar wesentlich hielt. Er selbst begann zuerst und zwar schon in Leipzig eine Sammlung, indem er die Märchen die er aus seiner Kindheit wusste und die er von mir hörte, niederschrieb. Diese vermehrte er, sobald er von der Universität heimkehrt war und als ich die Bearbeitung und weitere Sammlung als meine nächste Hauptaufgabe übernahm, bildeten die Märchen von Wilhelm Schuster die erste Grundlage. Ich fing die Sache nun auch damit an, dass ich diejenigen derer ich mich erinnerte unabhängig von den Schusterschen Aufzeichnungen niederschrieb und dieselben in den Baranzen bei meinen Eltern in Sächsisch-Regen berichtigte, indem ich mir sie von meiner Mutter, die sie treuer im Gedächtnis behalten, wieder erzählen ließ. Mit Hilfe dieses meines kleinen Vorrates gelang es mir aber bald eine Quelle zu eröffnen, die mir auf einmal reichlichen Zufluss verschaffte und noch lange nicht erschöpft sein wird.

Mit dem Schäßburger Gymnasium ist auch ein Seminarium für Dorfschullehrer und Dorfprediger verbunden. Die Schüler diesselben, deren Zahl zwischen fünfzig und sechzig schwankt, sind meist aus den umliegenden, einige auch aus entfernteren sächsischen Dörfern. Diese nun nahm ich einzeln oder mehrere zusammen zu mir, erzählte ihnen die Märchen, die ich hatte und fragte sie dann, ob sie dieselben oder ähnliche nicht auch zu hause gehört. Anfangs waren die jungen Leute scheu und zurückhaltend und wollten nicht viel wissen. Sie mochten wohl glauben, dass ich sie zum besten habe, denn was könne mir an den kleinlichen und unwahren Geschichten viel liegen. Als sie aber sahen, dass ich vollkommen Ernst hatte und als auch meine anderen Kollegen sie aufmunterten, sich daheim Märchen erzählen zu lassen und dieselben wieder zu erzählen, so strömten sie mir bald in Mengen zu und nach jeder Bacanz hatte ich eine reiche Ernte. Außerdem bekam ich schriftliche Beiträge aus dem benachbarten Mediasch, wo ebenfalls mit dem Gymnasium ein Dorfschullehrer und Prediger-Seminarium verbunden ist und wo meine Freunde, die Gymnasiumlehrer Michael Salzer und Franz Obert, auf mein Ersuchen die Schüler zum Niederschreiben von heimischen Volksmärchen anhielten. Wie ungenau auch manche dieser Aufzeichnungen sind, so sind mir doch alle willkommen, da sie mir über die Verbreitung einzelner Märchen, die ich in mehrfacher, weit besseren Relationen kenne, erwünschten Aufschluss geben.

In diesem großen Zufluss wähnte ich in einem oder zwei Jahren wohl den gesammelten Märchenvorrat, den unser sächsisches Landvolk besitzt, zusammen zu bekommen und wollte an einer Sichtung und Ausarbeitung auch nicht eher gehen, als bis ich die Überzeugung gewonnen, dass kein neues Märchen und keine eigentümliche abweichende Erzählung irgend eines Märchens mehr zu finden sei. Vor einem Jahre aber sah ich zu meiner Freude ein, dass dies noch längere Zeit nicht der Fall sein werde, und ich kam mir vor, wie jener törichte Bauer oder die vier Finger in unserem Märchen, die an dem Flusse stehen und abwarten wollen, bis das Wasser abfließe. Darum beschloss ich einen Halt zu machen und aus dem Wasser des Gesammelten eine Auswahl zu treffen und das ist eben die vorliegende Sammlung.

Die Reihenfolge der hier vorliegenden Märchen ist nicht eine willkürliche. Vorangestellt sind die mit – und sichtbar mythischer Grundlage geordnet nach einem Hauptzug Ihrer Verwandtschaft, dann folgen die schwankhaften, zuletzt die Kleinkindermärchen, darunter auch einige Tiermärchen.

In sächsischer Mundart habe ich absichtlich nur ein Stück gegeben damit die Sammlung durch Mitteilung von mehreren nicht ein zu buntes Ausleben gewinne.

Was die Darstellung betrifft, so habe ich nach dem unerreichbaren Muster der Grimm´schen Aufzeichnungen mich bemüht im Allgemeinen den einfachen Ton der besten Erzähler festzuhalten, im Besonderen aber Treue und Wahrheit in der Sache, nicht im Ausdruck zu suchen. Wie matt und abgeschliffen auch die beste schriftliche Aufzeichnung ist gegen die lebendige Darstellung eines guten Erzählers, das habe ich genugsam erfahren. Zunächst kann man viele lebendige Ausdrücke und Wendungen der Volkssprache im Hochdeutschen gar nicht geben; dann lässt sich der wechselnde Ton und das Mimenspiel der Erzähler, das Leuchten ihrer Augen, ihre Teilnahme, Freude oder Angst u.v.m., was doch wesentlich die Wirkung auf die Zuhörer bedingt, nicht mit darstellen. Wer aber aus unmittelbarer Erfahrung dieses kennt, für den wird auch die tote, schriftliche Aufzeichnung, wenn sie nur einfach und natürlich gehalten ist, das rechte Leben gewinnen. Die gewünschte Gleichmäßigkeit der Darstellung, wie sie nach dem verschiedenen Gehalt und Ton der einzelnen Märchen überhaupt möglich ist, habe ich, wie ich wohl einsehe, nicht erreicht; an manchen Stellen finde ich noch ein allzu starkes Haften an den Worten des Erzählers und hie und da ist wohl auch ein krankhafter, sentimentaler Zug stehen geblieben. Wie ganz anders weht dagegen durch alle Grimm´schen Märchen der reine Hauch eines gesunden und frischen Lebens !

Über den eigentümlichen Wert den viele Volksmärchen haben mögen, wage ich es nicht, jetzt etwas zu sagen, da ich nicht genau weis, ob auch nur eines darunter etwas ganz Besonderes an sich hat, das in den bisherigen zahlreichen schriftlichen Aufzeichnungen keine Analogie finden oder sonst in lebendiger Überlieferung nirgends vorkommen sollte. Wenn sie übrigens auch gar nichts ganz Neues bringen sollten, so geben sie doch wenigstens ein Zeugnis von der besonderen Gestaltung und Verbreitung schon bekannter Märchen.

Bei der Zusammenstellung dieser Sammlung hatte ich nicht so sehr den Zweck, das wissenschaftliche Interesse zu befriedigen, als vielmehr nach mehreren Richtungen hin eine freundliche Gabe zu bieten.

Zunächst bringe ich diese Volksmärchen dar unserm sächsischen Landvolke. Ich habe sie von seinem Eigentum genommen, zu ihm sollen sie daher auch zuerst einsprechen, damit es darin, wie wir in einem Spiegel, etwas von seinem geistigen Wesen und Leben, schaue. Wenn aber das Buch selbst auch nicht in die Bauernhütten gelangt, so verschlägt das nichts; denn wo man stets aus frischer Quelle trinken und sich erquicken kann, hat man das altgeschöpfte und abgestandene Wasser nicht von nöten; nur hören soll das Volk davon, dass darin die Geschichten enthalten sind, die es so treu hegt und pflegt und das sie auch andere Menschen erfreuen. Dann wird sich seine Lust daran verdoppeln, und die Märchenerzähler, die hie und da schon der Verspottung anheimfallen, werden wieder zu Ehren kommen und die Familien werden allgemein, wie ehemals in den langen Winterabenden um den großen lutherischen Ofen sich versammeln und in das helle knisternde Feuer blickend, den Erzählungen des Vaters, der Mutter und Großmutter andächtig zuhören.

Unsere Zeit allgemeiner Zersetzung und Zersplitterung droht auch dem deutschen Volkstum in Siebenbürgen Gefahr ; unheilverkündende Stimmen, deren Zahl sich von Tag zu Tag mehrt, wollen den Untergang in nicht allzu großer Ferne erblicken. Mich hat bei der Sammlung von diesen Märchen, von Volksüberlieferungen und Bräuchen ein starker Trost überkommen, das jener Untergang doch nicht so nahe und wohl noch abzuwehren sei, indem ich als Zeichen desselben angebliche physische und geistige Erschlaffung nicht ganz begründet finde. Ein Volk das seine Sprache und sein gesamtes geistiges Erbe der Vorzeit unter mancherlei heftigen Stürmen so lange treu erhalten, in dem noch gegenwärtig so viele frische Brunnen alteigentümlichen Lebens sprudeln und quellen, kann nicht so schnell untergehen und das wird wohl, wenn es nur den Mut hat sich aufzuraffen, noch im Stande sein, gegen die zersetzende Strömung von Außen neue Schutzdämme zu bauen.

Zweitens bringe ich diese Volksmärchen dar den Bürgerfamilien in unseren sächsischen Städten. Hier klopfen sie freilich etwas zaghafter an und sehen in den stolzen Häusern nicht einem so freundlichen Willkommen entgegen, als in den einfachen Bauernhütten, wo sie sich mehr heimisch fühlen. Mit dem alten luther´schen Ofen ist auch die alte stille Gemütlichkeit, welche die Familie ehemals am Abend um den häuslichen Herd versammelte, aus den meisten Bürgerhäusern der Stadt verdrängt worden; kalte nüchterne Trockenheit, stummer Ernst oder rauschende und klappernde Genüsse, die das Herz leer lassen, sind an ihre Stelle getreten. Der Zeitgeist, der eine so starke Richtung nach dem materiellen und äußern Genuss genommen und den kalten Verstand auf den Thron gesetzt hat, zerstört auch in unseren Städten die stille genügsame Häuslichkeit allmählich und die gemütliche Erziehung im Hause durch die mündliche Fortpflanzung alter Traditionen und Familienerinnerungen von den Eltern auf die Kinder hört immer mehr auf. Aber auch unsere heutige öffentliche Erziehung ist zum Teil von diesem Geiste kalter Nüchternheit und Trockenheit ergriffen, indem sie Alles, was nicht aufs praktische Leben Bezug hat, was nicht mathematisch war ist, wie 2 mal 2 gleich 4, von den Kindern fern zu halten befiehlt. Da sollen den auch die "albernen Märchen, die nur den armen Kindern, deren lebhafte Phantasie doch beschädigt" sein will, entweder oft gar nichts, oder gibt man ihnen nicht selten – die vielen vortrefflichen Jugendschriften der Art nehmen wir rühmend aus – sogenannte Kinderbücher moralischen Inhaltes in die Hände, mit meist erfundenen oder gemachten Geschichten ohne Leben und natürliche oder poetische Wahrheit, wie vom bösen Fritz, vom frommen Anton u. dgl. Und hetzt sie zum lesen dessen, was sie nicht verstehen, was ihren regen Geist nicht beschäftigt, ihm keine rechte Nahrung bietet; von schlechten und verderblich wirkenden Büchern, die man ihnen wohl auch zusteckt, gar nicht zu reden.

Wahrlich der Zeit unserer städtischen Jugend, dem, aus welchen Ursachen immer, das geheimnis- und zaubervolle Wunderland der Märchen verschlossen geblieben, der nicht berührt und angehaucht worden von dem Dufte dieser reinen Kinderpoesie. Offenbar auf eine schreckenerregende Weise eine Kälte und Trockenheit des Gemütes, vor der einem bange wird. Darum möchten diese geschriebenen und gedruckten Volksmärchen hier mit dieser Jugend ganz besonders Einlass suchen, da sie ihnen ein Gut verschaffen, das ihnen eigentümlich gehört, das man ihnen bisher ungerechterweise entzogen.

Zuletzt bringe ich diese Volksmärchen dar unseren Stammesgenossen im fernen Mutterland. Auch sie mögen neben vielem Andern ihnen ein willkommenes Zeugnis geben, dass das kleine Reis von der großen deutschen Eiche, welches in den fernen Osten verpflanzt worden, zu einem Bäumchen herangewachsen, sein ursprüngliches Leben noch immer bewahrt. Dann mögen die Brüder draußen, wenn sie auch hieran erkennen, dass wir mit ihnen Fleisch von einem Fleisch und Geist von einem Geist sind, mit wohlwollender freundlicher Teilnahme unser gedenken !

So treten denn eure Wanderungen in die fremde Welt an, ihr stillen bescheidenen Märchen, und wo ihr offenen kindlichen Sinn und empfängliche Gemüter findet, da kehret ein und schlaget eure bleibende Wohnung auf !

Schäßburg, am Tage Dorothea (6.Febr.) 1856.

Josef Haltrich