Die steinernen Blumen
von Claus Stephani

Burzenländer sächsische Sagen und Ortsgeschichten

Vorbemerkung

Inhaltsverzeichnis

Wolkendorf/Hohlbach/Alttohann Weidenbach/Zeiden
1. Ruthraut 1. Einsiedeln
2. Wolkendorf 2. Der große Kupferkessel
3. Die beiden Hillen 3. Peter II. Cercel in Zeiden
4. Bei den Tischen 4. Die Weidenbächerin
5. Die trockene Hanklich 5. „Mer schliefen!"
6. Der fremde Reiter 6. Ein kluger Zeidner
7. Georg  Heiser 7. Die „Kotsch"
8. Michael Hermannstädter 8. „Ach, meng Mann..."
9. Andreas Beer 9. Die Weidenbächer „Speckernte"
10. Die Eiche Brenndorf
11. "Der saure Thomas" 1. Der Stein am Lempesch
12. Die Wolkendorferin in der Burzen 2. Das Bächlein in der Burggasse
13. Der Gemeindestier auf der Kirchenmauer 3. Die Bäreneiche
14. Die Wolkendorfer Eisenbahn 4. Die Fische in der Scheipich
15. Wie der Mond aus der Burzen gezogen wurde 5. Die Füchse bei der Schweinstränke
16. Ein mutiger Pfarrer 6. Die Fenteninsel
Rosenau Heldsdorf/Neudorf/Krebsbach
1. Rosenau 1. Hiltwin
2. Orlenburg 2. Die Rote Burg
3. Der Götzentempel (I) 3. Hopfenseifen
4. Der Götzentempel (II) 4. Das Holzweib
5. Der „Ochsenrücken" 5. Krebsbach
6. Der Türkenschatz Rothbach/Nußbach
7. Die Erdenburg (I) 1. Der Hünenstein
8. Die Erdenburg (II) 2. Das Hünenkind
9. „Barbutz" 3. Die steinernen Blumen
10. Die „Haragutzen" 4. Fürstenberg
11. Jägerpech 5. Blumendorf
12. „Klipp" 6. Stein — das Dorf am Steinig-Bach
Schirkanyen 7. Hattertstreit
1. Mönchau 8. Die Altbrücke bei Nußbach
2. Die „Waldwiachen" Tartlau/Kreuzburg
3. Kreuzdorf 1. Kreuzburg
4. Schlangendorf (I) 2. Vorsicht und Gastfreundschaft
5. Schlangendorf (II) 3. Tartlau
6. Schlangendorf (III) 4. Drei mutige Frauen
7. Schlangendorf (IV) 5. Béldy und Lurtz
8. Bachesdorf 6. Der Katzenbrunnen
9. Auf der Seelen-Wiese 7. Die Eisenspitze vom Falltor
10. Bei der Tatarenmühle 8. Die Kammer in der Burg
11. Bei den Haufen 9. Eine eindeutige Geste
12. Furth beim Birnbaum 10. Der Mädchenstuhl
13. Das Schirkanyer Mütterchen 11. Die Quelle Im Heustall
14. Chronik (18. Jahrhundert) 12. Der Weiße Hirsch
Marienburg Honigberg/Petersberg
1. Der Marienburger Wochenmarkt 1. Der Käseberg
2. Asylrecht 2. Der Hahnenstein (I)
3. Der Studentenhügel 3. Der Hahnenstein (II)
Neustadt 4. Der Lindenbusch
1. Der Büchel 5. Die Bockelnadel
2. Die Büffel von der Erdenburg 6. Die Honigberger Kolatschen
3. Das Neustädter Büffelkalb 7. Unter dem Breiten Berg
4. „Hockt de Kodje" 8. Die Honigberger und die Mäuseplage
Kronstadt Törzburg/Zemescht
1. Der Drachen auf der Zinne 1. Törzburg
2. Das alte Kronstädter Wappen 2. Omu
3. Alt-Kronstadt 3. Das gefährliche Flötenspiel
4. Brotneid 4. Ein merkwürdiger Brauch
5. „Hie fuit Matthias Rex ..."
6. Der Stein am Raupenberg

 

VORBEMERKUNG

Sagen sind meist kurze Erzählungen aus dem Volk. Jahrhunderte hindurch wurden sie mündlich von Generation zu Generation weitergereicht, bis jemand sie aufzeichnete und in einem Buch veröffentlichte. In einer Sage werden geschichtliche Ereignisse oft phantastisch ausgeschmückt; man nimmt es mit der Wahrheit und Wirklichkeit nicht immer so genau. Trotzdem finden wir in jeder Sage eine genaue Angabe des Ortes, wo sich etwas ereignet hat; und es ist ganz anders als im Märchen, wo alles auf freier Erfindung beruht — die meisten Menschen, von denen in Sagen berichtet wird, haben tatsächlich gelebt.
Sicher war nun nicht alles so, wie man es heute erzählt. Im Laufe der Zeit wurde manches weggelassen, anderes hinzugefügt, jede Generation gab das, was sie hörte, leicht verändert weiter. Und heute fragt man sich vielleicht: Hat es einmal im Burzenland wirklich Riesen gegeben ? Hat der gefährliche Flötenspieler aus Törzburg wirklich gelebt ? Sollte die Erzählung vom Hirten und dem Omufelsen auf dem Butschetschgebirge wahr sein ? Nun, auf diese Fragen kann man schwer eindeutig antworten. Überall findet sich ein Körnchen Wahrheit, und inwieweit Phantasie und Wirklichkeit verwoben wurden, kann man heute nicht mehr feststellen. Und das ist eigentlich auch nicht so wichtig; wenn wir eine schöne Erzählung, eine Sage oder eine Ortsgeschichte hören, wollen wir uns daran freuen und sie weitererzählen — so wie es einst unsere Großeltern taten und die Großeltern der Großeltern und alle, die vor uns gelebt haben, Menschen, von denen wir wissen, daß auch sie gern Geschichten hörten und weitererzählten. Sagen sind also Erzählungen, an denen viele Menschen mitgeformt haben. Sie vermitteln uns ein Bild vom Wissen und von der Weisheit ganzer Generationen. Dabei lenken sie unseren Blick auch in jene ferne Vorzeit, aus der wir keine genaue Kunde haben; und so scheint das, was längst vergangen und vergessen ist, wieder auf, wird lebendig — und ohne daß wir es merken, befinden wir uns plötzlich scheinbar auch in dieser phantastisch wirkenden Sagenwelt. Und es kann einen nur freuen, daß selbst in einer sozentral gelegenen Gegend wie das Burzenland der weite Raum der Mythen und Sagen noch sichtbar ist, daß hier volkstümliche Berichte und Deutungen bis in unsere bewegte Zeit hineingetragen wurden.
Die meisten Sagen und Ortsgeschichten dieses Bandes wurden zwischen 1973 und 1976 auf Tonband festgehalten; Burzenländer Dorfbewohner erzählten sie in ihrer schlichten, einprägsamen Sprache. Dabei schmückte der eine oder andere seine Geschichten mit allerlei Erklärungen und Beschreibungen aus, die jedoch für uns nicht so wichtig sind. Diese „erste Grundform" wurde sorgfältig überarbeitet und gekürzt wiedergegeben. Hinten im Quellenverzeichnis kann man aber nachlesen, woher die einzelnen Texte stammen und wie ihre Erzähler heißen; einige Ortsgeschichten wurden auch aus dem Sammlungen von Friedrich Reimesch, Friedrich Müller und Misch Orend übernommen.
So sind diese sächsischen Sagen und Ortsgeschichten kein Abglanz vergangener Zeiten, sondern ein lebendiges, ständig sich änderndes Bild.

Claus Stephani
Wolkendorf, 6. Dezember 1976

Wolkendorf/Hohlbach/Alttohann

RUTHRAUT
In ältesten Zeiten, als die Karpaten noch von einem tiefen blauen Meer umspült wurden, lebten auf den Burzenländer Bergen Riesen. Ihr Herrscher hieß Hartmann, seine Gemahlin Edeltraut, und ihr Schloß befand sich oben auf dem Königstein. (Der Butschetsch, der Schuler, der Hohenstein, der Krähenstein und selbst die Fogarascher Bergspitzen ragten wie kleine Inseln aus dem weiten Wasser hervor.) Hartmann und Edeltraut hatten eine Tochter namens Ruthraut.
Ein anderer Riesenherrscher, mit Namen Karlo, lebte auf dem Butschetsch, zusammen mit seiner Gemahlin Enzine und ihren beiden Kindern Wacholder und Alpine.Die drei Riesenkinder waren gut befreundet, sie spielten gern zusammen am Meeresufer, badeten und schwammen an heißen Sommertagen in den kühlen Fluten. So vergingen die Jahre und die Riesenkinder wurden groß — so groß wie eben erwachsene Riesen sind. Ruthraut war ein schönes junges Mädchen geworden, ihr langes blondes Haar reichte fast bis auf den Boden, und wenn sie hinunter zum Meeresufer ging, sahen sich die Burschen nach ihr um. Ihre Schönheit und Anmut waren weithin bekannt. Davon hörte eines Tages König Watzmann, der mit seinen sieben Söhnen oben in den Alpen wohnte. Und Salzach, der jüngste, wollte nun um die Hand der schönen Ruthraut anhalten. Er schickte einen Boten hinunter ins Land am Meer und kündigte seinen baldigen Besuch an. Herrscher Hartmann und seine Gemahlin Edeltraut waren darüber sehr erfreut, und sie ließen Salzach sagen, daß er bald kommen könne. In aller Eile bereitete man sich für den hohen Besuch vor.
Als nun Ruthraut hörte, daß sie bald Salzachs Frau werden sollte, war sie sehr traurig, denn sie liebte ihren Jugendfreund Wacholder, und die beiden hatten im Stillen beschlossen, einmal zu heiraten.
Im Schloß am Königstein aber herrschte nun Hochbetrieb, die besten Köche des Riesenreiches waren mit der Zubereitung des Festmahls beschäftigt — es wurden zehn Riesenochsen, fünfzig Riesenschafe und fünfzig Riesenschweine geschlachtet, und man schaffte einige Fässer herbei, in denen wohl je tausend Liter Wein waren.
Ruthraut ließ ihre Freundin Alpine rufen und sagte ihr: „Eile rasch zu Wacholder, erzähle ihm, was geschehen ist, und wenn er mich wirklich liebt, so will ich heute Nacht mit ihm entfliehen, damit ich nicht die Frau eines anderen werde." Als Wacholder die Nachricht erhielt, war er zuerst sehr erschrocken, doch dann freute er sich über Ruthrauts Entschluß. „Sage ihr", sprach er, „sie soll gleich nach Mitternacht vom Königstein den Weg rechts hinuntereilen, ich werde ihr entgegenkommen, und dann wollen wir gemeinsam weiterziehen."
Am nächsten Tae machte sich Salzach in aller Frühe auf den Weg. Er schwamm den Innfluß hinunter, erreichte die Donau und war bald im siebenbürgischen Meer. Am Königstein wurde er mit trockenen und schönen Gewändern herzlich empfangen. Plötzlich merkte man aber, daß Ruthraut fehlte. Man suchte sie überall, auch bei ihren Freunden am Butschetsch, doch da war nur Alpine und weinte um die liebe Freundin und den guten Bruder. Jetzt erst hörten die Eltern was geschehen war.
Hartmann wurde nun sehr zornig. Er ließ die Hexe Xantipe rufen, die in einer dunklen Grotte hauste und befahl ihr: „Fliege, Xantipe, und hole Ruthraut und Wacholder sofort zurück !"
Xantipe erhob sich in die Luft (sie hatte riesige Flügel, wie ein Drachen), und bald erblickte sie die beiden Fliehenden. „Wir wollen uns verbergen", sagte Ruthraut und legte sich ins hohe Wiesengras, während Wacholder sich hinter einem Strauch verbarg. „Komm, Ruthraut, komm sofort zurück", rief die Hexe, denn sie hatte Wacholder noch nicht bemerkt, doch das Mädchen rührte sich nicht und tat so, als ob es schliefe. Da wurde die Hexe wütend und rief mit schriller Stimme, daß es weithin hallte: „So schlafe, schlafe ewig, stolze Jungfrau ! Dein Liebster aber soll dich bewachen." Ein gewaltiges Donnern rollte durch die Luft, so daß selbst Hartmann und Salzach erschraken. Und damit ging der Fluch in Erfüllung. Enzine und Alpine weinten viele Tränen, und wo sie hinfielen, erblühten später Alpenrosen, Edelweiß und Enzian. Wacholder aber blieb in tiefer Trauer sitzen und wurde langsam zu Stein. Salzach zog in seine Heimat zurück — seine Tränen fließen auch heute noch durch den Salzachfluß in die Donau .. .
Die Riesen aber starben aus, und auch das Meer verschwand. Was jedoch an jene Zeiten erinnert, ist ein Bergrücken unterhalb des Schulers, den man — seiner merkwürdigen Form wegen — „Schlafende Jungfrau" nennt.Gegenüber aber hockt und wacht immer noch der treue Freund Wacholder — der Zeidner Berg . . .

WOLKENDORF
In frühen Zeiten gab es in den umliegenden Wäldern viele Wölfe. Die ältesten Formen des Dorf namens, „Wolkan" und „Wulkendreff", leiten sich vermutlich vom slawischen Wort „wylk" (Wolf) her.
Man sagt jedoch auch, daß der Namen von den vielen Wolken komme, die in diesem Winkel des Burzenlandes das Wetter bestimmen. Am Alten Rathaus in der Kirchenburg findet sich die Bezeichnung „Wolkau" (1808), das könnte heißen: die Wolken-Au.

DIE BEIDEN HILLEN
Vor etwa dreihundert Jahren sollen die beiden Hillen („de Alt uch de Nuj Hill") bei Wolkendorf zu einem Grafenhof gehört haben; man sagt, das herrschaftliche Haus habe in der Senke zwischen der neuen und der alten Hill gestanden.
Weil die letzte Gräfin keine Nachkommen hatte, wollten die Wolkendorfer sie enteignen. Da bat sie, noch ein einziges Mal säen und ernten zu dürfen. Die Bauern willigten ein; und die Gräfin säte . . . Eicheln. So kamen die beiden Berge erst nach ihrem Tod an den Wolkendorfer Hattert. Heute noch gibt es auf den Hillen alte Eichenbäume, die an jene Zeit erinnern.

BEI DEN TISCHEN
In der Zeit, als die Wolkendorfer sich noch mit Weinbau befaßten, kam einmal König Siegmund durchs Burzenland und schlug sein Lager auf der Hohen Koppe auf, einem Berg, der zum Königstein gehört. Nachdem es nun im Land wieder einmal an Lebensmitteln und ganz besonders an Wein mangelte, ließ Siegmund durch seine Boten den Wolkendorf ern sagen: Wer ihm vierzig Eimer Wein auf den Berg bringen werde, den wolle er reich belohnen.
Die Pfarrerstochter aber hatte zwei Fässer vom besten Wein vergraben, der hatte schon dreizehn Jahre gelegen, und diese Fässer grub man nun aus — eines war verfault, das andere aber war noch unversehrt. Dann bestellten die Wolkendorfer ein Faß von vierzig Eimern, ein Faßbinder stellte es zusammen, füllte es zuerst mit Wasser, und als er sah, daß es dicht war, nahm er es wieder auseinander. Die Bauern packten die Dauben auf Pferde und brachten so das zerlegte Faß auf die Hohe Koppe, wo es dann rasch wieder zusammengestellt wurde.
Inzwischen war auch der Wein — in fünf großen Tonkannen — eingetroffen, und den füllte man nun ins Faß.
Aus Dankbarkeit schenkte Siegmund den Wolkendorfern die Hohe Koppe. Die Stelle, wo der König Weingetrunken und gespeist hatte, heißt auch heute noch "Bei den Tischen" („Bei den Daeschen", La Masa Craiului).

DIE TROCKENE HANKLICH
Als nach schweren Kriegszeiten im Burzenland wieder einmal große Hungersnot herrschte, baten die Wolkendorfer die Zeidner um Hilfe. Diese schickten ihnen eine trockene Hanklich und forderten dafür ein Grundstück, das an ihrem Hattert lag. Nachdem die Wolkendorfer sich nicht anders zu helfen wußten, gingen sie den Tausch ein. Das Feld heißt auch heute noch Die Trockene Hanklich
(„De Drech Hanklich").

DER FREMDE REITER
Ein Bauer aus Alttohann ging einmal eines Abends von Wolkendorf über die Erste, die Zweite und die Dritte Hill durch den Kirchenwald heimwärts. Er hatte den Wald noch nicht verlassen, da hörte er plötzlich Pferdegetrappel und wildes Rufen hinter sich. Erschreckt sah er sich um und erblickte einen fremden Reiter in einem weißen Gewand, der Im Kukuruzgarten („Am Kükürüzguerfen") verschwand. Dann hörte der Bauer fernes Glockenläuten und sah dort, wo die Erdenburg einst gestanden hatte, viele Lichter. Nach einigen Minuten war der Spuk verschwunden.

GEORG HEISER
Vor etwa hundert Jahren gab es in Wolkendorf einen berühmten Jäger namens Georg Heiser. Der besaß noch eine alte Flinte mit Feuerstein und Pfanne, die man mit einem Ladestock von vorn laden mußte. Als er einmal auf der Jagd war, begegnete ihm in der „Schulerköhlen", einer Senke in Richtung Poiana Märului, ein Bär. Heiser ließ ihn auf etwa zehn Schritte herankommen. Als der Bär sich auf die Hinterbeine stellte, drückte Heiser ab; doch die Flinte wollte nicht losgehen, denn es war ein nebliger Tag und das Pulver war feucht geworden. Da steckte Heiser seine Pelzmütze aufs Flintenrohr und stieß sie dem Bären in den geöffneten Rachen. Der schluckte und schluckte und wand sich, weder konnte er die Mütze ausspucken, noch konnte er sie hinunterschlucken — so mußte er jämmerlich ersticken. Heiser sah aus einiger Entfernung zu, und als der Bär sich nicht mehr rührte, schaffte er ihn ins Dorf. Noch nie hatte jemand einen Bären mit einer Pelzmütze „erlegt".

MICHAEL HERMANNSTÄDTER
Ein berühmter Jäger war auch Michael Hermannstädter aus Wolkendorf. Als er älter wurde, ließ seine Sehkraft immer mehr nach, und auf dem einen Ohr blieb er taub. Eines Tages ging er doch noch einmal auf die Hasenjagd. Da begegnete ihm plötzlich ein Wolf, und Hermannstädter hatte Schrot geladen. Aus Gewohnheit legte er rasch an, zielte, schoß — und der Wolf fiel tot um.
Weil man ihm nun diese Geschichte nicht glauben wollte, stopfte er den Wolf aus, stellte ihn vor das Tor seines Hofes und befestigte daneben eine Tafel mit folgender Inschrift: „Der blinde und der taube Jäger hat mich doch erschossen !" Für die nähere Besichtigung des Wolfes kassierte er von den Neugierigen sogar je zwei Lei ein.

ANDREAS BEER
An einem Platz in Wolkendorf, Am Weiher („Em Wojer") genannt, lebte im vorigen Jahrhundert ein Mann namens Andreas Beer, von dem man sagte, daß er der stärkste Mann im ganzen Burzenland war. Er besaß die schwerste Axt im Dorf und fällte damit die größten Eichen auf der Hill. Er war so stark, daß er allein einen beladenen Mistwagen hochheben konnte. Die Nüsse zerdrückte er mit dem Daumen und Zeigefinger. Und wenn ihm jemand auf der Gasse im Weg stand, so hob er ihn einfach hoch und stellte ihn ... beiseite.

DIE EICHE
In den achziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gab es vor der evangelischen Kirche in Wolkendorf einen großen Platz. Am rechten Ufer des Neugrabens, vor der Kirchgasse und zwischen der Einfahrt von Johann Heinrichs und Georg Eis' Höfen stand damals eine mächtige Eiche — weithin sichtbar, ein Wahrzeichen dieser schönen Burzenländer Gemeinde. „Jeder Fremde hielt hier stille und bewunderte den Riesenbaum'', und „wie viele Geschlechter hat man an ihr (an der Eiche) vorbeigetragen zum Ort der Ruhe", schreibt Michael Graef in seinem „Gedenkbuch" (1858/1905). Sonntags traf sich hier auch die sächsische Jugend zum Tanz.
Im Sommer 1889 dürfte die Eiche etwa vierhundert Jahre alt gewesen sein, als ein Wachtmeister der Wolkendorfer Gendarmerie verordnete, sie „abzubrennen". Szilägyi wohnte nämlich in der Nähe, im Haus des Rektors Petrus Kosper, und man erzählt sich, daß ihn eines Tages ein Wespenschwarm, der sein Nest in der Eiche hatte, arg belästigt habe; das sei der Grund gewesen, weshalb er dann selbst an der alten Eiche Feuer legte.
Man sagt auch, sie habe drei Tage lang gequalmt und sei so zuerst von innen her ausgebrannt. Vergeblich versuchten einige Wolkendorfer, das schwelende Feuer zu löschen, indem sie in verschiedene Öffnungen des Stammes Wasser gössen und darauf feuchte Erde schmierten.
Am dritten Tag beschloß der Gemeindekassier Rosenauer mit einigen Männern, ihr „den Tod zu erleichtern": das, was noch nicht verbrannt war, fiel nun unter den Schlägen der Äxte . . .
Mit dem Holz aber soll man die Ziegeln für das neue Rathaus gebrannt haben. Graef: „. . . und bei rechter Phantasie kann diese historische Eiche im Ziegelstein am einst historischen Rathaus fortleben."

"DER SAURE THOMAS"
Im 15.Jahrhundert soll ein gewisser Thomas versucht haben, am Südhang eines Berges bei Wolkendorf Trauben zu ziehen.
Doch was Thomas erntete, war so sauer, daß man den daraus gepreßten Wein nicht trinken konnte. Seither heißt der Berg Der saure Thomas („Am saure Thomas",
Dealul Viilor). Er liegt, wenn man nach Hohlbach fährt, neben dem Rumänischen Berg („Bleescher Berch").
Ein Tal hinter dem „sauren Thomas" heißt auch heute noch Hinter den Weingärten („Hondjer de Wonjerten").

DIE WOLKENDORFERIN IN DER BURZEN
Ein Wolkendorfer ging eines Tages mit seiner Frau in Richtung Rosenau. Als sie über die Brücke schritten, rutschte die Frau aus und fiel ins Wasser. Nach einiger Zeit kam ein Bauer aus Hohlbach vorbei, der mit den Schafen unterwegs war, und sah unseren Wolkendorfer flußaufwärts laufen.
„He, was machst du da ?" rief der Hohlbacher.
„Ich suche meine Frau, die ist ins Wasser gefallen."
„Wieso flußaufwärts, so findest du sie doch nicht."
„Weißt du", meinte der Wolkendorfer, „meine Frau, die ist immer so ,kjespänich', sie macht alles verkehrt, so muß ich sie flußaufwärts suchen ..."

DER GEMEINDESTIER AUF DER KIRCHENMAUER
In einem regenreichen Jahr wuchs einmal auf der Kirchenmauer besonders viel Gras, und da meinten die Wolkendorfer, es wäre doch schade, wenn das nun verderben
sollte. Darum beschlossen sie eines Tages, den Gemeindestier auf die Kirchenmauer zu heben und dort grasen zu lassen. Sie banden das Tier an ein Seil und einige kräftige Männer zogen und zogen — der Stier streckte die Zunge heraus, und die unten riefen: „Er öffnet schon das Maul, um das Gras zu fressen, hebt ihn noch ein bißchen höher!"
Als der Stier jedoch oben war, regte er sieht nicht mehr — man hatte ihn mit dem Halsseil erhängt...

DIE WOLKENDORFER EISENBAHN
Einmal sollten die Wolkendorfer einen Pfarrer aus Zeiden abholen. Weil sie aber nicht mit einem Pferdewagen fahren wollten, erfanden sie eine „Eisenbahn": Sie nahmen zwei Wagen, spannten je zwei Ochsen vor und stellten auf den zweiten Wagen einen rauchenden Ofen; so fuhren sie ..mit der Eisenbahn" nach Zeiden und holten ihren Pfarrer ab.

WIE DER MOND AUS DER BURZEN GEZOGEN WURDE
Als einmal einige Neustädter am Abend nach Wolkendorf fuhren, sahen sie, wie sich der Vollmond in der Burzen spiegelte — so daß man meinen konnte, er wäre ins Wasser gefallen.
In Wolkendorf sagten sie den Leuten: „Der Mond ist in die Burzen gefallen, kommt rasch, zieht ihn heraus, sonst schwimmt er weg !" Die Wolkendorfer eilten mit Leitern und festen Seilen herbei, warfen sogleich ein Seil ins Wasser, zogen und zogen — und fielen auf den Hintern. Als sie noch im Gras lagen, merkten sie plötzlich, daß der Mond wieder am Himmel stand. So meinten sie tatsächlich den Mond aus dem Wasser gezogen zu haben. (Deshalb gab man ihnen nachher den Spitznamen „die Schildbürger".)

EIN MUTIGER PFARRER
Während der Kriegswirren 1916 wurden eines Tages alle sächsischen Männer, die sich noch im Dorf befanden, von "übermütigen Soldaten" auf die Wiese Bei der Zehntscheune ("Bei der Zentschier") geführt, um hier erschossen zu werden. Durch das mutige Eingreifen des damaligen rumänischen Pfarrers - Ion Debu -, der sich auf die Seite der Sachsen stellte, wurde der Mord verhütet.

Rosenau

ROSENAU
Als die ersten sächsischen Einwanderer ins Burzenland kamen, ritten einige Männer am Weidenbach entlang, bis sie etwa an die Stelle gelangten, wo sich einst die dakisch-römische Siedlung Cumidava befunden hatte. Hier machten sie halt, und einer stieg auf den Berg, um Ausschau zu halten. Als der Mann auf dem Berg stand und nach Süden blickte, bot sich ihm ein seltenes Bild: das ganze Tal — der heutige Burggrund — war mit Rosen bedeckt, die gerade in voller Blüte waren.
„ Wenn wir hier bleiben", sagte er dann seinen Begleitern, „soll unser Dorf Rosen-Au heißen — zur Erinnerung an diese vielen wilden Rosen."
Deshalb sind im alten Gemeindewappen drei Rosen zu sehen.

ORLENBURG
Dort, wo man heute noch — zwischen Rosenau und Wolkendorf auf freiem Feld — die Grundmauern der Erdenburg sehen kann, soll im 13. Jahrhundert ein Dörfchen — Orlenburg — gestanden haben, das aber während der Tatareneinfälle, vernichtet wurde.
Im Rosenauer Kirchen-Repertorium vom Jahr 1630 findet sich auf der Innenseite des Buchdeckels eine Eintragung des Pfarrers Georgius Deidricius (Dietrich), wo vermerkt wird, daß das an der Burzen gelegene Dörfchen Orlenburg, seit seiner Zerstörung durch die Tataren (1345/49), erst zur Hälfte wieder aufgebaut werden konnte. Die Felder der Orlenburger reichten — an der Burzen entlang — bis zum Weidenbächer Hattert und kamen später an Rosenau, da sich die letzten Einwohner in Rosenau ansiedelten und die Burg dann abgetragen wurde.

DER GÖTZENTEMPEL (I)
Am Weg zur Schulerau gibt es einen seltsamen Stein; die Stelle heißt auch heute noch im Volksmund Götzentempel (Bisericuta päginilor).
In ältester heidnischer Zeit soll hier tatsächlich ein Tempel gestanden haben; damals hauste in den unwegsamen dunklen Wäldern ein wilder Menschenschlag. Später sind die „Waldmenschen" verschwunden; man weiß nicht, was aus ihnen geworden ist — geblieben ist jedoch die Erinnerung an die Stelle, wo der Götzentempel gestanden haben soll.

DER GÖTZENTEMPEL (II)
Bei einem ihrer zahlreichen Angriffe auf Rosenau wurden die Türken geschlagen, und einige flüchtende Reiter verirrten sich in den nahen Wäldern. Weil sie fürchteten, von den Burzenländern gefaßt zu werden, verbargen sie sich in einer Höhle. So blieben sie einige Zeit im Wald und errichteten hier einen steinernen Opfertisch und ein Haus. Die Stelle heißt auch heute noch Götzentempel ...

DER „OCHSENRÜCKEN"
Ein Berg zwischen Neustadt und Rosenau heißt — seiner merkwürdigen Form wegen — „Ochsenrücken". Wegen des „Ochsenrückens" gab es in frühen Zeiten zwischen den Rosenauern und den Neustädtern viel Streit: man konnte sich nicht einigen, zu welchem Hattert der Berg gehöre. (Es heißt aber, daß die Ansprüche der Neustädter berechtigter waren.) Während des Prozesses begab man sich nun zum „Ochsenrücken", um den Streit auf gerechte Weise zu schlichten. Weil die Rosenauer aber schwören konnten, daß sie auf „Rosenauer Boden" stehen, wurde ihnen der Berg zugesprochen. Viel später erfuhr man dann vom großen Schwindel: In den Stiefeln der Rosenauer war Erde vom eigenen Feld gewesen, und so konnten sie auch seelenruhig schwören, „wir stehen auf Rosenauer Boden".

DER TÜRKENSCHATZ
Es war im vorigen Jahrhundert, da ritt Andreas Roth — damals noch ein junger Bursche — eines Abends aufs Feld. Als er an einem Graben vorbeikam, wo der Boden feucht war und allerlei Sumpfpflanzen wuchsen, sank das Pferd plötzlich mit den Vorderhufen ein, so daß es nicht mehr weiter konnte.
Vorsichtig stieg Roth ab, und mit ziemlicher Mühe gelang es ihm, das Tier zu retten. Als er wieder auf festem Boden stand, blickte er noch einmal zurück auf die verhängnisvolle Stelle und sah, daß aus dem Sumpfloch dünner weißer Rauch aufstieg. Nun wußte Roth, daß hier ein Schatz vergraben war. Er bezeichnete die Stelle mit einem Stein, ritt nach Hause und kam am nächsten Tag mit Spaten und Sack wieder. Etwa eine Stunde lang mußte Roth graben, da stieß er auf einen Kupferkessel — voll mit alten Goldmünzen aus der Türkenzeit.
Von dem vielen Geld kaufte sich Roth dann ein Grundstück in der Unteren Langgasse, neben der Mühle — auf Nummer 67. Dort baute er sich ein schönes Haus, dahinter eine geräumige Scheune, Ställe und alles was sonst noch zu einem Bauernhof gehört. Man sagt aber auch: der Türkenschatz war einst verflucht worden, und darum hatten weder Anna und Andreas Roth, noch die späteren Bewohner des Hofes Glück. Keiner konnte lang dort bleiben, alle mußten - aus irgendwelchen Gründen - bald wieder wegziehen.

DIE ERDENBURG (I)
Vor etwa hundert Jahren gingen eines Abends drei Burschen von Rosenau nach Wolkendorf. Als sie sich in der Nähe der Erdenburg befanden, hörten sie plötzlich Pferdegetrappel, lautes Rufen, und da sahen sie eine fremde Reiterschar von der Erdenburg übers Feld davonreiten.
Als man am nächsten Tag an jene Stelle ging, fand man keinerlei Spuren — nur in einer Ackerfurche lag ein goldenes Hufeisen.

DIE ERDENBURG (II)
Dies soll sich zu Beginn dieses Jahrhunderts tatsächlich zugetragen haben. Eines Abends ging ein Wolkendorfer Bauer übers Feld nach Rosenau. Plötzlich erblickte er in der Nähe der Erdenburg fünf Ritter in langen weißen Gewändern und mit einem schwarzen kreuzähnlichen Zeichen auf dem Rücken. Sie ritten dreimal um die Erdenburg herum und waren dann verschwunden.

"BARBUTZ"
Das war noch in der „Kurutzenzeit", als die Rosenauer vor den feindlichen Truppen geflüchtet waren. Damals blieb der alte Martin Barf als einziger Bewohner im Dorf zurück. Um sich vor der fremden Gewalt zu schützen, schrieb er an sein Tor:

„Hier wohnt der Herr Barbutz, ein friedlicher Kurutz."
Der Spruch hatte seine Wirkung: Barf blieb unbehelligt, doch nachher erhielt er den Spitznamen „Barbutz".

DIE „HARAGUTZEN"
Nach einem Türkeneinfall ins Burzenland blieben neun fremde Männer zurück, die hatten sich im Wald verborgen, und als die Feinde abgezogen waren und die Rosenauer ihre verwüsteten Höfe wieder in Ordnung brachten, kamen diese Männer aus ihrem Versteck hervor und baten um Erlaubnis, in Rosenau zu bleiben.
Als man ihnen das gewährte, siedelten sie sich am unteren Ende der Reisgasse an, bauten sich Holzhäuser und heirateten die ärmsten Mädchen aus dem Dorf. Diese fremd und wild aussehenden Männer — sie trugen langes schwarzes Haar, hatten schrägliegende Augen und hervorstehende Backenknochen — nannte man „Haragutzen" oder „Hargutzen"; was dieser Name bedeutet, weiß man nicht. Es heißt, daß die „Haragutzen" Janitscharen tatarischer Herkunft waren.

JÄGERPECH
Das hat sich wirklich zugetragen, und darüber hat man noch viel gelacht. Früher kamen oft Wildschweine in die Rosenauer Maisfelder und richteten hier viel Schaden an. Eines frühen Morgens gingen zwei tüchtige Jäger — Michael Streitfert und der Lehrer Otto Liehn — in den „Kukuruzgarten" auf die Jagd.
Sie hockten „im Kukuruz" und warteten, es war noch ziemlich dunkel, und nach einiger Zeit bewegte sich etwas zwischen den Maisstengeln. Die beiden Jäger schössen sofort.
Als sie dann näher kamen, stellten sie fluchend fest, daß sie einen Ochsen geschossen hatten. Da war nichts zu machen: den mußten sie natürlich bezahlen.

Schirkanyen

MÖNCHAU
Zu Beginn des 13. Jahrhunderts befand sich im Zentrum von Schirkanyen ein Kloster — etwa dort, wo heute das Volksratsgebäude steht; dieses Kloster gehörte dem mächtigen Zisterzienserorden, der damals seine Abtei in Kerz am Alt hatte. Der Grundbesitz der Mönche reichte vom Kräbsbach bis zu den Dörfern Altharz, Wladein, Kpebsbach und bis hinüber zum Zeidner Hattert. Heute noch heißt ein Feld bei Schirkanyen Mönchau („Monschenau"); und den Bach, der einst westlich vom Kloster floß, nennt man seit jener Zeit Mönchsbach („Monschebich"). Ebenfalls an die Mönche erinnert auch der Flurname Mönchsweg („Monscheweoch"), rumänisch Ripele Capelanilor (früher: Rippele Captalanilor).
Man sagt: Dort, wo heute die Allgemeinschule steht, befand sich einst der Klostergarten; der reichte bis zur Alten Mühle, zum ehemaligen Meierhof und bis zur Fogarascher Straße.

DIE „WALDWLACHEN"
Als die deutschen Einwanderer in diesen Teil des Burzenlandes zogen, wo heute Schirkanyen liegt, trafen sie auf Nachkommen der einst zahlreichen dakisch-römischen Bevölkerung — die „Waldwiachen". Es waren Hirten und Bauern, die sich während der Völkerwanderung in den unwegsamen Wäldern verborgen und so die wilden Zeiten überlebt hatten.

KREUZDORF
Die ersten sächsischen Einwanderer wurden — etwa um 1230 — auf dem „Klostergrund'' angesiedelt. Damals entstanden zwei große, kreuzförmig angelegte Straßen, und daher erhielt die Siedlung den Namen Kreuzdorf. Jede Familie erhielt eine gleich große Hofstelle und — auf jedem der drei Flurteile — „eine gleichmäßig Tei-
lung" von zwanzig „alten Vierteln", d. h. von zwei Joch Ackergrund. Seither gibt es die Flurnamen ..Kleine Teilung" und „Obere Teilung". Der übrige Ackergrund, der nicht aufgeteilt worden war, blieb im Besitz des Klosters. Auf der Mönchau und auf der Vorau erhielt jeder Kolonist ein gleich großes Wiesenstück „als Eigen". Ein
sumpfiges Grundstück, das in jedem Frühjahr verlost wurde, heißt seither „Am Löschen".
Den Hinteren Wald gegen Osten und den Vorderen Wald gegen Westen — beide einst mächtige Eichenwälder — durften die Kolonisten als Viehweide benützen, das Holz aber sollte dem Kloster gehören; aber auch die Bauern konnten roden, soviel sie wollten . . .
Doch wurden ihnen auch schwere Pflichten auferlegt: So mußten sie den gesamten verbliebenen Klosterboden unentgeltlich bearbeiten und abernten und auch sonst — auf Anordnung des Grafen — jede andere Arbeitleisten, die das Kloster benötigte.
So waren die Kreuzdorfer schon im Jahr ihrer Ansiedlung hörig. Dieses schwere Los — als Jobagen unter verschiedenen Herren — trugen sie dann bis zum Jahr 1880, als die sogenannte „Kommassation" durchgeführt wurde und eine relative Besserung ihrer wirtschaftlichen Lage brachte. Tatsache ist jedoch, daß die meisten mittellosen sächsischen Bauern vom damaligen staatlichen Oberingenieur Koösi um ihr Recht auf Boden betrogen wurden.

„Wer geglaubt hatte, die Kommassation würde aufrichtig durchgeführt werden, der hatte sich sehr getäuscht", schrieb Johann Gärtner sen. in seinen „Gesammelten Daten".

SCHLANGENDORF (I)
Nach mündlicher Überlieferung soll um das Jahr 1300 im Wald Auf dem Zangeln („Af dem Zangeln") eine Riesenschlange gehaust haben. Die kroch oft hinunter ins Dorf und fraß Kälber, Ziegen und manchmal sogar auch ein Kind. So lebten die Bauern in ständiger Furcht.
Eines Tages zog ein Handwerksbursche namens Zäjmen (sächsische Form von Simon) durch Kreuzdorf — wie Schirkanyen damals noch hieß —, und als er vom Kummer der Menschen hörte, trug er sich an, die Riesenschlange zu töten, doch sollten ihm dabei vier mutige Männer helfen. Zäjmen nahm die Haut eines jungen Kalbes und füllte sie mit ungelöschtem Kalk. Dann trugen die vier Kreuzdorfer das ausgestopfte Tier an eine Stelle am Großen Bach, unterhalb des Zangeinbergs, und stellten es hier so auf, als würde es friedlich grasen. Nun stiegen die Männer auf Bäume, versteckten sich im Geäst und brüllten so, daß man meinen konnte, es wäre eine ganze Rinderherde unterwegs.
Angelockt vom Lärm erschien plötzlich die Riesenschlange und stürzte sich aufs Kalb. Als sie das Tier verschlungen hatte, soff sie sich mit Wasser voll und verschwand im nahen Wald.Es verging keine Viertelstunde, da hörte man ein furchtbares Krachen: es schien, als würde die Welt untergehen. Nun wußten die Männer, daß der Kalk gut gewirkt hatte ...
Damals änderten die Bewohner den Namen ihres Dorfes und nannten es Schlangendorf, rumänisch Serpeni. Der heutige Name — Schirkanyen (Sercaia) — wurde viel später vom ungarischen Särkäny abgeleitet. Im alten Wappen der Gemeinde sind seither zwei Schlangen dargestellt.

SCHLANGENDORF (II)
Unter den ersten deutschen Ansiedlern, die sich hier niederließen, befand sich auch ein Mann namens Fulkun. Damals hauste in der sumpfigen Gegend ein gefährlicher Drachen, dem viele Menschen, besonders Kinder, zum Opfer fielen. Fulkun begann nun die Sümpfe zu entwässern, und so kam er immer näher an das Versteck des Drachen heran, bis er ihn dann eines Tages töten konnte. Zur Erinnerung an diese Zeit ist im alten Wappen ein Drachen dargestellt.

SCHLANGENDORF (III)
In einem Kircheninventarium aus dem Jahr 1746 — vermutlich von Johannes Rauß zusammengestellt — heißt es: „Dieses Dorff hat den Namen von einer Schlangen, weil sich eine an diesem Orthe, ehe es ist gebauth und fundiert worden, aufgehalten hat, daher es die Leute Särkäny genannt haben." Auf dem Titelblatt des Inventariums sind zwei Schlangen zu sehen, die ihre gekrönten Köpfe, angriffsbereit züngelnd, einander zukehren. Dazwischen stehen die Worte: „Nicht zu hitzig, nicht zu spitzig, nicht zu nah',; sonst stech' ich dich !"

Es heißt auch, daß die Gemeinde ihren Namen nach der schlangenförmigen Anlage der Gassen erhalten habe. Die gewundene Altgasse gleicht dem Schwanz, die Obergasse dem Leib einer kriechenden Schlange.

SCHLANGENDORF (IV)
Schirkanyen hat seinen alten Namen von einem adligen Geistlichen — Gerlach von Schlangendorff — etwa zu Beginn des 13. Jahrhunderts erhalten. Gerlach führte in seinem Wappen eine gekrönte Schlange und beherrschte: damals, zusammen mit Hermann von Geliert, Gottfried von Warmbach und Konrad von Venezien das Gebiet am Alt bis zum heutigen Dorf Hoghiz (Warmbach).

BACHESDORF
Dort wo sich heute die Gemeinde Vad (Hartzfurth) befindet, soll einst ein kleines sächsisches Dorf — Bachesdorf („Bakesdref") — gestanden haben. Es war im Sommer 1445, da ging eines Tages ein Unwetter nieder, ein Wolkenbruch folgte dem ändern, in einigen Stunden verwandelte sich der sonst harmlose Bach in einen reißenden Fluß. Das Wasser trat aus den Ufern und vereinte sich mit dem Mönchsbach, der ebenfalls wild daherkam.

Damals wurde Bachesdorf — mit allen seinen Häusern, Höfen, Menschen und Tieren — weggeschwemmt; niemand konnte sich retten. Auch Schirkanyen — es hieß zu jener Zeit noch Schlangendorf —, Mäckesdorf und Altharz wurden von den Fluten schwer betroffen.
In Schirkanyen trug das Hochwasser den südlichen Teil des Hartzfurther Wegs (»Am Hartzfurther Weoch", heute: Wadergasse) und der Obergasse fort. Teile der Klostergebäude, sowie das westliche Kreuzeck der Gemeinde wurden ebenfalls zerstört, so daß nachher hier nur noch die Grundmauern einiger sächsischer Häuser standen.
In manchen stillen Sommernächten — erzählen die alten Bauern — hört man nach Mitternacht, auf einer Wiese am Hartzfurther Bach plötzlich Menschen um Hilfe schreien, Vieh brüllen: Es sind die „Seelen" der Ertrunkenen, die nicht „zur Ruhe" kommen und die Nachwelt an jene Katastrophe erinnern wollen.

AUF DER SEELEN-WIESE
Im Jahr 1547, infolge von Kriegswirren, Brandschatzung und Verwüstung durch die Türken (1521 hatte die verhängnisvolle Schlacht beit Mohatsch stattgefunden), gab es in Schirkanyen nur noch zwölf sächsische Einwohner, in Deutsch-Tekes hatten nur zehn und in Halmagen am Alt nur fünfzehn sächsische Familien diese Zeit überlebt. Schönau jedoch hatte damals keinen einzigen Einwohner mehr ...
Seither heißt ein Feld — in Richtung Halmagen, ;,Am Halmagener Weoch" — Auf der Seelen-Wiese. Man erzählt sich, daß früher hier in mondhellen Nächten „die Seelen" der auf grausame Weise ermordeten Frauen und Kinder umgingen".

BEI DER TATARENMÜHLE
Im Jahr 1658 — unter Pfarrer Johannes Bognerus — siedelten sich bei Schirkanyen einige tatarische Familien an und gründeten hier einen Weiler. Sie bauten auch eine Mühle, weil die 1520 von den Kronstädtern errichtete Mühle nach einem Hochwasser „auf dem Trocknen" geblieben war. Die Stelle heißt auch heute noch Bei der Tatarenmühle („Bei der Taternmill", La Moara Tätarului). Die Tataren sprachen bald gut sächsisch und „gingen in der Gemeinde aus und ein".

BEI DEN HAUFEN
Es war im Jahr 1678, als die Schirkanyer Tataren — nur zwanzig Jahre nach ihrer Ansiedlung — vernichtet wurden. Eines Tages brachen durch den Törzburger Paß mongolische Horden ins Land ein; sie verwüsteten die Gegend und brannten, wohin sie kamen, die reifen Felder nieder. Bei Schirkanyen stellten sich ihnen die Tataren entgegen (die anderen Dorfbewohner waren in die nahen Wälder geflüchtet); es kam zu einem harten Kampf und die Tataren wurden von der Übermacht vernichtet.
Als die Sachsen nach einigen Tagen ins Dorf zurückkehrten, waren sämtliche Häuser niedergebrannt und Auf der Oberen Teilung, nicht weit von Hartzfurth, lagen die Toten — neben den Männern auch Frauen, die mitgekämpft hatten — „haufenweise umher" und kennzeichneten so das Kampffeld. Seither heißt die Gegend Bei den Haufen.

FURTH BEIM BIRNBAUM
Zu Beginn des 18. Jahrhunderts wanderten viele Schirkanyer sächsische Familien nach Muntenien aus und hofften, hier ein friedlicheres Leben führen zu können. Im September 1704 hatten Kurutzen die Gemeinde geplündert und die meisten Einwohner — darunter auch Frauen und Kinder — erschlagen oder verjagt, das ganze Vieh weggetrieben und den sächsischen Pfarrer — Georgius Sutorius, genannt Christiani — ..zum Spott derart beraubet, daß sie ihm auch die Kleider vom Leibe auszogen" und „ihn nur in der Leibwäsche bleiben ließen".

„Die vorrätigen Früchte raubten sie den Leuten alle weg, so daß diese armen ganz brotlos blieben ..." Damals zogen zwölf sächsische Familien in die Gegend von Ploiesti und siedelten sich am Krikow, auf einem Grundstück des Klosters Snagov, an. Sie gründeten hier ein Dörfchen und nannten es Furth beim Birnbaum — Vadu Pärului (heute — zusammen mit Niscov — ein Teil der Gemeinde Albesti).

DAS SCHIRKANYER MÜTTERCHEN
Als Kaiser Josef II. einst durch Siebenbürgen reiste, kam er auch durch Schirkanyen. Es war Herbst und die Bauern waren überall mit den letzten Erntearbeiten beschäftigt. Auf einem Feld nahe am Weg arbeitete auch ein altes sächsisches Mütterchen. Als nun Josef hier vorbeifuhr, rief es: „Herr Kaiser, Herr Kaiser, haltet ein
wenig still !"
Der Kaiser gebot zu halten. Das Mütterchen sagte: „Guten Tag, Herr Kaiser, wie geht's Euch noch ?"
„Danke gut, Mütterchen, ich könnte mich nicht beklagen."
„Nun, das freut mich aber, und Ihr seht auch recht gut aus. Was macht aber noch Eure Frau Mutter ?"
„Danke der Nachfrage, sie sah ganz gut aus, als ich von Wien wegfuhr."
„Nun, das freut mich. Sagt, Herr Kaiser, ist dort der Hanf auch so gut geraten wie hier, und hat die Frau Mutter was zum spinnen ? Ich würde ihr so gern einen schönen Buschen mitschicken. Wollt Ihr ihn mitnehmen ? Ich bringe ihn rasch, Ihr braucht deshalb nicht lang zu warten." Der Kaiser wartete, nahm dann den Hanf, legte ihn hinter den Wagensitz und fuhr lachend weiter: „Meine Mutter wird sich darüber sicher sehr freuen..."

CHRONIK (18. JAHRHUNDERT)
Am „Bartholomäusfest", 1770, berichtet Pfarrer Johannes Honterus, ein Urenkel des gleichnamigen Reformators, gleich nach der Vesper „erhebet sich ein großer Windt plötzlich und schlägt eine feurige Donnerstrahl zum Goldschmidt Mechel in der Obergasse oben zum Dach durchs Gebinn ein und tötet denselben Mann, welcher' bey dem Tisch sitzet und kurz vorher mit seinen Kindern ein sonntäglich Examen angestellet, nunmehro aber für sich singet das merkwürdige Lied: 0 Ewigkeit, du Donnerwort. Von der Wichtigkeit dieser merkwürdigen Worte unterhält sich der fromme Israelite mit seiner Gattin, die mit den kleinen Kindern auf dem Bette sitzet, stehet auf und stehet zum Fenster hinaus, fällt augenblicklich zu Boden und ist maustodt. Der Strahl kannte sich an ihm auf der linken Seite des Barts, welches besengt war, und ging hinten im Nacken über den Rückrad und den Leib über den Nabel auf die rechte Seite des Fußes hinab, ohne an den Hosen und Schuhen etwas zu kennen. Das Hemd hatte am Nabel ein Loch und die Gadge war unten, da der Strahl ausgefahren besengt. Welch' ein Unglück ! Sein Haus ging in Flammen auf, sonst ward Alles gerettet."
Ein Jahr später (1771), schrieb Honterus, „war bey uns solche Wasserfluth, als vielleicht seit 1694 nie gewesen. Es regnete 8 Wochen in continuo, die Bach ging allenthalben aus, wie auch der Altfluß, verdarb unsere Wiesen, Felder, daß wir kein Gras dies Jahr brauchen konnten. Es ersoff auch des Johannis Fohfen Hannes Ehefrau in der Bach, die wir nach 10 Tagen auf der Vorau dem Alt zu eingeschüttet fanden."
Johannes Samuel Barbenius vermerkt 1779: „ .. .20. April war der unglücklich Tag, da ganz Särkäny in 3/4 Stunden abbrannte. Das Feuer kam in der Niedergasse in einem wüsten Hofe, welcher dem jungen Rüden Gerg gehörte, aus. Obs eingeleget gewesen, oder durch Sorglosigkeit derer, die in der Näh im Backofen Feuer hatten,
Brodt zu backen, weiß man nicht. Es bleib nichts mehr verschonet, als Pfarrhof, Kirche, Predi'ger und Schulhof, desgleichen der herrschaftliche und Posthof, und nebst dem Herrenhofe noch zwey Hauswirten der Obergasse, endlich die etlichen Hauswirten, so auf der Mühlenbach rechter Hand am Brauhaus wohnen, und der herrschaftliche Meierhof. Alles übrige ward ein Raub der Flammen. Die allerwenigsten Inwohner hatten so viel Zeit, daß sie sich ein Kleid oder etwas retten... Der hiedurch entstanden Jammer läßt sich unmöglich beschreiben ... Zu gleicher Zeit fingen auch die Pocken an zu wüten, und weil sich diese mit der Ruhr vereinigten, so mußten viele Kinder das Leben einbüßen ..."

Weidenbach/Zeiden

EINSIEDELN
Zwischen Zeiden und Dem Gescheid, dem Hohen Weg, der durch den Geister Wald führt, am Hamrudener Bach, gab es einst ein kleines einsames Dörfchen, das man seiner Lage wegen Einsiedeln nannte. Im 16. Jahrhundert wohnte hier noch ein einziger Mann — ein ... Einsiedler. Die Gegend heißt auch heute noch auf sächsisch „Am Erserel".

DER GROSSE KUPFERKESSEL
Vor etwa fünfhundert Jahren stieß ein Bauer beim Pflügen auf einen großen Kupferkessel. Er schaffte ihn auf einem Ochsenwagen ins Dorf (Zeiden war damals noch ein Dorf), und man ließ daraus eine Glocke gießen. Die Stelle, wo sich der Kessel befunden hatte, wurde jedoch zur Erinnerung an den wertvollen Fund nicht mehr zugeschüttet. Man sagt, im vorigen Jahrhundert sei der Kronstädter Stadtrichter Samuel Herbert nach seinem Tod von einem Teufel durch die Lüfte hier in die Hölle geführt worden. Manchmal hört man nachts ein merkwürdiges Lärmen und Schimpfen: Das ist der Stadtrichter Herbert, der mit seinem Los unzufrieden ist.

PETER II. CERCEL IN ZEIDEN
Im Jahr 1558 mußte Peter II. Cercel von Muntenien vor den Türken flüchten. Er kam mit seinen Dienern durch den Törzburger Paß ins Burzenland und wurde vom Kronstädter Ratsmann Michael Forgatsch hilfsbereit empfangen, denn er hatte der Stadt unter dem Kapellenberg oft Freundlichkeiten erwiesen. Zwei Jahre vorher hatte er z. B. die rumänische Nikolauskirche in der Oberen Vorstadt, der „Beigerei", mit kunstvollen Heiligenbildern reich schmücken lassen. Der Fürst hielt sich jedoch diesmal in Kronstadt nicht auf und ritt mit seinen Begleitern weiter bis Zeiden. In der Nacht verschwand dann Peter auf unerklärliche Weise, und niemand wußte, was geschehen war.
Peter hatte aber in Begleitung seines treuesten Dieners Zeiden heimlich verlassen, um so seine Verfolger zu täuschen. Nach einiger Zeit tauchte er in Polen wieder auf, zog von hier hinunter nach Italien und später nach Konstantinopel. Er hoffte, wieder als Fürst der Walachei eingesetzt zu werden, der rachsüchtige Sultan aber ließ ihn auf grausame Weise im Meer ertränken.

DIE WEIDENBÄCHERIN
Als vor etwa vierhundert Jahren die Türken wieder einmals ins Burzenland einfielen, schleppten sie auch eine schwangere Weidenbächerin fort. Diese Frau wurde zusammen mit anderen Sklaven von einem reichen Türken gekauft und erfreute sich seiner Gnade und dadurch einer menschlichen Behandlung. Nach einiger Zeit kam
sie dann mit Zwillingen — zwei Jungen — nieder, die der Türke wie seine eigenen Kinder großzog.
Die Frau jedoch sehnte sich, trotz ihres guten Lebens, nach ihrer Heimat, und eines Tages, als der Türke verreist war, ging sie zu ihren gefangenen Landsleuten und befreite sie von den Ketten. Mit einem Sack voll Kostbarkeiten machten sie sich auf die Flucht, nachdem sich die Weidenbächerin schweren Herzens von ihren Kindern verabschiedet hatte (die Kinder mußte sie bei diesem gefährlichen Unternehmen zurücklassen).
Sie waren noch nicht weit unterwegs, als einer der Flüchtenden ihr den Sack stahl, und dann verließen sie bald auch die anderen Landsleute, so daß sie den weiten Weg allein zurücklegen mußte. Sie wanderte nur bei Nacht und verbarg sich am Tag. Der Türke aber war ihr mit Spürhunden nachgeritten, und als er sich einmal in ihrer Nähe befand, verbarg sie sich unter einer Brücke und wurde nicht entdeckt.
So gelangte sie nach Weidenbach, wo sie sogleich zu ihrem Haus ging. Hier traf sie eine fremde Frau an, denn ihr Mann hatte wieder geheiratet. Sie grüßte rumänisch und setzte sich an den Herd. In ihrer türkischen Kleidung schien sie der Bäuerin etwas sonderbar, sie bot der Fremden dies und jenes an, damit sie weiterziehe, doch die
machte keine Anstalten sich zu erheben. Nun rief die Bäuerin den Mann herbei, der gerade auf der Tenne beschäftigt war.
Kaum sah er die Fremde, hatte er schon seine ehemalige Frau erkannt, er umarmte sie und freute sich, denn er hatte nicht mehr gehofft, seine Frau jemals wiederzusehen. Die neue Wirtin aber mußte nun das Haus wieder räumen, und Mann und Frau lebten nachher noch viele Jahre glücklich zusammen.

„MER SCHLIEFEN"
Ein Zeidner wollte eines Abends von seinem Nachbarn etwas Geld leihen. Er klopfte ans Fenster und fragte:'
„Schlieft Er, Herr Nieber ?"
„Mer schliefen netch."
..Barch mer en Gulden."
„Mer schliefen, mer schliefen", rief nun der Nachbar und löschte rasch das Licht aus.

EIN KLUGER ZEIDNER
Als Fürst Gabriel Báthory einst Kronstadt vernichten wollte, kam er über Fogarasch durch den Geister Wald zuerst nach Zeiden. Die Zeidner hatten sich jedoch in ihre Kirchenburg zurückgezogen und dachten nicht daran, sich zu ergeben.
Zwei Tage lang beschoss Báthory die Kirchenburg ; dabei zerstörte er die große Glocke auf dem Burgturm. Am dritten Tag bot er den Zeidnern Frieden an und ließ ihnen sagen: Wenn sie ihm die Burg freiwillig übergeben wollten, werde er Leben und Eigentum der Bewohner, sowie der Kronstädter Krieger, die sich in der Burg befanden, schonen. Obwohl die Kronstädter ihnen von dieser Abmachung abrieten (Báthory hatte sein Wort schon oft gebrochen), gingen die Zeidner darauf ein. Die Kronstädter verließen nun die Burg, ritten davon, wurden jedoch beim Weidenbach von Báthorys Soldaten gefangen genommen und bald nachher auf dem Weg nach Rosenau auf grausame Weise getötet. Die Besatzung der Burg aber trieb es nun arg, nichts war vor ihren bösen Spaßen sicher.
Da dachte sich ein kluger Zeidner — namens Göbbel — eine List aus. Er ging mit zwei großen, vollen Weinkannem am Burgtor vorbei. Die Wächter hielten ihn an und nahmen ihm den Wein weg. Wütend ging Göbbel davon und kam nach einiger Zeit wieder mit zwei Kannen — diesmal stellte er sich so, als wolle er unbemerkt vorbeischleichen. Natürlich sahen ihn die Wächter, und lachend nahmen sie ihm wieder den Wein ab. Göbbel hatte jedoch diesmal in den Wein ein Schlafpulver getan, und kaum hatten die Wächter davon getrunken, begannen sie auch schon zu schnarchen. Nun drangen die Zeidner unbemerkt in die Burg ein
— die fremden Soldaten aber, die sich wehrten, wurden niedergeschlagen. Bald waren sie wieder Herr der Lage. Göbbel aber wurde zur Belohnung für seine Tat für immer von den Steuern befreit.

DIE „KOTSCH"
Man sagt, daß einmal eine Zeidnerin von ihrer Nachbarin die „Kotsch" (Steppdecke) borgen wollte. „Gebt mir Eure .Kotsch'", sagte sie, „ich schlafe mit den Kindern in einem Bett und friere trotzdem." „Ich kann Euch die ,Kotsch' nicht borgen", erwiderte die Nachbarin, „weil sie am Strohsack angenäht ist." Seither sagt man: Die Zeidner nähen die „Kotsch" am Strohsack an, damit sie sie nicht verborgen müssen.

„ACH, MENG MANN..."
In Zeiden lebte einst eine junge Witwe — Kathi. Eines Abends ging sie ins Gemeindehaus, wo man gerade zum Tanz aufspielte. Nacheinander forderten die Burschen sie zum Tanz auf. Doch jedem gab sie einen Korb und seufzte: „Ach, meng Mann, der Hans. Ach, meng Mann, der Hans ..." Schließlich kam ein gewisser Merten und bat sie ebenfalls zum Tanz. Nach einigem Zögern willigte sie ein. Die Musikanten spielten einen Walzer, doch .dann folgte ein flotter Polka, und Merten wirbelte mit der schönen Kathi durch den Saal. Merten faßte Kathi fester, die Musikanten spielten immer rascher, und plötzlich seufzte sie: „Ach, meng Mann, der Merten, ach, meng Mann, der Merten..."

DIE WEIDENBACHER „SPECKERNTE"
In Wolkendorf erzählt man sich, daß die Weidenbächer — als sie einmal keinen Speck mehr hatten — nach Zeiden fuhren und hier eine schöne Speckseite kauften. Dann begaben sie sich damit aufs Feld, ackerten und „säten" Speckstückchen in die Furchen. „Im Herbst", sagten sie, „werden wir den schönsten Speck ernten." Wie groß war jedoch ihre Verwunderung, als im Herbst keine Spur von Speck da war: Die Krähen hatten die „Saat" gefressen.

Brenndorf

DER STEIN AM LEMPESCH
In alten Zeiten wohnte in einer ärmlichen Hütte, am Dorfrand, ein Mann namens Hannes, der war seiner Stärke wegen über die Grenzen des Burzenlandes hinaus bekannt.
Dieser Hannes besaß einen sehr gefährlichen „zänkischen Kokesch", der oft sogar den Menschen ins Gesicht sprang und sie arg verletzte. Darum beschloß er eines Tages, den Hahn zu schlachten.
Als Hannes sich ihm, mit dem Messer in der Hand, näherte, war das böse Tier jedoch flinker: Es sprang ihn an und hackte ihm die Augen aus. Geblendet und heulend vor Schmerz irrte nun Hannes durch die Gegend, bis er zum Lempesch-Berg kam. Hier hockte er sich ins Gras und rührte sich nicht mehr von der Stelle.

So wurde er in einen Stein verwandelt. Und man sagt: Wenn im Dorf zu Mitternacht ein Hahn kräht, dreht sich „der Hannes" einmal um.

DAS BÄCHLEIN IN DER BURGGASSE
Früher litten die Einwohner der Burggasse in Kronstadt an Wassermangel, da hier nicht — wie durch andere Gassen — ein Bächlein floß. Damals saß ein Brenndorfer, wegen einer falschen Verdächtigung, im Burggässer Gefängnis, und als er vom Wassermangel hörte, fragte er den Richter, ob er ihm die Freiheit schenken werde, wenn es ihm gelänge, ein Bächlein ins Gefängnis und in die BurggasSe zu leiten. Der Richter versprach es — doch sollte das Bächlein nicht von den Gewässern aus dem Tal abgeleitet werden, da diese damals schon verschmutzt waren.

Nach vielen vergeblichen Versuchen gelang es ihm, das Bächlein des Burggrundes über den Burghals in die Stadt zu leiten — für jene Zeit eine technische Glanzleistung. Und als dann das Bächlein auch durch die Weberbastei und das Gefängnis floß, schenkte man dem findigen Mann die Freiheit.

DIE BÄRENEICHE
In der Nähe des Priesterhügels (Priesterberg) stand im vorigen Jahrhundert eine mächtige Eiche, die man Bäreneiche nannte. Wenn sich zwölf Männer die Hände reichten, konnten sie gerade noch den Stamm umfassen. Damals hauste auf dem Priesterhügel, Im Großen Füchsloch, ein Bär, der nachts oft hinunter ins Dorf kam und in den Ställen und Scheunen der Bauern viel Unheil anrichtete. Eines Tages nun kroch der Bär auf die Eiche, denn hier hatten sich Bienenvölker eingenistet, an deren Honig er herankommen wollte. Die Bienen jedoch gingen zum Angriff über und richteten den Braunpelz so zu, daß er heulend vom Baum in den Altfluß stürzte und ertrank.
Die Bäreneiche steht heute nicht mehr; doch man sagt, daß einmal im Jahr, um Mitternacht, vom Priesterhügel weithin über die Felder eine tiefe Bärenstimme zu hören ist.

DIE FISCHE IN DER SCHEIPICH
In der Scheipich — so heißt ein träge fließendes Bächlein, das in den Alt mündet — soll es einst Fische gegeben haben, die Beine besaßen und nachts ans Ufer oder sogar bis Auf den Hohen Deich krochen. Tagsüber jedoch waren sie nicht zu sehen. Ein Mann dachte sich eine List aus: Er nahm eine Kerze, eine Weckeruhr und eine Schere und ging eines Nachts zum Bächlein. Hier stellte er die Uhr ans Ufer, zündete die Kerze an und stellte sie daneben. Dann verbarg er sich im Schilf.
Als es Mitternacht wurde, krochen die fische neugierig aus dem Wasser, um zu sehen, wieviel Uhr es ist.
Rasch schnitt ihnen der Mann mit der Schere die Beine ab. In Brenndorf sagt man auch heute noch: „In der Scheipich haben die Fische Beine" oder „In der Scheipich fischt man mit der Schere".

DIE FÜCHSE BEI DER SCHWEINSTRÄNKE
Eine seichte Stelle am Alt, wo beide Ufer besonders flach sind, heißt auch heute noch Schweinstränke oder Schweinsgrenze. Früher wurden hier die Schweine von den anliegenden Wiesen zur Tränke geführt.
Es heißt, daß sich hier einmal im Jahr — am Kathreinentag — die Füchse versammeln, um sich zu ... flöhen. Jeder Fuchs hält einen Strohhalm im Maul, taucht zuerst den Schwanz ins Wasser und geht dann langsam rückwärts immer tiefer in den Fluß — so daß die Flöhe vom Schwanz zum Kopf hin springen und sich schließlich auf den Strohhalm retten. Plötzlich taucht der Fuchs für einen Augenblick unter, und der Halm mit den dicht versammelten Flöhen wird fortgeschwemmt.
So kommt es, daß die Füchse vom Priesterhügel keine Flöhe haben. Wer es nicht glaubt, kann selbst mal nachsehen.

DIE FENTENINSEL
wenn man von der Mündung des Weidenbaches am linken Altufer flußaufwärts geht, gelangt man bald zu einer kleinen Schotterinsel; die Gegend heißt bei den Dorfbewohnern Im Spech. Hier, Im Spech, wollten einmal im Winter zwei Jungen fischen. Sie hatten große Löcher in die Eisschichte gebrochen und trotzdem den ganzen Tag nichts fangen können.
Gegen Abend kam eine Schar Wildenten angeflogen, „wärmte" sich in den Eislöchern die Füße und setzte sich dann auf die kleine Schotterinsel.
Es war jedoch so kalt, daß die armen Vögel gleich am Eis anfroren. Die beiden Jungen konnten etwa zehn von ihnen mühelos fassen und nach Hause tragen. Und selbst der bekannte Jäger Teutsch-Getz mußte zugeben, daß ihm noch nie so etwas zu Ohren gekommen war.

Die kleine Schotterinsel Im Spech aber heißt seither Fisch-Enten-Insel oder kurz: Fenteninsel.

Heldsdorf/Neudorf/Krebsbach

HILTWIN
Nach der Einwanderung der deutschen Ansiedler legten einige Männer — angeleitet von einem Grafen namens Hiltwin — Am Hohen Scheid einen Graben an, der das viele Sumpfwasser durch den Geisterwald ableitete. So entstanden weite Flächen fruchtbaren Ackerlandes. Hiltwin errichtete auch eine Burg, die man nach ihm Hiltwinsburg und später Heldenburg nannte.

Zur Erinnerung an Hiltwin ist im alten Wappen von Heldsdorf ein Mann mit einem Streitkolben („Haldebotschi") dargestellt.

DIE ROTE BURG
Vor siebenhundert Jahren lebte in der Nähe von Krebsbach ein Graf namens Michael. Er erbaute die Rote Burg, die das Volk später Heldenburg nannte.
In stillen Sommernächten, wenn kein Mond scheint und es ganz dunkel ist — erzählen die Bauern —, kann man manchmal den Grafen sehen, wie er seine vergrabenen Schätze hütet: Er trägt ein weites weißes Gewand und hält einen leuchtenden Stab in der Hand- — so wandelt er zwischen den Mauern umher, bleibt von Zeit zu Zeit stehen und sieht nach, ob das vergrabene Gold noch da ist.

HOPFENSEIFEN
Zwischen Neudorf und Krebsbach gab es einst ein Dorf namens Hopfenseifen. Im Jahr 1558 hatten die Kronstädter mit den Einwohnern von Hopfenseifen viel Ärger: Die Hopfenseifener überfielen öfters fremde Kaufleute und raubten sie aus. Als dann eines Tages die Stadt einige Soldaten hinschickte, um die Räuber zu strafen, wurden die Soldaten aus dem Hinterhalt überfallen und getötet. Drei Jahre später kam dann eine große Zahl Kronstädter Soldaten, sie zerstörten das Dorf bis auf die Grundmauern und ließen den Ort aufackern, so daß keine Spur mehr davon übrigblieb. Einige Hopfenseifener siedelten sich in Krebsbach und Neudorf an, die andern zogen fort.

DAS HOLZWEIB
Man erzählt sich, daß eines Sonntags im Jahr 1561 vor der Dorfkirche in Hopfenseifen ein altes Weib stand und neben sich ein Bündel Fallholz hatte. Als einige junge Männer aus der Kirche traten, bat die Alte, jemand solle ihr das Holz zu ihrer Hütte am Fluß tragen, da sie Rückenschmerzen habe. Spottend und lachend gingen die Männer weiter.
Da rief die Alte ihnen nach: „Ihr werdet aJle zugrunde gehen, weil ihr so schlecht seid !" Niemand hörte auf sie. Im selben Jahr wurde Hopfenseifen von den Kronstädtern dem Erdboden gleichgemacht.

KREBSBACH
Dort wo heute das Dorf Krebsbach liegt, soll in alten Zeiten eine Hünenburg gestanden haben.
Im vorigen Jahrhundert fand ein Bauer, als er in der Nähe des Baches einen Brunnen grub, einen mächtigen Totenschädel; man sagt, der war so groß wie der Kopf eines Bären. Der Bauer trug ihn in sein Haus, und die Nachbarn kamen und staunten über den seltsamen Fund.
In der Nacht hatte der Bauer einen merkwürdigen Traum: Er blickte in einen Spiegel und sah — anstelle seines Gesichtes — einen Totenschädel. Aus Furcht vor Unheil begrub er am nächsten Tag den Riesenschädel im Wald.

Rothbach/Nußbach

DER HÜNENSTEIN
Dort, wo der Steinigbach in den Alt mündet, konnte man noch im vorigen Jahrhundert einen merkwürdigen Stein sehen — er glich einer großen Kugel. Man nannte ihn Hünenstein, und es heißt, daß ihn einst Hünen beim Kegelspiel verwendet hatten. Als einmal der Alt die Gegend überschwemmte, war nachher der Stein verschwunden. Vermutlich hatten ihn die Fluten fortgeschwemmt.

DAS HÜNENKIND
Einst, als im Burzenland noch Hünen lebten, spielten die Hünenkinder oft mit Kieselsteinen an einem Bach, der in den Alt mündet. Sie trugen hier so viele Steine zusammen, daß schließlich die ganze Gegend voll davon war. Jener Bach fließt zwischen dem Hattertbächlein und dem Mühlgraben in den Alt und heißt heute Steinigbach.

DIE STEINERNEN BLUMEN
Im vorigen Jahrhundert soll es am Hattertbach zwischen Rothbach und Nußbach mehrere merkwürdige Steine gegeben haben; man nannte sie — ihrer Form wegen — steinerne Blumen („Stienblomen").
Einmal im Jahr, im Juni, an einem bestimmten Tag — an den sich jedoch heute niemand mehr genau erinnern kann — „blühten" die steinernen Blumen. Sie wurden — innerhalb einer Stunde — langsam rot, während aus einer Erdspalte weißer Rauch aufstieg. Manch ein Bauer sah aus weiter Ferne diesem seltsamen Schauspiel zu. Doch niemand wagte sich in die Nähe, um nach der Ursache dieser Erscheinung zu forschen. Man sagte damals: Die steinernen Blumen sind noch aus der Zeit, als die Welt erschaffen wurde. Eines Tages waren sie plötzlich verschwunden, und auch die Erdspalte hatte sich geschlossen. Auch steinerne Blumen blühen nicht ewig, einmal ist auch ihre Zeit vorbei — so ungefähr sprachen nachher die alten Bauern.

FÜRSTENBERG
Das Dorf Fürstenberg (Fürstenburg) war einst der Sitz eines dakischen Herrschers, dem das Land am Altfluß gehörte. Er ließ hier eine mächtige Fliehburg errichten, die jedoch während der Völkerwanderung völlig zerstört wurde.
Heute noch heißt eine Anhöhe rumänisch La Ruina (Bei' der Ruine) — vermutlich hat hier die Burg gestanden.

BLUMENDORF
Als die deutschen Ansiedler ins Burzenland einwanderten, zogen einige am Alt entlang, bis sie an die Stelle kamen, wo der Rotbach in den Alt mündet; andere zogen weiter bis zum Nußbach, der ebenfalls in den Alt mündet, einige überquerten den Fluß und ließen sich am rechten Ufer nieder — dort entstand die spätere Gemeinde Blumendorf („Blömdref").
Blumendorf soll seinen Namen wegen der vielen Wiesenblumen erhalten haben, die gerade damals überall blühten.

STEIN -DAS DORF AM STEINIG-BACH
In alten Zeiten soll oben am Steinig-Bach ein kleines sächsisches Dorf — Stein („Stien") — gestanden haben, wo etwa zwanzig Familien wohnten. Während eines Unwetters schwoll der sonst harmlose Steinig-Bach so stark an, daß er die Siedlung ins Tal schwemmte: Wer sich nicht retten konnte, ertrank im Alt. Die Überlebenden ließen sich dann in Nußbach nieder.

HATTERTSTREIT
Zur Zeit Ludwigs des Großen gab es zwischen Marienburg und Rothbach viel Streit wegen der Hattertgrenze. 1371 kam es zu einem Prozeß, den die Rothbacher verloren. Es heißt, die Zeugen aus dem benachbarten Dorf Fürstenberg hätten — zugunsten der Marienburger — falsch geschworen.

DIE ALTBRÜCKE BEI NUSSBACH
Als Königin Isabella gegen König Ferdinand von Österreich Krieg führte, wurde sie vom türkischen Sultan Soliman II. unterstützt, der ihrem Sohn Johann Siegmund Zäpolya zum Thron verhelfen wollte. Auf der Flucht vor Ferdinands Truppen kam Isabella nach Siebenbürgen und schließlich nach Nußbach. Hier setzte sie mit der Fähre ans andere Altufer über und sagte dann zu den Bauern: „An dieser Stelle, wo ich den Alt glücklich überquert habe, sollt ihr nun eine Brücke bauen. Das Eigentums- und somit das Mautrecht soll den Gemeinden Nußbach und Blumendorf zugute kommen."

Tartlau/Kreuzburg

KREUZBURG
Als sich die Menschen unten in der Ebene ansiedelten, wohnten oben in den Bergen noch Riesen. In der Nähe der heutigen Gemeinde Kreuzburg stand damals ein Schloß, in dem der Herrscher aller Burzenländer Riesen seinen Sitz hatte.

Eines Tages brachte ein Diener ein Menschenkind, das er unten auf der Wiese gefunden hatte, ins Schloß und zeigte es seinem Herrn. Diesem gefiel das schöne Kind, er beschenkte es mit Schmucksachen und goldenem Spielzeug und ließ es dann wieder hinunter auf die Wiese tragen.

VORSICHT UND GASTFREUNDSCHAFT
Als sich die Sachsen und die Tschangos im Burzenland niederließen und die Hattertgrenzen ihrer Dörfer abstecken sollten, faßten sie folgenden Beschluß: Um den Boden gerecht aufzuteilen, sollte man sich an einem bestimmten Tag, in der Morgendämmerung, mit selbstgekochter Speise auf den Weg machen; dort wo man einander begegnen werde, dort solle dann die Hattertgrenze sein.
Die Sachsen machten sich mit rasch aufgekochtem Hirsebrei und die Tschangos mit gebratenen und langwierig zubereiteten Gänsen auf den Weg. So kam es, daß sie einander kurz vor den Siebendörfern — zwischen Batschendorf und Langendorf — begegneten. Sie stellten die Grenzzeichen auf und begannen zu schmausen. Da erhob sich der Anführer der Sachsen und sprach: „Ihr Tschangos seid gute Menschen, wir haben euch gern, und darum haben wir Hirse gekocht, damit wir rascher aufbrechen können und ihr nicht so weit gehen müßt."
Darauf antwortete der Anführer der Tschangos: „Wir aber haben darum Gänse gebraten, damit wir euch, ihr lieben Sachsen, auf ungarische Art bestens bewirten können."
Da erhoben die Sachsen ihre Gläser und riefen: „Es lebe die Vorsicht !" Und die Tschangos erwiderten: „Es lebe die Gastfreundschaft !''

TARTLAU
Der Tatrangbach, der vom Dorf Tatrang nach Lunca Calnicului und Tartlau fließt, heißt auf sächsisch Tartl. Als sich die deutschen Einwanderer hier ansiedelten, gab es am Tartl eine große grüne Wiese — eine Au. So nannte man das Dorf Tartl-Au — und später Tartlau.

DREI MUTIGE FRAUEN
Als die Türken einmal Tartlau überfielen, wurden drei sächsische Frauen beim Brotbacken überrascht. Ein türkischer Soldat kam zu ihnen und wollte „seinen Spott treiben". Weil sie sich mit ihm nicht einließen, nahm er ihnen einige Brote weg und warf sie auf den Misthaufen.
Durch ein Augenzwinkern verständigten sich die Frauen, packten den Türken und warfen ihn in den Backofen: „Nach dem hat kein Kokesch mehr gekräht, der war futsch", heißt es in der Erzählung von Hans Mieß, den man „des Meier-Misch sein Sohn" nennt.

BÉLDY UND LURTZ
Graf Béldy von Bodilla wollte einst sein Gebiet bis Mitte Tartlau ausdehnen. Eines Tages kam er in einer vierspännigen Kutsche durch die Aeschergasse und hielt auf dem Marktplatz, wo sich gleich viel Volk versammelte. Béldy sagte: „Von heute an seit ihr meine Jobagen, und die Hälfte von Tartlau gehört mir."
Die anwesenden Bauern waren empört, und Béldy wagte es nicht, aus der Kutsche zu steigen. Als er sich dann noch einmal aus der Kutsche heraus beugte, um zu zeigen: bis hier reicht nun mein Gebiet, hieb ihm der Dorfschmied Lurtz mit der Axt den Kopf ab. Die Kutsche fuhr nun ohne den Herrn zurück zumSchloß nach Bodilla, und Tartlau ist auch später nicht untertänig geworden.

DER KATZENBRUNNEN
In der Nähe des Tartlauer Kleinen Bahnhofs liegt eine Quelle, die man Katzenbrunnen nennt.
Das war vor vielen Jahren, da hatten sich die Mäuse auf Dachböden und in Scheunen so vermehrt, daß jeder Bauer zwei oder drei Katzen halten mußte. - Nach einiger Zeit gab es keine Mäuse mehr — dafür aber hatten sich nun die Katzen derart, vermehrt, daß sie selbst zur Plage wurden. Damals begann man die jungen Kätzchen „im Katzenbrunnen" zu ertränken — so kam die Quelle zu ihrem Namen.

DIE KAMMER IN DER BURG
In der Tartlauer Kirchenburg gab es früher eine Kammer, in die sperrte man Eheleute ein, wenn sie nicht mehr miteinander leben wollten. Hier mußten sie nun aus einem Teller und mit einem Löffel essen, aus einem Becher trinken und auf einem schmalen Bett schlafen (der Boden war kalt und feucht). Es heißt, daß sich die meisten schon nach einigen Tagen wieder versöhnten. Heute gibt es diese Kammer nicht mehr . . .

EINE EINDEUTIGE GESTE
Als die Türken vor etwa zweihundert Jahren wieder einmal Tartlau belagerten, wurden in der Burg die Lebensmittel knapp. Da dachten sich die Frauen eine List aus: Die schönste und dickste von ihnen stieg auf die Ringmauer und hielt ein großes weißes Hausbrot hoch — seht her, wir haben noch genug zu essen !
Die Türken aber pfiffen und fluchten und drohten mit den Säbeln. Das ärgerte nun die gute Frau, und kurzentschlossen hob sie sich hinten den Rock hoch und klopfte sich mit der flachen Hand auf den Hintern. Diese eindeutige Geste verstanden auch die Türken.
„Mit diesen Leuten möchte ich nichts mehr zu tun haben", soll der türkische Pascha gesagt haben, bevor er mit seinen Soldaten abzog.

DER MÄDCHENSTUHL
Vor etwa zweihundert Jahren wollte ein Sekler Adliger Jänos Farkas — Fürst von Siebenbürgen werden. Darum versprach er den Türken, ihnen jährlich zweihundert Jungfrauen und zweihundert Beutel Gold als Tribut zu liefern. Der Berg, wo dieser Handel abgeschlossen wurde, heißt auch heute noch Mädchenstuhl — zur Erinnerung an die Jungfrauen, die hier auf die Türken warten mußten.

DIE QUELLE IM HEUSTALL
Das war im Jahr 1904. Damals befand sich Im Heustall eine Husarenreitschule, die von einem gewissen Hauptmann von Guschowsky (er wohnte in der Krötengasse im dritten Haus) geleitet wurde.

Eines Tages wollte Guschowsky ein Pferd vorführen — er ritt Trab und Galopp, doch als er über die Quelle setzen wollte, bockte plötzlich das Pferd. Guschowsky wurde wütend, gab die Sporen, das Pferd bäumte sich auf und drückte ihm den Sattelknopf in die Brust, so daß er auf der Stelle tot war.
Man sagte damals: „Der verfluchte Ort hat noch ein Opfer gefordert..."

DER WEISSE HIRSCH
Früher, erzählen die Bauern in Tartlau, sah man manchmal nachts vom Dornbusch her — einem Eichenwald neben der Hutweide — den Weißen Hirsch über die Wiesen eilen. Doch niemand wußte, was das zu bedeuten habe.
Im Jahr 1904 grub man durch den Dornbusch einen Kanal; und da stießen die Kubikaschen (Künettengräber) in einer Tiefe von dreieinhalb Metern auf ein Hirschgeweih mit zwölf Enden. Man sagte damals: Das war das Geweih vom Weißen Hirsch.

Marienburg

DER MARIENBURGER WOCHENMARKT
Schon im 14. Jahrhundert war Marienburg — 1371: „villa Mergenburg" — eine bedeutende Gemeinde. 1378 verlieh König Ludwig der Große den Marienburgern das Recht, einen Wochenmarkt zu halten. Das verärgerte die aufstrebenden Kronstädter Kaufleute, die hier eine Konkurrenz fürchteten. Es entspann sich ein Streit, der jedoch bald geschlichtet wurde: Kronstadt durfte jeden Freitag und Marienburg jeden Sonnabend Wochenmarkt halten.

ASYLRECHT
Im Jahr 1380 verlieh König Ludwig der Große der Marienburger Kirch das „Recht der Freistätte". So konnten Verfolgte dort einen sicheren Zufluchtsort finden. Die einzige Bedingung, die man stellte, war, daß der Flüchtling die Waffen ablegen und sich von nun an ruhig zu verhalten habe. Doch bald fanden hier auch allerlei Verbrecher Unterschlupf, die sich auf diese Weise ihrer Strafe entzogen. Darum setzte Ludwigs Schwiegersohn, Siegmund, später fest, daß Straßenräuber, Mörder, Gewohnheitsdiebe, Kirchenschänder, Ketzer und Falschmünzer von diesem Recht ausgeschlossen seien.
Für „kleinere Verbrecher" aber galt dieses „Asylrecht" noch lange Zeit, bis es dann 1770 von der Kaiserin Maria Theresia aufgehoben wurde.

DER STUDENTENHÜGEL
Im Oktober 1612 führte der mutige Kronstädter Stadtrichter Michael Weiß seine Krieger zum Kampf gegen die Anhänger des grausamen Fürsten Gabriel Báthory.
Unter Weiß' Soldaten befanden sich auch vierzig Studenten des Honterus-Gymnasiums, die nun die Schulbücher mit den Waffen getauscht hatten. Am 16. Oktober kam es bei Marienburg zur entscheidenden Schlacht; doch schon beim ersten Ansturm flohen die fremden Truppen, die Weiß zu Hilfe gekommen waren, und ließen die Kronstädter einfach im Stich. Als Weiß' Soldaten sahen, daß ihre Sache verloren war, wandten sie sich ebenfalls zur Flucht. Als letzter ritt der Stadtrichter durch die Burzen, die gerade damals sehr hoch kam, sein Pferd stolperte, und er wurde von seinen Verfolgern gefaßt und getötet. Sie hieben ihm den Kopf ab und schickten ihn dem Fürsten nach Hermannstadt, wo er — zur Schmach — am Pranger ausgestellt wurde.
Man erzählt, daß eine treue Magd, die früher bei Weiß gedient hatte, eines Nachts den Kopf vom Pranger stahl und ihn unter großen Gefahren nach Kronstadt brachte. Hier wurde er feierlich vor dem Altar der Schwarzen Kirche bestattet.

Neustadt

DER BÜCHEL
Vor undenklichen Zeiten wohnten im Burzenland Hünen. Einmal sammelte ein Hünenkind Sand und Steine in seiner Schürze, um damit zu spielen. Das ärgerte den Vater. Er gab seinem Kind eine derbe Ohrfeige, so daß es den Inhalt der Schürze ausschüttete. An dieser Stelle entstand ein Hügel — der Büchel bei Neustadt.

DIE BÜFFEL VON DER ERDENBÜRG
Zwei Neustädter Männer, die einmal eines Nachts auf dem Feld blieben, um über die Ernte zu wachen, hörten plötzlich in der Nähe ein merkwürdiges Trampeln und Schnaufen.
Da sahen sie eine wilde Büffelherde, die von der Erdenburg her übers Feld gerannt kam. Vor Furcht verbargen die beiden ihre Gesichter im Gras und, verharrten so, bis es Morgen wurde. Dann waren keine Büffel mehr zu sehen.

DAS NEUSTÄDTER BÜFFELKALB
Nach einer Rinderpest besaßen die Neustädter nur noch ein einziges Büffelkalb — der gesamte Viehbestand war umgekommen. Nachdem in jenem Jahr auch noch große Dürre herrschte, gaben sich nun die Neustädter alle erdenkliche Mühe, um ihr einziges Büffelkalb am Leben zu erhalten. Das schönste Gras aber wuchs auf der Kirchenmauer, und so beschlossen sie eines Tages, das Kalb auf der Mauer weiden zu lassen.
Sie holten ein Seil, banden es an, und versuchten nun, das Tier auf die Mauer zu ziehen. Sie zogen und zogen, und merkten nicht, daß sie es dabei erdrosselten. Als sich das Kalb dann auf der Mauer befand, war es tot.

„HOCKT DE KODJE"
Von den Neustädtern erzählt man sich in Wolkendorf, daß sie einmal aus einem Kater Hackbraten bereitet und ihn mit grünem Salat gegessen haben. Seither spotten die Wolkendorf er:
„Nojstädje, hockt de Kodje,
hock en af den Brad
and fraßen med Salad."

Honigberg/Petersberg

DER KÄSEBERG
In frühen Zeiten wohnten im Burzenland Hünen, die sich mit Schafzucht befaßten.
Aus der Schafmilch bereiteten sie riesige „Teuerlt" (Käse). Eines Tages brach unter den Hünen eine Seuche aus, und da kamen alle ums Leben. Zurück blieb nur ein großer Haufen von „Teuerlt". Mit der Zelt wuchs Gras darauf, und so entstand der Käseberg. .

DER HAHNENSTEIN (I)
Der Hahnenstein („Kokeschstin") — am Fuße des Breiten Berges — befand sich einst auf dem Paltingebirge. Das war noch in jener Zeit, als in den Burzenländer Bergen Hünen lebten.
Eines Tages stritten zwei Hünen um ein Kalb, das der eine aus dem Tal von den Menschen gestohlen hatte. Als nun der stärkere mit dem Kalb unterm Arm davonlief, warf der Besiegte einen Stein hinter ihm her. Er traf ihn nicht, und der Stein liegt auch heute noch unter dem Breiten Berg. Früher nannte man ihn Hünenstein; später änderte man den Namen in Hahnenstein um, da die Bauern sich inzwischen nicht mehr an die Hünen erinnerten.

DER HAHNENSTEIN (II)
Am Fuße des Breiten Berges, etwa dort, wo die Straße vom Honigberger Hattert nach Brenndorf abzweigt, steht ein merkwürdiger Stein; die Bauern nennen ihn Hahnenstein („Kokeschstin", Piatra Cocosului). Wenn in der längsten Nacht des Jahres, am Thomastag, dem 21. Dezember, punkt zwölf Uhr, ein Hahn aus dem nahen Dorf kräht, dreht sich der Stein von selbst auf die andere Seite und bleibt so, bis ein Jahr um ist und wieder ein Hahn kräht. Niemand weiß, wie der Stein hingelangt ist.

DER LINDENBUSCH
Das war noch zu jener Zeit, als im Burzenland Hünen lebten. Da geriet eines Tage ein Hüne, der auf der Tartlauer Koppe seinen Hof hatte und bei einem Freund auf dem Lindenbusch zu Besuch gewesen war, in die Sümpfe An der Au. Als er sich vom Schlamm gereinigt hatte, trocknete er seine Hose an einem Abhang des Breiten Bergs. Seither wachsen hier weder Bäume noch Sträucher.

DIE EISENSPITZE VOM FALLTOR
Heute noch kann man sehen, daß am Falltor der Tartlauer Kirchenburg eine Eisenspitze fehlt. Einst, als die Türken wieder ins Burzenland eingefallen waren, flüchteten die Tartlauer in ihre Burg. Sie konnten jedoch wegen der vordringenden Feinde nicht rasch genug die Kettenbrücke hochziehen, und als sie dann das Falltor herunterließen, befand sich schon ein türkischer Soldat darunter — sein Helm rettete ihm das Leben, die schwere Eisenspitze aber brach ab.

DIE BOCKELNADEL
Einst waren die Türken wieder einmal ins Burzenland eingebrochen und hatten auch die Gemeinde Petersberg verwüstet. Die Einwohner aber befanden sich in der Kirchenburg und verteidigten sich, so gut sie konnten — bis ihnen die Munition ausging. Als die Türken das merkten, kamen sie unbekümmert näher, brachten aus den Scheunen der Petersberger lange Leitern und rüsteten sich zum letzten Angriff.
Da nahm eine Sächsin die größte silberne Bockelnadel aus ihrem Schleiertuch und lud eine Flinte damit. Sie zielte sorgfältig, schoß und traf den ahnungslos auf einer Bank sitzenden und rauchenden türkischen Pascha so, daß er auf der Stelle tot zu Boden sank. Die Türken sahen darin ein böses Zeichen und zogen mit der Leiche ihres Anführers ab.

DIE HONIGBERGER KOLATSCHEN
Die Honigberger Frauen hatten früher das Vorrecht, Freitags auf dem Kronstädter Markt Kolatschen zu verkaufen. Als nämlich der grausame Fürst Gabriel Báthory 1612 Honigberg belagerte und die Eingeschlossenen großen Hunger litten, so dachten die Frauen an eine List, um ihre Not nicht zu zeigen und die Belagerer loszuwerden.
Sie buken aus dem wenigen Mehl, das sie noch hatten, herrliche Kolatschen und warfen sie über die Burgmauern, wo sich die hungrigen Feinde drauf stürzten. Als Báthory dies sah, ließ er sich täuschen und gab den Befehl zum Aufbruch.

Die Gegend bei den Gärten zwischen dem Krötengäßchen und der Graf engasse heißt auch heute noch „Taber"; hier hatte Báthory sein Lager aufgeschlagen.

UNTER DEM BREITEN BERG
Im vorigen Jahrhundert sah man auf einer Wiese unter dem Breiten Berg oft „tanzende Lichtlein". Die Bauern meinten, daß da Schätze vergraben seien. Eines Nachts machte sich ein Lehrer — Michael Zerelles —, mit Hacke und Spaten ausgerüstet, auf, um nachden vermutlichen Schätzen zu suchen. Als er an die Stelle kam, wo die „Lichtlein tanzten", erblickte er einen schwarzen Ziegenbock, der hier im Mondlicht graste. Rasch lief Zerelles davon, denn nun wußte er, daß „der Unreine" über diesen Schätzen wacht.
(Der schwarze Ziegenbock war „der Teufel".)

DIE HONIGBERGER UND DIE MÄUSEPLAGE
Während eines Sommers, als es besonders viele Mäuse gab, sperrten die Honigberger ihre Büffelkälber in die Kornkammern, weil ihnen jemand gesagt hatte, daß Büffelkälber Mäuse fangen würden. Nach einem Tag ließen sie die Kälber wieder heraus und fragten: „Wieviele Mäuse habt ihr gefangen ?"

„üiiiä, uiiä ! "brüllten die Kälber vor Hunger. Die Honigberger aber verstanden „viele, viele" und freuten sich über ihre nützlichen Tiere.

Törzburg/Zemescht

TÖRZBURG
Bevor die Törzburg von den Kronstädtem erbaut wurde, soll schon auf dem Dietrichstein eine Burg gestanden haben, die einem Adligen — namens Stephan Alexander — gehörte. Während eines Tatareneinfalls wurde die Burg gestürmt und zerstört. Als erster fiel Alexander; zuletzt wurden die rauchenden Mauern nur noch von seiner Frau Elisabeth verteidigt, die selbst erst sechs Feinde niederhieb, bevor sie dann von einem Pfeil getötet wurde.

OMU
Ein Hirte aus Zernescht verirrte sich an einem nebligen Tag mit seinen Schafen im Butschetschgebirge, Da begann er zu schimpfen und zu fluchen. Plötzlich hörte man fernes Donnern, der Himmel färbte sich gelb, und der Hirte spürte wie seine Glieder immer schwerer wurden: Weil er geflucht hatte, verwandelte ihn der Berggeist in einen Stein und seine Schafe in kleine Erdhaufen. Heute noch heißt die Gebirgsspitze — zur Erinnerung an jenen Hirten — Omu (Mann).

DAS GEFÄHRLICHE FLÖTENSPIEL
Ein reicher Rosenauer Bauer hatte einst einen Hirten aus Törzburg in seinen Dienst genommen. Nach einiger Zeit merkte der Bauer, daß seine Schafe, trotz der guten Weideplätze, immer schwächer wurden und sich abends kaum noch auf den Beinen halten konnten. Darum beobachtete er eines Tages den Hirten, als dieser mit den Schafen unterwegs war. Da sah er zu seinem maßlosen Staunen, daß der Hirte auf der Flöte spielte und die Schafe dazu wie toll tanzten. Nun wußte der Bauer, daß dieser Hirte einen Pakt mit dem Teufel geschlossen hatte, und er übergab ihn dem Henker. Als der Hirte unter dem Galgen stand, gewährte ihm der Richter ahnungslos noch eine letzte Bitte: Da holte der Hirte rasch seine Flöte hervor und spielte eine lustige Weise. Plötzlich faßte der Henker den Richter beim Arm, und beide begannen zu tanzen, und der Pfarrer tanzte mit dem Gefängniswärter, und alle Zuschauer tanzten — es sah ganz toll aus.
Auf seiner Flöte spielend entfernte sich der Hirte langsam und verschwand im Wald. Man sagt, daß er später in einen Stein verwandelt wurde: Oben im Tal Beim Müller (La Morar) sieht man ihn nun stehen und ins Land hinabschauen. Auf seinem Haupt wächst schon Moos und Gesträuch, doch die Gestalt ist noch deutlich zu erkennen.

EIN MERKWÜRDIGER BRAUCH
Nachdem die Wolkendorfer von König Siegmund die Hohe Koppe, einen Berg unterhalb des Königsteins, erhalten hatten, gab es mit den Zerneschtern oft Streit, weil sie Anspruch auf ein Grundstück entlang des Hattert erhoben.
Eines Tages machten die Zerneschter folgenden Vorschlag: Sie wollten von Zernescht bis zum Wolkendorfer Hattertteil Geldstück an Geldstück legen, um so das strittige Grundstück zu erwerben. Die Wolkendorfer willigten ein. Als nun die Zerneschter ihr ganzes Geld eingesammelt hatten, begannen sie eine lange Linie zu ziehen und eine Münze an die andere zu legen — so kamen sie rasch vorwärts. »Doch bevor sie noch den Hattertstein erreichten, merkten die Wolkendorfer, daß die Hintenstehenden die Münzen immer aufhoben und nach vom weiterreichten. So flog der Schwindel auf.
Seit jenem Tag hat sich bei den Wolkendorf ern folgender merkwürdiger Brauch erhalten: Wenn jemand zum erstenmal auf die Hohe Koppe geht und beim Hattertstein vorbeikommt, muß er sich auf den Stein legen und erhält dann so viele Stockschläge bis er den Spruch „As Hattert es hellich, der Härrgott erholden" hergesagt hat.

Kronstadt

DER DRACHEN AUF DER ZINNE
Bald nach der Gründung Kronstadts bereitete den Einwohnern ein Drachen viel Furcht und Kummer. Er hauste im Nonnenloch, einer Höhle unterhalb der Spitze des Kapellenbergs (Zinne), und wenn er Hunger verspürte, flog er ins Tal und verschlang Menschen und Tiere. Eines Tages begab sich ein Student, der Sohn des damaligen Stadtrichters, in den Zinnenwald, um hier in Ruhe zu lernen. In seinem Eifer sagte er den lateinischen Text so laut vor, daß ihn der Drachen hörte. Der Student konnte nicht mehr fliehen und wurde verschlungen. Der Kummer in der Stadt war groß, und die Eltern konnten den Schmerz kaum tragen. Da kam eines Tages ein Fremder zum Stadtrichter und bot sich an, den Drachen mit List zu töten, weil jede Gewalt aussichtslos war. Der Stadtrichter versprach ihm dafür einen hohen Lohn.
Der Fremde füllte ein Kalbfell mit ungebranntem Kalk, stellte das ausgestopfte Tier auf einen freien Rasen unterhalb der Stadtmauern und blökte dann wie ein Kalb. Der Drachen hörte es, kam herangeflogen, sah das Kalb und verschlang es heißhungrig. Dann flog er zum nächsten Bach und wollte seinen Durst löschen. Plötzlich fing der Kalk an zu kochen, und auf einmal krachte es furchtbar, und der Drachen zerplatzte.
Der Student aber war noch am Leben, er eilte rasch zu seinen Eltern, die den fremden klugen Mann reichlich belohnten.

DAS ALTE KRONSTÄDTER WAPPEN
Einst führte König Salomon mit den Rumänen Krieg. Im Tal, wo heute Kronstadt liegt, kam es zur Schlacht. Um nicht erkannt zu werden, nahm Salomon seine Krone ab und legte sie auf einen Baumstumpf. Dort blieb sie viele Jahre, bis eines Tages die Ansiedler sie fanden. An der Stelle errichteten sie dann das Rathaus und bildeten im Stadtwappen die Krone auf dem Baumstumpf ab. Es heißt, daß die Wurzeln des Baum stumpfs die dreizehn Burzenländer Gemeinden versinnbildlichen.

ALT-KRONSTADT
Im Jahr 1421 fielen die Türken — unter Sultan Murad II. — ins Burzenland ein, zerstörten Dörfer und Burgen und verschleppten mehrere tausend Sachsen in die Sklaverei.
Damals bestand Kronstadt — Cronen — noch aus zwei getrennt liegenden Siedlungen. Am Fuße des Kapellenbergs (Zinne) hatten sich die gewerbe- und handeltreibenden Bürger angesiedelt und das Städtchen reichte damals nur von der oberen Neugasse, dem oberen Gabelgäßchen bis zum Kuhmarkt, der Kornzeile und dem Roßmarkt. Die Altstadt — deren Bewohner sich noch mit Landwirtschaft beschäftigten — befand sich um den Gesprengberg in Richtung Weidenbach und Neustadt; die Bartholomäuskirche stand im Mittelpunkt dieser Gemeinde.
Die kleine Burg auf dem Gesprengberg wurde gegen die türkische Übermacht tapfer, aber erfolglos verteidigt. Der ganze Stadtrat (Magistrat) — der Richter Weyrauch, der Hann Stephan Feuten, die Ratsherren Reuel, Plecker, Schunn, Ruperti, Conrad, Schankebang, Lang und Graef — gerieten damals in türkische Gefangenschaft. Die Burg wurde gänzlich zerstört und — ebenso wie Teile der Altstadt, westlich und nördlich von der Bartholomäuskirche — später nicht mehr aufgebaut...

BROTNEID
Auf der Nordseite des Daches der Schwarzen Kirche befindet sich eine Steinskulptur, die einen Jungen darstellt, der sich herabbeugt und in die Tiefe blickt. Man sagt, daß hier — als die Schwarze Kirche gebaut wurde — ein kunstfertiger Geselle, während er mit dem Senkblei arbeitete und sich stark vorbeugte, von seinem Meister aus Brotneid in die Tiefe gestoßen wurde.

„HIC FUIT MATTHIAS REX..."
In der Purzengasse steht ein Haus, an dessen Front in einer Vertiefung noch im vorigen Jahrhundert eine Krone zu sehen war. Hier befand sich einst ein Gasthaus. Einmal kam König Matthias — als einfacher Reisender verkleidet — nach Kronstadt. In diesem Gasthaus aß er sechs Eier und trank ein Glas Wein; dabei hörte er den Gesprächen der Gäste zu. Bevor er ging, schrieb er einen Reim in lateinischer Sprache und schob den Zettel unter den Teller.
Als die Wirtin den Tisch abräumte, las sie die Worte:

„Hic fuit Matthias Rex,
comedit ova sex."

DER STEIN AM RAUPENBERG
Auf dem Raupenberg lag jahrelang ein Stein, auf dem man folgende Inschrift lesen konnte: „Wüßtest du, was unter mir hier stehet, hättest du mich längst umgedrehet."
Manch einer versuchte — einfach aus Neugier oder auch auf verborgene Schätze hoffend —, den Stein von der Stelle zu bewegen, doch niemandem wollte es gelingen.
Eines Tages machten sich drei kräftige Burschen an die schwere Arbeit, und sie ließen nicht ab, bis der Stein nicht umgedrehet war ...
Nun lasen sie auf der Rückseite die Worte: „Habet Dank, daß ihr mich umgedrehet."