Politologe: "Hamas sind nicht die Taliban" Salah Abdel Jawad fordert Dialog mit Hamas

Wien/Ramallah - Die "Intelligenz des Westens" werde in den kommenden Wochen darüber entscheiden, ob die Hamas der Gewalt abschwört und eine funktionierende Regierung bilden kann, ist der renommierte palästinensische Politologe Salah Abdel Jawad von der Birzeit Universität überzeugt.

Oberste Pflicht der USA und Israels ist es nun diplomatische Kontakte mit der Hamas zu knüpfen und das Wahlergebnis anzuerkennen, fordert Jawad im STANDARD-Interview. "Beide Staaten müssen einsehen, dass wir keine Bananenrepublik sind. Die Hamas wurde demokratisch gewählt, sie darf nicht boykottiert werden." Die moderaten Kräfte in der Hamas, von denen es bereits jetzt laut Jawad viele gibt, könnten durch die Dialogbereitschaft des Westens massiven Auftrieb erhalten und die Organisation so von ihrem bewaffneten Kampf abbringen. "Wenn das Gespräch aber verweigert wird, wird sich die Situation verschlimmern", warnt der säkulare Jawad.

Überhaupt glaubt der Politologe, dass die Hamas im Westen falsch eingeschätzt wird: "Die Hamas ist keineswegs nur eine Terrororganisation oder ein Verein fanatischer Muslime. Die Hamas sind nicht die Taliban, sondern eine nationalistische und pragmatische Bewegung, die nach Macht strebt." Jawad ortet zwei Gründe für den Wahlsieg der Hamas: Die USA und Israel.

Die israelische Regierung hätte die Autorität der bisher regierenden Fatah permanent untergraben, so dass es nicht verwunderlich sei, wenn die Mehrheit der Palästinenser die Autonomiebehörde zuletzt für komplett unfähig hielt. Und die Palästinenser hätten auch genug von den USA: "Die Menschen haben das Gefühl, dass die USA die Israelis gewähren lassen, während sie bei den arabischen Ländern ganz andere Maßstäbe anlegen", sagt Jawad.

Den Einwand, dass diese Sichtweise die Fehler der Fatah, etwa die Korruption, ignoriere will Jawad nicht gelten lassen. "Die Fatah hat Fehler gemacht. Aber solange wir unter Besatzung leben, kann jede palästinensische Regierung nur wenig für uns tun." (András Szigetvari/DER STANDARD, Printausgabe, 27.1.2006)