Fatah Gedemütigt und voller Wut

Von Jörg Bremer, Ramallah

29. Januar 2006 Wütende Fatah-Anhänger demonstrieren in Ramallah, Nablus und Gaza. Sie verlangen den Rücktritt der gesamten Fatah-Führung oder wollen Präsident Abbas ausschließen. Dann fordern sie ihn wieder auf, in seinem Amt zu bleiben.

Abbas unterstehen die drei wichtigsten Polizeidienste, die auf den PLO und Fatah eingeschworen sind. Er bestimmt zudem die Richtlinien der Außenpolitik. Ohne ihn wäre die Fatah nach der jüngsten Wahlniederlage völlig ohne Macht. Das schmerzt die Fatah-Anhänger.

Seit dem Sechstagekrieg 1967 und der Verwandlung der Organisation von einer reinen Widerstandsbewegung zu einem Partner im Friedensprozeß schien die Nation der Fatah und ihren Führern zu gehören. Gedemütigt schießen die Fatah-Anhänger nun in die Luft oder liefern sich Auseinandersetzungen mit den Wahlsiegern: gelbe Fahnen der Fatah gegen die grünen der Islamisten. Die Parlamentsgebäude in Ramallah und Gaza werden zeitweise besetzt. Es fallen Schüsse, Fensterscheiben werden eingeschlagen.

Fatah hat klar verloren

Mit versteinertem Gesicht besucht der frühere Sicherheitschef im Westjordanland, Radschub, das Hauptquartier von Abbas. Er kommt in gepanzertem Wagen und mit zwei Leibwächtern - Wähler hat er jedoch keine: Alle neun Direktmandate im Distrikt Hebron fielen an die Liste „Wandel und Reform” der Hamas. An deren Spitze steht Naef Radschub, der bescheidene Imker und Korangelehrte, der nun aus dem Schatten seines Bruders tritt.

Auch anderswo gibt es in Familien sowohl Fatah-Mitglieder als auch Hamas-Aktivisten. In Kalkilija, Dschenin oder Beit Hanun im Gazastreifen übernahm die Hamas bei den Kommunalwahlen friedlich die Macht. Daß seither die Wähler auch nicht überall mit ihr zufrieden sind, zeigt sich im Bezirk Kalkilija, wo die Fatah weiter die beiden Abgeordneten im Autonomierat stellt.

„Wir haben versagt, wir sind ausgelaugt; nun sind die anderen dran”, sagt ein Sprecher im Außenministerium in Ramallah, der natürlich der Fatah angehört: „Das palästinensische Volk hat gewählt, frei und demokratisch, soweit das trotz Besatzung möglich ist. Fatah hat klar verloren: Es gab mit Israel keine außenpolitischen Fortschritte. Da ist den Leuten das Brot wichtiger als politische Parolen, und die Hamas hat ihre Leute stets ernährt. Schließlich ist die Fatah in alte und junge Garde gespalten - also nicht attraktiv”, sagt der Vertraute von Außenminister Kidwa.

Unabhängige könnten die Fatah ersetzen

„Die Hamas muß das nun allein schaffen”, sagt er. „Aber können sie sich einen Hamas-Minister hier vorstellen? Selbst wenn sein Stellvertreter und die Direktoren auch von der Hamas sind, 95 Prozent aller Beamten hier und in allen Autonomieämtern sind von der Fatah.” Das sei natürlich nicht möglich, sagt in Gaza der wiedergewählte unabhängige Abgeordnete Ziad Abu Amr, der gute Kontakte zu ihnen hat.

Manche sehen in dem früheren Kulturminister den nächsten Ministerpräsidenten in einem von der Hamas gebildeten Kabinett. Unabhängige, auch „Technokraten”, könnten nun dort die Fatah in den Ministerien ersetzen, wo die Hamas selbst nicht aktiv werden will. Er sei bisher nicht gefragt worden, sagt Amr, „aber natürlich könnte ich mir eine Beteiligung an einer breiten nationalen Koalition vorstellen”. Die Hamas sei nicht blind angesichts der Wirklichkeit. Das zeige sich, wenn der außenpolitische Sprecher im Hamas-Politbüro, Meschal, von „Realismus” spricht.

Meschal war am Samstag in Damaskus mit der schwarz-weißen Keffije der palästinensischen Nationalbewegung vor die Presse getreten: „Auch wenn die Verträge von Oslo von allen schon beerdigt und betrauert wurden, so gibt es doch eine palästinensische Autonomiebehörde, die auf dem Fundament von Oslo steht. Wir werden so handeln, daß wir diese Fakten mit großem Realismus sehen, solange sie nicht den Rechten unseres Volkes widersprechen”, sagte er. Was ist das für ein Islamist, der nicht vor der grünen Farbe des Propheten spricht, sondern die Keffije trägt, lange Zeit das wichtigste Symbol der PLO?

Hamas, das dritte Gesicht

Meschal stellt sich damit heute in jene nationalpalästinensische Tradition und abseits anderer islamistischer Gruppierungen, die wie Al Qaida oder die Muslimbrüderschaft internationale Ziele verfolgen. Gegenüber dieser Zeitung machte Hamas-Sprecher Zahar in Gaza stets deutlich, daß die Hamas keine Kontakte zu Al Qaida oder der schiitischen Hizbullah will, auch wenn Ministerpräsident Rabin 1992 mehr als 400 Islamisten aus den palästinensischen Gebieten in den Libanon bringen ließ, wo sie sich in den Schutz der schiitischen Hizbullah begaben und viel über Bombenbau und Terror lernten.

Gleichwohl blieb der Einfluß der Hizbullah in den palästinensischen Gebieten gering. Es kann auch kein Zufall sein, daß Al Qaida anderswo Terrorschläge verüben konnte, nicht aber in Israel und den palästinensischen Gebieten.

Die deutsche Politologin Helga Baumgarten von der Birzeit-Universität bei Ramallah beschreibt die Hamas als drittes Gesicht oder dritte Phase des palästinensischen Nationalismus. Nach dem Scheitern des panarabischen Nationalismus aus der Nachkriegszeit und den fünfziger Jahren, einer elitären Bewegung, der unter dem ägyptischen Präsident Nasser die Baath-Partei genauso wie die Syrische Nationale Partei angehörten, vielfach Intellektuelle und Christen, schuf Arafat nach dem Sechstagekrieg 1967 die Fatah.

Die Hamas muß sich jetzt entscheiden

Das ist eine Massenbewegung, die nicht mehr über die „arabische Einheit Palästina befreien” wollte; sondern nun sollte „Palästinas Befreiung die arabische Einheit bringen”. Die Fatah stand für den bewaffneten Kampf und erst in der zweiten Phase für den Dialog mit Israel. Weitere zwanzig Jahre später entstand Ende der achtziger Jahren in den palästinensischen Gebieten die Hamas, geprägt von der Besatzung und der Unfähigkeit der Fatah, den Bürgern sozial zu helfen, schreibt Helga Baumgarten.

Statt der säkularen Bewegung der Fatah soll nun „der Islam als Lösung und Alternative” die Heimat befreien. Die Hamas habe aber die Gewalt stets den politischen Zielen untergeordnet und „als letztes Mittel” angesehen, sagt sie und erinnert an ein Wort von Hamas-Führer Zahar von 1995, wonach stets „Nutzen und Kosten der bewaffneten Operationen” kalkuliert werden müssen. Ende 2004 habe dann Scheich Yussef „einen langfristigen Waffenstillstand auf der Basis eines palästinensischen Staates in den Grenzen von 1967” ins Gespräch gebracht.

Lange sah sich die Hamas als Nachfolgerin der Fatah, die nun deren rücksichtslosen Kampf gegen die Besatzung fortsetzen müsse, um die vollen palästinensischen Rechte zu erlangen, während sich die Fatah in einen falschen Dialog zurückgezogen habe. Dann aber wandte sich nach der Beobachtung Baumgartens die öffentliche Meinung gegen Selbstmordanschläge, kritisierte Ende 2005 die Hamas für seinen Boykott der Präsidentschaftswahlen und lenkte die Hamas so in eine neue Bahn hin zur politischen Anteilnahme. Seither sehe sich die Hamas als politischer Wettbewerber mit der Fatah. Nun müsse sich die Hamas als Wahlsiegerin zwischen seiner Kriegs- und Gründungscharta von 1988 und seinem moderaten Wahlprogramm von 2006 entscheiden.

Text: F.A.Z., 30.01.2006 Bildmaterial: AP